17. Tag: Saumur - Chenonceaux

Als wir die Hondas aus der Tiefgarage lenken, strahlt die Sonne vom wolkenlos-blitzblauen Himmel. Es ist 10.30 Uhr und es hat schon 18°C. Es scheint ein heißer Tag zu werden! Wir haben ein wenig herumgetrödelt, denn wir haben nur eine kurze Strecke vor uns. Frühstück haben wir ausgelassen, denn wir finden es seit einiger Zeit netter, unterwegs eine Kleinigkeit zu suchen, als ein Hotelbuffet zu entern. 

Wir überqueren die spektakuläre Steinbogenbrücke von Saumur und mit einem letzten Blick auf das trutzige Schloss wenden wir uns auf der D952 gen Osten, immer am Ufer der Loire entlang. Die Fahrt auf der schmalen Straße ist recht langweilig. Die abgeernteten Felder links und rechts sind gelbvertrocknet und staubig. Nahezu kurvenlos führt der Weg durch einfache Dörfer ohne Besonderheiten. Manchmal erhaschen wir einen kurzen Blick auf den berühmten Fluss.

Die Loire ist hier derzeit nur ein dünnes Rinnsal und wir sehen mehr Flussinseln und Sandbänke als fließend Wasser (>> Clip). Das ist doch interessant: Ein 1000 Kilometer langer Fluss, der kaum schiffbar ist und offensichtlich auch wirtschaftlich ungenutzt bleibt. Üblicherweise dienen solche Gewässer doch als Wasserstraßen für Transporte aller Art oder zumindest für kleine Touristenkreuzfahrten? Die Loire scheint all das nicht zu brauchen. Sie ist wohl nur zur Dekoration da! Und vielleicht für Freizeitsportler und Hausbootbewohner...

Immer wieder sehen wir hübsche kleine Burgen, Schlösser oder Klöster am Ufer der Loire. Aber wir haben ein besonderes Ziel und halten oft nur für ein kurzes Foto an. Nach 50 km landen wir in Saint-Etienne-de-Chigny. Der kleine Ort scheint zwischen der Loire und einer hohen Felswand eingeklemmt. Nanu, was ist denn das? Die winzigen weißen Häuschen sind verschwenderisch mit bunten Blumen geschmückt. Und die weißen Häuschen bestehen nur aus den Frontseiten!

Die Häuser sind samt und sonders in den Felsen gebaut! Der Platzmangel und wohl auch die sommerliche Hitze hier hat die Leute bewogen, in der Felswand zu wohnen. Das haben wir gestern in Rochemenier gelernt und nun sehen wir diese außergewöhnliche Bauweise mit eigenen Augen. Wir sehen Fenster und Balkone, die direkt aus dem Stein wachsen, Wintergärten, die in den Felsen geschlagen wurden, ganze Hotels, die sich tief in der Felswand befinden. Was für eine außergewöhnliche Architektur!

Aber trotz aller Begeisterung quält uns mittlerweile der Hunger und der Mangel an Benzin. Die Transalps haben wir längst auf "Reserve" geschaltet. Wir brauchen dringend eine Tankstelle für das alles! So bollern wir in einige kleine Dörfer am Weg und halten die Augen offen. Doch heute ist Montag und da ist bei zuvielen Tankstellen Sperrtag. Warum auch immer!

Jetzt rollen wir langsam durch Tours. Die wunderschöne Stadt ist zerfurcht von Baustellen und dementsprechend stauen wir am Loire-Ufer entlang. Zumindest haben wir Zeit, die ehrfurchtsgebietende Steinbogenbrücke zu betrachten, die hinüber in die noble Altstadt führt. Die "Pont Wilson" wurde vor 250 Jahren unmittelbar nach der Brücke von Saumur von den gleichen Bautrupps gebaut. Ob in den massiv gemauerten Steinkrügen am Brückenpfeiler jemals dekorative Blumen aufbewahrt wurden?

Wir schwitzen erheblich, als wir unter der Autobahnbrücke in den Schatten flüchten, um Google für eine Tankstellensuche anzuwerfen. Langsam wird es kritisch und wir sollten keine Umwege mehr riskieren! Niemand will sein Moped bei 33°C und noch vor dem Frühstück die Straße entlang schieben!

Ok, alles wird gut. Am Stadtrand von Tours finden wir endlich eine kleine Tankstelle. Huch, die Transalps waren beinahe schon ausgetrocknet! Ebenso wie wir und deshalb holen wir uns jetzt deftige Baguettes und kalte Getränke. Gierig mampfen wir das köstliche Zeug und spülen mit frischgepresstem Orangensaft nach. Puuhhh, das war für die Lebensgeister schon ziemlich knapp!

Deutlich motivierter düsen wir auf der D952 weiter (>> Clip). Bei einem kleinen Bootsverleih am Ufer halten wir wegen der Hitze kurz an und machen eine kleine Pause im völlig ausgetrockneten Gras. Als die nette Chefin zu uns herüberschlendert und ihre Angebote anpreist, überlegen wir kurz, ob wir mal auf die Loire hinausfahren wollen. Das gäbe sicher tolle Fotos! Aber wir haben heute noch einiges vor. Fahren wir lieber weiter, oder?

