8. Tag: Omaha Beach und die Landungsstrände

Um Punkt 10.00 Uhr fegen wir mit den Hondas vom Platz. Wir haben heute viel vor! Es wird nicht "der längste Tag", aber ein langer allemal.

Es ist trüb und mit 13°C nicht allzu warm. Die Straßen sind noch nass - hat es in der Nacht geregnet? Am Frühstücksbuffet haben wir in ein paar Folder geguckt, um uns an den Landungsstränden zurecht zu finden. Wir haben herausgefunden, dass gleich hinter dem Campingplatz die D514 "Route de Arromanches" direkt Richtung Meer beginnt. Also los!

Zwischen flachen Feldern und winzigen Dörfern geht es 9 km gemütlich dahin und plötzlich sehen wir es! Schon lange vor dem Ortsschild "Arromanches-les-Bains" erkennen wir massive, dunkelschwarze Betonblöcke mitten im Meer, in einem lückenhaften Halbkreis angeordnet. (>>Clip)

Wir folgen den Schildern und stehen unvermittelt im Hafen. "Port Winston" steht auf dem überdimensionalen Plakat an der Seitenwand des Museums. Vor dem Schranken halten wir kurz und ziehen zwei Tickets aus dem kleinen Automaten, bevor wir auf den großzügigen Parkplatz bollern und an der Kaimauer halten.

Sturm kommt auf und da drüben in England geht ein Unwetter nieder, das näherzukommen scheint! Deshalb lassen wir es, über den nassen Sandstrand zu den Pontons zu stiefeln, die im Flachwasser vor sich hin rotten. Die "Beetles" sind ein unheimlicher Anblick!

Unförmige, enorme Betonblöcke, teilweise von Algen überwachsen, tümpeln an der Wasserkante und bilden weit draussen im Meer ein künstliches Riff. Die Reste lassen die enorme Größe der Anlage erkennen! Wir sind schwer beeindruckt. Was Menschen schaffen können, wenn sie wirklich, wirklich wollen!

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INFOBOX:

Engländer und Amerikaner brauchten nach der Invasion einen Hafen, um Soldaten, Fahrzeuge und Zeug nach Frankreich zu holen. Calais war durch die Wehrmacht versperrt, also plante man den Bau von eigenen Anlegestellen. "Mulberry A" bei Omaha Beach war nach wenigen Tagen durch einen Sturm zerstört, also blieb der Hafen in Arromanches.

Winston Churchill brachte sich beim Bau der Einzelteile in Southampton persönlich ein. Als man ihm die Schwierigkeiten mit dem enormen Tidenhub von 12 Metern berichtete, machte er die beiden Ingenieure zur Schnecke: "Tidenhub? Lösen sie mir das Problem!" Sie lösten das Problem mit schwimmenden Elementen aus alten Schiffen, die sie mit Beton füllten. (Viel später bewiesen sie ihre Fertigkeiten beim Bau des Opernhauses in Sydney...)

Die Bauteile wurde in der Themse versenkt, um sie vor dem Feind zu verstecken. Am Tag nach dem D-Day zog und schob man sie übers Wasser nach Frankreich und errichtete in Windeseile den künstlichen Hafen in Arromanches. Komplett mit Landungsbrücken und Plattformen war er nach nur einem Tag Bauzeit betriebsbereit.

628.000 Tonnen Nachschubgüter, 40.000 Fahrzeuge und 220.000 Soldaten wurden während der Operation Overlord hier im "Port Winston" an Land gebracht. Er wurde zum Hauptdarsteller des Nachschubs für sämtliche alliierte Unternehmen.

Wir können uns von dem verstörenden Anblick lange nicht lösen: Die betonierten Überreste ragen als schaurige Fremdkörper aus dem wunderschönen Sandstrand, der bis zu den 30 Meter hohen Klippen da drüben eine sanft gerundete Bucht bildet. Aber wer würde hier schwimmen gehen wollen?!

Der Wind wird immer stärker und der Regen scheint übers Meer näher zu kommen. Eilig klettern wir wieder auf die Hondas und lenken vom Parkplatz. Angelika hat in der Aufregung ihr Ticket verloren, also zahlen wir nur für Didis Einfahrt und quetschen uns gleichzeitig unter dem Ausfahrtsschranken durch. Schnell weg!

