Als wir um 7:30 Uhr vom Handywecker aus tiefstem Schlaf gerissen werden, gilt der erste verschlafene Handgriff dem "On"-Knopf vom Kabinen-TV. Noch halb im Tiefschlaf starren wir auf den Bildschirm und beginnen angstvoll durch die Kanäle zu zappen. Schließlich ist der Bildschirm unsere einzige Verbindung zur Außenwelt.
Wie ist das Wetter? Regen? Nebel? Grauer norwegischer Himmel? Da, schau! SONNENSCHEIN! Und nicht irgendein bißchen Sonne! Wir gleiten gerade durch den geradezu unnatürlich blauen Oslofjord, am Ufer stehen winzige rote Häuschen.

Wie oft sind wir schon bei Bestwetter in Kiel losgeschippert und in Oslo war Weltuntergang! Aber nicht heute! Prächtig gelaunt stiefeln wir auf Deck 7, wo das Leben bereits in vollem Gange ist. Über der Rezeption hängt ein Schild, das von einer Verspätung von 40 Minuten kündet. Es war starker Wind in der Nacht. Wir schauen uns an. Starker Wind? Von Seegang haben wir - dank des guten Whiskys? - gar nichts gemerkt!

Wir haben also noch Zeit und die verbringen wir am liebsten im "Promenade-Café". Der Kaffee schmeckt hervorragend und ein lieblos belegtes Käseweckerl rundet das kleine Frühstück ab.

Langsam werden wir munter und die Spannung steigt. Gleich sind wir auf norwegischem Boden! Los, holen wir unser Zeug aus der Kabine und vielleicht lassen sie uns schon ins Fahrzeugdeck!

Es ist schon fast 11:00 Uhr, als wir in gemessenen Tempo durch die norwegische Grenzkontrolle rollen und sich wieder einmal niemand für zwei bunte Transalps aus Österreich interessiert. Nun, der Platz für Schmuggelware ist in der guten Ortlieb-Rolle auch äußerst begrenzt. Koffer führen wir schon seit einigen Jahren keine mehr mit.

Ein letzter Blick auf die Color Line und schon kurven wir auf die Autobahn E18. Norwegenreisende wissen, dass man aus Uslu (wie es die Einheimischen aussprechen) am besten auf der Autobahn ´rauskommt. Klingt leicht, ist aber ziemlich tricky! Die E18/E6 verläuft nämlich unterirdisch! Ein langer und durch unzählige Kreisverkehre und Abzweigungen unterbrochener Tunnel unter der Hauptstadt, wo kein Navi mehr funktioniert. Wer sich im Gedärm der Stadt verfährt, ist ziemlich am ... also verloren.
Natürlich verfahren wir uns. Was für ein Glück, dass wir kurze 15 km später wieder auf die Autobahn finden. Erst in den Vororten führt die Straße ins Freie und schon ist man wieder fast orientiert. Wo gehts hier nach Lillestrøm? Just der gesuchte Ort ist nirgends angeschrieben! Wir suchen und fluchen und finden endlich die Ausfahrt. Jetzt aber!
An der Bezirksgrenze zum "32. Fylke Akershus" ändert sich nicht viel. Die E6 wird zum Rv159 aber auch diese Schnellstraße führt durch das übliche uninspirierte Randgebiet einer Hauptstadt. Großmärkte, Handelskonzerne, Mega-Parkplätze, Industrie. Nicht so schön. Aber auch in unserer Hauptstadt Wien könnte der weitgereiste Fremde Gefahr laufen, den hässlichen Süden fälschlicherweise für beispielhaft für die Stadt zu halten. Das industriell-gewerbliche Umland ist wohl in jeder größeren Stadt gleich, oder?
Uns stört das nicht weiter. Die Transalps laufen mit erlaubten 80 km/h dahin, Richtung Schweden. Langsam steigt die Spannung, denn wir haben uns noch etwas vorgenommen!

