16. Tag: Guérande - Saumur

Heute verlassen wir die Bretagne und wenden uns ins Landesinnere. Eigentlich stimmt das nicht, denn Guérande gehörte nur früher einmal zu dieser sagenumwobenen Region. Wir sind schon längst im "Pays de la Loire" angekommen. Dennoch fühlt es sich wie ein Abschied an, denn ab jetzt geht es Richtung Osten, Richtung nach Hause. So sinnieren wir trübe dahin, während wir unser Häferl Kaffee schlürfen und alles zusammenpacken.

Die Nacht war unruhig, denn die überreifen Äpfel donnerten rund um uns auf die blechernen Hüttendächer und die Geräuschkulisse am Campingplatz erinnerte an gröbere Abrissarbeiten. Ein wenig lustlos klettern wir auf die Hondas und bollern um 9.30 Uhr vom Platz. Würden wir gerne wieder hierherkommen? Eher nicht, nicht auf diesen riesigen und unpersönlichen Campingplatz...

Es hat bereits 13°C, als wir im strahlenden Sonnenschein auf die D213 auffahren. Wir haben auf der Karte noch die Strecke gecheckt und wir hoffen, die großen Städte wie St. Nazaire an der Loire-Mündung, Nantes und Angers umfahren zu können. Notfalls nehmen wir Schnellstraßen. Die mit dem N im Namen!

Wir lassen die Transalps auf den schnurgeraden Straßen einfach dahinlaufen. Vom wunderschönen Nationalpark Brière, den wir gerade umrunden, sehen wir nichts. Frankreichs zweitgrößtes Moor muss eine große Attraktion sein: Man kann auf den unzähigen Kanälen mit Flachkähnen herumzuschippern, von einem herzigen Reet-Häuschen zum nächsten! Wir sehen allerdings auch nichts von den noblen Badeorten wie "La Baule", die rechts von uns die Atlantikküste säumen.

Wir sind so übervoll mit Eindrücken der letzten 14 Tage, dass uns das sture Geradeausfahren auf der N171 heute gar nicht stört. Es ist einfach entspannend, den Hondas einmal lange Zügel zu lassen. Trotzdem verlassen wir bei Bouvron die vierspurige Schnellstraße und biegen auf die schmalere D16 ab. Diese Landstraße führt nun in weit geschwungenen Kurven zwischen abgeernteten Feldern dahin. Es ist warm geworden und die Sonne blitzt vom wolkenlosen Himmel!

Die Temperatur hat die 25°C längst überschritten, als wir nach etwa 80 km bei Nort-sur-Erdre auf einem Parkplatz Anker werfen. Wir müssen unbedingt eine Schicht Klamotten loswerden! Als wir ein paar Schluck aus unseren Thermoskannen schlürfen, fällt uns die unglaubliche Ruhe hier auf. Sonntags ist in dieser Gegend wirklich nichts los! Den einzigen Lärm machen die Insekten, die eifrig um dornige Sträucher mit reifen Beeren kreisen. Wir sollten weiterfahren, bevor wir träge und müde werden!

Die Tradition, Straßen mit hohen Hecken und Alleen zu säumen, gefällt uns ausnehmend gut! Wir sind dankbar für jedes Fitzelchen Schatten, als wir die hübsche Kleinstadt Ancenis durchqueren. Jetzt müssen wir sie bald erreicht haben, die Loire! Unsere Reiseidee gliederte sich von Anfang an in drei Teile: Normandie/Bretagne/Loire. Heute soll der letzte Teil beginnen!

Uns ganz plötzlich überqueren wir den legendären Fluss! Wir fahren ganz langsam über die hübsche Brücke und sehen, dass die Loire heute Niedrigwasser führt. Da sind mehr grüne Inseln im Fluss als Wasser! Auf der anderen Seite in Liré angekommen, suchen wir die berühmte "Schlösserstraße". Wir wissen nicht viel darüber, aber wir nehmen  an, dass das eine gute Route ist, auf der man möglichst viele der über 400 spektakulären Schlossanlagen sehen kann! Das Loire-Tal ist doch eine ziemlich touristische Gegend!

