Tag 4/5: Kiel und Color Line

Heute ist der 26.5., unser 5. Reisetag, und endlich gehts Richtung Skandinavien! Die Vorfreude ist riesig. Heute sind wir auf der Fähre, morgen früh in Schweden! Nach drei Tagen Anreise ist es tatsächlich so weit.

Aber halt! Bevor wir jetzt einfach in den Norden verschwinden, müssen wir noch etwas nachholen. Wir haben euch nämlich den gestrigen Urlaubstag in Kiel unterschlagen! Und das wäre wirklich schade. Wir hatten gestern nämlich einen sensationellen Sommertag in der "Sailing City" und haben so ziemlich alles gemacht, was wir hier immer machen. Nichts Besonderes, aber genau deshalb war es so ein toller Sommertag!

Wir starteten mit einem ausgiebigen Frühstück im Lieblingscafé "La Luna" und begeisterten uns wie immer über die winzigen Eisbecher zum Kaffee. Kaum gekostet, schon wieder weg. Wir lieben sie trotzdem! Wir sind durch die Altstadt spaziert und haben von der Aussichtsterrasse am Schwedenkai die Color Line fotografiert. Was für ein erhebendes Gefühl, am nächsten Tag selbst mitzufahren!

Natürlich hatten wir Aperol Spritz im "Bootshafen" und um 14:00 Uhr die Color Line beim Auslaufen nach Oslo bewundert. Wir bekommen immer noch Gänsehaut, wenn der Typhoon durch die Stadt brüllt! Dieser Lärm kündigt den Norden an, lange bevor man ihn erreicht! Natürlich nippten wir auch einen Kaffee im "Nebenan". Was für eine gute Idee die jungen Leute vor wenigen Jahren hatten, an diesem besonderen Platz am Wasser ein kleines Lokal zu eröffnen! Hier könnten wir es stundenlang aushalten!

Aber der Höhepunkt des Tages (und der eigentliche Grund für diesen Pausetag) kam erst abends. Die abendliche Grillerei mit unseren Freundinnen Svenja und Claudia, die konsequent erst spät nachts endete! Was für eine außergewöhnliche Freundschaft, die nun auch - trotz der gigantischen Entfernung und einer Pandemie - schon das 8. Jahr funktioniert! Diesen Umstand feierten wir dann noch bis spät im "CUP & CINO" am Bootshafen.

Jetzt aber! Jetzt konnte die Schwedenreise richtig beginnen!

Um 7:30 Uhr reisst uns der Wecker ansatzlos aus tiefstem Schlaf und wir brauchen einige Zeit, um uns zu orientieren. Kein Wunder nach gestern Abend. Jetzt aber schnell! Während wir an einem hastig angerührten Kaffee nippen, räumen wir unser Zeug zusammen und schon eilen wir zu Svenjas Tiefgarage, wo unsere Transalps warten. Es hat schon sonnige 20°C, es wird wohl wieder ein sehr warmer Tag!

Ihre Honda CRF Rally Enduro steht auch schon fertig gepackt da. Svenja startet heute zur dänischen Kleininsel Ærø, einem ihrer 48h-Mikroabenteuer! Wir umarmen einander mit zahlreichen Glückwünschen für eine gute Reise. Drei Motorräder, verschiedene Reisepläne, andere Richtungen – und trotzdem stehen wir hier gemeinsam in der Tiefgarage. So ist das eben mit guten Freundschaften.

Es ist kurz vor 10:00 Uhr, als wir wieder zu unserem Hotel kurven. Das Gepäck steht schon im Zimmer bereit und wir finden gerade noch einen halblegalen schmalen Schattenparkplatz, um unsere Transalps "aufzupackeln". Das gar nicht gestrenge Auge des Gesetzes beobachtet uns, grüßt aber nur freundlich ´rüber.

Eine halbe Stunde später rollen wir genauso gemächlich wie aufgeregt auf die andere Seite der Kieler Förde zum Norwegenkai. Zur Sicherheit haben wir Googlemaps aktiviert. Wir finden den Weg dorthin immer wieder verwirrend. Dabei ist der Norwegenkai hervorragend ausgeschildert – solange man schon weiß, wo er ist.

Aber dann dieses Gefühl, wenn man zum Kai einbiegt und erstmals die Color Line in voller Größe vor sich aufragen sieht! Monströs! Die "Color Fantasy" ruht im Hafen und wir sehen Techniker, Putzkolonnen und anderes Personal hoch oben über die Decks eilen. Das Ding ist höher als die allermeisten Gebäude der Landeshauptstadt!