Wir verlassen das alte Dörfchen, in dem jede Ecke von englischen und amerikanischen, kanadischen und deutschen Flaggen geschmückt ist. Es gibt hier mehr Souvenirgeschäfte als Möwen und alle werben mit der furchtbaren Vergangenheit. Wir haben äußerst gemischte Gefühle dazu. Aber jetzt kurven wir auf der D514 die Normandieküste entlang!

Die schmale Straße zieht sich in gemächlichen Kurven in Strandnähe dahin. Links sehen wir das flache Land mit weitläufigen Weinfeldern und rechts erahnen wir das Meer in unmittelbarer Nähe. Wir passieren einige uralte Dörfer mit trutzig-grauen Steinhäusern. Alles hier wirkt wunderbar alt und historisch, aber wir kennen die Bilder der Nachkriegszeit. Die Häuser hier sind im besten Falle 75 Jahre alt...

Die Straße führt als Single-Track durch das Dörfchen Longues-sur-Mer. Eine weitere Station unserer Besichtigungstour! Tatsächlich gibt es hier die einzige deutsche Küstenbatterie des Atlantikwalls mit noch erhaltenen Kanonen zu sehen! Ob wir die hier finden?

Wie naiv! Tatsächlich ist der großräumige Parkplatz nicht zu übersehen, schon wegen der Reisebusse, die hier im Weg stehen! Wir kurven ein wenig herum, um möglichst nah an die Kasematten zu kommen. Jeder gefahrene Meter ist einer, den wir nicht latschen müssen! Ein Ehepaar grüßt freundlich lachend, als sie unsere österreichische Herkunft erkennen. (>> Clip)

Ein kleiner Kiesweg führt zu den Kanonen. Wir sind hier 450 Meter von der Küste entfernt. Zwischen uns und dem Meer liegt eine sanft abfallende saftige grüne Wiese. Wenige Touristen mit umfangreichen Filmausrüstungen streifen in der Gegend umher. Wir stehen nun vor dem ersten Geschützstand. Die intakt wirkende Kanone deutet seit 76 Jahren drohend in Richtung Strand.

Über uns ballen sich dunkle Wolken, als wir schweigend am Bunkereingang stehen und die Smartphones anwerfen. 170 Schüsse wurden hier abgefeuert. Kein einziger traf ein Invasionsschiff und am Tag nach dem D-Day ergaben sich alle 184 Soldaten, die hier den Atlantikwall hätten schützen sollen, kampflos.

Während Didi sich hinter die Stahlschutzplatten interessiert ins Innere des Bunkers quetscht, guckt Angelika lieber aus gebührendem Abstand. Es ist kein schöner Anblick! Die Geschichte fängt hier auf eine ungute Art zu leben an und das drohendschwarze Unwetter, das übers Meer hereinkommt, lässt die ersten Regentropfen fallen. Verschwinden wir lieber und fahren wir weiter!

Es ist seltsam hier. So viele hübsche Städtchen mit weniger als 200 Einwohnern. Bunter Blumenschmuck überall! Sie nennen die wunderbare Küste hier auch "Perlmuttküste", wegen dem weißen Sand. So pittoresk die steinernen Dörfer, so romantisch die großen Weingüter, so saftig grün die unendlichen Weiden links und rechts der Straße auch sind. D-Day 1944 ist an allen Ecken und Enden überdeutlich spürbar.

Sei es die alliierte und auch deutsche Beflaggung von zahlreichen Privathäusern, seien es die unzähligen Hinweisschilder auf Friedhöfe, Mahnmale oder Denkmalsteine. Oder einfach die Tatsache, dass hier so viele Straßen und Plätze die Namen alliierter Kriegshelden tragen.

Nach 15 km treffen wir in Colleville-sur-Mer ein. Das Dörfchen mit seinen - täuschend historisch aussehenden - Häuschen aus grob gehauenen Steinen ist uns von zahlreichen Filmen und Fotos bekannt! Diese ikonographischen Bilder sind hier an jenen Standorten plakatiert, an denen Fotografen wie Robert Capa am 6. Juni 1944 den Bildausschnitt mit ihren Leicas auf Agfacolor bannten. Damals und heute - so knapp nebeneinander.