An der Loire gibt es unfassbar viel zu sehen! Über 400 Schlösser und man muss einfach ein paar auswählen und auf die anderen verzichten. Auf einer zeitbegrenzten Urlaubstour geht es nicht anders! Wir haben uns bei der Planung für ein paar tolle Hotspots entschieden und andere - nicht minder sehenswerte - Bauwerke müssen wir auslassen. Deshalb halten wir gegenüber dem grandiosen Schloss Amboise und der unvermeidlichen Steinbogenbrücke nur kurz an und versuchen, ein paar Fotos zu machen. Was für ein Märchenschloss! Leonardo da Vincis Grab besuchen wir beim nächsten Mal!

Ein paar Meter später überqueren wir die Loire und düsen die D31/D81 entlang. Die schnurgerade Strecke führt uns mitten durch einen dichten Wald ins Dörfchen Chenonceaux. Es ist erst 13.30 Uhr, als wir ohne Verzögerung zum berühmten Schloss Chenonceau kurven und am Parkplatz halten. Boah, es ist heiß geworden! 34°C! Nö, wir müssen zuerst in unser Quartier und das klobige Motorradzeugs loswerden!

Die fröhliche Zimmerwirtin begrüßt uns mit offenen Armen und wir bekommen ein hübsches rustikal-einfaches Zimmer. Schnell unter die Dusche und kurz später wandern wir in Bequemkleidung die paar Meter zum Schloss. Es ist gerade 14.00 Uhr, als wir beim futuristischen Ticketautomaten zwei Tickets und ein kleines Büchlein erstehen. Wir finden 15.- pro Person dafür nicht allzu teuer!

Und schon schlendern wir gemessenen Schrittes über die 400 Meter lange linealgerade und sehr repräsentative Allee zum Eingang. Schloss Chenonceau also! Blendend weiß erhebt sich das wunderschöne Bauwerk aus dem Fluss Cher, umgeben von perfekt manikürten Gärten mit überbordendem Blumenschmuck. Die Ästhetik wird hier nicht dem Zufall überlassen! Ein Trupp spezialisierter Gärtner stutzt gerade die Büsche in fantasievolle Formen, als wir - schwitzend - durch die Anlagen latschen.

Die Sonne brennt vom azurblauen Himmel, als wir am Flussufer lehnen und versuchen, die berühmte Wasseransicht dieses spektakulären Schlosses auf Foto zu bannen! Dieses Schloss ruht auf einer Bogenbrücke mitten über dem Fluss! Auf der Suche nach Schatten eilen wir zum kleinen Café, wo man um teuer Geld verschiedene Köstlichkeiten bekommt. Zufrieden sitzen wir eine Zeit lang unter dem gewaltigen Baum, schauen auf das unwirklich schöne Bauwerk und schlürfen einige Flaschen kaltes Mineralwasser.

Natürlich besichtigen wir das Schloss dann auch innen! Wir lüpfen unsere bunten Masken über Nase und Mund, als wir durch die feudalen Zimmer wandeln und die prunkvolle Ausstattung bewundern. Meine Güte, wohnten die Damen damals nobel und nur Damen bewohnten durch die Jahrhunderte dieses Haus!

Besonders in Erinnerung bleibt jedoch eine besondere und unauffällige Kleinigkeit, die mit einer berühmten Schlossherrin zu tun hat: Die unfassbar reiche und mächtige Caterina de Medici wohnte und regierte hier eine Zeitlang im 16. Jhdt.

INFOBOX

Um diese Herrscherin ranken sich verschiedene Anekdoten. Sie war nicht nur eng mit dem Papst verwandt, sie war auch eine begehrte Junggesellin ihrer Zeit. Sie war nicht hübsch aber durch Erbschaften ihrer Familie aus Florenz unglaublich reich geworden! Der französische König Franz I. machte letztendlich das Rennen und verheiratete seinen 14jährigen Sohn Heinrich im Jahr 1533 mit der pummeligen und gleichaltrigen Italienerin.

 

Caterina war leutselig, fröhlich, immer für einen Scherz zu haben, ritt im Herrensattel besser als mancher Edelmann und hatte "eine Goschn wie ein Schwert". Sie war keine zierliche Frau, aber ihre Anmut und ihr Humor erregten großes Aufsehen. Nur ihr Ehemann hielt nichts von seiner unfranzösischen Frau.

 

Als Hochzeitsgeschenk des Papstes erhielt sie prächtige Ohrringe, die sie später ihrer Schwiegertochter Maria Stuart schenkte, als die nach Schottland ging. Caterina sah dies als Versöhnungsgeschenk, da Maria sie als "florentinische Krämerin" tief verachtete. Nach deren Hinrichtung nahm Queen Elizabeth I. die Schmuckstücke an sich und trug die Ohrringe des Papstes bis zu ihrem Tod.

 

Thronfolger Heinrich hatte einige Geliebte, seine Favoritin war Diana von Poitiers. Ihr machte er das Schloss zum Geschenk und die junge Schönheit wohnte hier mit ihrem Gefolge. Und mit der italienischen Ehefrau ihres Geliebten.