Das Einchecken am Parkplatz geht nirgends so schnell und problemlos wie hier! Nur Augenblicke später halten wir unsere Transalps in der befohlenen Wartespur Nr. 5, die Bordkarten in der Hand. Bloß nicht verlieren! Das sind nämlich gleichzeitig die Kabinenschlüssel für "Cabin 9241"! Ein winziges Stück Papier mit erstaunlicher Wirkung.

Hier ist heute viel los. Lange Autoreihen warten aufs Boarding und es sind sogar drei oder vier Motorräder da. Warum so wenige? Ist Ende Mai für Norwegen noch zu früh? Schnell verdrängen wir frühere Erlebnisse von Wintereinbrüchen im Juni, Schnee und Kälte. Alles wird gutgehen!

Wir haben noch Zeit für ein schnelles Cola im Café des Terminals. Der 1. Stock bietet gute Aussicht auf die Wartespuren, so können wir nichts verpassen! Wir ziehen uns gerne ein wenig zurück, denn das ganze "Sehen und gesehen werden", die Poser, Möchtegerns und Großkotze unter den Motorradfahrern gehen uns auf die Nerven. Sie stören unsere Kreise. Wir sind froh, dass wir längst nicht mehr mitmachen müssen beim beliebten Wettbewerb „Wer hat das dickste Motorrad und die krasseste Motorradreisegeschichte“.

Plötzlich geht alles ganz schnell. Um Punkt 12:20 Uhr öffnet der Schranken und wir rollen - unter Vorzeigen unserer Tickets - durch die "Kontroll av Boardingkort". Jetzt wirds spannend. Beim letzten Mal mussten wir noch eeeewig vor dem Bauch der Fähre warten. Zähflüssige Minuten unter prallem Sonnenschein. Hoffentlich lassen sie uns heute schneller ´rein! Es hat schon 28°C und hier gibts keinen Schatten.

Kaum kommen wir angerollt, winkt uns der schlaksige Typ in "high visibility clothing" schon heran. Die Rampe liegt vor uns, feucht glänzende Stahlplatten, ziemlich steil, der dunkle Schiffsbauch. Plötzlich stellt man sich all diese unproduktiven Fragen: Ist der Stahlboden innen trocken? Wie steil ist die Auffahrt? Was machen nasse Reifen auf Stahl? Schaffe ich das? Schafft der vor mir das? Und was passiert, wenn einer nicht schafft, was er schaffen sollte?

Wir haben unzählige Fährüberfahrten hinter uns. Eigentlich wissen wir ganz genau, dass das alles problemlos funktioniert! Trotzdem wird kurz vorher aus einer simplen Einfahrt in ein Schiff eine bange Führerscheinprüfung.

Los gehts! Kupplung ziehen, Gas kommen lassen. Das ist der Moment, an dem die gesamte Nervosität verpufft. Kaum hat man das Dunkel des Schiffsbauchs erreicht, endet der Katastrophenfilm im Kopf und alles läuft mit jahrelanger Routine. Wie immer! Der Typ von Sartori & Berger, der genüsslich sein Eis schleckt, deutet hinter sich. Bitte da lang!

Die steile Rampe hinauf mit dosiertem Schwung und dann einen Viertelkilometer geradeaus! Es ist unfassbar, wie groß diese Fähre ist! Ganz vorne rechts bittet uns ein Typ in die Nische für Motorräder. Oh, das ist aber heute komfortabel! So viel Platz für nur fünf Motorräder? Fehlt nur der rote Teppich! Das ist nicht immer so. Mit den neuen und noch sauberen Zurrgurten, die man uns mit freundlicher Geste reicht, geht alles ganz schnell. Wir sind noch vor den anderen fertig.

Nein, Moment! Der norwegische Kollege hat den Gurt nur nachlässig über seine verschmutzte Enduro gelegt, den Helm über den Rückspiegel gestülpt und die Bühne bereits verlassen. Da hat der deutsche Biker noch nicht mal seine eigenen Gurte aus dem Gepäck gezerrt. Wie kommt man auf die Idee, schwere Stahlratschengurte mitzubringen (und dann die ganze Tour mitzuführen)? Bei keiner unserer -zig Fährüberfahrten in Europa wäre das notwendig gewesen!