Kurz überlegen wir, den größten amerikanischen Friedhof zu besuchen, der hier ganz in der Nähe ist. Aber - ehrlich - wir haben von Friedhöfen schon genug. Über 9.000 Amerikaner, unter ihnen der fiktive Captain Miller, sind hier bestattet. (Viele kennen den Friedhof wegen der Anfangs- und Schlußszene des Films "Der Soldat James Ryan".)

Wir sind dem Regen davon gefahren! Nun wird es langsam freundlicher und die Sonne kommt heraus! Langsam macht sich unbezwingbarer Kaffeedurst bemerkbar. Es geht weiter - immer noch auf der Küstenstraße D514, die nun "Route d´Omaha Beach" heißt. Wir tuckern langsam an den alten Landungsbrücken vorbei, die hier den Straßenrand säumen. Auf diesen schwimmenden Konstruktionen gingen die Soldaten nach dem D-Day an Land.

Auf den nächsten zwei Kilometern gibt es zwei gigantische Museen, die an den 6. Juni erinnern, das Overlord Museum ist das umfangreichste der Normandie! Wir haben keine Lust auf eine Besichtigung und fahren langsam daran vorbei.

Die Flaggendichte an den Wohnhäusern wird nun auffällig höher, wir nähern uns dem gefühlten ersten Höhepunkt. Obwohl uns diese Bezeichnung ein wenig fragwürdig erscheint! Aber Omaha Beach ist wahrscheinlich der berühmteste, zumindest aber der meistzitierte Strand der Normandieküste! Mehr als ein Landungsstrand - längst ein Symbol.

In Saint-Laurent-sur-Mer ist die Vergangenheit unübersehbar. Der kleine Kreisverkehr in der Ortsmitte ist dicht umringt von Hinweisschildern auf verschiedene Denkmäler und Friedhöfe. Einer der - von der Tricolore und Stars and Stripes geschmückten - Pfeile weist nach rechts Richtung Strand "Plage d´Omaha Beach". Wir biegen langsam in die "Avenue de la Libération" ein.

Es geht sanft bergab und durch ein kleines Wäldchen. Und plötzlich sehen wir das Meer direkt vor uns - und links einige Panzer und Kriegsgeräte, die mit ihren Kanonen Richtung Küste zeigen. Das "Memorial Omaha Beach" steht hier, nur 300 m vom Strand entfernt. Ein Museum mit persönlichen Dingen von "all those who landed to liberate us and to whom we owe our profound respect." Wir verlangsamen unsere Hondas.

Nein, wir wollen nicht hinein und noch weniger wollen wir Souvenirs von hier kaufen! So gerne wir Kitsch und Tand von unseren Reisen mit nach Hause nehmen, nie war uns weniger danach als hier. An dem Strand, den die Amerikaner "Bloody Omaha" nennen. Wir verlangsamen, weil wir dort vorne am Ziel sind!

Aus den Augenwinkeln nehmen wir links einen weitläufigen Parkplatz und ein Restaurant wahr, das gigantische Denkmal in der Mitte des Platzes, rechts sind noch einige Lokale und im Wasser stehen die berühmten "Silbernen Flügel" schimmernd in der Sonne. Wir bollern langsam ein Stück den Strand entlang, um ein Gesamtbild zu gewinnen. Wir haben nicht bemerkt, dass die Wolken fast verschwunden sind und die Sonne noch ziemlich Kraft besitzt, als wir eine kurze Pause am Strand einlegen.

Die Wasserkante ist wenige Fußbreit neben uns. Der Strand ist verstörend schmal! Viel enger als er in den TV-Dokus wirkt! Wie weit ist es bis zur Hügelkette hinter dem Restaurant da hinten? 100 Meter? Es gibt nur wenige Wege zwischen den steilen Hängen, die ins Landesinnere führen. Es müssen taktische Gründe für eine Landung hier gesprochen haben. Die günstige Topografie war es wohl nicht! (Erst später werden wir lesen, dass am frühen Morgen des 6. Juni 1944 erstens Ebbe und zweitens wegen des Vollmonds auch Niedrigwasser herrschte und der Strand zumindest stundenweise sehr viel breiter war.)

