1. Tag: Schwertberg (OÖ) - Heidenau (D)
Endlich ist er da, der ersehnte Abreisetag! Freitag, der 22.5.! Gestern sind wir bereits aus Wien zu unserem Zweitwohnsitz nach Oberösterreich gefahren. Der Plan ist so simpel wie genial: Von hier aus sind es immerhin 150 km näher zur Ostsee!

Die letzten Tage hatten es echt in sich. Angelika war bis zur allerletzten Minute beruflich mit Terminen zugepflastert, während das Packen "nebenbei" passieren sollte. Didi kümmerte sich währenddessen um die beiden Transalps, die ebenfalls reisefertig werden sollten.
Daher machte uns gestern die Fahrt entlang der B3 "Donauuferstraße" und Abendessen beim Hafenimbiss "Luberegg" besonders viel Spaß! Es hat immer diese besondere Qualität, die bekannte Hausstrecke zu fahren und zu wissen, diesmal führt sie nicht wieder nach Hause. Zumindest noch lange nicht.
Aber zurück zu heute, Freitag!

Um 8:30 drücken wir gleichzeitig auf die Startknöpfchen und die Transalps bollern voller Vorfreude in die Morgenfrische. Die Sonne scheint, es hat gerade mal 14°C. Perfektes Motorradwetter! Durch das dramatisch schöne und kurvige Aisttal, über Pregarten und Unterweitersdorf, vorbei an sprechenden Ortsnamen wir "Vierzehn" und "Hühnergeschrei" erreichen wir die tschechische Grenze in Wullowitz. Hier endet unser Heimvorteil und wir gucken erstmals in die Karte. Wo ist der kürzeste Weg nach Prag?
Wir bleiben einfachheitshalber auf der D3 und halten stur Luftlinie Richtung Norden. Die langweilige Fahrt über die öden Ebenen wird noch vor Budweis durch enorme Baustellen aufgelockert. Gewaltige Erdverschiebungen sind im Gange. Was haben die hier vor? Terraforming? Ein neues Gebirge in Tschechien? Wenn das hier mal fertig ist, schaut die gesamte Gegend anders aus!

Aber immerhin fahren wir hier auf einer nagelneuen Autobahn rund um Budweis! Was für ein Luxus! Früher musste man quälend lange durch die Stadt stauen. Klasse! Kaum hat man "Ein Bud, bitte!" ausgesprochen, ist man an der Braustadt auch schon vorbei. Wir brauchen mal Pause! Ganz unbemerkt hat es 28°C bekommen und uns ist heiß.
Wir sind genau 100 km gefahren, als eine Autobahntankstelle "MOL" ins Blickfeld rückt. Schnell runter von der Autobahn! Raststationen sind auf dieser Strecke Mangelware, wie wir wissen. Engagiert bremsen wir vor dem Eingang und stiefeln hinein. Was gibts heute zum Frühstück? Auch wenn Norwegen und Tschechien vermutlich weniger als nichts gemeinsam haben: Eines schon. Es gibt immer Tankstellen-Hotdogs! Und so sitzen wir wenige Augenblicke später an einem wackeligen Tischchen im Freien und mampfen zufrieden würzige Klobasse im getoasteten Weckerl. Gourmetküche auf Reisen, immer wieder!
Ein rauhbärtiger LKW-Fahrer gesellt sich mit freundlichem Grinsen zu uns. Er erzählt in charmant gebrochenem Deutsch von seinen Motorradtouren mit der uralten "Jawa 500", die sein Opa ihm hinterlassen hat. Der Schalk blitzt aus seinen Augen, als er in Erinnerungen schwelgt. Was für ein netter Typ! Wir wünschen ihm allzeit gute Fahrt, als wir wieder aufbrechen.
Prag rückt zumindest auf den Wegweisern immer näher, als wir hügelauf- und ab durch die Landschaft brausen. Heute ist viel Verkehr, vor allem die LKWs Richtung Hauptstadt kosten uns Zeit! Auf der Autobahn E50 Richtung Prag wirds nicht besser und wir sind genervt. Wir brauchen vielleicht Kaffee? Deshalb - und weil wir hier immer stehenbleiben - halten wir bei der "MOL" in Pruhonice, kurz vor Prag.

Wir essen ein paar Kekse und spülen mit kalten Getränken nach. Vor wenigen Wochen waren wir auch hier und haben frierend den Becher mit heißer Schokolade umklammert! Heute suchen wir den Schatten, es hat 30°C. Ebenso wichtig wie Erholung ist an dieser Stelle regelmäßig die Programmierung des Google-Navis. Prag und wir führen eine komplizierte Beziehung. Das Prager Straßenwirrwarr nötigt uns jedes Mal Respekt ab. Wir haben uns hier schon fürchterlich verfahren. Aus Sicherheitsgründen lassen wir uns seit einiger Zeit von Google den Weg zeigen.

