16. Tag: Conques-en-Rouergue - Rocamadour - Beynac

Wir sind soeben aufgewacht und starren mit offenen Augen an die Zimmerdecke. Der aufs Dach trommelnde Regen hat uns aufgeweckt. So ein Mist! Obwohl wir Regenfahrten auch bei knapp 0°C in Norwegen können und hier im Süden ein lauer Sommerregen kein Problem darstellt, muss man aufpassen, dass einem die Urlaubslaune nicht absäuft. Man hofft doch immer auf gutes Wetter, oder?

Wir sind schnell reisefertig, denn unser Gepäck klemmt schon auf den Transalps. Wir haben in Motorradsachen geschlafen, damit wir im Regen nur mehr auf die Motorräder hüpfen und losfahren können. Mit sehr begrenzten Mitteln machen wir uns stadtfein und eilen ´rüber ins Restaurant zum Frühstück.

Als wir eintreten, umfängt uns wunderbare Musik. Alte französische Chansons wabern durch den hübschen Raum und Nathalie hat uns ein schönes Frühstück vorbereitet. Wir mampfen alles weg, bis auf die letzten Brösel der knusprigen Croissants. Es fällt uns sichtlich schwer, jetzt da ´raus in das Mistwetter zu stiefeln! Nur unser heutiges Ziel Beynac macht uns Mut. Wir freuen uns schon so sehr auf diesen Ort!

Um 10:30 Uhr das Kommando: Luken dicht, Visier ´runter und ´raus! Die 14°C fühlen sich kälter an, als es sein sollte. Nur Augenblicke später rollen wir durch den strömenden Regen vom Platz. Als wir zwei Kilometer zum Lot-Ufer tuckern, haben wir uns entschieden: Wir ziehen unseren Plan "nur kleine Straßen" durch! Die Entscheidung fiel zwischen "längere Zeit dafür kürzere Strecke" vs. "kürzere Zeit dafür längere Strecke". Wir nehmen zweiteres!

Als wir über die enge und kurvenreiche Strecke Figéac erreichen, regnet es in die Visiere längst hinein. Ein ungelöstes Problem, egal wie teuer der Helm ist! Von der Landschaft sehen wir nichts, auch nicht, als wir auf die D21 wechseln, die als D2 alsbald über weite Weideflächen auf eine schöne Hochebene führt. Die 6 Millionen Einwohner Okzitaniens (alleine der Name klingt wie aus einem Sagenbuch!) wohnen woanders. Wir treffen keine Menschenseele, als wir alleine unsere Spuren ziehen.

Bei Figéac wechseln wir auf die D840. Die hat zwar zwei Ziffern mehr, ist aber vorerst deswegen nicht breiter oder weniger kurvig. Wir durchqueren jetzt den Naturpark "Causses du Quercy" mit ansprechenden Kalkplateaus. Die müssen woanders sein. Unsere Straße zieht sich nun ziemlich gerade durch eine hübsche, unaufgeregte grüne Landschaft. Uns ist kalt und eine notwendige Pause fällt auffällig kurz aus.

Die D840 nennt sich hier "Route de Paris", warum auch immer. Paris ist fast 600 km entfernt! In der Nähe von Gramat geht der Starkregen in Niesel über. Wir freuen uns, denn unser erstes Zwischenziel rückt näher und wir brauchen dort unbedingt schönes Wetter! Zügig umrunden wir die Kleinstadt. Wir fahren nun aufmerksam, denn wir haben den Weg nach Rocamadour beim Frühstück auswendig gelernt: Während einer Regenfahrt kann man kaum in der Karte lesen und Navi haben wir auch im 21. Jahr unserer Motorradreisen keines.

Jetzt aber aufpassen! Da vorne ist "Rocamadour" ausgeschildert, wir müssen links ab! Schon rollen wir langsam die unauffällige D36 entlang. Ein besserer Güter- und Landwirtschaftsweg durch eine ungewöhnliche Heidelandschaft führt zur Top-Touristendestination der Gegend, vermutlich ganz Frankreichs. Die Straße heißt "Le Pech". Da hat wohl jemand eine Wirtshauswette verloren!