Wir kurven ein wenig herum und endlich finden wir das hellbraune Schild, das international auf eine Sehenswürdigkeit hinweist: "Route de la Loire". D751 ist der offizielle Name der kleinen Straße, die sich nun kurvenreich und manchmal bergauf und bergab dahinschlängelt. Schade, dass wir die Loire nicht sehen können, die ist zu weit links von uns! Aber der Anblick der großen Weinfelder entschädigt dafür. Die Schlösserstraße trägt nämlich den Beinamen "Route de vins et villages de l´Anjou": Die Weinstraße im Anjou!

Bei 32°C im (nicht vorhandenen) Schatten cruisen wir äußerst kurvig durch weitläufige Weingärten, unendliche Weinberge und an prachtvollen Gutshöfen vorbei. Die Verkostungen bei den zahlreichen "Domaines" im Anjou können wir sowieso nicht wahrnehmen, also bollern wir gutgelaunt einfach weiter.

Im winzigen Dörfchen Notre-Dame-du-Marillais werfen wir spontan Anker. Am rechten Straßenrand haben wir ein Gasthaus entdeckt, das heute offen hat. Wir haben Hunger und Frühstück war keines und außerdem wollen wir uns ein feierliches Sonntagsessen gönnen! Wir parken die Hondas auf den Schotterplatz und stiefeln ohne Verzögerung auf die Terrasse.

Ui! Haben wir das teuerste Restaurant in der Gegend erwischt? Hier wirkt alles so nobel und wir sind in unserer staubigen Kluft vielleicht gar nicht angemessen gekleidet? Unsere Zweifel verstärken sich, als die aparte Kellnerin eine schwere Holztafel zu unserem Tisch zerrt, auf der mit säuberlicher Schmuckschrift die Speisen aufgelistet sind.

Aber wir sind in Frankreich, und da gehört das so! So wie auch die Ortsnamen in unseren Ohren vornehm klingen, so klingt auch ein einfaches Leberwurstbrot wie eine exquisite Spezialität! Die Preise hier sind zwar ambitioniert, aber das Lokal ist tatsächlich ein gemütliches Familienlokal und nachdem wir "Bretonische Gallettes" bestellt haben (alles andere konnten wir nicht entziffern), füllt sich der Gastgarten mit Ausflüglern und kinderreichen Familien und wir fallen gar nicht mehr auf.

Das Essen schmeckt ganz vorzüglich, auch wenn wir den Wein dazu ablehnen müssen, der hier in großen Gebinden auf die Tische wandert. So wie sich Seniorinnen in Österreich am Sonntagnachmittag zu Kaffee und Kuchen treffen, so treffen sie sich hier auf eine Flasche Wein und Austern. Andere Länder, andere Sitten!

Der beeindruckende Anblick der Kirche von Saint-Florent-le-Vieil liegt schon hinter uns, als wir in Montjean an einer Straßensperre zu stehen kommen. Verdammt! Die "Route de la Loire" endet hier vorerst und wir müssen vom Weg abweichen. Mit ständigem Blick auf die Karte cruisen wir jetzt durch die unspektakuläre Region der "Mauges" gen Süden, altes landwirtschaftliches Gebiet und nahezu unbewohnt. Wir haben schon bei der Reiseplanung ein bestimmtes Ziel in unserem Reiseführer entdeckt!

Ein paar Straßenschilder wären nicht schlecht gewesen, denn bei 33°C schwitzen wir mittlerweile gewaltig in unsere Motorradklamotten, als wir in Louresse-Rochemenier auf den Parkplatz bollern: Hier ist es, das "Village Troglodytique", das Höhlendorf!

