Heiligenhafen - Rastorf - Wien

23. Tag: Heiligenhafen - Rastorf - Hamburg

Unser erster Blick aus dem Hotelzimmer fällt auf die Segelboote, die immer noch wie wild im Wasser schaukeln. Der Sturm hat kaum nachgelassen! Es ist trüb und bewölkt, aber zum Glück regnet es nicht. Unser Zeug ist schnell zusammengepackt und schon fahren wir mit dem Lift ins Erdgeschoß. Die Internetbewertungen sprechen von einem sensationellen Frühstück!

Tatsächlich sprengt das Frühstücksbuffet alle Grenzen! Während wir gerade beim flaumigen Rührei angelangt sind, erreicht uns eine süße Nachricht von Svenja Svendura. Ob unsere Heimreise über Kiel führt? Hm, ist eigentlich nicht geplant.

Aber einige leckere Mini-Fleischlaibchen (die hier Frikadellen heißen), ein paar Häferl Kaffee und einige hin- und hergeschickte Googlemap-Screenshots später ist fix: 12:00 "Rastorfer Kreuz"! Schleswig-Holsteins Bikertreff und am Samstag ist dort wenig los. Wir sind begeistert von der Idee eines zweiten Treffens in diesem Urlaub!

Um 11:15 klettern wir auf die Transalps und los gehts. Trübe 18°C aber es ist trocken. Aus irgendeinem Grund haben wir keine Karten von Norddeutschland eingepackt aber Google hat uns die A1 empfohlen und wir geben Gas.

Die Strecke ist unspektakulär und nahezu geradeaus. Nur die steife Brise, die von der Ostsee hereinbläst, sorgt mitunter für lustige Abwechslung! Wir sind froh, als wir bei Oldenburg nach 15 km endlich auf die B202 wechseln können. Die Strecke wird schlagartig attraktiver.

Sie kurvenreich zu nennen wäre übertrieben, aber die Straße schlängelt sich nahe der Ostsee durch eine hübsche Landschaft. Manchmal geben die Baumreihen einen Blick aufs Meer frei und wir sehen Bootsverleihe und Strandleben.

Wir kennen ja nun schon die wunderschönen Backsteinhäuser Schleswig-Holsteins, aber in Lütjenburg erreicht dieser Eindruck seinen Höhepunkt. Die ganze Stadt scheint aus roten Ziegeln errichtet! Was für ein großartiger Anblick!

Aber eine Besichtigung verschieben wir auf ein andermal, wir habens eilig! Kurz darauf cruisen wir durch Selent und die Sonne kommt kurz heraus. Klasse! Wir verlangsamen das Tempo, um möglichst viele der mit Schilfrohr gedeckten Häuser zu sehen. Wir lieben diesen fremdartigen Anblick und hier an der B202 gibts besonders viele davon!

Noch 10 km bis zum Treffpunkt. Wir halten jetzt die Augen offen, denn so ein Bikertreff ist doch sicher gut angeschrieben? Es ist ein lustiger Gedanke, hier eine der hier beliebtesten Bikerstrecken entlang zu fahren.

Bei unseren Hausstrecken sind eindeutig mehr Kurven, mehr Bäume, mehr Berge! Aber es ist schön hier. Die Landschaft strahlt diese besondere Ruhe aus - und anders als bei uns zuhause, ist absolut null Verkehr.

Plötzlich sieht Angelika aus den Augenwinkeln ein verwittertes Schild am Straßenrand: "... an´t Krüz". Und fährt ambitioniert weiter. Es dauert einige Kilometer, bis Didi sie einfangen kann! Wir halten mit rauchenden Reifen am Fahrbahnrand und diskutieren. War es das schon? Sind wir vorbeigefahren? Didi ist überzeugt, dass dieses Schild vorhin ... also paddeln wir die Transalps in die Gegenrichtung und drehen engagiert am Gas.

Es ist Punkt 12:00, als wir langsam auf den Parkplatz der Raststation tuckern. Sind wir hier richtig? Alle Zweifel sind weggewischt, als diese hochgewachsene Amazone auf dieser wirklich hohen Honda CRF Rally zeitgleich mit uns auf den Parkplatz bollert und lässig ´rübergrüßt.

Svenja! Wir können das Grinsen unter ihrem Helm erkennen. Gleichzeitig stellen wir die drei Hondas in eine säuberliche Reihe auf den leeren Parkplatz und springen von den Motorrädern. Wir feiern unser spontanes Wiedersehen mit einer langen und herzlichen Umarmung!

