9. Tag: Karlsbad (CZ) - Linz

Wir sitzen gemütlich bei einem Kaffee aus unseren Vorräten auf der hübschen Terrasse der kleinen Pension. Wir haben keine Eile, denn abends sind wir zuhause. Es ist egal, wie lange wir heute durch Tschechien brauchen! Noch ist es mit 13°C kühl aber es kündigt sich ein sonniger und vermutlich warmer Tag an.

Um 10:20 Uhr brechen wir auf. Wir haben unsere Route mit Leuchtstift in die Karte gemalt. Hoffentlich fahren wir durch eine schöne Gegend, denn der gestrige Tag auf deutschen Autobahnen steckt uns noch in den Knochen. Außerdem gefällt uns Zentraltschechien nicht. Zuviel öde Ebenen und vernachlässigte Dörfer.

Wir umrunden Karlsbad auf der Höhenstraße und gucken hinunter auf historische Hotelpaläste. Diese Stadt hat uns erstaunt, wir haben so einen historischen Prunk nicht erwartet! Die E48 schwingt in weiten Kurven durch schattigen Wald gen Süden. Es ist wunderbar, hier zu fahren!

Bei Bohov biegen wir scharf rechts ab. Nun geht es über eine schmale Bundesstraße weiter. Immer wieder kurven wir unter langen Alleen und über weite Felder, die bereits abgeerntet sind. Das winzige Städtchen Toužim bereitet uns kein Kopfzerbrechen, zumal Pilsen schon angeschrieben ist. Einer der wenigen Orte, die wir auch in der Landessprache verstehen: "Plzeň". 

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Auffällig ist jedoch, dass hier noch einige Orte deutsche Namen tragen. Der Rest einer Kultur, die 1945 mit den Beneš-Dekreten durch Vertreibung und Enteignung gewaltsam endete. Der letzte von 1.646 Zügen oder 67.748 Waggons verließ am 29. Oktober 1946 tschechoslowakisches Gebiet bei Karlsbad.

Bevor wir am Ortsende von Toužim Fahrt aufnehmen erkennen wir links eine große SHELL-Tankstelle. Zeit für ein Tankstellenfrühstück! Stehend Fastfood vom Topcase jausnen und dazu ein Pappbecher Kaffee - der seltsame aber altbekannte Inbegriff von Freiheit auf Reisen! Nur eine kurze Wartezeit später mampfen wir saftig-knusprige Spiegelei-Burger mit leckerer Sauce aus der Pappschachtel, noch bevor wir ein Foto machen können. Es schmeckt köstlich! Wir sind zwar erst eine halbe Stunde unterwegs, aber wer weiß, wo wir heute noch etwas finden?

Wir cruisen weiter über schöne Hügel und durch kleine Wäldchen. Anders als in Mitteltschechien ist die Gegend hier nicht öd und langweilig! Weil wir kleine Wege suchen, verlassen wir bei Unesov die E49 und rollen weiter auf einem Sträßchen R193, das nur knapp breiter als ein Single-Track ist. Wir überqueren den wildzweigten Fluss Mže, der als Mies drüben in Bayern entspringt. Das naturbelassene Ufer ist ein wunderbarer Anblick! 

Schon wetzen wir über die E50 Richtung Pilsen. Die Stadt hätte eine Menge Sehenswürdigkeiten, aber heute ist nicht der Tag dafür. Wir sind froh, auf der kleinen Autobahn schnell daran vorbei zufahren. Über weitläufige goldgelbe Felder - zusammengerödelte Strohballen warten bereits auf ihren Abtransport - erreichen wir Nepomuk, einen der größeren Orte an unserer Route.

Auch wenn "Wenzel der Faule" seinen Beinamen vielleicht zu Recht trug - dieser Klosterstadt hat er vor 600 Jahren zumindest das Stadtrecht verliehen. Wir kurven an schmucken Gotteshäusern vorbei und erkennen die engen Gassen des mittelalterlichen Stadtkerns. Möglicherweise wäre das hier eine Besichtigung wert?