Schon bei der Tour 2016 in Matéra/Süditalien hat uns fasziniert, wie Menschen aus vielerlei Gründen wieder zu Höhlenbewohnern werden. Doch waren es dort die ganz besonders Armen, so verhielt es sich hier grundlegend anders! Es war die große Hitze der Gegend, die Weinbauern dazu veranlasste, ihre Höfe unter die Erde zu bauen und im Untergrund zu leben. Diese Idee hatte man im Laufe der Geschichte auch im Maghreb, in Kappadokien, im Süden der USA oder in Australien.

INFOBOX

Bereits im 13. Jhdt. schlugen die Bauern an der Loire ihre Wohn- und Wirtschaftsräume in das weiche Gestein. Konnte man am Loire-Ufer direkt in Felswände bauen, so baute man hier in der Ebene einfach unter die Erde. Bis zum 19. Jhdt. entstanden hier 250 unterirdische Räume von etwa 40 Bauernhöfen! Zwei dieser Höfe kann man heute besichtigen. Sie liegen etwa 10 Meter unter dem Bodenniveau.

 

Man sieht Scheunen, Weinkeller, Ställe, Backstuben, Brunnenräume, eine Kapelle und viele private Wohnräume. Alles ist noch so eingerichtet, wie die letzten Bewohner 1964 ihr Haus verlassen haben. Nur eine Wohnung wurde - mit Fließwasser und Strom modernisiert - noch bis 1980 vom Aufseher des Höhlendorfs bewohnt!

In den Felsen und unter der Erde hat es im Hochsommer nie über 20°C und im Winter nie unter 10°C. Die jahrhundertealte Idee, unter der Erde zu wohnen, können wir heute angesichts der brütenden Sonne in dieser Ebene wirklich gut verstehen, als wir die vielen Stufen hinunter steigen und uns zwei Tickets checken.

Es ist berührend, durch die privaten Gemächer der damaligen Louressiens zu stiefeln. Aber auch der große Gemeinschaftsraum, wo man sich zum Essen, Singen, Plaudern, Nähen und Arbeiten traf, und die vielen kleinen Innenhöfe, lassen das damalige Dorfleben vor dem geistigen Auge wiederauferstehen.

Dass es keine armen Bauern waren, die hier lebten, sieht man an den landwirtschaftlichen Geräten aber auch an den prachtvollen Brautkronen, die hier ausgestellt sind. Marie Choiseau (1884 - 1963) präsentierte stolz ihren Brautschmuck bis zu ihrem Tod auf der kleinen Kommode in ihrem Schlafzimmer, neben dem Hochzeitsfoto mit ihrem geliebten Léon, und da steht er auch noch heute. Also der Brautschmuck.

Die Geschichten, die wir in dem kleinen Büchlein vom Ticketschalter lesen, erzählen von einer guten Dorfgemeinschaft, hilfsbereiter Nachbarschaft und glücklichen Ehen. Man lebte hier recht großzügig und keinesfalls beengt! Gab es irgendwo wieder Familiennachwuchs, so schlug man einfach in der Wohnung eine Nische in den weichen Felsen und stellte ein weiteres Bett auf. Wir finden diese Besichtigung ganz großartig! 

Nach einer Zeit machen wir uns wieder auf den Weg. Es ist schon später Nachmittag und die Sonne hat etwas an Kraft verloren, als wir ohne weitere Vorkommnisse auf der schnurgeraden D966 nach nur 25 km die mittelalterliche Kleinstadt Saumur erreichen. Wir sind soeben über die spekakuläre Steinbogenbrücke auf die Loire-Insel gefahren, auf der sich unser kleines Hotel befindet.

Es gäbe hier auf der Insel auch noch einen Campingplatz, aber vertrauenswürdige Motorradreisende haben keine Empfehlung dafür abgegeben und ausserdem kann man von dort das Schloss nicht sehen! Deshalb nehmen wir heute ein wenig Geld in die Hand und gehen ins Hotel!

