5. Tag: Årsunda - Ullånger

Noch im Halbschlaf spitzen wir die Ohren. Regnet es noch? Alles ist ruhig. Wir schlüpfen aus unseren weichen Hüttenschlafsäcken und schauen mal hinaus. Es ist finster, die Wolken hängen tief über dem Campingplatz und der Boden ist aufgeweicht mit vielen tiefen Pfützen.

Die wenigen Wohnmobilisten schlafen noch, als wir still und leise unser Zeug zusammenpacken, eine schnelle Tasse Kaffee schlürfen und um 8:45 aufbrechen. Wir haben zur Sicherheit schon das Regenzeug angezogen, denn der Himmel schaut bedrohlich aus. Ausserdem fröstelt es uns bei 9°C ein wenig und Plastik ist absolut winddicht.

Kaum sind wir auf den R272 aufgefahren, beginnt es zu nieseln. Wir fahren über einen langen Damm, der den großen Storsjön-See in zwei Hälften teilt. Es sind interessante Aussichten während der Überfahrt, denn auf dem schmalen Landweg stehen einige hübsche Häuschen.

Der Regen wird stärker und als wir die E16 erreichen, schüttet es ziemlich. Im Blindflug richten wir uns gen Osten und erreichen nach wenigen Kilometern die E4 bei Gävle. 

Unser Plan ist, nun den Bottnischen Meerbusen nach Norden entlang zu fahren und möglichst viele schöne Ausblicke auf den nördlichsten Teil der Ostsee! Mittlerweile tobt aber ein Regensturm der Sonderklasse und wir beschließen wortlos, auf der Autobahn zu bleiben. Es ist nicht das Wetter, um kleine hübsche Küstenstraßen entlang zu cruisen.

So kämpfen wir uns tapfer 80 km geradeaus. Die Strecke ist öde und kurvenarm. Das allerteuerste Pinlock-Visier ist völlig sinnlos, wenn es von oben in den Helm hineinregnet und man das Wasser von der Innenseite nicht wegwischen kann!

Angelika hasst ihren Schuberth-C3 gerade dafür, als sie aus der Tropfsteinhöhle ihres Helmes eine Tankstelle bei Söderhamn erkennt und ihre Transalp vorsichtig einfängt. 

Bei strömendem Regen retten wir uns ins Trockene und bestellen erstmal Hotdogs und Kakao zum Frühstück. Fassungslos schauen wir uns an. Was war das für eine furchtbare Fahrt? Wir essen langsam, um nicht wieder raus zu müssen und legen noch zwei knusprig-weiche Wienerbrød nach.

Irgendwann müssen wir aber weiter und machen wir uns wasserdicht für die nächste Etappe und raus.

"Besatzung auf Tauchstation!"
"Klarmachen zum Tauchen!"
"Fluten, fluten!"

Die nächste Tankstelle ist bei Hudiksvall in etwa 60 km. Kilometer um Kilometer kämpfen wir uns Kurs Nord und das Wetter könnte feindlicher nicht sein. Mehrmals bekommen wir eine volle Ladung Wasser von den LKWs ab, als wenn der Starkregen von oben noch nicht reichen würde! Langsam wird es auch kälter.

Wir halten die Transalps stramm auf Kurs und zählen die Kilometer runter bis zum nächsten Halt in Hudiksvall. Tankstellen liegen hier weit auseinander und umso mehr freuen wir uns auf Wärme und Kakao und als wir die Tankstelle im Starkregen vor uns erkennen können ... fahren wir daran vorbei.

War es eine unsichere Verkehrssituation oder kam die Ausfahrt zu plötzlich? Waren wir unkonzentriert? Keine Ahnung! Es bleibt uns nix über, als frustriert und frierend weiterzufahren. Die Temperatur sinkt auf 5°C.

Doch, schau! Da vorne ist die nächste Abfahrt! Mit dem Mut der Verzweiflung schwenkt Angelika ihre Transalp von der Autobahn und flüchtet kurz später in die wohlige Wärme einer großen Shell-Tankstelle. 

Während Didi mit stoischer Gelassenheit beide Transalps bis zum Rand mit gutem 95 Blyfri füllt, zerrt sich Angelika das tropfende Regengewand vom Körper und schlüpft aus den Stiefeln. Eine erste Kontrolle ergibt: alles trocken.

Auf Socken holt sie Hotdogs, Kaffee, Kakao und Schokolade und baut alles auf dem gemütlichen Ecktisch auf. Das wird eine richtig lange Pause! Wir holen uns mehrfach Nachschlag an Kaffee und Schokolade, während unser Regengewand, Handschuhe und Stiefel zum Trocknen in der Nähe der Heizung liegen.

Die Menschen hier sind nett, man lässt uns gewähren und wir ernten auch den oder anderen mitleidigen Blick von sommerlich gekleideten Leuten, die sich ein schnelles Eis aus der Tiefkühltruhe holen.

Wir überlegen kurz, hier einzuziehen, entscheiden uns dann aber für die nächste Etappe. Mühsam winden wir uns wieder in einige Schichten warme Wäsche und ziehen noch ein Icebreaker-Shirt darüber. Dann schnell raus, bevor man auskühlt, und weiter gehts!