Svenja strahlt mit ihrer nagelneuen Honda und mit ihrer ebenso nagelneuen sexy Lederjacke um die Wette, während Angelika mit ihrem ziemlich ramponierten Äußeren hadert. Diese Helmfrisur, diese Fingernägel, dieses müffelnde Gewand nach einer langen Tour ... *hmpf*

Aber es gibt eindeutig Wichtigeres! Oh, wir haben so viel zu erzählen und so viel zu bereden, aber zuerst das Allerwichtigste: Essen! Wir schlapfen in den kleinen Imbiß und stellen uns an die Theke.

Während wir noch konzentriert die da oben hängende Speisekarte nach etwas  Bekanntem  scannen, bestellt Svenja Sauerbraten mit Bratkartoffeln. Angelika hat etwas mit Apfelmus entdeckt und stellt fröhlich die Frage in den Raum: "Reibekuchen? Was isn ein Reibekuchen?" Für einen Moment erstirbt das Gespräch. Erstaunte Blicke. In die Stille hinein meint die Thekenfrau barsch, "Was soll das schon sein? Reibekuchen eben!"

Nach kurzem Nachdenken fällt Svenja das Zauberwort ein: "Kartoffelpuffer!" Oh, fein! Obwohl ... mit Apfelmus? (Allerdings servierte man uns einmal in Köln Blutwurst zum Apfelmus, also sind Kartoffelpuffer eine leichte Übung!)

Wir finden einen hübschen Ecktisch und machen es und gemütlich. Wir überschlagen uns vor Reiseerzählungen und Svenja ist schon voller Vorfreude und -nervosität wegen Island.

Wir "schnacken" und kichern und lachen, nur unterbrochen von einem gelegentlichen muffeligen "Moin!" eines eintretenden Gastes.

Svenja mampft ihren Sauerbraten begeistert in sich hinein und unsere Kartoffelpuffer kommen hier als dünne, knusprige und zuckrige Kekse daher und schmecken wirklich großartig! Das ist ein feiner Ort hier!

Die Zeit vergeht wie im Flug und wir sind längst bei den ernsten Themen des Lebens angelangt. Gibt es etwas Schöneres als Gedankenaustausch mit lieben Freunden? Das gemeinsame Lachen über schwierige Vergangenheiten, die nicht zum Lachen waren, die jedoch eine wunderbare Gegenwart hervorgebracht haben? Wir stehen noch eine ganze Weile draußen im Freien und können und wollen das hier nicht so schnell beenden ...

Jedoch es nutzt nix! Der ARZ in Hamburg wartet nicht auf uns und Svenja hat noch ein Date mit der Fußball-WM heute abend. Es ist 16:00, als nach einer langen Umarmung jeder auf seine Honda klettert. (Wir eher wegen Müdigkeit und Svenja wegen 930mm Sitzhöhe.).

Wir schauen der Enduro-Queen nach, wie sie mit schlingernden Reifen sportlich vom Parkplatz düst. Pünktlich fängt es zu regnen an. Ist das der bekannte und in der Motorradreiseliteratur oft beschriebene Svenja-Effekt?! :-)

Wir beeilen uns von hier wegzukommen, bevor der Regen stärker wird. Obwohl wir keine Karten von Deutschland im Gepäck haben, entscheiden wir uns für "Luftlinie bis Hamburg". Kiel scheint ein Umweg zu sein. 

Angelika hat beim Abschied mit ihrem Smartphone einige Abschnitte von Svenjas Karten fotografiert, die sie fürsorglich im Kartenfach ihres Tankrucksacks hatte. Und sie hat sich einige größere Orte eingeprägt. Also los!

Was soll man sagen, es ist eine mühsame Fahrt. Das trübgraue Wetter passt zu unserer Stimmung am Ende dieser Reise. Die kleine Straße schwingt in leichten Kurven übers flache Land und wir kommen durch einige hübsche Ortschaften.

Für die Schönheiten der Landschaft haben wir jedoch kein Auge mehr. Es regnet ohne Unterlass, mal schwächer, mal stärker. Irgendwie finden wir über die B21 und Bad Segeberg und später über die B432. Manchmal richten wir uns eher nach der Windrichtung, "dort muss Süden sein".

Es ist nass und uns wird auch langsam kalt. Nur bei Norderstedt machen wir eine kurze Pause, trinken ein paar Schluck Heißgetränk und bewundern die Häßlichkeit der Hamburger Vorstadt.

Beim Dreieck "25 HH Nordwest" treffen wir auf die A7 und wir hoffen inständig, dass irgendwo in dieser Mega-Baustelle die B4 "Kieler Straße" angeschrieben ist. Denn das ist der schnellste und sicherste Weg nach Hamburg-Altona für uns.