Das gleichförmige Dahincruisen hat uns müde gemacht und außerdem ist uns heiß. Es hat fast 30°C und wir schwitzen in unsere Motorradjacken. Eine Pause auf dem schattigen Bankerl unter Bäumen hat nicht geklappt. Wir wollten uns nicht zu den Jugendlichen dazuquetschen, die hier mit einem laut quäkenden Handy-Spiel beschäftigt waren.

25 km nach Nepomuk erreichen wir Horažď ovice. So wie alle Ortschaften des Tages ist auch diese ein wenig abgewohnt und die Häuser könnten einen neuen Anstrich vertragen. Eigentlich auch einen neuen Verputz, denn der fehlt bei den meisten Gebäuden. Doch dieses Dorf glänzt durch einen weitläufigen Hauptplatz und ein buntes Schild, das in eine winzige Seitengasse deutet: Hotel Prácheň, zweifellos das erste Haus am Platz!

Wir paddeln die Transalps in den Hinterhof und finden gerade noch eine schmale Lücke im Schatten. Wir brauchen einfach eine Pause und Kaffee. Heute am Samstag sind die Dörfer wie ausgestorben und wir sahen sowieso nicht viele Möglichkeiten für eine Stärkung. Wir gucken in die kleine Speisekarte, neugierig und unverhohlen beäugt von einer Großfamilie, die hier ein Festessen gibt. Hier kommen wohl nicht allzuviele Touristen vorbei?

Mit unserer neuen Handyfunktion, die uns Svenja auf Møn gezeigt hat, übersetzen wir die Geschichte des Hauses. Oh, schon über 100 Jahre alt? Jugendstil! Eine gewisse Noblesse ist uns schon wegen der hübschen Kellnerinnen-Uniform nicht entgangen! Die Preise sind mit unseren vergleichbar, wir zahlen knapp 20.-. Das muss für hier ein sauteurer Schuppen sein.

Wir nehmen heiße Waffeln mit Schokosauce und Tiramisu zum Kaffee. Das einzige Dessert, das wir problemlos entziffern können. Wir bereuen unsere Wahl nicht, auch wenn wir mit einigen Wespen um unsere Leckerei streiten müssen! Aber weißt du was? Bevor wir richtig müde werden, sollten wir weiterfahren!

Obwohl wir auf der R22 durch eine schöne Region mit praller Landwirtschaft fahren, spüren wir die Erschöpfung. Es waren einfach starke Tage und je näher wir der Heimat kommen, desto unaufmerksamer werden wir. In Vodňany passiert es dann. Irgendwie verlieren wir den Weg, erreichen zwei Mal den Hauptplatz, irren uns in der Richtung und stranden auf einem Güterweg im Nirgendwo. Wohin müssen wir? Erstaunlicherweise ist unsere Karte hier nicht aktuell und auch Googlemaps kennt sich nicht mehr aus. Verdammt! Das ist das letzte, was wir heute brauchen!

Wir wissen nicht, wie lange der Umweg war aber wir fuhren buchstäblich Zickzack durch die Landschaft, auf winzigen Wegen und Privatstraßen. Tatsächlich tuckern wir wieder ein Stück zurück Richtung Karlsbad, als wir völlig verwirrt in Volyne anhalten. Keine Ahnung, wie das kam!

Nun rollen wir zügig auf der winzigen R142 durch kleine Wälder und über Hochebenen, die einen weiten Blick ins Land erlauben. Langsam werden wir müde und der kleine Parkplatz der "Burg Helfenburk" kommt wie gerufen. Er ist jedoch so überfüllt, dass wir unsere schönen Transalps gerade noch irgendwo dazwischen quetschen können. Die Burg ist wohl ein klassisches Ziel für den samstäglichen Familienausflug und steht hier unweit mitten im Wald!

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Mitten im 14. Jhdt. erhielt Peter von Rosenberg als Dank für seine militärische Unterstützung vomn Kaiser die Erlaubnis, hier eine Burg zu bauen. Das Stammhaus der Familie im Moldautal war zu weit weg, um hier die Güter zu verwalten und Český Krumlov / Krumau war damals die alles beherrschende Macht. Es war also eine große Geste, die Peter widerfuhr!
In Rosenberg an der Moldau werden wir abends durchfahren, es liegt schon nahe der österreichischen Grenze!

