22. Tag: Travemünde - Lübeck - Hamburg

Donnerstag, der 16. Juni, 9:00. Wir sitzen gemütlich an dem kleinen Tisch vor unserer Hütte C. "Hütte" ist fast schon übertrieben, aber wir haben eine Steckdose, einen Tisch und kleine Sessel. Das reicht für eine kleine Tasse Kaffee, gekocht am Gaskocher aus den Resten unseres Vorrats! Es wird ein warmer Tag! Die Sonne scheint und es hat schon fast 20°C.

Wir trödeln herum, als wir ein letztes Mal unser Zeug zusammenpacken. Wir haben heute nicht weit zu fahren und der Autozug in Hamburg geht erst abends! Wir haben gestern abend noch die Karte studiert und uns eine Route ausgedacht. Eine gewisse Marzipanfabrik in einer hübschen Stadt auf einer Flussinsel spielte dabei eine gewisse Rolle...

Es ist 11:00, als wir endlich vom Platz rollen und den freundlichen Menschen vom Campingplatz winken. Sie hatten uns gestern den Schlüssel hinterlegt, da wir weit nach der Sperrstunde hier angekommen waren. Danke für die Unterstützung!

Wir nehmen die B75, die direkt am Campingplatz vorbei führt. Es sind nur 17 km bis Lübeck und wir vertrauen darauf, dass die Altstadt gut ausgeschildert ist. Dass wir für den nur 850m kurzen "Herrentunnel" jedoch 2,10/pP Maut zahlen müssen, ist eine Überraschung, stört uns aber nicht. Immerhin soll dieser Tunnel nach norwegischem Vorbild durch Mautgebühren refinanziert werden und daher irgendwann kostenfrei befahrbar sein.

Lübeck ist größer als gedacht, als wir quer durch die Stadt tuckern. Zum Glück gibt es ausreichend Schilder und schon rollen wir die Trave entlang. Was für ein hübscher Anblick! Die Altstadt liegt am anderen Ufer! Wir haben auf der Karte ein Parkhaus entdeckt, mitten in der City. Dort wollen wir hin!

Deshalb nehmen wir jetzt schwungvoll eine Brücke in die Stadtmitte und fahren ehrgeizig aber vorsichtig Richtung Zentrum. Menschenmassen schieben sich durch die Stadt. Will ganz Deutschland heute einen Stadtbummel machen? Schau, da links drüben ist das Parkhaus! Tja, es wäre so einfach gewesen, wenn uns nicht in diesem Moment ein Polizist mit ausgezeichneter deutscher Unfreundlichkeit angehalten und des Platzes verwiesen hätte.

Nein, wir können da nicht rüberfahren! Nein, auch da nicht! Und dort schon gar nicht! Und außerdem dürften wir gar nicht hier sein, denn hier ist auch schon Fahrverbot! Wie wir ins Parkhaus kommen? "Wenn ihr nicht sofort absteigt und schiebt, kostet euch das 50.-!" Der Uniformierte gebärdet sich wie ein lebendes Rufzeichen und wir werden neugierig von zahlreichen Passanten beobachtet.

Ei freilich! Schieben! Angelika kocht innerlich vor Wut, als sie ihre Fuhre herumwuchtet und dorthin rollt, wo sie kein Fahrverbot vermutet. Muss das sein? Geht das nicht freundlicher? Dem Amtsorgan muss doch klar sein, dass wir hier nicht ortskundig sind!

Unfreiwillig umrunden wir nun die Altstadt Lübecks gleich mehrfach und das im Schritttempo. Alleine durchs berühmte Burgtor fahren wir drei Mal! Wir finden einfach keinen Weg ins Parkhaus! Gerade, als wir den Besuch Lübecks abblasen wollen, erspähen wir ein Parkhaus am Ufer der Hüxstraße. Nur 4.- für zwei Stunden pro Motorrad? Nehmen wir!

Wir schwitzen gewaltig in unsere Motorradsachen, als wir kurze Zeit später die Hüxstraße direkt zum Marktplatz eilen, dem zentralen Teil der Altstadt. Meine Güte, gibts hier etwas gratis? So viele Leute hatten wir in 3 Wochen Finnland nicht, nicht mal zusammengerechnet!