Vorbei an kleinen Trockensteinmauern, die schmale Grundstücke begrenzen, vorbei an winzigen Eissalons und Cafés, die - obwohl abseits - ein Stück vom fetten Touristenkuchen abbekommen wollen, erreichen wir die uralte und legendäre Pilgerstadt: Rocamadour! Ein Name, den Gourmets weniger als katholischen Wallfahrtsort sondern vor allem als berühmten Ziegenweichkäse kennen.

Wir kennen uns hier aus! Das ist nicht selbstverständlich, denn rund um die sagenhafte Felsenstadt klebt ein verrücktes Wirrwarr von Kreisverkehren, Busparkplätzen, allgemeinen und privaten Parkflächen, Lokale für - meist - höhere Einkommensklassen und noch mehr Busparkplätzen. Wir rollen selbstbewusst bis zum besten Aussichtspunkt und halten die Transalps direkt am Parkplatz vor dem kleinen Restaurant "La Bellaroc". Puuuhhh, endlich Pause! Die letzten 80 km haben uns geschafft!

Plötzlich hört es schlagartig zu regnen auf. Jetzt Fotos! Wir eilen zum Abgrund und vor uns entfaltet sich das dramatische Panorama der Stadt, die nahezu senkrecht am Felsen klebt. Wir waren noch nie in der Altstadt, aber der Anblick "von außen" ist nichts weniger als spektakulär!

Trüber Sonnenschein und 20°C verleiten uns, unsere vier Häferl Kaffee in den Gastgarten zu tragen. Wir müssen uns ein wenig ausrasten. Wir - aus dem Kaffeehochpreisland -  freuen uns über die günstigen Preise und zahlen gerade mal 11.-  Dass das Personal hier wenig freundlich auf eine größere Rechnung gehofft hat, stört uns nur kurz. Ihr werdet heuer schon noch genug Touristen abgreifen, keine Sorge! Rocamadour ist letztendlich mit seiner Insta-Tauglichkeit auch nur ein Hotspot im allgegenwärtigen Overtourismus.

Wir diskutieren über den nächsten Streckenabschnitt. Es sind noch 70 km bis Beynac und wir können es kaum erwarten, dort anzukommen! Die atemberaubende Burg über dem Ort im Abendlicht eines lauen Sommerabends, das den Himmel über den Wipfeln der wie gemalt wirkenden Palme des zauberhaften Gastgartens blutrot färbt. Die Wärme, die Schönheit des Dorfs im Sonnenlicht...

Als wir Rocamadour verlassen, nieselt es und uns ist kalt. Wir haben die "Luftlinie" gewählt, egal, wie klein die Straßen sind. Außerdem ist in Souillac eine Straßensperre, die wir großräumig umfahren wollen. Von diesem Mistwetter lassen wir uns nicht den Plan versauen! Noch ist unsere Urlaubslaune nicht endgültig abgesoffen! "Stick to the plan!"

Die einsame D673 führt kurvenreich über eine Hochebene mit schönen Ausblicken. Eine super Strecke, auch wenn wir auf den nassen Straßen lieber vorsichtig bleiben. Die 80 km/h Höchstgeschwindigkeit haben wir schon tagelang nicht mehr erreicht. Das größere Dörfchen Payrac überrascht uns. Wenn sogar am Prachtboulevard die Häuser ihren Putz verlieren, wie mag es dann in den Nebenstraßen aussehen? Ist Okzitanien eine arme, gar vernachlässigte Region? Wir wissen es nicht.

Wir wechseln auf einen Single-Track. Die D36 und die D12 sind knapp einspurig und kurvig. Mal regnet es, mal nicht. Wir gucken aus verregneten Visieren konzentriert auf die Fahrbahn. Jetzt bitte kein Gegenverkehr! Sonst wüssten wir nicht, wie wir tun sollen! Es geht bergauf und bergab, durch Wäldchen und quer durch Bauernhöfe. Nicht nur einmal bellt ein Hofhund nervös, bis wir von seinem Terrain verschwunden sind. Wir fahren stur nach Karte Richtung Dordogne. Komme, was da wolle!