Der nahezu unbebaute Sandstrand breitet sich 10 Kilometer lang aus und die dicht bewaldeten Hügel, die den Strand begrenzen, gehen westlich in steile Klippen über. Es ist wunderschön hier! Neben uns schäumt das Meer gegen die Felsen, die hier als Wellenbrecher aufgehäuft sind. Wir werfen die Transalps an und lenken zurück auf den großen Parkplatz. Wir schnappen uns die Filmkameras und Fotoapparate und schauen uns um (>>Clip).

Das alles beherrschende "Signal Monument" steht gewaltig hoch und düster in der Sonne. Es steht an der Stelle jenes Signals, das den GIs den kürzesten Weg vom Strand über die Hügel ins Landesinnere markierte. Den Weg aus der Hölle. Jenen Weg, den wir vorhin herunter gefahren sind. Der steinerne Bug eines landenden Schiffes ist wohl mehr Grab- als Gedenkstein. "The Allied Forces landing on this shore, which they call Omaha Beach, liberate Europe. June 6th 1944" ist in massiven Lettern eingemeisselt.

Jetzt steigen wir ein paar Stufen hinunter in den Sand. Gewaltige metallische Flügel stecken nur Armeslänge von uns entfernt im Wasser und blenden im Sonnenlicht. "Die Tapferen" heißt das Mahnmal und wir sind nicht sicher, ob Tapferkeit den Zustand der jungen Männer in den Landungsbooten richtig beschreibt...

INFOBOX:

"Les Braves" besteht aus drei Gruppen, jedes weit über 2 Meter hoch. Am Strand ist eine Tafel angebracht, auf der der Künstler seine Interpretation erklärt:

"Die Flügel der Hoffnung" sollen uns inspirieren, gemeinsam die Zukunft zum Guten zu wandeln, damit die Soldaten nicht umsonst gelandet sind. "Erhebe dich, Freiheit!" bedeutet den immerwährenden Kampf gegen Barbarei und Unmenschlichkeit, es fordert auf, sich ein Beispiel an den jungen Männern von damals zu nehmen. Und die "Flügel der Brüderlichkeit" erinnern an das Einstehen und die Verantwortung für seine Mitmenschen.

Wir machen Fotos aus allen möglichen Perspektiven. Verzweifelt bemüht, die seltsam dichte Stimmung an diesem sonnigen Sandstrand einzufangen. Wohl coronabedingt  - üblicherweise besuchen täglich 8.500 Menschen diesen Strand - spaziert nur eine Handvoll Touristen hier herum. Die meisten schweigen andächtig. Jeder hat hier die immer gleichen Bilder im Kopf und ein größerer Gegensatz zur heutigen Realität ist kaum möglich! Es ist so friedvoll hier, so wunderschön! Aber der Ort ist symbolisch enorm aufgeladen, ein Erinnerungsort des kollektiven Gedächtnisses mindestens einer Generation. Wenn eine Landschaft Erinnerungen festhalten kann, dann tut sie es hier. Und zwar eindrucksvoll.

Wir wollen etwas von hier mitnehmen und Angelika findet im Sand eine perfekte, glänzende Muschel mit zart hellrosa Perlmutt. Vorsichtig packen wir sie ein, bevor wir die Stufen hinaufsteigen und Richtung Restaurant stiefeln. Das Restaurant L´Omaha ist nur wenige Meter entfernt und wir entern einen hübschen Platz im Gastgarten, mit Blick auf das Meer und seine Denkmäler.

Während wir unsere Gedanken schweifen lassen, löffeln wir einen unfassbar leckeren "Schokokuchen mit flüssigem Kern", der in Schokoladensauce schwimmt. Unsere Generation nannte das "Mohr im Hemd", als es political correctness noch nicht gab und Leckereien wie "Negerbrot" und "Zigeunerschnitzel" eben so hießen, wie sie hießen...

Nach dem letzten Schluck Kaffee brechen wir auf. Eine kleine Besichtigung haben wir noch vor, nicht weit weg von hier!

Es geht weiter über die D514 "Liberation Route" Richtung Westen. Die Straße wird immer schmäler und ab und zu fahren wir zwischen hohen Hecken. Es sind die immer gleichen Anblicke von täuschend alt wirkenden Steinhäusern, wunderschönen Gutshöfen, weitläufigen Feldern und deutschen, amerikanischen, englischen und kanadischen Flaggen allerortens. Im Westen nichts Neues...