Ein Vater mit seinem Sohn spricht uns freundlich an. Ob wir ihm etwas über die Transalps erzählen können? Er hat eine Africa Twin zuhause und sucht etwas Leichteres, für kleine Ausflüge mit seinem Sohn. Wir geben freudig Auskunft, während sich seine Frau desinteressiert im Hintergrund und den Sohn von unseren Motorrädern fern hält. Wir fühlen uns ein wenig im Stress und nach ein paar Minuten beeilen wir uns weiter. Viel Glück, netter Papa!

Ein paar Kurven, Wäldchen und Alleen später tuckern wir schon durch Český Krumlov. Vor ein paar Jahren noch sind wir oft spontan auf einen Kaffee hierher gefahren, jedoch erkennen wir die Stadt nicht wieder! Ein weitläufiger Parkplatz mit elektronischen Schranken, Ampeln, Gebührenautomaten und einer Menge Verbotsschildern trennt uns von der Altstadt. Wir sind enttäuscht.

Wie durchkommerzialisiert das alles ist! Einfach herfahren, absteigen und hinter dem massiven Stadttor Kaffee trinken? Diese Zeit ist vorbei. Die gleiche Enttäuschung, die wir vor wenigen Monaten bei den Krimmler Wasserfällen hatten. Alles abgesperrt, eingesperrt, zugesperrt, verboten. Und sowieso gebührenpflichtig! Auch hier hat die Instagram-Seuche den ursprünglichen Reiz ruiniert.

Damals in Tirol und auch heute - wir fahren einfach vorbei. Wir haben keine Lust auf komplizierte Eincheck-Rituale und lange Fußmärsche zwischen Autoschlangen. Ernüchtert halten wir am Rande einer großen MOL-Tankstelle. Angelika ist enttäuscht und grantig. Didi versucht sein Bestes und bringt Kaffee und Hotdogs von der Tankstelle. Wir sind müde geworden und dehnen die Pause lange aus. Noch 80 km bis nach Hause!

Die Strecke entlang der Moldau ist uns gut vertraut! Vorbei an der gräßlichen Fabriksruine, die möglicherweise noch in Betrieb ist, geht es in den dichten Wald. Extrem kurvenreich schmiegt sich die schmale R160 an den Flusslauf. Die Moldau plätschert neben uns dahin, während es langsam dämmert. Die zahlreichen Camps für Kajakfahrer sind gut besucht und wir erkennen das ein oder andere Grillfeuer an den Zelten.

Wir wollen endlich nach Hause und schauen nicht mehr großartig links oder rechts, obwohl die Moldaugegend ein erstklassiges Motorradgebiet ist! Nur, wir kennen es schon zu gut. Bald kurven wir durch Rosenberg. Die Burg oberhalb der Straße scheint neulich renoviert worden zu sein? Schau, das Biker-Café gibts auch noch!

Spätestens ab Vyšší Brod durchqueren wir typisches Grenzgebiet. Vernachlässigte, teilweise vom Zahn der Zeit zerfressene Häuser, ungepflegte Gärten und versiffte Holzbuden, in denen man bei den Vietnamesen -neben gefälschten Zigaretten und illegalen Feuerwerken- unsagbaren Tand erstehen kann. Eine unattraktive Gegend.

Die ehemalige Grenzstation, wo man uns vor wenigen Jahren noch streng kontrolliert hat, ist nun ein geschmacklos beleuchtetes "Blue Casino", wo man nicht nur Geld, sondern vermutlich auch sein Glück und seine Ehe verspielen kann. Zumindest der erbärmliche Straßenstrich an dieser Route gehört wirklich der Vergangenheit an. Mitten im Wald steht die aufgelassene Grenzstation des ehemaligen "Eisernen Vorhangs" und schon paddeln wir die Transalps auf österreichisches Staatsgebiet.

Wir machen hier noch eine kurze Pause und essen die restlichen Kekse, die wir mit einer Limonade hinunterspülen. Es wird finster und wir haben noch etwa eine dreiviertel Stunde Fahrt bis Linz. Doch diese Strecke kennen wir blind und wir brausen im gestreckten Galopp durchs Mühlviertel, Didis ehemalige Heimat.

