Borgund - Sognefjell - Lom - Dalsnibba - Geiranger

11. Tag: Borgund - Sognefjell - Garmo/Lom

Als wir frühmorgens die Nase aus der Hütte stecken, ist es bewölkt bei 13°C. Die Nebel hängen tief ins Tal und die gegenüberliegenden Hänge sind kaum zu erkennen. Es hat die ganze Nacht geregnet und Wiese und Kiesweg sind nass. Wir freuen uns über das Wetter, denn gestern war es doch ziemlich heiß! Das deutsche Ehepaar dort drüben hat das Motorrad noch nicht aus dem Wohnwagen gezerrt. Sie schauen zweifelnd zum Himmel. Ob der Snøvegen heute eine gute Idee ist? Wir trinken noch gemütlich eine Tasse Kaffee und haben sogar noch ein Weckerl im Tankrucksack gefunden, das wir uns teilen. Das Gaffaband am Zündschloß hat gehalten, das ist vorerst eine gute Lösung! Um 10:00 geht es los.

Gemächlich schwingen wir auf dem Rv5 durchs Laerdal und bemerken, dass die Straßen immer trockener werden. Wir kommen wieder an der Einfahrt zum Laerdaltunnelen vorbei und diesmal lassen wir ihn links liegen. Es lichtet sich langsam und als wir nach 30 km in den Fodnestunnelen eintauchen, hat es zu nieseln aufgehört. 6,6 km ist diese finstere Röhre lang und als wir auf der anderen Seite rausdüsen, blendet uns die Sonne! Ha! Der 1.200 m hohe Naturpark Kvitingsmorki fungiert offensichtlich als Wetterscheide! Wir kennen den Weg schon und biegen gleich nach dem Tunnel links ab und nur wenige Meter später rollen wir schon auf die kleine Fjordfähre über den Sognefjord, ohne die Füße von den Rasten zu nehmen. Was für ein geniales Timing! Wir sind mittlerweile schon geübt im Prozedere. Nachdem wir für 2 Motorräder und 2 Personen dem Kassamann 106 NOK (12.-) in die Hand gedrückt haben, bleiben wir bei den Motorrädern für die kurze Überfahrt. Nach 15 min. geht der Rv5 am gegenüberliegenden Ufer weiter.

Aber Achtung! Es sind nur sehr wenige Meter vom Fähranleger bis zur Einfahrt in den Amlatunnelen! Gleichzeitig wollen Autos runter von der Fähre und andere wollen rauf, viele wollen in den Tunnel und noch mehr wollen heraus und das ganze vor dem Tunneleingang! Mit einem aggressiven Schlenker lösen wir die kritische Situation und düsen in den 3 km langen Schacht. 

Der Rv5 windet sich kurvenreich an Gewässern entlang und durch langgestreckte Birkenwälder. Ja, diese Gegend ist beinahe schon lieblich! Die einzige größere Siedlung ist Kaupanger und der Verkehr ist nicht übermäßig. Wir freuen uns über den Wiedererkennungswert! Es hat seine eigene Qualität, so weit von daheim eine so bekannte Strecke zu fahren! Ein wohliges und gemütliches Gefühl ist das. Schau! Da vorne ist die elegante Brücke nach Sogndalsfjøra! Die Baustelle ist immer noch da und wir wissen, dass gleich rechts nach dem Brückenkopf eine CircleK-Tankstelle ist. Dort wollen wir unser geliebtes Tankstellenfrühstück bekommen!

Während wir im Schatten Ostepølse mampfen und mit Gratiskaffee hinunterspülen, werden wir von einem deutschen Motorrad-Pärchen in identem Outfit nach Leibeskräften ignoriert. Ihre vollbeladene GS1200 im Rallye Style - komplett inklusive Dynamic Paket und Connectivity - ist ebenso nagelneu wie die schnittigen Textilkombis, auf denen ebenfalls das Abzeichen der Bayrischen Motorenwerke prangt. Ist das ungeschriebenes Gesetz über den Umgang mit nicht-mehr-stadtfein-aussehenden Transalpfahrern? Lernen die in der Fahrschule, dass eine weibliche Sozia ihre selbstfahrende Kollegin nicht grüßen darf? Egal! Wir sind satt und zufrieden, als wir unseren Jahresbecher noch randvoll mit gutem Gratiskakao füllen und sorgsam ins Topcase stellen. Eine Rolle unserer Lieblingskekse kaufen wir auch noch - für eine ganz besondere Pause...