Bei Mareuil haben wir die Dordogne erreicht. Voller Freude über das neuerliche Ende des Regens schwingen wir die D50 entlang Richtung Westen. Die Ortsnamen, die Gegend ist uns schon vertraut! Obwohl unser Ziel am gegenüberliegenden Ufer liegt, wollen wir erst später die Seite wechseln. Drüben auf der D703 ist viel mehr Verkehr! Das ist die bekannte Touristenroute! Hier haben wir unsere Ruhe.

Das Dorf Saint-Julien-de-Lampon ist absurd gepflegt. Wischen die hier täglich die Straßen? Ziehen sich die Leute ihre schmutzigen Schuhe aus, bevor sie das Haus verlassen? Alles blitzt und blankt, wie wenn hier ein Staatsbesuch zu erwarten wäre. Oder die Tour-de-France, mindestens! [Anm: Zuhause werden wir lesen, dass es hier ein Gesetz gibt, Gestrüpp und Mist jederzeit und überall zu entfernen, wegen Waldbrandgefahr!]

Wir entscheiden uns, die Seite zu wechseln. ´Rüber ans Nordufer der Dordogne! Mit dem hübschen Mietschloss "Château de Rouffillac" im Blickfeld tuckern wir über die schmale Brücke. Das aus grauem Stein gemeisselte Geländer ist ansprechend verwittert und die Dordogne liegt träge in ihrem Flussbett. Über die D703 kommen wir gut voran. Die Straße ist bequem ausgebaut und hält auch Reisebusse nicht vor ihrem Ziel auf. Wir sehen die ersten Häuschen aus dem ockerfarbenem speziellem Stein des "Périgord Noir".

Überhaupt deutet alles auf "Süden" hin. Die Häuser, der Baustil, die Vegetation, ab und zu eine Zypresse, Bambus oder gar eine Palme am Wegesrand. Nur die Temperatur ist falsch. Wir hadern ein wenig mit unserem Wetterpech. Regnerische 14°C sind an einem 4. Juni wirklich nicht zu viel! Aber wir sind hier und das zählt.

Kurz vor Carsac-Aillac, das einen mit pittoresk verfallenden Bauernhöfen begrüßt, wird die Straße schmal, sehr schmal. Die 70 km/h, die man hier darf, erreichen wir nicht einmal annähernd. Vorbei an der kleinen, aber klobigen Kirche, die auch schon 1000 Jahre lang hier steht, und wir sind aus dem Dorf raus.

Wir cruisen langsam weiter und wundern uns. Wir hatten die D703 viel hauptstraßiger in Erinnerung! Tatsächlich steigt der schmale Weg jetzt merklich an. Wir kommen höher und höher und bald liegt die Dordogne weit unter uns und ... halt! Ein Parkplatz! Soeben ist wieder Regenpause und wir bremsen neben einer höhlenzerklüfteten Felswand am Straßenrand. Was für ein großartiger Ausblick auf das private "Château de Montfort da drüben! Aber was hängt hier für eine Gedenktafel im Stein?

Infobox: Was hier geschah?

1943
In den Wäldern von Turnac, hier bei diesem Felsen,
beschlossen Widerstandskämpfer aller Herkünfte,
gemeinsam gegen die Nazi-Besatzung zu kämpfen und gründeten
mit Unterstützung der Bevölkerung den ersten "Maquis"
Anm.: Widerstandsgruppe] des Périgord Noir.
WIR ERINNERN UNS!

Als zwei Wohnmobile allzuknapp neben unseren Transalps anhalten, fahren wir weiter. Außerdem regnets es wieder! Nur mehr 14 km bis zum Campingplatz! Das Wetter hat nicht mehr viel Zeit, auf Sommer zu drehen und unsere Erinnerungsphantasien von Beynac zu erfüllen...

Der Regen wird stärker und wir haben das atemberaubende La Roque-Gageac durchquert, ohne links und rechts zu schauen.

Um Punkt 16:00 Uhr flüchten wir ins Innere der hübschen Rezeption des Camps Capeyrou, während draußen ein Wolkenbruch niedergeht, der seinesgleichen sucht. Tropfnass können wir unsere Enttäuschung kaum verbergen. Wir werden freundlich begrüßt und bekommen das gewünschte Zelt Nr. 126, das in ruhiger Randlage.

