Kaltstart ins Abenteuer
Manche Reisen beginnen mit einem spontanen Gedanken. Diese hier nicht. Diese Tour war bereits vor 7 Monaten geplant, vorbereitet und wir seitdem voller Vorfreude. Gestern schon haben wir die Motorräder geputzt und sorgfältig beladen. Die Fahrt von Wien nach Rostock kennen wir gut. Es ist ehrgeizig, sie in zwei Tagen zu schaffen, aber wir haben schon Erfahrung damit!
Allerdings schwang auch Unsicherheit mit. Der Winter war lang gewesen, das Frühjahr zögerlich, und überall las man von Kälte, Regen und späten Frostnächten. War diese Oster-Reise vielleicht zu früh im Jahr angesetzt? Wir diskutierten, prüften täglich Wetterberichte, warfen skeptische Blicke auf Apps und Wolkenkarten. Doch eines war klar: Wenn wir noch länger zögern, wartet schon die nächste große Reise auf uns. Also entschieden wir uns für die einzig richtige Lösung – wir fahren!
Karsamstag, 4.4.: am ersten Tag von Wien nach Dresden
Die jährliche Fahrt nach Rostock hält eine Herausforderung bereit: das unmenschlich frühe Aufstehen in Wien. Der Wecker kreischt zu einer Uhrzeit, zu der selbst Bäcker vermutlich noch einmal auf Snooze drücken. Doch fast 500 km Tagesetappe fahren sich nicht von allein. Also stolpern wir im Halbdunkel durch die Wohnung, winden uns schweigend in die Motorradsachen, machen die Wohnung dicht und versuchen, mit halb geöffneten Augen so zu wirken, als hätten wir unser Leben im Griff.
Um 7:15 Uhr rollen wir aus der Tiefgarage Richtung Tankstelle. Der Morgen in Wien begrüßt uns mit wolkengrauen 8°C. Jener Temperatur, bei der man sich schon beim Anziehen fragt, ob Motorradfahren die allerbeste Idee ist. Eingepackt in zwei Schichten Icebreaker-Zeug atmen wir sichtbar in die Morgenluft und rollen aus der Großstadt. Das tiefe Brummen der Transalps hat etwas Vertraueneinflößendes.

Über die Stockerauer Autobahn A22 und die neue Schnellstraße S3 geht es hinaus ins Weinviertel und rund um Hollabrunn. Die Landschaft ist ruhig, die Straßen frei, doch die Kälte fährt konsequent mit. Unsere Hände werden steif und jeder trübe Sonnenstrahl wird enthusiastisch begrüßt, mit der Hoffnung auf mehr!

Die erste rettende Pause kommt nach 85 km in Kleinhaugsdorf. Wir halten in Excalibur City, diesem gottlosen Limbus eines Vergnügungsparks, dem grindig bunten Billig-Shoppingcenter im ehemaligen Grenzniemandsland. Bei der Tankstelle gibt es den dringend benötigten Frühstückskaffee – heiß, stark und in diesem Moment vermutlich besser als in jedem teuren Café. Es hat immerhin schon 10°C! Mit warmen Händen und neuer Hoffnung geht es hinein nach Tschechien. Es beginnt zu nieseln.

Wir haben jetzt die Heizhandschuhe auf Stufe 1 gestellt, während wir über die Hochebene weiter nach Znojmo rollen und die schöne Altstadt durchqueren. Jetzt wird die Strecke interessanter, kurviger und leicht hügelig. Richtung Jihlava verdichten sich allerdings die Wolken, und die Luft riecht bereits verdächtig nach Regen.
Kurz vor Jihlava ist klar: Wir brauchen mehr Wärme. Bei einer kleinen Tankstelle halten wir an und ziehen das Regenzeug über. Wir kämpfen fluchend mit klemmenden Reißverschlüssen, bockigen Handschuhen und widerborstigen Klettverschlüssen – jene elegante Choreografie, die Motorradfahrer auf Parkplätzen überall auf der Welt aufführen. Wir holen Kaffee Nr. 2 und ein Folien-Sandwich. Auf Motorradreisen schmeckt so etwas grundsätzlich doppelt so gut wie im normalen Leben.
Über die Autobahn E50 geht es weiter, eingepackt in Merino, Mesh und Plastik lässt es sich aushalten. Kurz vor Prag brauchen wir Benzin und eine weitere Pause – diesmal mit heißem Kakao. Selten hat ein Getränk so viel Trost, Wärme und Lebensfreude in einem Becher vereint. Aber ganz vorsichtig kommt trüber Sonnenschein zwischen den Wolken hervor. Leider zieht auch Sturm auf. Unsere Wetter-Apps scheinen Recht zu behalten: Sturmwarnung über Tschechien und dem östlichen Deutschland!