 

Als Franz I. starb, wurde Heinrich König und Caterina Königin von Frankreich. Die Ehe war unglücklich und viel zu lange kinderlos. Caterina hatte großen Einfluss auf ihren Mann, indem sie seine Mätressen (und es waren viele!) hinterlistig zu besten Freundinnen machte. Besonders Hausherrin Diana von Poitiers wurde von ihr gefördert. Sie verteidigte Diana später gegen jüngere Nebenbuhlerinnen, die ihr durch noch größere Schönheit gefährlich werden konnten. Im Gegenzug sorgte Diana dafür, dass Heinrich ausreichend Sex mit seiner Gattin Caterina hatte und endlich ein Thronfolger geboren wurde!

 

Als ihr Ehemann jedoch starb, warf Caterina noch am selben Tag Diana und alle Geliebten ihres Mannes aus dem Schloss und wohnte und herrschte 30 Jahre lang anstelle ihrer vielen kränklichen Söhne, die sie als Mutter selbst bekochte und umsorgte und das war damals definitiv nicht üblich! Chenonceau war ihr Wohnort und Regierungssitz, Schauplatz ihrer ausschweifenden Orgien, Feuerwerke und Feste, die sie für ihre Familie gab. Nach ihrem Tod 1589 vermachte sie das Anwesen ihrer Lieblingsschwiegertochter Louise (die früh verwitwet und in schwerer Trauer ein kleines Zimmer schwarz ausmalen ließ und dies nie wieder verlassen hat).

 

Viele Persönlichkeiten gingen hier ein und aus. So wohnte auch J.J. Rousseau für einige Jahre in Chenonceau und wirkte als philosophischer Erzieher von Jaques-Armand, des Sohnes der schönen Salondame Madame Dupin, die hier ein Zentrum der geistigen Künste geschaffen hatte. Diese starke Frau hatte während der Revolution die Schlosskapelle vor der Zerstörung gerettet, indem sie das Holzlager hineinverlegen ließ und die Kapelle als Heizraum tarnte.

Caterina ließ den Haupttrakt des Schlosses über dem Wasser zu einer wunderschönen luftig-hellen Galerie umbauen. Das schlichte Schwarz-Weiß der Dekoration unterstreicht die großartige Symmetrie des enormen Saales! Und am Ende des Saales und somit auf der anderen Seite des Flusses befindet sich links eine unscheinbare und roh gezimmerte Holztüre:

In den Jahren 1940-1942 verlief die Grenze zwischen dem Deutschen Reich und der freien französischen Zone genau durch das Schloss, der Fluss Cher war die Grenze. Tausende schafften es, "in Deutschland" beim Haupteingang ins Schloss hineinzugehen, im Oberstock durch die Galerie zu eilen und durch die unscheinbare kleine Holztüre in die Freiheit nach Frankreich zu flüchten... Was für eine Geschichte!

25 Jahre davor ließ der Schlossbesitzer, ein reicher Chocolatier, in diesem Saal ein überaus zeitgemäßes Kriegslazarett einrichten und wohlhabende Soldaten gesundpflegen. Hier wurden auch die ersten modernen Prothesen entwickelt!

Nach ausreichenden Blicken (>> Clip) aus den Fenstern über den Fluss und über die prächtigen Gärten verschiedener Königinnen haben wir genug und lassen uns nochmals im Café nieder. Gegen den Hunger finden wir eine kleine Lachsplatte, Kuchen und einige Kleinigkeiten. Wir finden es hier so prächtig, dass uns die doch ambitionierten Preise egal sind - hier zahlt man die Aussicht mit!

Wir sind ziemlich erledigt, als wir durch die lange Allee wieder zu unserer kleinen Pension spazieren. Im Souvenirshop haben wir noch ein paar hübsche Erinnerungen und T-Shirts gekauft. Aber jetzt brauchen wir eine Pause. Wir müssen uns ein wenig um die Motorräder und um unsere Ausrüstung kümmern!

Erst viel später suchen wir einen hübschen Platz im Gastgarten unserer Unterkunft. Dichte Pflanzen und hübsche Springbrunnen machen diesen Garten zu einem verwunschenen Ort. Wir sind begeistert von den romantischen Ausblicken und später auch vom saftigsten Entrecôte, das wir jemals serviert bekamen!

Was für ein toller Tag! Morgen fahren wir weiter, immer die Loire entlang...

Tageskilometer: 115 km

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Unser 1. Loire-Schloss!

Loire

Moin, Moin,
Jetzt wo ihr es erwähnt... Kann mich auch gar nicht an irgendwelchen Schiffsverkehr auf der Loire erinnern. Auf dem Rückweg von der Bratwurst Bude hatten wir dort ein Camping geentert. Dazu gibt es auch eine nette Erinnerung

Antw.:Loire

Seltsam nicht? Der ganze Fluss ist nur für "Freizeit" da, oder? :-)

Dein Bericht von der Bratwurstreise ist klasse!

LG

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zuletzt aktualisiert am 31.7.2021