8. Tag: Jokertag in Beynac

Es ist Punkt 8:00 Uhr, als wir uns verschlafen anblinzeln und die dicken Bettdecken zurückschlagen. Meine Güte, haben wir in der Nacht gefroren! Irgendwann sind wir in der Finsternis durchs Safarizelt getapst und haben unsere warme Unterwäsche drübergezogen. Die Temperaturunterschiede hier sind doch unfassbar! Wir liegen schon einige Zeit wach, denn ein unerklärlich-mysteriöses Zischen hat uns aufgeweckt. Was ist das bloß? Was faucht da so bedrohlich über unserem Zelt?

Wir haben dafür keine Erklärung gefunden, als wir in unserem Zelt zwei dampfende Häferl Kaffee nippen und ein kleines Frühstück aufbauen. Unsere Unterkunft wirkt wie ein richtiges Häuschen, auch wenn uns statt Mauern nur dünne Millimeter Stoff von der Außenwelt - und dem unheimlichen Fauchen! - trennen.

Heute lassen wir die Transalps stehen! Nach sieben Fahrtagen freuen wir uns auf diesen freien Tag. Heute gucken wir, was es in Beynac zu sehen gibt! Immerhin auch eines der "Les plus beaux villages de France" und was wir gestern beim Abendspaziergang sahen, machte definitiv Lust auf mehr.

Um 9:30 Uhr eilen wir über den Campingplatz und Richtung Burgfelsen. Er ist nicht zu verfehlen, man hat vom Camping "Le Capeyrou" einen fantastischen Ausblick hinauf. Und wie wohl jeder, der erstmals in Beynac ist, wollen wir als erstes gleich mal ganz hoch hinauf. Und wie vermutlich ebenfalls jeder, der dies zum erstem Mal macht, bereuen wir diesen Plan schon nach wenigen Schritten.

Es ist unfassbar steil. Und unfassbar heiß! Wie Bergsteiger setzen wir langsam und monoton Schritt vor Schritt und keuchen bergauf. Wir hoffen unsere Würde dadurch zu retten, indem wir an jedem halbwegs unverdächtigen Punkt stehenbleiben und zahlreiche Fotos knipsen. Andere Touristen machen es uns gleich. Man lächelt einander wissend zu.

Trotzdem uns das Luftholen in der feuchten Schwüle schwer fällt, sind wir restlos begeistert. Was für eine mittelalterliche Stadt! Welch Gebäude! Diese Aussicht auf die Dordogne und aufs Périgord Noir! Und noch ein paar Schritte hinauf. Erinnerungen an unsere Corona-Reise 2020 und den Mont-Saint-Michel kommen auf. Auch dort trafen sich Anstrengung und Begeisterung auf die selbe unvergleichliche Weise.

Eng aneinander gedrückt kleben die steinernen Häuschen an der Felswand und spenden einander Schatten. Der ein oder andere bunte Blumenstrauch dekoriert das jahrtausendealte Ensemble und winzige Künstlerläden haben in den uralten Gemäuern kleinen Unterschlupf gefunden.

Es ist 11:30 Uhr, als wir endlich den Eingang zur Burg von Beynac erreichen. Auf einer kleinen Plattform ganz oben am Felsen haben sich zwei kleine Lokale eingerichtet. Doch unsere Hoffnung auf ein kaltes Getränk wird schnell enttäuscht. Zuviele verschwitzte Touristen haben mit uns den Burgfelsen erklommen und waren wohl schneller, einen Platz im Gastgarten zu erobern.

Motiviert stiefeln wir jetzt zum Burgtor und kaufen um 19.- zwei Tickets. Burgen sind immer klasse! Und diese steht hier, wie wenn sie vorige Woche fertiggestellt worden wäre. Makellos schimmert der helle Sandstein in der Sonne. Kaum haben wir den manikürten Rasen im Innenhof betreten, hören wir ungewöhnliche Musik.

Wir entdecken einen Musiker, der einsam am äußeren Burggraben steht und ein ungewöhnliches Instrument spielt. Ganz versunken ist er in seine Weisen, die er dem Tympanon entlockt. Wir bleiben stehen und lauschen ein wenig. Die sentimentalen Klänge wabern durch die Burg und werden nur durch nervendes Hundegekläff und das Kreischen von unzufriedenen Kleinkindern gestört.

Angelika schickt Todesblicke in die Richtung der Störenfriede, bevor sie einen kleinen Obolus in den Hut des Musikanten steckt und ihm auch gleich eine CD abkauft. Für solche Souvenirs (und für eßbare!) hat sie eine Schwäche. Die Musik wird uns zuhause an diesen ungewöhnlichen Ort erinnern!