Nach 10 km kurven wir um einen winzigen Kreisverkehr und nehmen die Ausfahrt Richtung "Pointe du Hoc". Das internationale braune Blechschild deutet auf eine Sehenswürdigkeit hin: "Paysage Historique de la Bataille de Normandie". Diese historische Landschaft ist unser letztes Ziel für heute. Der kleine Weg führt direkt zu zahlreichen Parkplätzen, die diskret hinter hohen Büschen versteckt sind, wohl um das Gesamtbild nicht zu stören.

Auch hier sind - coronabedingt - sehr wenige Gäste und wir stellen die Hondas auf einen Platz, von dem wir hoffen, in absehbarer Zeit im Schatten zu liegen. Es ist warm geworden! Bei 25°C praller Sonnenschein schwitzen wir mittlerweile beträchtlich in unsere Motorradklamotten, als wir zum Eingangsschranken wandern und zwei Tickets lösen. Hier herrscht auch im Freien Maskenpflicht, also zupfen wir einfach die Buffs über die Nasenspitze.

Wir befinden uns hier auf einem steilen Felsen, 30 Meter hoch über dem Meer. Diese exponierte Klippe liegt zwischen den Landungsstränden Omaha und Utah und dementsprechend umkämpft war dieser Felsen. Jetzt spazieren wir bis zum Abgrund. Was für ein Ausblick! Unter uns gischt das dunkeltürkise Wasser gegen die senkrechten Felswände, die sich in beide Richtungen weit ausdehnen.

Es ist ein spektakulär schöner Anblick übers Meer! Wenn da nicht massig rostiger Stacheldraht herumläge. Und die Wiese durch Bombentrichter zerlöchert wäre wie überreifer Emmentaler. Hier ist kein ebener Quadratmeter! (Und auf Grund der Bodenvergiftung wachsen nur bestimmte Pflanzen auf diesem Feld.) Und dann wären da noch die Überreste deutscher Stellungen aus räudigem Beton. (>> Clip)

Wir schlendern langsam den schmalen Kiesweg entlang, der sich an der Klippenkante entlang schlängelt. Hier treffen wir doch einige Touristen. Auch eine deutsche Reisegruppe besichtigt die Überreste aus dem Krieg.

Pointe du Hoc, also. Darüber wussten wir nicht viel. Aber wir kennen die Bilder von wahnwitzig mutigen US-Rangern, die unter Beschuss vom Meer hier heraufkletterten, gleichzeitig als drüben in Omaha Beach die ersten Landungsboote ihre Klappen öffneten und Soldaten an Land wateten. Vorsichtig schauen wir bei den Resten der deutschen Kanonen beim Ranger-Denkmal in die Tiefe. Meine Güte, da herauf?

INFOBOX:

Für die Invasion am D-Day war die Eroberung dieser Klippe hier besonders wichtig, da die hier installierten Geschütze der Wehrmacht gleich zwei Landungsstrände erreichen konnten. Daher landeten hier um 7.00 Uhr - gleichzeitig mit der Landung an Omaha Beach - 225 US-Ranger, ausgerüstet mit Strickleitern und Kletterhaken am Fuß der senkrechten Klippe. Schon während der Nacht hatten alliierte Boote von weit draussen die Stellungen hier sturmreif bombardiert.

Die lebensgefährliche Kletterei senkrecht hinauf war trotz des erbitterten deutschen Widerstands binnen weniger Minuten und trotz furchtbarer Verluste erfolgreich. Letztendlich wurde es ein grausiger Kampf Mann gegen Mann, bis die Klippe noch am selben Tag eingenommen und am nächsten Tag befestigt war. Ein Drittel der Ranger war nicht mehr am Leben. Die Kanonen waren übrigens nicht mehr da. Die waren bereits zwei Monate zuvor weggeschafft worden.

1979 überließ man das ehemalige Kampffeld den USA, die sich seit dem engagiert um die Erhaltung und Sanierung bemühen.

Während wir über die Wiese spazieren, lesen wir auf den Smartphones, was hier am 6. Juni 1944 los war. Plötzlich haben wir genug von soviel Krieg und soviel Wahnsinn. Wir wollen wieder zurück. Nun beschleunigen wir die Schritte und beeilen uns in den Schatten. Mittlerweile hat sich der Tag zu einem veritablen Sommertag entwickelt!