Die nächsten 15 km auf dem Rv55 lassen wir die Transalps entspannt dahinlaufen und hängen unseren Gedanken nach. Bis wir plötzlich den Wegweiserpfeil sehen: "Solvorn 3, Urnes Stavkyrkje, Ornes". Wir bremsen hart herunter und biegen rechts auf den schmalen Fv338 ab. Diese Stabkirche wollten wir schon voriges Jahr besichtigen. Mal sehen! Auf engen und steil abfallenden Serpentinen geht es 3 km bergab, bis der Single Track direkt am Fähranleger endet. Wir stellen die Transalps in den Schatten und schauen mal. Auf dem kleinen und gepflegten Parkplatz ist es sommerlich! Rund um das aus weiß gestrichenen Holzlatten gezimmerte Walaker-Hotel gießt ein dienstbarer Geist die kostbaren Blumen. Seit 1640 wird diese Unterkunft von der Familie Walaker geführt - das älteste Familienhotel Norwegens!

Der Fjord glitzert im Sonnenlicht und mit den knappen Bikinis der blonden Strandschönheiten um die Wette. Alles an Solvorn ist wunderbar lieblich bunt anzusehen! Wir schwitzen in unsere Kombis und Angelika verflucht wieder einmal ihre Helmfrisur, aber wir sind glücklich, hier zu sein. Bloß können wir uns nicht überwinden, auf die Fähre über den Lustrafjord zu warten. Wir kneifen die Augen zusammen. Da drüben erkennt man ganz winzig die Stabkirche von Ornes, die älteste ihrer Art! Wir sind hin- und hergerissen. Weiterfahren oder besichtigen? Nach ein paar Schluck Kakao ist klar: Nein. Das heben wir für unsere nächste Norwegenreise auf!

Zufrieden mit unserer Entscheidung kurven wir die paar knackigen Kurven wieder hinauf zum Rv55 und es geht weiter. Die nächsten 35 km sind reines Genußfahren. Rechts der Lustrafjord und ein Felsmassiv und links winzige Siedlungen, Bauernhöfe und gepflegte Dörfer! Der Wasserfall Feigumfossen dort drüben führt heuer massiv weniger Wasser als 2017! Mittlerweile hat es 26°C und wir finden das für diese Gegend hier doch erstaunlich. Haben wir die warmen Icebreaker-Sachen umsonst mitgeschleppt? Brauchen wir mehr Kurzarm-T-Shirts? Diese Gedanken beschäftigen uns so intensiv, dass wir plötzlich hektisch ein paar Gänge heruntersteppen müssen, um nicht auf die Warteschlange vor dem Gullringtunnelen aufzulaufen. Puhhh, das war knapp! Hier verzögern Bauarbeiten die Durchfahrt und so gemütlich, wie die Arbeiter tun, dauert das jetzt länger. Letztendlich müssen wir 20 Minuten in der prallen Sonne warten und uns läuft das Wasser schon unter dem Textil hinunter, als es endlich weiter geht.

Der entstandene Stau löst sich dann nur langsam auf, aber als wir den Eidsvatnet umrunden, sind wir wieder alleine. Auch hier fällt uns das Flachwasser auf, große Teile des verdorrten Ufers liegen im Trockenen. Nein, das hat voriges Jahr anders ausgesehen! Wir verlangsamen das Tempo, denn gleich sind wir da! Hier gibt es einen besonderen Platz, auf den freuen wir uns nun fast ein ganzes Jahr! Nach 7 km bremsen wir auf dem kleinen Asphaltplatz vor der großen Holzhütte "Vassbakken Kro"! Schnell die Transalps in den Schatten parken und rein. Ahhh, alles so wie wir es kennen! Wir holen uns Kaffee und selbstgemachten Kokoskuchen und balancieren alles vorsichtig hinaus. Hier zogen wir uns voriges Jahr eine wärmende Schicht mehr über und heute sitzen wir kurzärmelig im Sonnenschein auf den roh gezimmerten Holzmöbeln vor der Hütte. Wir lassen uns Zeit und jausnen mit Blick auf den unglaublich schönen Wasserfall, der hier einsam zu Tal stürzt. Ja, man könnte hier schon philosophisch werden, so berührend ist Norwegens Schönheit! So ging es auch Ludwig Wittgenstein, der vor 100 Jahren nur wenige Schritte von hier entfernt seinen berühmten "Tracatus" verfasste, ein Standardwerk der modernen Philosophie. Man kann seine Hütte noch besichtigen, sie wird von Einheimischen "Little Austria, Lite Østerrike" genannt! 