In den wunderschönen Arkaden entdecken wir das "Niederegger Café" und - was für ein Glück! - einen freien Sitzplatz! Unsere Freude auf ein Frühstück wird nur kurz getrübt. Frühstück gibts nämlich nicht. Personalmangel! (Was für eine Parallele zu unserer weit entfernten Heimat...) Aber wir finden, dass ein hübsches Marzipanteilchen auch als Frühstück zählt!

Während wir die leckere Mehlspeise jausnen, bewundern wir das 750 Jahre alte Rathaus da drüben und die wunderschöne Marienkirche, die hier auch schon seit über 700 Jahren steht. Sagenhaft schöne Häuser gibt es in Lübeck! Backsteingotik in Reinkultur! So fremd uns dieser Anblick ist, so schön finden wir ihn immer wieder.

Jetzt aber zum eigentlichen Grund unseres Besuchs! Eilig betreten wir die Marzipanfabrik Niederegger, deren süße Spezialitäten auch bei uns gut bekannt sind. Ein kleines Museum im oberen Stock ist frei zugänglich und nur kurz später lesen wir Interessantes über die Geschichte des kostbaren Marzipans, das als luxuriöses Heilmittel galt und von dem sogar der Philosoph und Geistliche Thomas v. Aquin vor 800 Jahren erklärte: "Marzipan bricht das Fasten nicht!"

Infobox

Marzipan wurde von einem persischen Arzt etwa 900 n. Chr. als Heilmittel erfunden. Etwa 300 Jahre später brachten Kreuzritter die neue Medizin nach Venedig und Neapel, wo sie als Luxusgut gehandelt wurde. Die Venezianer waren begeistert und nannten die Süßigkeit "mazapane", nach den kostbaren Holzdosen, in denen es verkauft wurde.

Auf großen Hansekoggen gelangte Marzipan in den hohen Norden. Hergestellt und verkauft werden durfte es immer noch nur durch Apotheker! Elisabeth I. von England soll geradezu süchtig danach gewesen sein. Später unter dem Sonnenkönig Louis XIV. wurde Marzipan zur Bildhauerei verwendet. Man fertigte lebensgroße Tiere und Pflanzen als Tischdeko für die Hofgelage.

Erst im 19. Jhdt. bekamen alle Menschen Zugang zu Marzipan und zwar hier in Lübeck. Warum eigentlich Lübeck? Nun, es war Anfang des 19. Jhdt, als der junge Ulmer Johann Georg Niederegger hier eine kleine Konditorei übernahm. Der bescheidene Mann macht sich als "Canditor" schnell einen sehr guten Namen und war bald so wohlhabend, dass er das Haus an der Rathaustreppe erwerben konnte.

Als er 1856 mit 80 Jahren starb, war sein Marzipan bereits ein weltweit bekannter Exportartikel und spätestens nach der Wiener Weltausstellung 1873 war es in aller Munde. Es hatte einen wichtigen Preis gewonnen! Heute werden an diesem Ort 30 Tonnen Marzipanartikel produziert. Täglich!

Nachdem wir die Großkunstwerke aus dem teuren Rohstoff bewundert haben, kaufen wir im Shop noch ein paar bunte Kleinigkeiten für Freunde. Fische und Krabben aus Marzipan! Was für eine Symbiose in dieser entzückenden norddeutschen Stadt in Meeresnähe! Wir ahnen nicht, dass wir in drei Monaten wieder hier sein werden...

Während wir gemächlich zu unseren Motorrädern zurück schlendern, vereinbaren wir, auf gut Glück Luftlinie zur A7 zu fahren. Diese Autobahn ist uns vertraut, da finden wir am leichtesten den Weg nach Hamburg-Altona. So machen wir es!

Die B75 führt nun gemütlich und nicht besonders spannend übers Land und wir hängen unseren Gedanken an die vergangene Reise nach, als wir an Dörfern wie Hamberge und Bad Oldesloe vorbei kommen. Nach etwa 40 km winkt Didi das gut eingeübte Zeichen für "Kaffee, jetzt!" und was für ein Glück! Nur Sekunden später kurvt Angelika auf den weitläufigen Parkplatz des "Obsthofs Lienau" bei Neritz.