Dann wandern wir eine Zeit lang durch alle Räume der mittelalterliche Höhenburg.

Wir lesen von berühmten Bewohnern und Eigentümern wie Richard von Löwenherz, seiner mächtigen und einflussreichen Mutter Eleanor von Aquitanien, Königin von England und Frankreich und ihrem glücklosen Sohn King John, der sich mit Robin Hood herumschlagen musste. Sie alle wohnten auf der englischen (!) Burg Beynac oder hatten starke Beziehungen zu diesem Ort.

Uns fällt die Installation ungewöhnlich vieler Toiletten auf der Burg auf. Sie sind doch - wie auch der große Verhandlungssaal der Barone, in dem man Konflikte unblutig löste - ein Hinweis auf die ziemlich moderne Lebensart im Périgord vor 900 Jahren.

Auch die Burgküche sollte geübte Camper vor keine größeren Schwierigkeiten stellen! Hier könnte man leicht das ein oder andere Steak braten. Nur das Schwert hatte bei Tisch nichts verloren! Das musste ans Ende der Tischplatte.

Aber über allem steht die unfassbare Aussicht in die Umgebung. Schwindelerregende Höhe! Man blickt rundherum bis zum Horizont!

Schau, da unten ist unser Campingplatz! Siehst du unser Zelt? Und guck, da stehen noch weitere Burgen in Rufweite! Wir sitzen lange an der inneren Mauer und schauen in die Gegend und hinunter auf die Dordogne, auf der eigentümliche Boote entlangschippern.

Erst viel später latschen wir den Burgfelsen wieder hinunter zur Stadt. Diesmal über die schattige Auffahrtsstraße an der Rückseite. Als wir Beynac erreichen und zwei kleine Sessel vor einem Imbisslokal entdecken, beschleunigen wir unsere Schritte. Wir haben Hunger. Und Durst!

Kurz darauf sitzen wir an der Straßenecke mit einer prächtigen Aussicht auf das mittelalterliche Postgebäude und die Dordogne. Ein schattiges Plätzchen, denn in der Sonne ist es bei 36°C unerträglich geworden! Die saftigen Mini-Quiches und die flaumigen Erdbeer-Tartelettes aus dem Karton sind ein Gedicht und wir schieben dann noch zwei fette "Croque Monsieur" nach. Wir haben schließlich noch etwas vor!

Gestern Abend hat Angelika im Internet noch zwei Tickets für eine Schifffahrt auf der Dordogne erstanden. Nicht mit irgendwelchen Booten, sondern mit der berühmten Gabarre, einem historischen Lastenkahn, der natürlich für Touristen umgebaut wurde! So ein Smartphone hat schon sein Gutes.

Wir machen an unseren freien Motorradreisetagen gerne Bootsfahrten! Die Bootsfahrt in Caernarfon nach Anglesey in Wales, die Dinnerfahrt in Roskilde in Dänemark, die Fahrt zur "Grotta del Bue Marino" auf Sardinien und zwei Tage mit den Hurtigruten in Nordnorwegen gehören zu unseren schönsten Reiseerinnerungen.

Es ist Punkt 14:30 Uhr, als wir wenige Meter zum Anleger eilen. Man wartet schon auf uns! Die nächsten 50 Minuten werden wir gemächlich den berühmten Fluss entlang gondeln und viel über die wechselvolle Geschichte des Périgord und der Burgen rund um Beynac erfahren. Oh, das ist so spannend!

Wir wussten nicht, dass dieser Fluss im "Hundertjährigen Krieg" die Grenze zwischen England und Frankreich war! Die Burgen auf der rechten Seite französisch (Beynac und Marqueyssac) und am Ufer gegenüber englisch (Fayrac und Castelnaud). Einen ganzen Kreuzzug lang beobachtete und belauerte man sich auf Sichtweite, bis der Krieg ohne Angriff einfach beendet wurde. Wie französisch!

Wir schippern im Schneckentempo verwachsene Ufer entlang, haben einen obszön schönen Ausblick auf die Stadt Beynac und den Burgfelsen und unterqueren auch die "Pont de Fayrac", die für die Resistance im WK II eine wichtige Rolle spielte.