Wir sitzen länger als geplant an diesem schönen Ort. Es ist etwas Besonderes an dieser Reise! Will man zum Nordkapp - so wie wir voriges Jahr - dann hat man manchmal das Gefühl, weiterfahren zu müssen. Es ist noch weit! Nur nicht aufhalten! Noch 1.000...900...800...700 km! Hoffentlich schaff ich das! Weiter, weiter! Man empfindet die Etappen oft nur als Zwischenstationen zum Endziel. Man fährt quasi zielorientiert. Aber heuer haben wir als Motto "Spazierenfahren in Norwegen" ausgegeben. Und da fühlt sich alles langsamer, gemächlicher, gemütlicher und ruhiger an. Es gibt keine Zwischenziele, es gibt nur Orte, die wir besuchen wollen. Jeder Tag steht für sich selbst in seiner einzigartigen Wichtigkeit. Wir haben den Verdacht, dass genau heute - zur Hälfte unserer Reise - die Erholung einsetzt. Wir haben alle Zeit der Welt. 

Nachdem wir die Vorfreude auf den nächsten Streckenabschnitt ausgiebig genossen haben, winden wir uns in unsere Jacken und es geht los! Der Rv55 geht sofort über in knackige Serpentinen und schraubt sich schnell höher und höher. Noch ein letzter Blick hinunter ins grüne und liebliche Fortun-Tal und schon wird die Landschaft karger und einsamer. Das Sognefjell! Langsam und mit Genuß cruisen wir Kurve um Kurve höher in die steinige Mondlandschaft. Der rasche Wechsel der Landschaft ist hier besonders beeindruckend! Beim kleinen Dorf Turtagrø überholen wir schnell noch zwei Wohnmobile und dann sind wir alleine mit dem Panorama, das trotz seiner nur 1.434 m so hochalpin wirkt. Wir trauen unseren Augen nicht! Zogen wir voriges Jahr zwischen meterhohen Schneewechten und zugefrorenen Seen unsere winterlichen Bahnen, so herrscht hier heroben jetzt Sommer! Nur müde Reste einstiger Schneemassen sind zu erkennen. Wir tun uns schwer, den ein oder anderen Punkt wiederzuerkennen - heuer schaut die Landschaft ganz anders aus, viel weitläufiger! Nur die Holzschneestangen links und rechts der Straße erinnern daran, dass hier vor nicht allzu langer Zeit noch Wintersperre galt.

So kurven wir langsam über das einsame Fjell. Eine große Dramatik liegt in dieser ruhigen Landschaft. Die rauhen Felsen sind von hellgrünen Flechten überwachsen und so manch kleiner Gebirgssee, der im Schatten von hohen Felsen liegt, ist unter der Oberfläche noch smaragdgrün zugefroren. Und über all dem scheint blendend hell die Sonne vom azurblauen Himmel! Leider sind viele gute Pausenplätze bereits von Wohnmobilen besetzt, aber wir beweisen Geduld. Nach 23 km ist es endlich soweit! Hier rechter Hand lenken wir die Transalps vorsichtig auf den rutschigen Schotterplatz. Diese besondere Pause war lange vorher geplant! Sogar eine Holzbank steht hier und man hat das prächtigste Panorama! Es ist mit 22°C so warm, dass wir sogar die Jacken ausziehen, als wir unsere Sachen, Kakao und Kekse auf dem roh gezimmerten Tisch ausbreiten und erstmal die Ruhe genießen... in diesem wärmsten Juni seit 1875.

Als sich nach einiger Zeit zwei Wohnmobile zu uns stellen, brechen wir auf. Es ist wunderschön, diese einsame Strecke hinunter zu kurven, die uns an vielen Stellen so bekannt vorkommt! In einer Kurve erkennen wir das Birkenwäldchen, in dem wir voriges Jahr Pause gemacht haben! Aber heute wollen wir weiter. Dennoch fesselt uns der Blick auf die hohen Gipfel des westlichen Jotunheimen dermaßen, dass wir noch einmal rechts auf diesem Schotterplatz ausrollen und einen langen Blick zurückwerfen. Dieses Norwegen ist so unglaublich dramatisch schön, dass man dauernd in den Helm schreien oder ergriffen schluchzen möchte!