Gottseidank! Es ist gut beschildert und so tuckern wir im Regen, im Schritttempo, im starken Verkehr - wie wir das hassen! - bis zur Max-Brauer-Allee.

Um 17:30 lenken wir die Transalps direkt zur Verladestelle des ARZ, neben dem Backsteinbau des Hotel Intercity. Wir sind die einzigen hier.

Während Didi uns bei dem kleinen Schalter in der Felix-Krahn-Straße eincheckt, schreibt Angelika noch ein "Wir sind gut angekommen" - SMS an Svenja. Die hatte Glück und hat es noch fast trocken nachhause geschafft!

Wir verkürzen uns die Wartezeit mit einem wirklich leckeren überbackenen Baguette bei "Le Crobag" und werden von einem Wichtigtuer bezüglich Datenschutz belehrt, weil wir einander beim Essen fotografieren. Himmel, so jung und schon so ein unsympathischer Klugscheisser! Er lässt sich jedoch schnell verscheuchen. 

Wir haben die Transalps im Blickfeld und die Verladung beginnt pünktlich um 19:00. Uns fällt die Professionalität der Verladearbeiter auf. Denen kann man die Arbeit getrost überlassen, ohne dass der Fahrtwind das Motorrad dann in tausend Einzelteile zerlegt!

Jetzt sind doch noch ein paar Bikerkollegen gekommen. Das Verladen in die unfassbare niedrigen Waggons geht schon routiniert, auch wenn nasse Reifen auf Stahlplatten immer zuverlässig für Erheiterung sorgen.

Wir eilen ohne Verzögerung in unser "Double Deluxe" - Abteil und werden unsere nassen Sachen los.

Dann verkleben wir die Klimalüftungsschlitze (unendlich viele Schlitze!) fest mit Gaffa, denn da bläst eisekalte Luft herein. Um Punkt 20:15 zuckelt der Zug langsam los. Pfiat di, Hamburg!

Dass wir mit lauter deutschen Motorradfahrern im Waggon reisen, war dann ziemlich schnell klar ...

Um 20:00 ist das Fußball-WM-Spiel Schland:Schweden angepfiffen worden und bei jedem Torschuß (und es waren viele!) bebt der Waggon vom Triumphgeheul der immer besser gelaunten Fans. Der Zugbegleiter übt Nachsicht, auch als das Feiern auf den Gängen nach dem deutschen Sieg seinen feuchtfröhlichen Höhepunkt erreicht.

Um 23:00 sind die dann endlich kaputtgefeiert, denn nach einer Gute-Nacht-Zigarette am Bahnsteig von Göttingen kehrt endlich Ruhe ein.

Tageskilometer: 170 km

24. Tag: Ankunft Wien

Kurz vor 7:00 weckt uns der nette Wiener Zugbegleiter mit einem kleinen Frühstück. Wir stehen gerade am Hauptbahnhof unserer zweiten Heimat in Linz. Langsam suchen wir unser Zeug zusammen und winden uns ein letztes Mal in die Motorradklamotten. Die trockene Luft im Abteil hat das regennasse Zeug komplett getrocknet, das ist gut!

Pünktlich um 8:10 steigen wir in Wien-Hauptbahnhof aus dem Zug. Es hat sonnige 19°C, als wir unsere Motorräder aus dem Waggon lenken. Es sind nur 8 km quer durch die Stadt zu unserer Wohnung, aber wie anders ist das als voriges Jahr!

Während uns diese kurze Strecke voriges Jahr bei fast 30°C und zahllosen Staus den letzten Nerv gezogen hat, so kurven wir heute durch die fast noch schlafende Stadt. 

(Memo an uns selbst: Nie wieder Montag früh mit dem ARZ ankommen, Sonntag ist besser!)

Wir haben sogar noch die Energie, den ganzen Tag unser Zeug zu versorgen und zu waschen. Abends finden wir eine neu eröffnete Pizzeria um die Ecke und lassen den Urlaub gebührend ausklingen.

Ein Fazit? Nein, ein Fazit können wir nicht schreiben. Dazu war die Reise zu vielfältig. Aber durch das langsame Spazierenfahren durch das Sehnsuchtsland Norwegen im Gegensatz zur zielgerichteten Nordkapp-Reise, einfach durch die Art des Reisens, da wurden Gedanken freigesetzt und Ideen geboren. Minimalismus, das einfache Leben, das wird uns noch länger beschäftigen...

Die Reise ist nun vorbei. Wir freuen uns über eure Kommentare!

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zuletzt aktualisiert am 17.9.2018