Rund um Prag haben wir uns auf früheren Fahrten zuverlässig immer verfahren. Die "Umfahrungsautobahn" ist schon lange keine mehr - Prag ist gewachsen - und so müssen wir jedesmal durch die Stadt. Diesmal soll alles anders werden! Angelika hat ihr Handy auf die neue Lenkerhalterung geknipst und Google Maps aktiviert. Das Handy bekommt jetzt die volle Verantwortung übertragen – und tatsächlich, es funktioniert! Fast schon irritierend problemlos lotst uns die Navigation östlich um die tschechische Hauptstadt herum.

An der Stadtgrenze in Zdiby machen wir an der üblichen Tankstelle Pause. Dort gibt es Hotdogs – jene legendäre Mahlzeit des Fernverkehrs, die gleichzeitig fragwürdig und perfekt ist. Mit Würstchen in der einen Hand und Kaffee in der anderen fühlen wir uns jedes Mal wie erfahrene Abenteurer, geradezu kosmopolitisch! Wir schlürfen Kaffee Nr. 3, denn manche Fahrten werden nicht in Kilometern gemessen, sondern in Koffein.
Die Landschaft rund um uns wird bald hügeliger, bewaldeter und interessanter. Wir geben Gas Richtung tschechisch-deutsche Grenze. Siehst du die schwarzdunkle Front am Horizont! Au weia, müssen wir da durch? Kurz vor Ústí nad Labem öffnet sich der Himmel ohne Vorwarnung und ein heftiger Wolkenbruch geht nieder. Regen peitscht auf Helmvisier und Straße, Sicht wird zur Schätzfrage, und innerhalb weniger Sekunden ist die Welt nur noch grau und nass.

Zum Glück entdecken wir in letzter Minute eine Tankstelle und beschließen einstimmig, dem Wetter kurz die Bühne zu überlassen. Drinnen sitzen wir mit Schokolade, Keksen und Energydrink in der Hand, beobachten den Regen draußen und fühlen uns wie Sieger. Manchmal sind die größten Luxusmomente des Lebens überraschend simpel: trocken sitzen, Zucker essen und warten, bis der Himmel sich beruhigt.
Plötzlich lässt der Regen nach wie er gekommen ist, dramatisch und plötzlich. Wir fahren weiter, müde aber trotz Kälte bestens gelaunt. Denn genau solche Momente sind es, an die man sich später erinnert. Nicht der perfekte Sonnentag, sondern der Wolkenbruch irgendwo in Nordböhmen!

Die Grenze bei Petrovice ist unspektakulär und die kontrollierenden Polizisten winken uns gelangweilt weiter. Es ist genau 16:15 Uhr, als wir nach einer kurzen Tankpause im neu entdeckten Hotel "Dormero" beim Dresdner Flughafen einchecken. Hier gefällt es uns, die Leute sind total nett und alles ist sehr praktisch!
Wir rechnen: Für 475 km haben wir genau 9 Stunden gebraucht, Durchschnittsgeschwindigkeit 53 km/h. Das muss morgen schneller werden!
Wir finden ein schönes Restaurant, denn wir wollen einen entspannenden Abend erleben. Daraus wird jedoch nichts! Im Mittelalterlokal Anno Domini ist heute bunter Abend mit lauter Musik, grölenden Gästen und Gauklern und Besteck gibt es auch nicht.

Mit grober Kelle und stumpfem Holzkeil versuchen wir, das Kräuter-Hühnchen zu zerfitzeln. Den Leuten um uns scheint das Spaß zu machen, unser Ding ist das nicht. Zumal wir den sächsischen Dialekt kaum verstehen. (Auf der Rechnung schlägt diese Show überraschend mit 20.- zu Buche.)