Der Norweger jedenfalls vertritt offenbar eine andere Philosophie: Gurt drüber, Helm drauf, hält. Wir betrachten das kurz. Dann unsere Motorräder. Dann wieder die norwegische Enduro. Wir beschließen, unserem eigenen System weiterhin zu vertrauen und sind mit unserem Werk zufrieden. Wir eilen zu den Liften, die uns an Deck bringen.

Jetzt beginnt für uns zweifellos der stressigste Teil der gesamten Fährüberfahrt. Rauf auf Deck 7, den richtigen Lift auf Deck 9 finden (Lift 4-7), in den unendlich langen Gängen die Kabine aufspüren, Jacke und Übernachtungbeutel reinwerfen, mit dem Lift aufs Sonnendeck 13, Laufschritt, einen Sessel schnappen und zur Reling zerren. Auslauf-Bier von der Bar nicht vergessen! Prioritäten setzen!

Puuuhhhh, mit einer Mischung aus Übung und Rücksichtslosigkeit haben wir das alles in wenigen Minuten geschafft. Dass die richtigen Lifte bereits auf der Boarding-Card stehen, war überaus hilfreich! Es gibt 16 an der Zahl und nicht jeder fährt zum gewünschten Deck! Ohne diese Info ist man an Bord manchmal ziemlich aufgeschmissen. 

Während sich das Sonnendeck langsam mit über 2.000 Passagieren füllt und die üblichen Rangeleien um die besten Plätze beginnen, hocken wir schon schwitzend nebeneinander und schlürfen - mit Blick auf die Stadt - die gute Hopfenkaltschale, die Didi um 9.- von der "Sun Deck Bar" gecheckt hat. Immerhin sind es 0,6 l, mehr als ein Krügerl.

Wir haben es geschafft! Es ist 13:30 Uhr, beste Aussicht, Bier in der Hand, Logenplatz ergattert. Die wichtigsten Dinge sind geklärt.

Um Punkt 14:00 Uhr brüllt der Typhoon in höllischer Lautstärke seine Verabschiedung an Kiel und zentimeterweise schiebt sich die Fähre mit 42.000 PS aus der Förde. Wie immer können wir uns nicht sattsehen und wie immer knipsen wir die ewig gleichen Fotos der hübschen Hafenstadt.

Und plötzlich ist er da, dieser Moment. Kiel wird langsam kleiner, die Stena Line, die erst abends ausläuft, die Nord-Ostsee-Schleuse, der Militärhafen, der Leuchtturm Friedrichsort. Die letzten Häuser ziehen an uns vorbei und vor uns liegt nur noch die Ostsee. Wir prosten einander zu!

Nach all den Kilometern durch Österreich, Tschechien und Deutschland, nach Hitze, Autobahn, Staus, Google Maps und unzähligen Tank- und Kaffeepausen sind wir jetzt tatsächlich hier! Auf der Color Line unterwegs in den Norden. In uns macht sich ein gewaltiges Hochgefühl breit! Jetzt sind wir wirklich unterwegs. Schweden, wir kommen! 

Irgendwann viel später schlendern wir auf Deck 7 durch die bunt glitzernde Einkaufs- und Gastromeile. Zahlreiche Shops, Restaurants und Cafés vertreiben den Reisenden die Zeit. Dieses Schiff ist immer wieder erstaunlich!

Die Lichtinstallation bringt das Tageslicht realistisch ins Schiffsinnere und man hat das Gefühl, in einem hübschen Gastgarten einer schmucken Fußgängerzone zu sitzen. Der Computer spielt Vogelgezwitscher in der "Mall", während wir im "Donkey Pub" unseren Lieblingsplatz aufsuchen und uns die Zeit bei ein paar irischen Whisky vertreiben.

Irgendwann am Nachmittag beschließen wir, eine "Rygg og Nakke Massasje" täte uns gut! Auch wenn die Preise im SPA norwegisch-stolzes Niveau haben, die haben hier echte Profis am Werk! 45 Minuten später und 180 EUR leichter schweben wir zart duftend nach luxuriösen Ölen ins Promenade-Café. Die Garnelen-Sandwiches dort sind zu lecker!