Etwa 75 km nach Fortun erreichen wir Fossbergom, das viele Lom nennen. Hier kennen wir uns aus! Svenja aß hier vor ein paar Jahren ein legendäres Grillhuhn und schon voriges Jahr haben wir das ergebnislos gesucht. (In ihrem Blog gab es eine interessante Diskussion, denn einige Bikerkollegen waren auch schon vergeblich auf der Suche nach dieser heißen Theke. Svenja gab den Tipp, mal im Supermarkt zu schauen...). Wir finden einen schattigen Parkplatz vor dem "Rema 1000" und Angelika eilt hoffnungsvoll hinein. Aber das gibts doch nicht! Der Supermarkt ist eine Baustelle und der Platz der Grillhühner ist heute mit einer schweren Bauplane versperrt. So ein Ärger! Das war als Abendessen eingeplant. Also Leute, aufgepasst! Es gibt auch heuer kein Grillhuhn in Lom!

Angelika kauft lustlos ein paar Kleinigkeiten und dann entscheiden wir, wieder bei der Esso-Tankstelle einzukehren, wo wir auch voriges Jahr gutes Fastfood gefunden haben. Nicht so leicht, in diesem mondänen Wintersportort. Lom mit seinen dunklen Holzhäusern und zahlreichen Cocktailbars hat etwas von Kitzbühel oder Lech/Arlberg und die Preise sind dementsprechend ambitioniert. Heuer wählen wir bei der Selbstbedienungstheke von Esso zweimal das große Burgermenü inkl. Pommes (mit Getränk á 280 NOK, 30.-) und mampfen das leckere Zeug auf dem gleichen Holztisch wie voriges Jahr mit Blick auf die Stabkirche von Lom. Aber das kommt morgen dran. Erstmal fahren wir weiter. Es sind noch 14 km auf dem Rv15 ins Quartier und schon wieder sind hier viele Warnzeichen wegen "Stor Elgfare"! Wir glauben nicht mehr so recht an diese "große Elchtätigkeit" und geben ambitioniert Gas, als plötzlich am linken Fahrbahnrand ein riesiger dunkler Schatten auftaucht und wir erkennen gerade noch das Geweih, als der Elch, der bereits zum Sprung auf die Fahrbahn ansetzt, wieder kehrt macht und flüchtet. Um Himmels willen! Wir möchten schon gerne Elche sehen, aber bitte nicht so! Auf jeden Fall fahren wir jetzt viel vorsichtiger weiter...

Noch ein paar Kurven durchs Ottadalen und schon sehen wir linker Hand das schmucke Rezeptionshaus unseres Quartiers. Der Campingplatz ist ein abschüssiger, grasbewachsener Hof und wir dürfen die Motorräder auf den schmalen Asphaltstreifen vor der Rezeption stellen. Das sind so nette Menschen hier! Nachdem wir die Hütte "Troll" bezogen haben, sitzen wir noch lange heraussen im Sonnenschein und jausnen Brötchen, Kekse und Kakao. Ein sehr junges Motorradpärchen, das mit seiner Ducati da ist, wäscht mit dem Gartenschlauch beim Sanitärhaus hingebungsvoll die italienische Diva. Auch unsere Transalps hätten eine kurze Dusche notwendig, aber wir können uns nicht aufraffen. Es hat auch spät in der Nacht noch 19°C, als wir uns zu einem kleinen Spaziergang aufmachen. Was für eine schöne Nacht das ist! Wir freuen uns schon aufs morgige Programm!

Tageskilometer: 203 km

12. Tag: Garmo/Lom - Dalsnibba - Geiranger

Um 8:15 wachen wir ohne Wecker auf. Wir haben richtig gut geschlafen! Wir ziehen die Verdunkelungsvorhänge weg und draussen scheint die Sonne vom blitzblauen Himmel. Das Thermometer auf den Transalps zeigt 15°C. Ein großartiger Tag wartet auf uns! Aber zuerst frühstücken wir auf unserer kleinen Hüttenterrasse selbst angerührten Kaffee und ein Käsesemmerl. Angelika ist etwas ruhelos, weil sie sich auf das heutige Erlebnis schon ein ganzes Jahr gefreut hat: ein romantischer Kaffee in Geiranger! In dem Hafenlokal, wo wir schon voriges Jahr waren! Und vorher Dalsnibba!

Beim Auschecken fragt uns die liebe Gastgeberin, ob wir vielleicht eine Info von unseren Touren hätten? Sie hat in der Nacht unsere Berichte gesurft und das wär doch vielleicht interessant für andere Biker, die bei ihr so oft übernachten? Stolz überreichen wir ihr unser Info-Blatt und nach einem überaus herzlichen Abschied tuckern wir um 10:15 mit den Transalps vom Platz. Es sind nur 14 km zurück nach Lom.