Das Dumme an solchen Unwettern ist ja, dass man nicht so schnell fahren kann, wie man eigentlich möchte, um schnell raus zu sein. Für die nächsten 80 km bis Sundsvall brauchen wir eine gute Stunde!

Aber unsere Lebensgeister kehren langsam zurück, denn nun wird der Regen zum Niesel und in Sundsvall fahren wir plötzlich im Trockenen. Meine Güte, jetzt kommt nach 250 km Sauwetter sogar ein wenig blasser Sonnenschein durch die Wolken!

Noch einmal lockt eine kleine Shell-Tankstelle mit Hotdogs und Kakao. Es ist unglaublich, wie hungrig nach fett und süß so eine Fahrt macht! Wir genießen es, im Freien stehend zu essen und wir sind froh, diese Höllenfahrt gut gemeistert zu haben. Noch 120 km ins Quartier!

Wir bleiben nun auf der E4 und cruisen durch die Provinz Västernorrland. Die Straße führt über flaches aber hübsches Land. Die hohen Wälder liegen hinter uns, man sieht hier weit bis zum Horizont. Auch viele kleine Seen bringen Abwechslung während der Fahrt.

Bei einer kurzen Pause an einem besonders schönen Platz treffen wir ein Ehepaar aus Å i Lofoten. Die beiden freuen sich, als wir unseren Plan erzählen, in etwa zwei Wochen dort zu sein! Wir trinken einen gemeinsamen Kaffee am Parkplatz, bevor wir weitermüssen. 

Wir haben gelesen, dass wir uns hier im Gebiet "Hohe Küste" befinden. Die Höga Kusten sind Weltnaturerbe und es gibt hier viele geologische Besonderheiten zu bestaunen. Uns ist vor allem die Fahrt über die Högakustenbrücke in Erinnerung! Die elegant-leichte Hängebrücke ist immerhin Schwedens zweithöchstes Bauwerk.

Wir durchfahren eine liebliche Gegend! Birkenwälder säumen kleine Seen und die Ostsee, die hier Bottenhavet heißt und eine abwechslungsreiche Uferlinie geschaffen hat, blitzt oft durch die Bäume.

In Ullånger haben wir es fast schon geschafft und eine rabiate Baustellenzufahrt mit tiefem Schotter später stehen wir bei unserem Campingplatz. Es ist 16:45 und die Sonne scheint. Trotzdem ist uns bei 7°C ziemlich ungemütlich.

Heute wollen wir nur mehr chillen, gutes Travellunch essen und schlafen. Nachdem die Schwierigkeiten mit dem Quartier gemeistert sind, kochen wir in der hübschen Gemeinschaftsküche leckeres Curryhuhn. Für die Seele rühren wir später noch ein Mousse au Chocolat zusammen. Heute gehen wir früh schlafen, denn uns ist immer noch kalt...

Tageskilometer: 355 km

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Nachtrag: Auf die von Svenja gestellte Frage, ob Regen eine Reise verdirbt, antworteten wir live am 26. Mai aus der Hütte:
"Zu deiner letzten Frage wegen Regen. JA! Regen kann definitiv eine Reise verderben. Also hier in Schweden, bei 5°C und 250 km Starkregen. Da versucht man nur, im Blindflug auf der Autobahn zu überleben und trinkt heissen Kaffee, bis man fast in den Helm bricht..."

 

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Zwischen Årsunda und Ullånger...

Guter Bericht

Danke für den lustigen Bericht über einen unlustigen Reisetag. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

LG Michi

Antw.:Guter Bericht

Hi Michi!
Danke fürs Mitlesen! Ja, das wird noch eine spannende Reise... ;-)

LG Angelika + Didi

Ist es nicht ätzend, wenn...

Dieser Reisetag hatte so viele "Ist das nicht ätzend, wenn..." Momente, die ich alle sämtlich wiedererkannt habe und vermutlich jeder andere Biker auch:

> von sommerlich gekleideten Leuten, die sich ein
> schnelles Eis aus der Tiefkühltruhe holen.
Man fragt sich: Was mach ich hier bloß?

Oder das mit dem teuren Pinlock Visier, wo es schlicht reinregnet und man nicht von innen wischen kann. Oh, wie ich das kenne und liebe.
Oder die Tankstelle, auf die man ewig gewartet hat und an der man dann doch einfach vorbeifährt. Warum? Das weiß niemand. Ist eben so.

Meine Güte, 355 km bei dem Wetter sind kein Vergnügen. Das war richtig Arbeit, denke ich. *seufz* Möge es bald wieder besser werden, trockener und schöner. Das wünsch ich euch von Herzen.

Drück euch.
Svenja

Antw.:Ist es nicht ätzend, wenn...

Ja, hm, das war ein richtig ungemütlicher Tag. Das war wohl "Schweden von seiner schlechten Seite". Man fragt sich da wirklich jeden Kilometer, warum man da ist, was das soll, ob sich eine schnelle Umbuchung nach Korsika noch ausgeht.
Da kommt man auf so Ideen! Da war kein Motorradwetter, einklich. :-)))

Geli

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zuletzt aktualisiert am 18.9.2019