21./22. Tag: Regensdorf - Feldkirch (ARZ) - Wien

Heute am Montag, den 12.6. hat uns endgültig der Hochsommer eingeholt. Bei 25°C frühstücken wir mit der Familie und alle Wetterprognosen stehen auf "Heiß". Gestern war ein schöner Sonntag! Sie haben für uns ein Grillfest veranstaltet und alle Verwandten sind gekommen, die wir auf Grund der Distanz nur so selten sehen können. Wir packen unser Zeug zusammen und schlüpfen ins Motorradzeug. Um 10:30 Uhr verabschieden wir uns und versprechen ein baldiges Wiedersehen! Der Lieblingsonkel und seine Töchter winken uns lange nach, als wir uns in den Hauptstraßenverkehr einfädeln und weiterreisen.

Wir haben auf Googlemaps die kürzeste Strecke quer durch Zürich recherchiert und versucht, uns die Wegpunkte zu merken. Man muss so ehrlich sein: Für genau diese Gelegenheiten wurden Navis erfunden! Doch wir sind auf "Merken und Erkennen" angewiesen. Nicht die leichteste Übung in der größten Stadt der Schweiz. Die Hitze macht es nicht besser, es hat längst 30°C.

Wir sind maximal genervt. Mit Glück schaffen wir es über Zollikon ans Ufer des Zürcher Sees. Wir haben die Uferstraße in schöner Erinnerung und wollen da längs fahren! Weil hier die Reichen und Schönen leben, nennt man dieses Seeufer auch "Goldküste". Roger Federer, Tina Turner ... sie alle wohnen oder wohnten hier. Wir beäugen die Luxusvillen, die mit ihren Prachtgärten nur selten einen Blick auf den See freigeben. Rechts das Seeufer und links Weinberge! Ist die Schweiz für Wein berühmt? Wir wissen es nicht.

Als die bunten Fahnen einer Imbissbude aufleuchten, werfen wir Anker. Zürich hat uns geschafft. Pause! Wir haben noch gar keinen Hunger, obwohl es aus "Erols Café" verführerisch nach Fastfood duftet. Aber wir gönnen uns einen wirklich guten Schluck Kaffee am Seeufer, das hier mit kostenfreien Badeplätzen lockt. Keine Selbstverständlichkeit in diesem Land!

Auch nach Rapperswil-Jona bleiben wir auf der R17 am Seeufer.  Wenn wir schon den absurd starken Verkehr des Metropolitanraums Zürich ertragen müssen, soll wenigstens die Aussicht schön sein! Irgendwann wechseln wir auf die R8 Richtung Norden. In hübschen Kurven führt die Landstraße über grüne Hügel, an alten Bauernhöfen vorbei. Die Route ist von Baustellen und Geschwindigkeitsbegrenzungen geprägt. Kaum sind wir im genüsslichen Cruisen, stehen wir schon wieder vor einer kurzen Absperrung, deren elektronische Zeitanzeige quälend langsame Sekunden herunterzählt!

Ab Wattwil wird die Strecke deutlich interessanter. Auf der R16 reiht sich Kurve an Kurve und es geht zügig übers Land. Am Straßenrand die ersten Felswände und in der Ferne sehen wir die schneebedeckten Gipfel von Säntis und Co. Berge, die allesamt über 2.500m Seehöhe erreichen. Bei Wildhaus durchqueren wir ein kleines, familiär wirkendes Skigebiet und wir erinnern uns, dass die Schweizer seit je her Retortenorte und künstliche Skigebiete ablehnten.

Seltsam! In unserer Karte ist hier ein Pass eingezeichnet? Aber wir sind niemals merkbar bergauf gefahren und es gibt auch kein kleines Schild, das unsere Passüberquerung bestätigen könnte. Nur ein Verkehrsschild kündet von einem 10%-Gefälle.

Wir schwingen in schönen, regelmäßigen Kurven bergab. Was für ein Glück, dass wir durch dichten Wald fahren, es hat längst über 30°C und wir sind so froh über jeden Schatten! Nur eine Pause wäre nun nach 60 km langsam gut, denn wir dösen während der Fahrt dahin.

Plötzlich passiert alles gleichzeitig! Der Wald endet, die Straße wird richtig steil, vor uns ein beeindruckendes Panorama nach Österreich und rechts ein kleiner Parkplatz am Abgrund. Mit Sitzbank! Nur einen Augenblick später genießen wir den Ausblick und machen es uns ein wenig gemütlich. Es ist faszinierend! Im Talkessel unter uns findet die Schweiz ihr Ende, breitet sich Liechtenstein aus und da drüben ist schon Österreich!

Wir sinnieren schweigend, während wir das Panorama dreier Länder mustern. Noch deutlicher könnte man das Ende unser Reise kaum metaphern: Nur noch ein paar Kehren hinunter und im Tal ist die Reise zu Ende. So ist es dann auch tatsächlich! Es sind nur 14 km bis Österreich, wobei wir Liechtenstein auf einer langen Geraden von etwa sechs Kilometern ohne anzuhalten durchqueren. Eine Grenze Schweiz-Liechtenstein gibt es nicht.

Schaanwald! Einer der letzten ernstzunehmenden Grenzübergänge Europas: Schweiz-Österreich. Weil wir hier in die EU einreisen, sind wir auf Formalitäten gefasst, jedoch ist das Grenzhäuschen an einem Montagnachmittag nicht besetzt.