Der letzte Höhepunkt dieses an Höhepunkten nicht gerade armen Tages ist das sagenhafte "All-u-can-eat"-Buffet um 20:00 Uhr. Als die Lichtinstallation auf Abendstimmung umschwenkt, spazieren wir zum "Grand Buffet" auf Deck 8. Wie immer haben wir das vorgebucht und so bekommen wir ohne Wartezeit einen schönen Platz. Die meterlangen Tische biegen sich vor Köstlichkeiten, die niemals auszugehen scheinen!

Völlig wahllos und ohne geordnete Speisenfolge mampfen und schlürfen wir alles, was die norwegische Küche zu bieten hat. Fisch? Ja! Meeresfrüchte? Unbedingt! Fleisch? Natürlich! Dessert? Blöde Frage! Es ist einfach legendär! Dieses Buffet ist ein kulinarischer Ausnahmezustand und man sollte sich das wirklich nicht entgehen lassen. Nirgendwo sonst kann man sich um 37.-/pP so stilvoll überfressen! 

Nach einem "Nightcap" im Pub und einem Spaziergang übers nächtliche Deck gehen wir schlafen. Morgen geht es los! Schweden wartet auf uns und gleich am ersten Tag steht ein Abenteuer auf dem Programm. Wir müssen dazu wirklich ausgeruht sein! Also ab ins Bett!

Tageskilometer: 8 km

Auf nach Schweden! >> klick

Ein aufregender Start!

Fahrrad it is!

Ich bin jetzt schon gespannt auf den Schweden-Teil!

Ich will heuer selbst noch nach Schweden – allerdings ganz ohne Motor und weniger PS. Bin gespannt, welche Tipps ich mir für meine Fahrradtour klauen kann!
Ein Schwedenneuling

Die Überfahrt

Luxusfähre? Ich brauch eigentlich nur eine Rampe, einen Spanngurt und irgendwo ein Bier. :-)
Aber ich muss zugeben: Die Überfahrt Kiel–Oslo mit der Color Line hat schon was. Moped im Bauch, Kabine bezogen, raus aufs Deck und dem Kielwasser zuschauen – während andere Leute noch ihre Tankrucksäcke sortieren.

Und morgens kommt Norwegen. Da kann man den ganzen Schnickschnack an Bord ausnahmsweise mal verzeihen, oder?
Grüße
Wolf

langweilig?

Schöner Bericht, sehr lustig zu lesen!
Besonders die Etappe Richtung Kiel kenne ich. Autobahn mit dem Moped ist zwar fahrerisch ungefähr so spannend wie Tapete beim Trocknen, aber wenn die Fähre wartet, zählt halt Kilometerfressen. ;-)

Und die Sache mit dem Google-Navi rund um Prag: immer schön aufpassen, dass es einen nicht über irgendeinen Feldweg „optimiert“. Gerade mit voller Reisebeladung und Regen macht man da schnell aus einer Tour eine Enduro-Veranstaltung. Fragt nicht, woher ich das weiß...

Die Hotdog- und Kaffeestopps sind übrigens keine Nebensache – das ist professionelle Tourenplanung.

Weiter so!
Thorsten

:-))))))

Also wenn ich das richtig zusammenfasse: Motorrad auf die Fähre stellen, Bier trinken, Whisky trinken, Massage, Garnelen essen, Buffet plündern und anschließend „ausgeruht“ schlafen gehen. Klingt nach einer ziemlich anstrengenden Motorradtour. ;-)
Micha

Super!

Ich habe jetzt Hunger, Fernweh und Lust auf ein Bier.
In genau dieser Reihenfolge. Weitermachen!
dlzg
Der rider

Geil

Herrlich geschrieben! Beim Lesen habe ich sofort wieder den Geruch von Meer, Diesel und diesem ganz speziellen Fähren-Gefühl in der Nase. Und dieses Hochgefühl beim Ablegen kenne ich nur zu gut. Genau für solche Momente fährt man los. Gute Reise euch!
LG Marco

Jedem Anfang...

Meine Güte, welche Kraft in solch einem Aufbruch steckt. Man kann es regelrecht fühlen. Und auch das - wie immer - viel zu eiskalte Auslaufbier, dass man in der Hand erst vorwärmen muss, damit es nicht in der Kehle weh tut. Dazu noch dieses Premium Auslaufwetter, so schön.
Gerade beneide ich euch sehr, um das was vor euch liegt.
Gute Reise, ihr Globetrotter, Sektion Nord-Nordwest.

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zuletzt aktualisiert am 16.9.2026