Die große Stabkirche ist schon aus der Ferne nicht zu übersehen und wenige Minuten später parken wir die Transalps auf dem großen asphaltierten Parkplatz. Ausser einem Reisebus und zwei Wohnmobilen sind wir alleine. Angelika eilt noch schnell in den kleinen Souvenirshop und kauft einen kleinen porzellanenen Fingerhut mit Stabkirchenbild für die Reisevitrine zuhause und dann spazieren wir zum Eingang der Kirche. Die ganze Anlage ist wunderbar gepflegt und die Rasenbewässerung bemüht sich nach Kräften, das Grün um die Kirche am Leben zu erhalten. Auch hier ist der ungewöhnliche Sommer und die Trockenheit zu bemerken.

In der Kirche sitzt eine junge Studentin und verkauft die Eintrittskarten: 70 NOK (7.-) pro Person. Als wir das Dunkel betreten, ist uns klar, warum diese uralte Kirche als einer der größten und schönsten ihrer Art gilt! Wir blicken hoch hinauf auf die kunstvollen Schnitzereien, die über und über die Wände bedecken. Seit ca. 1158 und bis heute ist diese Kirche in Betrieb und beherbergt Gläubige und Pilger. Wir lesen aufmerksam alle Infos auf dem Blatt, dass wir zu den Tickets erhalten haben. Uns fällt dieser typische seltsame Stabkirchengeruch auf: altes Holz und Teer. Zwei Dinge bleiben besonders im Gedächtnis. Dort ganz oben links hat ein Handwerker aus dem 12. Jhdt. in Runen einen Spruch an die Wand gemalt, der bis heute sichtbar ist und man fand hier einen uralten Liebesbrief, ebenfalls noch in der Wikingerschrift geschrieben. "Kysmik - Küss mich" konnte man bei der Entdeckung dieses Briefs entziffern...

Nach dieser aufregenden Besichtigung spazieren wir noch ein wenig um die teergeschwärzte Kirche und fotografieren die hölzernen Drachenköpfe am Dach, die ihr Gebiss gen Himmel recken. Was für ein fremdartiger Anblick! Es ist wirklich warm geworden, als wir später auf dem Rv15 die Otta entlang kurven. Wir lieben diese Strecke, auch wenn der Wildbach voriges Jahr wilder zu Tal stürzte und jetzt deutlich weniger Wasser führt. In Nordberg bei Bismo tanken wir Blyfri 95 randvoll und füllen unseren Jahresbecher mit Gratiskaffee. Leider gibt es bei dieser CircleK derzeit keine Hotdogs, also fahren wir bald weiter. Die Otta wird zu einem weit verzweigten Gebirgsbach und wir bewundern bei einer kleinen Pause die sprudelnden Stromschnellen, die im Sonnenlicht flimmern. Puhh, es ist warm! So ein außergewöhnliches Wetter! Langsam aber stetig führen uns die Kurven bergauf, die Landschaft wird karger und die Nadelbäume weniger. Wir sind schon voller Vorfreude auf das Strynefjell, das wir voriges Jahr so beeindruckend winterlich vorgefunden haben! Doch bei Grotli ist es klar: hier ist nicht Winter! Wir machen ein paar Fotos vom Breidalsvatnet, der voriges Jahr im Juni zugefroren war. Heute sehen wir einen blitzblauen See an grünen Ufern, nur die ganz hohen Gipfel tragen noch lückenhafte Schneekappen. Wir sind begeistert! Das wird heuer was mit dem Dalsnibba!

Als wir uns am Langvatnet rechts halten und auf dem Rv63 die Grenze zum Fylke "More og Romsdal" überschreiten, wird die Wohnmobil- und Busdichte auffällig höher. Etwa 100 km nach Lom stehen wir am Fuße des Nibbevegen. Voriges Jahr war hier auf 1.030 m Höhe stürmischer Schneeregen, es war saukalt und wir eilten in die Djubvasshytta, um uns mit Kakao aufzuwärmen. Wir waren hier alleine und wir zogen erstmals unsere Heizhandschuhe an. Auf die Auffahrt verzichteten wir dann...