Unser Quartier befindet sich genau gegenüber der Burg, die trutzig und düster seit 1370 auf ihrem Felsen das Stadtbild dominiert. Schnell wuchten wir die Hondas auf den vorreservierten Tiefgaragenplatz und eilen in unser Zimmer, mit Schlossblick. Schnell eine kühle Dusche und etwas frischmachen aber dann los!

Während wir gutgelaunt über die 400 Jahre alte Steinbrücke eilen, finden wir, dass das Schloss am anderen Ufer eigentlich wie eine Burg aussieht. Der Unterschied? Schlösser sind Prunkbauten und wurden zum Angeben gebaut, Burgen eigentlich zur Verteidigung. Die Verteidung Saumurs zwischen Mai und Juni 1940 ist allerdings eine eigene - und interessante Geschichte!

INFOBOX

Die Bevölkerung hatte enormes Glück! Dazu muss man Folgendes wissen: In Saumur liegt seit 200 Jahren "Cadre Noir", die berühmteste Reitschule der Welt! (Ok, vielleicht nach der Spanischen Hofreitschule zu Wien, mit ihren Lippizzanern.) In dieser Kavallerieschule werden seit ewigen Zeiten großartige Pferde für hochnoble Reitkunst ausgebildet. Diese Tradition ist so hervorragend, dass die 500 Jahre alte französische Reitsporttradition von der UNESCO zum geistigen Weltkulturerbe geadelt wurde!

 

Als am 21. Juni 1940 ein Kavallerie-Rergiment der Wehrmacht unter Generalmajor Feldt die Stadt eroberte, verweigerte der Pferdefreund Feldt den Befehl, die Stadt ausbomben zu lassen: "Die da drüben sind Kavalleristen und daher unsere Freunde – und außerdem widerstrebt es mir, die schönen Pferde durch Bomben kaputtschmeißen zu lassen." Die Stadt blieb unangetastet und Feldt erhielt bei seinem Begräbnis 1970 große Ehren durch französische Offiziere...

So können wir heute durch die uralte Stadt bummeln. Obwohl ihre große Zeit bereits seit 400 Jahren vorbei ist, ist Saumur doch eine hervorragende Renaissance-Stadt. So düster das Schloss wirkt, so dunkel sind die Häuser. Die Altstadt hat etwas seltsam Abweisendes. Wir finden den Eindruck etwas trüb, es ist keine bunte und auch keine besonders saubere Stadt. Schmucklose, hohe Häuser säumen die Shoppingmeile, in der wir ein Abendessen suchen. Hier reiht sich ein Lokal an das nächste.

Letzendlich entscheiden wir uns für die "Brasserie de la bourse" in der Fußgängerzone neben dem alten Rathaus. Nur wenige Meter von der Loire entfernt! Jetzt lassen wir uns von der feudalen Speisekarte auf Holz nicht mehr einschüchtern, die zwei Kellner gemeinsam vor unserem Tisch aufbauen. Wir bestellen quer durch die Speisekarte verschiedene Leckereien. Vor allem das Hühnchen in Ananas-Kokossauce wird uns äußerst positiv in Erinnerung bleiben...

Bevor wir schlafen gehen, bekommen wir vom netten Barkeeper im Hotel noch einen guten Kaffee, den wir dann ausgiebig auf der Terrasse genießen. Mit Blick auf das beleuchtete Schloss und die alte Brücke...
Gute Nacht, Saumur!

Tageskilometer: 250 km

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Höhlenmenschen und ein düsteres Schloss

Interessant!

Ich habe noch nie von Höhlenwohnungen in Frankreich gehört!
TinA

Antw.:Interessant!

Wir auch nicht! Umso größer war die Überraschung. :-)
Liebe Grüße!

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zuletzt aktualisiert am 2.3.2021