Das Zentrum des Widerstands war die großartige Josephine Baker, die - ihre Zeit als Burlesque-Tänzerin lag weit hinter ihr - ihre da drüben liegende Burg Les Milandes dafür zur Verfügung stellte. Ihre Heldentaten gegen Rassismus, bei der Rettung von jüdischen Mitbürgern und ihr soziales Engagement machen sie bis heute zur Heldin an der Dordogne!

Nach einer Stunde wunderbaren Geschichtsunterrichts legen wir wieder an und wir stiefeln ohne Verzögerung in das hübsche Café am Ufer, das wir vom Wasser aus gesehen hatten. Bei einem eisgekühlten Pastis und einem leckeren Pfefferminz-Eis lassen wir die Eindrücke dieses unvergesslichen Ortes auf uns wirken.

Es herrscht brütende Hitze, die vom hellen Sandstein der Häuser noch verstärkt wird. Zwischen zwei Schlucken Pastis wirft Angelika ihr Smartphone an. Unser Plan für morgen muss dingfest gemacht werden! Umständlich erwirbt sie online um 42.- zwei Eintrittskarten für die berühmte Höhle von Lascaux. Da fahren wir morgen hin!

Wir sind von der Hitze völlig erledigt, als wir zum Campingplatz zurück latschen. Erst eine kühle Dusche und umziehen, dann sehen wir weiter! Später schmeckt uns unser Travellunch ganz hervorragend, bevor wir uns in den wunderbaren Garten vom Campingrestaurant begeben.

Ein geradezu unglaubwürdig schöner Platz! Leuchtend bunte Blumen, dramatisch hohe Palmen, das aus grauen Steinen gemauerte Haus und über allem thront die nächtlich beleuchtete Burg, die alle Blicke auf sich zieht. Didi genießt sein "Leffe Blonde" und Angelika nippt am leckeren Rotwein. Wir schweigen und genießen den magischen Augenblick.

Müde kriechen wir um 23:00 Uhr in unser Safarizelt. Aber nicht ohne warme Unterwäsche angezogen zu haben. Die Temperatur fällt minütlich und es ist empfindlich kalt geworden. Gute Nacht, magisches Beynac!

Tageskilometer: 8 km zu Fuß

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Ein Tag in Beynac

Danke

Ein interessanter Tag! Ich stimme Svenja zu. Das werden wohl Montgolfieren gewesen sein! Wenn die tief fliegen, klingt das so.

Bin neugierig, wie es weitergeht! Lascaux war ich nämlich schon.

LG Tina

Antw.:Danke

Lascaux war interessant und berührend! Aber wart mal, gleich geht die Reise weiter...
LG Geli

beynac

danke für diesen schönen bericht! beynac und seine burg scheint wirklich eine reise wert zu sein. vielleicht nicht im hochsommer, denn 36 grad braucht wirklich kein mensch.

dlzg
der rider

Antw.:beynac

Beynac ist wirklich magisch! Wir waren Ende Mai und es war schon so heiß... wie mag es da erst im Sommer sein?
Aber wir fahren fix wieder mal dort hin!
LG Geli

Antw.:Antw.:beynac

Gerade hab ich mal die 10 Tage Aussicht für Beynac aufgerufen: Jeden Tag über 30° bis Anfang Oktober. So schön...

Antw.:Antw.:Antw.:beynac

Puuuhhhh, na aber hallo! Hochsommer! Wenn sich da nicht mal irgendwer festklebt... :-)

In Beynac

Beynac ist ein wundervoller Ort an der Dordogne, das spricht aus jeder Zeile und jedem Foto dieses Reisetages. Meine Güte, man möchte am liebsten gleich selbst hinfahren und einen Pastis und ein Pfefferminzeis haben.
Das myteriöse Zischen morgens am Zelt? Könnten das vielleicht Montgolfièren gewesen sein, die durch Tal fliegen? Die Gasbrenner zischen doch so schön, wenn sie tief fliegen.
Der Ausblick von der Burg hinunter ins Tal ist schlicht grandios. Am besten aber gefällt mir das Foto vom Kahn aus auf Beynac, das mit den roten Kajaks am Ufer.
Meine Güte, welch ein schöner Ort und welch ein malerischer Reisetag.
Liebe Grüße
Svenja

Antw.:In Beynac

Das war so ein besonderer Urlaubstag dort! Wenn da bloß die Zeit stehengeblieben wäre!
Im Grunde muss man dort nichts tun, außer den ganzen Tag auf einem guten Sitzplatz verweilen und schauen. Großartig!

Die Montgolfiéren. Ja, gleich gehts weiter!

Grüßli, Geli

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zuletzt aktualisiert am 26.9.2023