Um Punkt 20:15 Uhr erreichen wir unsere Wohnung. Wir haben keine Vorräte zu Hause und deshalb lassen wir den erschöpften Abend einfach bei einer Tüte "Travellunch" ausklingen. Die blieb in Dänemark über. Morgen sind es nur mehr 180 km nach Wien, unsere Hausstrecke nehmen wir in einem Rutsch...

Tageskilometer: 368 km

FAZIT?

Die erste Fernreise mit den neuen Transalps war großartig! Insgesamt sind wir 2.482 km gefahren. Natürlich ist es furchtbar, dass die ÖBB uns mit dem Autozug nach Hamburg so im Stich lässt, aber mit diesen Motorrädern kann man schon 2.000 km Autobahn abreissen. Auch wenn es lustigeres gibt...
Es war einfach klasse, mit unserer Freundin ein paar Tage zu verbringen und auf Møn ein wenig herumzufahren. Die Insel ist für uns einfach etwas Besonderes!
Jetzt ist der Winter vorbei und wir haben die nächste große Sommertour geplant und die ein oder andere Winterfahrt unternommen. Und vielleicht fahren wir im Herbst 2024 wieder nach Dänemark?

A long way home...

Die Moldau

Tschechien hat mir seinerzeit nicht so gut gefallen, wie ich gehofft hatte. Besonders die Camps waren ziemlich ätzend und wie ihr schreibt "gut besucht".

Die Moldau von Smetana ist eines meiner Lieblingsstücke klassischer Musik. So wunderbar. Man kann sich den Fluß von der Quelle bis zu dem gewaltigen Strom der Mündung gut vorstellen. Ist das schön an der Moldau? Könnte sich eine Reise am Fluss entlang lohnen?

< Es war einfach klasse, mit unserer Freundin ein paar Tage zu verbringen und auf Møn ein wenig herumzufahren. Die Insel ist für uns einfach etwas Besonderes!

Ach, ihr Lieben. Gerade gestern habe ich wieder so nach Møn hingedacht. An das Camping Resort, an die SPISESTEDET in Stege und natürlich an Slagter Stig. Und an Æbleflæsk.

Eine schöne Reise geht zu Ende und ein wunderbar geschriebener und empfundener Reisebericht.

Drück Didi, drück Geli, tätschel die Transalps :-)

Antw.:Die Moldau

:-) Den Song von Smetana summ ich auch immer in meinen Helm, wenn wir dort längst fahren. :-)
Wir kennen nur den kurzen Abschnitt zwischen dem Lipno-Stausee (mit der uralten Holzfähre!) und eben Cesky Krumlov. Das war doch 20 Jahre Didis Heimat.
Schmale Straßen, tief im Wald, ab und zu ne Burg oder ne Kirche, wilde Kurven und ein kleiner Fluß, der ehedem "Wild-Ache" hieß und das trifft es sehr gut. Die Moldau mäandert ja heftig durch Tschechien!
Wenn du diesem Land wieder mal ne Chance geben willst, dann wären das möglicherweise gute 400km!

Bei Cesky Krumlov sind auch einige Campingplätze ("Kemp") im Wald, an der Wasserkante. :-)

Ach, wir teilen wunderbare Erinnungen an diese Tage! Was war das für ein Urlaub! :-)
Geli

hallo

hallo ihr beiden!
jetzt komme ich erst dazu, mich für eure erzählung zu bedanken. das war eine wunderschöne kleine reise!
und heuer geht es wieder nach norwegen? ich habe das in den infos gelesen. bleibt es dabei? dann fröhliches planen!
dlzg der rider

Antw.:hallo

Danke, dass du bis zu Schluss mitgelesen hast! Ja, bald gehts nach Norwegen. Da ist wieder mehr Abenteuer als auf Møn. :-)
LG
Geli + Didi

Danke

Hallo!
Danke für diesen Reisebericht! Ich habe ihn nun in einem Rutsch gelesen und war in Gedanken ganz dabei.
Ich freue mich schon auf eure nächsten Erzählungen!
LG TinA

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zuletzt aktualisiert am 21.7.2024