Heuer ist hier ein sommerlicher Tummelplatz zahlreicher Busse, die unzählige Menschen ausspucken. Autos und Radfahrer stehen einander im Weg. Es ist kaum noch Platz, um irgendwo gemütlich Pause oder gute Fotos zu machen! Aber egal, wir müssen da hinauf! Wir tuckern zum Mauthäuschen und zahlen pro Person 140 NOK (15.-) und starten ambitioniert los. Die Straße ist mittlerweile durchgehend asphaltiert und das hat das Besucheraufkommen wahrscheinlich noch erhöht. Wir fahren vorsichtig Serpentine um Serpentine, den tiefdunkelblauen Djubvatnet weit unter uns. Hier in den Felsen, in deren Winkel sich noch der ein oder andere kleine Schneefleck versteckt, herrscht wirklich viel Verkehr. Wir tuckern vorsichtig an den Wohnmobilen und Bussen vorbei, die auf dem schmalen Nibbevegen oft die ganze Fahrbahn brauchen. Höher und höher windet sich der Weg durch die beeindruckende Hochgebirgslandschaft und dann passiert es! Angelika, die manchmal Höhenängstliche, checkt plötzlich, dass das da unten kein Nebel ist, sondern die Wolken und als sie weit oberhalb in den Felsen die weitere Straßenführung erkennt wird ihr klar, wie exponiert die ganze Lage hier ist. Vorsichtig stellt sie die Transalp in eine sichere Nische an der Felswand und wartet erst einmal ab. Manchmal beruhigt sich der Schreck, aber nicht hier und heute. Also fährt Didi alleine die letzten 400 Meter bis zum Geiranger Skywalk auf 1.500 m und verspricht, tolle Fotos mitzubringen. Angelika schimpft mit sich selbst und lautstark in den Helm. Ja gibts denn sowas?!

Während Angelika sich so vor sich hin ärgert, kommt Didi auch schon wieder herunter. Sooo viele Leute sind dort oben, kompletter Touristenstau. Keine gute Aussicht und schon gar kein Parkplatz. Und starker Wind. Hm. Naja, dann kurven wir halt wieder hinunter. Es ist kein Leichtes, mit so vielen Autos, Bussen und Wohnmobilen die engen und steilen Haarnadelkurven zu nehmen. Aber das wäre noch nichts, gäbe es hier nicht Kolonnen dieser giftgrünen Miet-"Twizy" aus Geiranger, die elektrisch mit 20 km/h die zahlungskräftigen Kreuzfahrttouristen hier heraufkarren! Die Fahrer dieser Einsitzer machen nicht den Eindruck, als seien sie Bergstraßen gewöhnt und so stehen sie letztendlich hauptsächlich im Weg. Um Himmels Willen, ist das mühsam hier! Nach 5 km parken wir die Transalps ans Ufer des Sees unten bei der Mautstation und kommen erst einmal zur Ruhe. Bei ein paar Schluck Kaffee genießen wir jetzt das außergewöhnliche Panorama, denn während der Fahrt war das zu riskant.

Wir beobachten, wie aus diesem Reisebus aus CZ zahllose Touristen klettern. Alle in "high visibility clothing". Der Fahrer lädt inzwischen unzählige Fahrräder aus und dann sammelt sich die Gruppe zur gemeinsamen Abfahrt nach Geiranger. Oh je! Wir springen auf die Transalps, treten den 1. Gang hinein und schaffen es in den ersten Serpentinen, ein paar dieser Radtouristen zu überholen. Jetzt aber schnell, sonst geht am Flydalsjuvet kein gutes Foto mehr! Bergstrecken können wir, also kurven wir in halsbrecherischem Tempo alle Haarnadeln bergab. Sogar der ein oder andere Blick auf die wirklich atemberaubende Kulisse geht sich aus, wir kennen die Strecke ja schon. Kurz vor dem berühmten Aussichtspunkt haben wir die Warnwestenradler alle überholt. Als wir die kleine Terrasse erreichen, fährt ein polnischer Reisebus gerade weg und wir schaffen es, das ein oder andere Foto zu knipsen, das ausser Menschenmassen auch den Fjord zeigt. Angelika sieht schon lange ihre Hoffnung auf einen romantischen Kaffee in der 250-Seelen-Gemeinde  Geiranger schwinden, und jetzt erkennen wir von oben auch zwei riesenhafte Kreuzfahrtschiffe im Fjord... 