Es ist 16:00 Uhr und wir haben noch fünf Stunden bis zur Verladezeit am Autozug! Wir suchen uns ein Wirtshaus, oder? So rollen wir an der Verladerampe des Autozugs in Feldkirch erst einmal vorbei. Weil das gemütliche "Gasthaus Krone", das wir seit 2020 kennen, erst abends aufsperrt, kurven wir einfach auf gut Glück etwas herum. Bei 35°C schwitzen wir in unser Motorradzeug, als wir sieben Kilometer später, in einem kleinen Industriegebiet etwas entdecken!

"Bi.Er´s Imbiss" heißt die Bude durchaus kreativ und es gibt knuspriges Schnitzl mit Kartoffelsalat, Kaffee, Bier und einige Flaschen Mineralwasser! Wir sind von Biggi und Erich herzlich geduldet, als wir Reiseberichte nachschreiben, Fotos auf Festplatten sichern und tun, was man am Ende einer Reise so tut. Es ist ein guter und bodenständiger Platz, um eine Tour ausklingen zu lassen. Wir haben noch so viel Zeit!

Abends ist alles Routine. Die Fahrt zum Autozug "Nightjet Feldkirch-Wien" (den es trotz teurer Tickets - wir zahlten 190.-/pP - zum Glück noch gibt!), das Aufstellen, das Warten aufs Verladen um 20:55 Uhr (nervtötend!), die stählerne Plattform (wie immer zu niedrig!), der Kaffee, um die Zeit bis zur Abfahrt um 22:30 Uhr zu vertreiben.

Und während die Motorräder wie altgediente Schlachtrösser duldsam am Anleger stehen, überkommt es uns ganz unerwartet: Das war die letzte Reise mit unseren geliebten Honda Transalp! Morgens um 7:00 Uhr noch genau fünf Kilometer vom Bahnhof in unsere Wohnung und wir steigen für immer ab. Das wars. Das Ende von 19 Jahren Motorradreisen mit euch!

Mit dieser Reise endet für uns auch eine Ära, ein ganzer Lebensabschnitt.

Doch bevor Angelika endgültig weinerlich wird, hebt Didi lächelnd sein Bierglas: "Denk dran! Morgen um diese Uhrzeit stehen schon die beiden Neuen in unserer Garage!"

Tageskilometer: 130 km

Abschiede

danke

Danke für die schöne Erzählung! Hab nun alles ineinem Rutsch nochmals durchgeschmökert.
Ein toller Urlaub und wunderbar erzählt.

LG TinA

emotionell

hallo ihr beiden!
das ist richtig emotionell beschrieben, wenn sich das reiseende mit einem neuanfang trifft. danke für das ehrliche erzählen!

genau deswegen lese ich euch so gerne. weil da mehr offenheit drinsteckt, als in den allermeisten anderen reiseberichten. es ist grossartig!

dlzg
der rider

Grenze

Moin ihr Zwei,
Es gibt keine Grenze zwischen Schweiz und Liechtenstein? Hm, wir sind aber schon über so eine gefahren...
Im übrigen ist es gerade gut, einen Bericht ehrlich zu schreiben und ich verstehe, dass ihr ein Problem mit der Schweiz habt. Im Grunde ist es ja gut, dass jeder andere Vorlieben hat, denn so verteilt sich alles ein wenig.
Ja der Abschied von euren teuren Gefährten war sicher schwer. Ich konnte mich noch nicht von meinem ersten Moppett trennen. Sie steht immernoch im Stall und wird mit bewegt. Sie ist auch nur mit was Wert für alle anderen ist sie eher was für n Schrott.
Danke euch für euren tollen Reisebericht!
Liebe eisgekühlte Grüße
Wibi

Antw.:Grenze

Wir erwischen offenbar immer nur Grenzen dort, wo nicht mehr als eine Flagge in der Gegend herumsteht. Wie auf dem Foto. :-)

Was haben wir herumüberlegt, die "Alten" behalten zu sollen. Aber es bringt ja nichts. Einen 25 Jahre alten Vergaser muss man regelmäßig bewegen und dafür fehlt uns schlicht die Zeit. Besser, jemand anderer hat noch Freude damit!
(Didis Transalp war eine Woche nach dem Verkauf schon in Slowenien. So muss das!)
LG Geli

Antw.:Antw.:Grenze

ja nun, es macht keinen Sinn, ein Moppett einfach nur in der Garage stehen zu haben. Dafür sind die Trans Alps echt zu Schade. Schön, wenn jemand noch Freude daran haben darf. Und dann noch in einem so schönen Land wie Slowenien! Meine XJ bewege ich noch, aber hab eigentlich immer weniger Freude dran. Jedes Mal schwöre ich, es ist das letzte Mal, dass sie zum TÜV kommt. Die letzte Untersuchung hat sie sogar mit einem Staubsaugerrohr ausgebesserter Auspuffanlage überstanden und ich dachte schon, ich könne sie endlich als Deko in den Garten schieben. Nicht tot zu kriegen das Teil.

Antw.:Antw.:Antw.:Grenze

Das mit dem Totkriegen war genau unser Problem! Unsere Transalps hatten gerade mal 190.000 km drauf und aus Erfahrung wissen wir, das ist - bei guter Pflege - grad mal die Hälfte der Lebenszeit!
Aber dennoch haben wir nicht genug Zeit, um jeder zwei Motorräder adäquat zu bewegen.
Geli

PS.: Dass wir uns ein Motorrad nur für Autozüge aufheben (so wie es Svenja mit Greeny macht), zahlt sich nicht aus. Unsere Autozüge gibts fast nicht mehr und wir sind auch nicht sooo groß, dass das zum Problem wird. :-)))
Aber vielleicht hat auch Svenja nur eine gute Ausrede gefunden, um Greeny zu behalten. :-)))

Antw.:Antw.:Antw.:Antw.:Grenze

Kluge Svenja

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zuletzt aktualisiert am 22.3.2024