Der unauffällige Vorort Lillestrøm liegt hinter uns und ganz langsam wird es ländlich. Wir cruisen entspannt den Rv22 entlang und gucken in die landwirtschaftlich genutzte Gegend. Grüne Wiesen, kleine Bauernhöfe und hübsche weiß- oder graugestrichene Einfamilienhäuser kämpfen hier um Platz zwischen weitläufigen Feldern und Weiden. "Bjørkelangen" ist bereits angeschrieben und dort wollen wir die erste Pause machen!
Die Gegend wird einsamer und spätestens bei der "Fetsund-Brücke" haben wir echtes Norwegenfeeling! Die Topografie, die Vegetation, die Häuser, das blaue Wasser der Glomma unter uns. Grundsätzlich findet sowas auch in Österreich statt, aber ganz subtil schaut es hier doch völlig anders aus. Wir werfen einen Blick auf die hübsche und elegant geschwungene Stahlrohrbrücke neben uns.
Zuhause werden wir lesen, dass hier vor über 100 Jahren eine neue Brücke notwendig wurde. Eine größere Katastrophe 1910 an der hölzernen Vorgängerbrücke machte den Neubau erforderlich. Das schaut jetzt wirklich sehr dekorativ aus!
Später kurven wir über völlig einsame Landstraßen. Der Rv170 schwingt in leichten Kurven gen Osten, kleine Wäldchen unterbrechen die weiten Felder und nur selten sehen wir kleine verstreute Häuschen in der Ferne. Wir haben so ein Wetterglück!

Bei strahlendem Sonnenschein und 18°C erreichen wir Bjørkelangen! Keine Ahnung, was wir uns erwartet haben, aber die winzige Stadt ist nur eine Ansammlung locker verteilter und wenig dekorativer Häuser. Wir halten abrupt bei der ersten Tankstelle am Wegesrand. Wir brauchen Benzin und es gibt Hotdogs und heiße Schokolade! Norwegenfrühstück!
Über den schmalen Rv22 nähern wir uns Schweden. Die Straße ist schmal und kurvig, die Felsen am Straßenrand werden rauher und hier ist es vor allem eines: einsam. Vor einigen Jahren fuhren wir im äußersten Osten Norwegens Richtung Oslo und schon damals fiel uns die kilometerlange Verlassenheit auf. Nicht zu vergleichen mit den bekannten Touristenstrecken in diesem Land! Hier ist man weit weg von allem. Uns gefällt das!
Aufpassen! Jetzt muss gleich die Abzweigung auf den Fv1458 kommen! Wir haben uns die Kreuzung auf Google-Streetview genau eingeprägt und den Weg durch den Wald auf unserer Karte eingezeichnet. Wir haben kein Navi aber die Route akribisch recherchiert und mit Leuchtstift in die Karte gemalt. Aber warum ist das jetzt so wichtig?
Weil wir hier Norwegen verlassen werden. Und nicht auf einer langweiligen Hauptstraße!

Als wir an der gesuchten Abbiegung stehen und tatsächlich den gelben Wegweiser "17 Skillingmark" sehen, halten wir an. Kurze Pause! Hier beginnt nämlich unser Abenteuer des Tages! Wir haben geplant, der Route unserer Freundin Svenja Svendura zu folgen und standesgemäß offroad in Schweden einzureisen!
Jetzt überkommen Angelika Zweifel. Ist es klug, einen Track von jemandem nachzufahren, der gerne tiefe Furten in Island durchpflügt, Lava-Tiefsandfelder durchquert oder über Sandstrände driftet und im Trial-Stil nicht mal vor Stufen zurückschreckt? Die "Godmother of Endurowandern" fährt mitunter dort, wo andere nicht mal zu Fuß hingehen!
Diese Route wollen wir nehmen. Mit zwei vollgepackten Transalps. Was kann da schon schiefgehen?
Aber die Sonne scheint, es ist trocken und wir hatten Hotdogs und Kakao. Beste Voraussetzungen, um Blödsinn zu machen! Vorsichtig rollen wir die ersten paar Meter in den Wald, bis der Asphalt endet. Nun, wenn es furchtbar wird, dann drehen wir einfach um! Wir haben Zeit und es gibt sicher irgendeinen anderen Weg nach Schweden, oder?

Doch alle Befürchtungen waren umsonst! Der Track ist ganz einfach zu fahren und macht mit jedem Kilometer mehr Spaß! Es muss lange nicht geregnet haben, der erdige Untergrund ist knochentrocken und hart niedergebrettert. Ein wenig Schotter vielleicht, ab und zu ein Schlagloch, dem man ausweichen kann. Das wars? Wir kurven mit immer mutigerem Tempo durch den einsamen Wald. Was für ein Spaß!
Und ganz plötzlich das blaue EU-Schild "SVERIGE". Mitten im Wald in einer schönen Kurve! Wir halten sofort an. Wir brauchen Fotos! Und Kekse! Um 13:30 Uhr stehen wir an der Grenze, während die warme Sonne durch die Bäume blinzelt und der einzige Lärm stammt von dem ein oder anderen Insekt, das laut an uns vorbeibrummt.