Wir haben voriges Jahr direkt am Fjord übernachtet und daher kennen wir uns jetzt in Geiranger aus. Ohne Fahrtunterbrechung kurven wir direkt in den Hafen und stellen die Transalps an die Hafenkante. Innerhalb von Minuten sind wir buchstäblich von den 3.454 Kreuzfahrern der MS Aurora und der MS Rotterdam umringt (minus jener, die gerade am Dalsnibba sind). Ein Weiterfahren scheint schwierig bis unmöglich. Hier herrscht Trubel und Lärm wie am Eröffnungstag des "Urfahraner Markts", es ist unglaublich, was hier los ist. Voriges Jahr waren wir hier alleine und haben die romantische Stille genossen! Wir schauen uns an. Nein danke! Wir verzichten auf Kaffee in Disneyland, wissend, dass wir ein Teil dessen sind... Wir wollen so schnell wie möglich weg. Beim nächsten Mal werden wir die Anlandungen der Kreuzschiffe bereits bei der Reiseplanung berücksichtigen!

Wir wuchten die Transalps mühsam an den Menschenmassen vorbei und düsen zum Einstieg in den Ornevegen. Die 20 Serpentinen über den "Adlerweg" hinauf finden wir wenig spektakulär. Eilig nehmen wir Kurve um Kurve und hoffen in der Ornesvingen auf wenig Touristen. Haha. Ja genau. Nun, wir können die Transalps irgendwo dazwischenquetschen und Angelika läuft auf die Plattform, um ein paar Fotos von den "Sieben Schwestern" zu machen. Didi unterhält sich inzwischen mit einem österreichischen Pärchen aus Stockerau, die uns schon am Campingplatz in Borgund gesehen haben und nun voller Wiedersehensfreude sind! Sie sind heuer mit dem Mietauto da und haben ihre Motorräder zuhause gelassen ...

Als uns dieser deutsche Reisebus dann zuzuparken droht, flüchten wir und geben auf den letzten Kilometern ins Quartier richtig Gas. An eine kurze Pause ist nicht mehr zu denken, jede noch so kleine Ausweiche ist bereits von einem Reisebus besetzt. Wir sind erschöpft und bringen die 15 km bis Eidsdal schnell hinter uns. Die Landschaft ist hier wieder fruchtbar und lieblich und erinnert uns sehr an zuhause. Wir sind achtsam, denn wir haben gelesen, dass unser Campingplatz schwer zu finden wäre! Aber da vorne leuchtet ein nagelneues Hinweisschild und weist rechts den Berg hinauf. Wir fahren vorerst daran vorbei und kurven die weitläufig geschwungene Straße 3 km hinunter bis Eidsdal. Wir wissen von dem "coop marked" hier und wollen gleich unsere Einkäufe erledigen! Hier ist es so schön, dass wir eine längere Pause am Fähranleger nach Linge machen. Angelika mampft einen guten Hühnchensalat und wir teilen uns ein paar Kekse und Kaffee. Neben uns hält ein Italiener mit nagelneuer GS1200. Der nette signore will heute noch zur "Atlantikstraße" und als er  uns fragend ein paar zerknitterte Google-Maps Ausdrucke zeigt, können wir ihm mit unseren Karten weiterhelfen. Er fotografiert davon ein paar Ausschnitte mit seinem Smartphone. Wie schön, dass wir mittlerweile mit unseren südlichen Nachbarn plaudern können!

Um 17:00 beziehen wir dann unsere hübsche Hütte Nr. 2 und machen es uns gemütlich. Es ist immer noch sehr warm und wir essen unser Travellunch auf der Terrasse. Als es dann ein wenig dämmrig wird - dunkel wird es hier sehr, sehr spät - und es mit 14°C immer noch sehr mild ist, machen wir noch einen kleinen Spaziergang durch die einsame Gegend. Angelika knabbert noch an ihrer Enttäuschung über das heute aus den Fugen geratene Geiranger und wir philosophieren über das, was wir heute erlebt haben...

Geiranger ist ein winziger Ort mit 250 Einwohnern, die jahrhundertelang von Landwirtschaft und Fischfang lebten, unter schwierigsten Bedingungen. Heute zählt der Fjord zum Welterbe und als einer der schönsten Norwegens. Schon lange laufen nicht nur die traditionellen Hurtigruten hier ein, sondern nahezu jede Kreuzfahrt in Norwegen besucht diesen Fjord als Pflichtprogramm. Täglich sind hier 10-20 x soviele Touristen wie Einheimische unterwegs! Natürlich leben die Menschen hier mittlerweile ausschließlich vom Tourismus...
Norwegen will noch heuer diesen Fjord (und ein paar weitere) zumindest für alte Kreuzfahrtschiffe sperren, die Umweltbelastung durch in den Fjord gekippten Müll ist viel zu groß geworden!