Wir gehen alsbald schlafen, denn morgen wartet die wahre Härteprüfung: stundenlang deutsche Autobahn über Berlin nach Rostock und das mit Blick auf die Uhr, damit wir rechtzeitig die Fähre nach Dänemark erreichen. Wir müssen wieder verdammt früh los!
Ostersonntag, 5.4.: am zweiten Tag von Dresden nach Møn
Der Wecker läutet viel zu früh: 5:00 Uhr! Eine Uhrzeit, die man noch am Vorabend verdrängt hat. Draußen ist es noch fast finster, und das Thermometer zeigt gnadenlose 7°C. Eine Temperatur, bei der wir zuhause nicht freiwillig losfahren würden. Aber wie so oft auf großer Tour, manchmal geht es nicht anders.
Angelika hat Didi zur Überraschung einen kleinen Schoko-Osterhasen auf den Kopfpolster gelegt. Für mehr Osterfeierlichkeit ist jetzt keine Zeit! Dazu gibt es schlaftrunken einen schnellen, selbst angerührten Kaffee – weniger Genuss als schlichte Notwendigkeit. Gleichzeitig beginnt das bekannte Morgenprogramm aus Packen, Zurren, Fluchen und dem Versuch, alles wieder so auf das Motorrad zu bekommen, wie es gestern irgendwie gepasst hat. Das Hotel "Dormero" punktet durch einen überdachten Platz, um auch bei Regen geschützt aufzupackeln. Aber noch ist es trocken.

Wegen des kalten Winds und vor allem der Wetterprognose haben wir heute aufgerüstet: zu den zwei Schichten Merino kommt das Regengewand als zusätzlicher Windschutz. Modisch ist das fragwürdig, funktional dagegen nahezu genial. Wir sehen aus wie fahrende Micheline-Männchen in leuchtendem Neon, fühlen uns aber zumindest ansatzweise vorbereitet.
Um 6:05 Uhr drücken wir die Startknöpfchen. Es ist kein entspanntes Losrollen in den romantischen Sonnenaufgang, eher Stress mit dem ständigen Blick auf die Uhr. In spätestens 7 Stunden müssen wir am Fähranleger in Rostock stehen! Auch bei Schönwetter eine Herausforderung.

Dann geht es auf die A13 Richtung Berlin. Irgendwo in Sachsen halten wir für ein Tankstellen-Frühstück. Es gibt Kaffee und ein eiskaltes, semi-gutes Frühstücksweckerl, das vermutlich schon vor Sonnenaufgang seinen Höhepunkt überschritten hat. Wir essen es trotzdem, weil Hunger bekanntlich die Ansprüche senkt.
Die rasende Fahrt geht durch dichte und vor allem endlose Wälder, die keine Abwechslung bieten. Nur klingende Namen wie "Lauchhammer" und "Lausitz" erinnern uns an den Plan, irgendwann einmal die devastierten Gegenden des Kohleabaus zu besichtigen. Dort, wo die großen Bagger stehen, die wir aus dem TV kennen!

Es bleibt kalt und windig. Die Heizhandschuhe wärmen schon seit der Abfahrt mit Stufe 1, sonst wäre der Fahrtwind wirklich unangenehm. Beste Reiselaune stellt sich weiterhin nicht ein, obwohl unsere Transalps fröhlich in die kalte Luft dröhnen. Zumindest scheint jetzt ein wenig die Sonne und alles wird angenehmer. Nach 160 km haben wir das Schönefelder Kreuz im Süden der Bundeshauptstadt erreicht! Schwungvoll wechseln wir auf den "Berliner Ostring", die A10 rund um Berlin.
Was auf der Karte nach effizientem Vorankommen aussieht, ist in der Realität als nervliche Belastungsprobe. Auf vielen Abschnitten deutscher Autobahn gibt es keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Autos schießen links vorbei, als hätten die Fahrer jeglichen Bezug zur Realität verloren. Obwohl wir bei 160 km/h halten, überholen sie mit absurdem Tempo. Sehr unangenehm und vollkommen aus der Zeit gefallen! Aber nimm einem US-Amerikaner seine Waffen oder einem Österreicher seinen Schweinsbraten. Nationale Dogmen entziehen sich einer vernunftgeleiteten Diskussion!