Böse Erinnerungen an unsere frierend kalte Zeltnacht im Vercors kommen auf, während wir unsere gedankliche Rückblende an Beynac 2023 begraben. Ihr erinnert euch? "Die atemberaubende Burg über dem Ort? Abendlicht eines lauen Sommerabends? Das den Himmel über den Wipfeln der wie gemalt wirkenden Palme des zauberhaften Gastgartens blutrot färbt..."

Regenkalte und finstere 13°C waren nicht vorgesehen! Nicht ausgerechnet hier, am westlichsten Punkt unserer Reise nach Südfrankreich! Wir hatten schon schwierige Reisetage, 2019 waren wir wetterbedingt knapp am Aufgeben oder 2024 hatte Angelika gesundheitlich ernste Probleme. So schlimm war das heute noch lange nicht. Dennoch sind wir enttäuscht über das Mistwetter an unserem Urlaubsplatz!

Spät abends hört es zu regnen auf und während wir schweigend unser Travellunch kochen, dient der Gaskocher wieder als Tischheizung. Wir ziehen alles an, was die sommerlich gepackten Ortlieb-Rollen hergeben. Gut, dass in einem Vier-Personen-Zelt auch vier Decken bereit liegen. Raus gehen wir heute nicht mehr.
Unsere letzten Stoßgebete gelten allen Wettergöttern und -innen! Morgen ist motorradfreier Tag! 

Tageskilometer: 152 km

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Enttäuschungen oder: Stick to the plan

Regentag tapfer abgeritten

Was war im vergangenen Juni bloß los mit dem Wetter in Südfrankreich? Es war kälter als zur selben Zeit in Kiel, das nicht gerade für seine Hitze im Juni bekannt ist, aber ihr habt den Tag tapfer abgewettert und seid nun genau dort, wo ihr sein sollt: In Beynac am Fuß der Burg.
Mitunter ist es zur gleichen Zeit unerträglich heiß, und nun so.
Die Ansicht von Rocamadour wirkt wie eine Szene aus Game-of-Thrones, beinahe surreal. Tatsächlich bin ich da noch nicht gewesen, ich kenne bisher wirklich nur den Käse.
Diese Gegend Frankreichs, die Dordogne, Perigord, die Tarnschlucht, der Lot, sie ist so wunderschön. Meistens jedenfalls...
Danke fürs Mitnehmen, bei euch sind auch die Regentage lesenswert, besonders wenn man selbst zuhause im Pyjama vorm Rechner sitzt und unwillkürlich die Wolldecke enger um sich legt.
Drücke euch.
Svenja

Rocamadour

Moin ihrs,
Rocamadour hatten wir seinerzeit ganz zufällig "entdeckt" ohne zu ahnen, wie berühmt dieser Ort ist. Der ist das tolle, wenn man euch im Vorfeld hat nicht so großartig über Sehenswürdigkeiten informiert. Man fühlt sich immer wie DER ultimative Entdecker!
Übrigens gehört in unsere Gepäck unbedingt eine Badebüx. Die kann auch notfalls als schnelltrocknende Unterbüx verwendet werden

Dordogne

Hi!
Mich fasziniert das Foto "Willkommen an der Dordogne"! Ganz schön finster für Juni in Südfrankreich. Verstehe sehr gut, dass ihr euch das anders vorgestellt habt!
Bin neugierig, ob ihr euren freien Tag in Beynac im Regen sitzen werdet.

LG Micha

:-)))

hallo!
jetzt habe ich bei svendura ihren regentag gelesen und jetzt bei euch. natürlich denke ich, das ist der gleiche tag. aber das stimmt gar nicht!
war in frankreich im juni so eine lange kältewelle?

ihr habt die fehlende lust aufs motorrad fahren gut beschrieben. aber so ist es manchmal. in guten wie in schlechten zeiten! :-)))

dlzg der rider

Antw.::-)))

Nö, wir waren etwa 2 Tage hinter Svenja Svendura. Aber du hast recht, es war wirklich einige Tage lang kein Sommer.
Leidet die Laune bei dir auch so bei Dauerregen? Auch wenn man die Ausrüstung hat, aber irgendwann nervt es dann nur mehr!
LG Geli und Didi

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zuletzt aktualisiert am 9.2.2026