Es ist einsam hier im Nirgendwo. Wir fotografieren in die Gegend und wundern uns über das feudale norwegische Grenzschild mit monarchischem Wappen, während Schweden auf die nüchterne EU-Flagge zählt. Wir fühlen uns wie Entdecker. Wie Abenteurer! Zwei mutige Endurofahrer, die fernab der Zivilisation eine ungezähmte Waldstrecke bezwungen haben!

Wir lassen den Blick schweifen. Kein Mensch weit und breit. Keine Passkontrolle. Kein Grenzbeamter vom Zoll. Nur Wald, Sonne und unsere beiden Transalps.
Plötzlich zerreißt ein röhrender Zweitakter die Stille.

Ein Vespa-Fahrer pulverisiert jäh unsere Idylle von Enduroabenteuer, Entbehrung, Mut und Stolz. Ein Mann in beiger Bundfaltenhose und weißem Bürohemd holpert vorbei. Das Aktenköfferchen zwischen den Beinen, ein Büromensch am Weg nach Hause. Er fährt einfach vorbei. Auf unserer spektakulären Offroad-Route! Das wars mit unserer großen Expedition.
Der Mann hat gerade unsere spektakuläre Einreise nach Schweden erschüttert, ohne auch nur einen Gang herunterzuschalten. In Schweden sind nämlich auch die abenteuerlichsten Offroad-Pisten nur normale Landstraßen, Teil des schwedischen Straßennetzes. Der Mann winkt noch freundlich und schon ist er um die Kurve verschwunden.

Wir müssen lachen und machen uns wieder auf den Weg. Es sind nur mehr wenige Kilometer bis zum Asphalt und schon cruisen wir eilig durch dichte Wälder durch den Bezirk "Värmlands län", einen der 21 Verwaltungsbezirke Schwedens. Beim ehemaligen Bergbaudörfchen Adolfsfors - der Name klingt unangenehm in unseren Ohren - lichtet sich der undurchdringliche Wald und wir rollen an einem leuchtend blauen See vorbei. Jetzt sind wir gleich da!
Charlottenberg! Unsere Freundin Svenja Svendura hat hier schon ein Einkaufszentrum erkundet und wir folgen ihren Spuren. Wir brauchen noch Abendessen für die Hütte! In Schwedens größtem Lebensmittelgeschäft sollten wir wohl fündig werden? Kurz später verteilen wir einen viel zu großen Einkauf zufrieden auf unsere zwei Koffer, die gerade noch so zugehen. Das sollte für heute wohl reichen!

Die letzten 50 km des Tages führen über malerische Almwiesen, weitläufige Felder und dunkle Wälder. Ab und zu leuchten rote Häuschen aus dem Dickicht und ab und zu durchqueren wir ein nicht nennenswertes Dörfchen. Wir dachten nicht, dass Värmland so eine einsame Gegend ist! Perfekter kann eine Motorradreise kaum sein: Wunderschöne Gegend, ungetrübter Sonnenschein und angenehme 18°C!
Es ist Punkt 16:00 Uhr, als wir am Ufer des stillen See Rottnen vorbeirollen und den Waldweg zum Campingplatz suchen. Naturcamping Lagom, kein Name könnte zutreffender sein! Wir bollern einen staubigen Waldweg entlang und ziehen eine Staubfahne trockener Fichtennadeln hinter uns her. Vor der Rezeption halten wir an. Geschafft!

Svenja fand hier vor zwei Jahren keine Aufnahme, die Campleute heirateten just an ihrem Ankunftstag. Doch wir bekommen ohne Umschweife eine wunderbare Hütte. Eigentlich ein ganzes Haus, wie wir erstaunt feststellen, als wir das Innere betreten. Boah, ist das geräumig!

Später sitzen wir bei Kaffee auf unserer Terrasse und genießen die unglaubliche Ruhe. Bis auf einen einsamen Dauercamper, dessen Wohnmobil längst mit dem Erdreich verwachsen ist, sind wir die einzigen Gäste. Es ist klasse!

Vor dem Schlafengehen stiefeln wir noch ein wenig in der Gegend umher. Das Örtchen Gräsmark ist nur wenige Minuten entfernt, aber die kleine Kirche am Seeufer schaut so schwedisch aus! Rote Holzhäuser, See, Wald, kleine Kirche. Dieses Land kann Klischee. Und morgen fahren wir in das Herz Schwedens.
Tageskilometer: 200 km
Der Weg nach Dalarna: >> klick