Es ist 17.00 Uhr, als wir uns auf den Rückweg machen. Wir sind 40 km vom Campingplatz entfernt und haben keine Eile. Deshalb und weil wir eine kleine Entspannungspause brauchen, halten wir in Vierville-sur-Mer nochmals an. Bereits bei der Anfahrt haben wir das kleine private "D-Day Museum" bemerkt, das die 200 Viervillais hier aufgebaut haben. Es ist nicht zu übersehen! Bereits am Straßenrand flattern fröhlich sechs Flaggen im Wind: Europa, England, Amerika, Frankreich, Kanada und Deutschland sind hier vertreten.

Vierville-sur-Mer hält seine Geschichte hoch, wie wir lesen. Der Ort war einer der ersten befreiten Dörfer Frankreichs! Nur drei Stunden nach der ersten Landung stapften die ersten GIs durch den Ort, enthusiastisch begrüßt von der völlig überraschten Bevölkerung!

Auf dem winzigen Vorplatz ist allerlei Kriegsgerät aufgebaut und wir quetschen die Transalps auf einen freien Platz. Es ist zu heiß, um etwas zu essen, aber der coole Typ am Tresen macht uns köstliche giftgrüne "Diabolo Menthe". Wir suchen uns zwei winzige Sesseln in der Sonne. Der Imbiss ist in einem umgebauten amerikanischen Bus eingerichtet, aber in unserem klobigen Motorradgewand verzichten wir auf die enge Hitze in diesem uralten Gefährt.

Kurz später - wir wollen gerade auf die Hondas klettern - entdecken wir erst, was hinter dem Stockbus zu sehen ist! Ein Teil der schwimmenden Fußgängerbrücke vom Omaha Beach, auf dem tausende Soldaten nach dem D-Day an Land gingen, und anderes Zeugs. Jetzt erst entdecken wir zwei Landungsboote des D-Day, die hier langsam vergreisen. Unglaublich! Hat man die einfach 500 Meter an Land gezogen und hier stehengelassen? Schweigend streichen wir um die sperrhölzernen Kolosse mit ihrer - trotz Sonnenschein - düsteren Ausstrahlung.

Jetzt reicht es uns aber wirklich. Genug gesehen, genug gelesen, genug gestaunt, genug erinnert! Krieg kennt keine Gewinner. Der Mensch verliert immer, egal auf welcher Seite. Selten war es so überdeutlich wie heute.

Die Sonne neigt sich über Utah Beach zum Horizont, als wir die letzten Kilometer über die weiten Felder zum Campingplatz fahren.

Was für eine wunderschöne, ruhige Gegend! Romantisch, geradezu! Die kleinen Dörfer, Blumenschmuck, alte Häuser und nette Menschen, die einen herzlichst willkommen heißen. Und doch ist der dumpfe Moll-Akkord dieser Region nirgends zu überhören. Es war ein anstrengender Tag, interessant, berührend und beeindruckend. Er wird eine Zeit lang nachwirken und das ist wohl auch gut so...

Tageskilometer: 100 km

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Vielleicht habt ihr Fragen zu diesem Tag?

Gänsehaut

Moin, Moin
Das muss echt heftig sein, das alles zu sehen und sich vorzustellen was da los war. Wie glücklich können wir sein, sowas nicht erleben zu müssen! Hoffen wir, dass es so bleibt! Deswegen ist es wohl wichtig, dass Geschichte gegenwärtig bleibt. Die clips zwischendurch sind auch super!
Hoffe der nächste Tag wird weniger kriegslastig für euch
Nordischen nachdenklichen Gruß
Wibi

Antw.:Gänsehaut

Danke, liebe Wibi, fürs Mitfahren!
Ja, das war schon ein sehr interessanter Tag. Einerseits so tolle Motorradstrecken und andererseits ... nun ja. Wir wollten es sehen und wir fanden es überwältigend.
Ja, wir möchten diese Region durchaus als Reiseziel empfehlen! (Und die Leute sind supernett und das Essen fantastique!)
Ganz liebe Grüße
Geli

Klasse!

Dieser Bericht inspiriert mich sehr! Ich denke, ich muss da mal hoch. Schöne Gegend und viel zu sehen!

Herzlichst
Tom

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zuletzt aktualisiert am 20.11.2020