Auf "Starten" tippen, Handschuhe an, Motor und los gehts! So tuckern wir in gemessenem Tempo quer durch die Stadt. Irgendwann einmal war das wohl die Umfahrungsstraße, doch Prag ist gewachsen und verlangt alle paar hundert Meter eine neue Entscheidung: Links oder rechts abzweigen? Welche Ausfahrt beim Kreisverkehr? Welche Straße nach der Ampel? Wir hassen das aus Leibeskräften! Außerdem staut es am Freitagnachmittag überall.

Es hat wieder einmal geklappt! In Zdiby, der ersten Tankstelle nach Prag halten wir fröhlich nebeneinander. Wollen wir hier Pause machen? Doch es sind erst 25 km seit dem letzten Kaffee und das wäre selbst für uns übertrieben. Außerdem haben wir noch fast 200 km vor uns. Weißt du was? Fahren wir lieber weiter!
Die Strecke bis zur deutschen Grenze kennen wir gut. Zuerst die öde Ebene, dann die Hügel am Horizont, die viel zu langsam näher rücken, das monströse Werbeschild eines "History Parks". Spätestens, als alle paar Kilometer die "Sächsische Schweiz" angekündigt wird, wird es kurviger und bei Usti nad Labem macht das Fahren beinahe wieder Spaß. Mit Glück kann man einen Blick auf die Elbe weit unter der Autobahn erhaschen.
Boah, es ist brütend heiß geworden! Mensch und Maschine brauchen Nachschub. Deshalb biegen wir schwungvoll bei der letzten tschechischen Tankstelle in Varvažov ein. Die Transalps bekommen endlich Sprudel und wir gönnen uns belegte Brötchen und einen Moment im Schatten. Es sind nur mehr 40 km bis ins Quartier und wir sind müde geworden.

Nach dem wir einer netten finnischen Seniorengruppe auf schweren Motorrädern den Weg nach Travemünde erklärt haben - die schwitzen hier noch mehr als wir! - brechen wir langsam wieder auf. Die letzten 12 km bis zur deutschen Grenze sind schnell erledigt und schon tuckern wir mit den vorgeschriebenen 60 km/h, an die sich sonst offenbar niemand hält, zwischen langen Lärmschutzwänden hinaus aus Tschechien und hinein nach Sachsen.

Das große grüne Werbeschild "Willkommen in Sachsen" ist noch nicht einmal aus dem Rückspiegel verschwunden, da werden wir schon von der Straße gepflückt. Der Rastplatz "Am Heidenholz" ist nämlich eine Mogelpackung. Hier wird nicht gerastet, hier wird kontrolliert! Hier finden seit vielen Jahren Polizeikontrollen statt und jedes Fahrzeug muss vereinzelt am gestrengen Auge des Gesetzes vorbeikriechen. Wir werden wie gewohnt auch heute nur freundlich gemustert und weitergewunken.

"Die Inspektion Bad Gottleuba-Berggießhübel liegt auf der Balkanroute, wodurch an diesem Punkt viele Feststellungen von Migrations- und Fahndungstreffern erfolgen. Aufgrund der Nähe zur Grenze werden hier der einreisende Verkehr gesichtet und anlassbezogene Kontrollen durchgeführt", schreibt das Landratsamt Pirna zu diesem Umstand.
Was immer das im Behörden-Deutsch genau heißen mag – wir fahren also ganz offiziell über die Balkanroute nach Deutschland. Wieder etwas gelernt. Uns ist mittlerweile allerdings vor allem eines: heiß. Und ehrlich gesagt haben wir für heute auch langsam genug vom Motorradfahren. Nur wenige Minuten später verlassen wir die deutsche Autobahn bei der Ausfahrt "Heidenau in Sachsen". Nocheinmal brauchen wir Google, um unsere Unterkunft zu finden.
Pünktlich um 15:45 Uhr rollen wir auf den Parkplatz des feudalen Landgasthofs "Am Lockwitzgrund" mitten im Wald. Wir waren genau 7,5 Stunden unterwegs, inklusive sämtlicher Pausen, Hotdogs und Kaffeestopps. Gar nicht schlecht!

Der sächsische Dialekt ist uns ebenso fremd wie die sächsische Küche und so endet die Bestellung zumindest für Angelika in einer kulinarischen Enttäuschung. Das vielversprechende "Thüringer Rostbrätel mit frischer Kräuterbutter, sächsischem Kartoffelsalat und zartem Kopfsalat" war kein Glücksgriff und die 21.- konnten es auch nicht retten. Auf Reisen unbekannte Gerichte bestellen? Man weiß nie, ob ein Volltreffer oder eine Lektion fürs Leben wartet.

Später spazieren wir noch ein Stück in den Wald. Außer einem dubiosen Holzverschlag und einem jungen Mann, der ganz offenbar nicht gestört werden will, machen wir keine besonderen Entdeckungen. Gehen wir schlafen, morgen wartet der nächste lange Tag auf der Autobahn!

Tageskilometer: 385 km
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Die Reise hat begonnen!
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