Das monströse Tesla-Werk bei Grünheide erinnert uns daran, dass wir dringend Benzin brauchen! Die Tankstellen sind hier für uns ungewohnt weit voneinander entfernt. Ganz kurz halten wir am Straßenrand und werfen Googlemaps an: Mitten in Oranienburg sollte eine kleine Tankstelle sein? Es ist alternativlos, wir müssen dorthin.
Spritsparend erreichen wir kurz nach 9:00 Uhr Oranienburg. Die Anzeige am Display blinkt hysterisch und wir brauchen eine Pause. Eine Tankstelle zu finden ist erstaunlich kompliziert, wenn man es eilig hat und das Navi lustige Vorschläge macht. Nach mehreren Kreisverkehren und der Besichtigung eines Industriegebiets klappt es schließlich doch.
Mit vollem Tank und neuer Energie aus Schoko-Osterhasen geht es weiter Richtung Norden bis zum Dreieck Havelland. Berlin liegt jetzt hinter uns, der Tag ist noch jung, und vor uns wartet weiterhin sehr viel Straße. Ab hier beginnt die A24, eine Strecke, die zuverlässig beweist, dass Asphalt ohne jede Dramatik nur kilometerlange Langeweile bedeutet: geradeaus, grau, endlos. Jetzt fahren wir extra aufmerksam. Wir lasen einmal, dass die Autobahn bei Fehrbellin zu den gefährlichsten Strecken Brandenburgs zählt!

Unendliche Wälder und flache Landschaften ziehen vorbei, ohne sich besonders bemerkbar zu machen. Wir düsen zügig durch eine Mischung aus Kälte, Wind und leichter seelischer Ermüdung bis Wittstock/Dosse, unterbrochen durch sehr kurze Pausen, immer mit einem Blick auf die Uhr.
An einem Autobahnknoten kommt die große Richtungsfrage des Nordens: links nach Hamburg oder rechts nach Rostock. Wir bleiben konzentriert auf Kurs und nehmen die A19. Der Weg nach Hamburg ist etwas für die nächste Reise.
Der Wind legt spürbar zu und wir brauchen eine Pause. Bei Güstrow halten wir auf einem kleinen Parkplatz. Wir können keinen Kaffee mehr ertragen, also leeren wir die Thermosflaschen mit unserem Zaubertrank. Chemisch fragwürdig, psychologisch wertvoll. Man schlürft quasi Hoffnung als Brausedrink. Die Sonne scheint inzwischen, allerdings nur trüb, lustlos und ohne jede Wärme.

Am Horizont schaut es jedoch finster aus, deutlich finsterer als hier! Wir checken jetzt unsere Wetter-Apps, denn die Wolkendecke schließt sich, der Wind legt zu, und laut Kachelmannwetter erreicht er mittags in Mecklenburg-Vorpommern 8 Bfs. Klingt harmlos, bis man mit dem Motorrad mitten drin sitzt! Lass uns lieber weiterfahren!
Die weiten Ebenen Ostdeutschlands bieten keinerlei Schutz. Keine Hügel, keine Wälder, keine Häuserreihen – nur offene Fläche, auf der der Sturm Anlauf nehmen kann. Jede Böe trifft uns ungefiltert von Backbord. Das Motorrad schlingert unter uns, der Lenker lebt plötzlich ein Eigenleben, und entspanntes Fahren ist längst Geschichte.

Wir kämpfen uns tapfer voran. Nur mehr 15 km bis zum Hafen in Rostock! Doch jetzt kommts dick. Von links prügelt ein Mix aus Starkregen und Sturm auf uns ein. Das Wasser schlägt quer über die Fahrbahn, bei hoher Gischt schrumpft die Sicht auf wenige Meter, und die Motorräder schlittern beunruhigend Richtung Fahrbahnrand. Geradeaus fahren wird zum theoretischen Konzept. Wir hängen schief im Wind, kämpfen am Lenker und hoffen, dass die nächste Böe nicht noch eine Idee stärker ist.