Wohl jeder Tourist sucht hier die dramatische Einsamkeit und Abgelegenheit des Fjords, die berühmte Postkartenansicht, Authentizität! Das ist ein großes "business" geworden! Und wenn er dann hier an der Hafenkante steht, stehen Tausende mit ihm hier und die riesigen schwimmenden Pötte versperren genau die Aussicht, die er gesucht hat! Das Geiranger, das alle suchen, das gibt es sommers längst nicht mehr. "Touristen zerstören das, was sie suchen, indem sie es finden"... (© Svenja)

Dieses Problem stellt sich nicht nur hier. Venedig, Marseille, Dubrovnik und andere "bekämpfen" bereits den überbordenden Kreuzfahrttourismus. Seit heuer ist die berühmte Sella Ronda/Dolomiten tageweise gesperrt. In Hallstatt/Österreich verbietet ein stählerner Schranken die Einfahrt und versucht so, die Touristenströme zu lenken, die das einzigartige Dorf mit den Holzschindeldächern (der Klon in China gilt nicht) besuchen. Besucherzahlen sollen limitiert werden. In Mallorca gehen die Menschen bereits gegen die Touristen auf die Strasse: "Tourism kills the city!"
Es gibt immer mehr Beschränkungen des Massentourismus. Man spricht bereits von schädlicher Touristifizierung! Gleichzeitig ist der Tourismus aber fast die einzige Einnahmequelle weniger verbliebener Einheimischen! Was ist die Konsequenz? Disneyland statt authentisches Dorf? Tourismus-Hotspot statt althergebrachte Lebensweise der Bevölkerung? Geben wir besondere Gegenden auf und widmen wir sie dem Konsum und dem Ausverkauf? Das kann doch keine Lösung sein, aber eine Idee haben wir auch nicht.

Als Motorradreisende suchen wir oft Einsamkeit und Ruhe. Touristenströme und -trubel bei bekannten Hotspots gehen uns meist auf die Nerven und stört unsere Kreise. Gleichzeitig wissen wir natürlich, dass wir genau davon ein Teil sind! Diesen Widerspruch können wir nicht auf die Schnelle lösen - wir werden vielleicht in einem eigenen Artikel darüber nachdenken...

Tageskilometer: 153 km

Hier geht die Reise weiter: >> klick
Zur Fotogalerie hier lang: >> klick (Aktualisierung dauert noch ein wenig...)

 

"Touristen zerstören das, was sie suchen, indem sie es finden." Was meint ihr dazu?

Senf ...

Sehr richtig, das, was ihr schreibt, und das, was Svenja postete. Ich denke mal, dass einzelne Anbieter nicht das Problem sind. Schwierig wird es durch die riesigen Kreuzfahrt-Pötte. Hundert, nein, tausende von Menschen, die alle auf einmal den Ort fluten! Vor 30 Jahren war ich in Norwegen. Auf genau eurer Route von Tag 12 und 13. Damals mit einem Bus. Wir waren 54 Personen. Außer uns waren noch drei bis fünf andere Busse unterwegs. Und PKW, mit maximal 4 Personen. Das war auch schon reichlich - aber kein Vergleich zu 2018. Norwegen - Sehnsuchtsland. Das war einmal. Es ist bezahlbar erreichbar geworden. Und somit ausverkauft. Leider. Ähnlich wie Rom, Venedig, Mallorca und Co. Sogar Länder wie Kroatien, Estland, Rumänien und Ungarn fangen an, sich zu regeln. Touristenmassen, die wie die Borkenkäfer in die Länder einfallen - da hat es der Einsamkeit liebende sehr schwer. Eine Seuche sind die Wohnmobile. Überall, wo es schön ist, stoße ich auf wahre Wagenburgen! An exponierten Lagen, Heck an Nase an Heck - die Berliner Mauer in weiß, sozusagen ... Ich bin ernüchtert über diese Entwicklung und sehe für die Zukunft keine Verbesserung. Leider.

Antw.:Senf ...

Liebe Heike,
wie sehr ich dir zustimme. Ich könnte es nicht besser ausdrücken ... Jetzt gibts sogar in Island schon Beschränkungen, weil zuviele Touristen zuviel ruinieren. Island! Man stelle sich das vor!
Nein, Lösung haben wir auch keine ... ausser völlig ausserhalb der Saison zu fahren. Also Norwegen im Jänner oder so.... Wir haben ja sogar gratis Eintritt zum Nordkapp lebenslänglich. :-)))

Übrigens: Die Berliner Mauer in weiß, die wurde am nächsten Reisetag in Molde gesichtet...

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zuletzt aktualisiert am 8.8.2018