Im RAIN-Mode der Transalps wird die rasende Fahrt zum sicherheitsbetonten Dahintuckern. Gut so! Da ist schon das Steinkohlekraftwerk und das erste Schild Richtung Fährhafen! Irgendwie erreichen wir um 11:40 Uhr den Anleger in Rostock. Hektisch kurven wir zwischen langen Reihen parkender LKWs hin und her. Hier muss es doch einen schützenden Unterstand, vielleicht ein Hafen-Bistro geben?! Tatsächlich!
Als wir den Imbiss entdecken geschieht das Wunder. Irgendwer zieht den Bühnenvorhang auf die Seite und binnen Sekunden wird der Sturmregen von prallem Sonnenschein abgelöst! Die Wolken rasen über den Himmel landeinwärts und über der Ostsee bleibt strahlend blauer Himmel übrig.
Der Spuk liegt hinter uns! Es nieselt nur mehr unerheblich als wir das Bistro entern und uns auf die gemütlichen Plastiksessel werfen. Fast 500 Kilometer von Dresden bis Rostock in 5,5 Stunden – neuer Rekord! Unter normalen Umständen wäre das sportlich. Unter diesen Umständen grenzt es an heldenhaften Unsinn.

Wir feiern erschöpft im Hafenimbiss mit fetttriefenden Pommes und heißem Kakao. Eine kulinarischer Kombi, die nach den letzten Stunden genau richtig ist: Salz, Fett, Zucker, Wärme – mehr braucht der Mensch manchmal nicht. Schöne Fritteusenware! Jetzt meldet sich auch das Handy mit einer amtlichen Wetterwarnung. Ein Moment von beeindruckender Nutzlosigkeit – wir wissen bereits, dass das Wetter schlecht war. Wir waren dabei.
Nach einer Stunde Pause stellen wir uns brav in die reservierte Wartespur für Motorräder. Ein System, das immer erstaunlich gut funktioniert, mit einer Ausnahme: ein schwedischer Mietwagen hat offenbar nicht mitbekommen, dass Motorräder eine eigene Spur bekommen. Er steht falsch, dekorativ und formatfüllend im Weg.

Obwohl wir in 20 Minuten abfahren sollten, ist die Fähre noch nicht da! Anders als der monströse Flix-Bus, der uns nebenan auf die Pelle rückt. Zuviel Sturm auf der Ostsee?! Doch kurz vor 13:30 Uhr passiert etwas Magisches: eben war da noch Kai, Langeweile und Warterei, jetzt ragt plötzlich die Scandlines-Fähre vor uns auf.
Ein paar LKW rollen von Bord, langsam und gelassen. Als die Hafenarbeiter uns zum Boarding nach vorne winken, müssen wir den Schweden hauteng umpaddeln. Internationale Verständigung findet in diesem Moment ausschließlich über Blicke statt.

Die Ampel springt auf Grün – und plötzlich geht alles ganz schnell! Gang rein. Kupplung kommen lassen. Wir rollen über die Rampe, bergauf, hinein in den dunklen Bauch der Fähre F/S Copenhagen. Gerade noch Wind, Niesel und Autobahn – jetzt Metall, Licht und dieser eigenartige Geruch nach Schiff, Maschinenöl und Fernweh. Endlich weg von draußen.

Die Transalps werden mit den nagelneuen Zurrgurten festgezurrt. Ein paar fast schon routinierte Handgriffe, ein letzter prüfender Blick – hält. Passt. Wir lassen die Motorräder zurück wie zwei erschöpfte Mitreisende und eilen die Treppen hinauf aufs Deck. Kaum oben, schiebt sich die Hybridfähre schon hinaus aufs offene Meer. Dänemark, wir kommen.
Während sich Didi neben der Kaffeemaschine mit einem deutschen Auswanderer bestens unterhält, erkundet Angelika das Schiff. Systematisch, zielgerichtet, erfolgreich! Sie besorgt eine Zahnbürste (natürlich zuhause vergessen), findet dänisches Lakritz (lebensnotwendig) und organisiert auch noch schwer belegte Brötchen für morgen früh. Vorratsdenken auf See. Denn niemand weiß, ob am Ostersonntag in Dänemark überhaupt ein Supermarkt offen hat.

Draußen tobt der Wind weiter. Angelika wagt sich trotzdem aufs Oberdeck. Der Gang ist schwankend, der Wind aggressiv, die Frisur chancenlos. Sie trotzt dem Sturm, schießt ein paar tapfere Sonnenfotos und kehrt durchfroren, aber zufrieden zurück. Man muss Prioritäten setzen! Als Belohnung gibt es ein warmes, süßes Wienerbrød und Kaffee.
Pünktlich um 15:30 Uhr laufen wir in Gedser ein. Die Ausfahrt hat es noch einmal in sich. Der Sturm greift uns beim Verlassen der Fähre brutal von der Seite an. Fast werden wir von der Rampe geweht, so heftig tobt er über der Insel Falster! Als wir uns kurz sortieren, vermisst Angelika ihr schönes rotes Buff. Das hat sie wohl gerade in der Fähre verloren.

Die ersten dänischen Kilometer sind dann… kein Fahren mehr, sondern Arbeit. Ein Orkan drückt von links, konstant und unerbittlich. Wir hängen schief im Wind, stemmen uns gegen jede Böe und sind mehr damit beschäftigt, die Linie zu halten, als überhaupt voranzukommen. Die Transalps wollen weg – wir überzeugen sie vom Gegenteil. Immer wieder.

Die unangenehm hohe Farø-Brücke auf die Insel Bogø liegt jetzt vor uns wie eine Drohung. 1,7 km über das aufgewühlte Wasser des Storstrømmen sind unheimlich! Nicht genau das, was Angelika bei Sturm braucht. Sie hält den Atem an, als wir die Rampe bergauf donnern.

Und dann: nichts. Oben auf der Brücke ist es plötzlich fast windstill. Als hätte jemand den Sturm kurz vergessen! So wie viele dänische Brücken ist auch diese hier intelligent in die häufigste Windrichtung gebaut und auf der Brücke hat man die stillsten Momente der Fahrt!

Der Rest der Fahrt? Sagen wir so: Wir kommen an. Über die 40 km zu unserem Lieblingscamp Møns Klint breiten wir den Mantel des Schweigens. Schön ist, dass auf Møn eine kleine Tankstelle und tatsächlich ein Supermarkt "Coop 365" offen hatten und wir nun kulinarisch bestens versorgt sind.

Um 18:00 Uhr erreichen wir unsere Hütte am Campingplatz. 7 Monate später als geplant! Die Betten sind bezogen, der Kühlschrank gefüllt, alles für den Urlaub vorbereitet. Wir stehen kurz da, schweigen uns zufrieden an. Wir haben es wieder einmal geschafft! In zwei Tagen von Wien nach Møn! Fast zeitgleich stellen wir fest: Das machen wir nicht mehr. Das nächste Mal nehmen wir uns drei Tage Zeit!

Später holen wir Pizza vom Campingrestaurant. Wir haben es in der schönen Hütte so warm und gemütlich! Draußen tobt der Sturm weiter. Wir gehen heute nicht mehr ´raus! Bei 11 °C ist das auch keine schwere Entscheidung. Als wir um 22:00 Uhr ins Bett fallen, werfen wir noch einen Blick nach draußen. Die Transalps stehen vor der Hütte. Und schwanken im Wind.
Die Anreise Wien - Møn in zwei Tagen: 1.022 km
Thema: Kaltstart ins Abenteuer
Es wurden keine Beiträge gefunden.
Neuer Beitrag
Seit 25.5.2018 gilt die EU-DSGVO iVm DSG 2018. Gemäß Art.2(2)2c der EU-DSGVO findet diese Verordnung keine Anwendung auf die Verarbeitung personsbezogener Daten durch natürliche Personen zur Ausübung persönlicher oder familiärer Tätigkeiten. Diese Website ist eine rein persönliche und nicht-kommerzielle Seite und wird von keiner juristischen Person betrieben.
Wir bieten keine Mitgliedschaften, keinen Mitgliederbereich und verschicken keine Newsletter.
Es gibt keinen Online-Shop, wir haben keine Kunden und nichts zu verkaufen. Die Website ist werbefrei.
Dennoch ist uns der Schutz ihrer Daten ein Anliegen. Bitte lesen sie unsere ausführliche Datenschutzerklärung!