Obwohl es in diesem übergroßen Hofladen mit bäuerlichem Flair zwar Obst und Gemüse aller Art, regionale Erzeugnisse und Köstlichkeiten der Bauern der Umgebung "ab Hof" gibt, ist ein Becher Kaffee keine leichte Übung für die rustikalen Damen. Es dauert ein wenig, bis wir am schweren Holztisch an der Straße sitzen und Kaffee und ein Stück klebrigen Kuchen genießen. Wir sind müde geworden...

Einmal noch gucken wir in die Karte. Nur zur Sicherheit! Henstedt-Ulzburg heißt der nächste Ort und dann sollten wir uns auskennen. So ist es auch und wir erreichen über die B4 ziemlich zügig Quickborn. Als wir in den Ort hineinfahren, den wir nur als Autobahnabfahrt kennen (und über dessen seltsam klingenden Namen wir seit Jahren schmunzeln müssen) erkennen wir: Hier ist es nicht besonders schön. 

Vielleicht liegt es am Bahnhofsviertel? Keine Ahnung. Wir kurven eine Zeit lang herum und suchen ein ansprechendes Frühstückscafé. Die süßen Teilchen aus Lübeck sind längst vergessen und wir haben Hunger! Ob wir in diesem etwas herabgekommenen Ort etwas finden? Aber wie es halt oft so ist, sind die Partys mit der geringsten Vorfreude die schönsten!

Bei "Lavinis" an der Ecke zur B4-"Kieler Straße" überrascht man uns mit einer ganzen Platte voller Köstlichkeiten, die in norddeutscher Bescheidenheit einfach "Schinken-Käse-Toast" heißt und auch nur soviel kostet. Wir haben es nicht eilig und lassen uns einige Male Kaffeenachschub bringen. Die letzten paar Meter auf deutschem Boden werden wohl ziemlich ermüdend ...

Und so war es dann auch, als wir uns um Punkt 18:00 in der Wartespur des Autozugs in Hamburg-Altona aufstellen. Einzig den wunderschönen "Kieler Grenzstein" in Hamburg haben wir erstmals fotografiert. Wir kamen genau davor im Stau zu stehen.

Infobox

In der ersten Hälfte des 19. Jhdt ließ der dänische König in ganz Schleswig-Holstein moderne Fernstraßen anlegen und dazu dekorative Meilensteine mit seinem Wappen aufstellen. Sie dienten der Entfernungsangabe und Erinnerung seines Machtanspruchs.

So ein Stein steht seit 1832 mitten in Hamburg am Straßenrand der B4 - "Kieler Straße", eine Umbenennung der historischen Altona-Kieler Chaussee. Von hier sind es 11,25 dänische Meilen bis Kiel. Eine "Sjællandsk Miil" betrug etwa 7,5 km und mit einem Gespann brauchte man auf dieser modernen Straße nur mehr zehn Stunden bis Kiel.

Der Endpunkt in Kiel befindet sich an der Kreuzung Sophienblatt, Hamburger Chaussee und (sic!) Königsweg.

Angelika eilt jetzt noch schnell zum angrenzenden REWE, um ein paar Flaschen leckerer dänischer Remoulade sowie ihr Lieblingshaarshampoo zu erstehen. Das alles gibt es bei uns nicht und die Sauce ist zum Backfisch einfach unübertroffen! 

Als wir endlich auf die Plattform des Zugs auffahren dürfen, sind doch noch einige Motorradfahrer eingetroffen. Zum Glück, denn sonst wird diese Verbindung nach Innsbruck auch noch eingestellt! (Hamburg-Wien gibt es nicht mehr...)! Als wir bereits vor der Abfahrt eine halbe Stunde Verspätung aufreißen, erinnern wir uns mit Schrecken an die unangenehme Rückfahrt voriges Jahr, als wir sieben Stunden zu spät Innsbruck erreichten.

Als wir um Mitternacht notdürftig unter die dünnen Decken kriechen, diskutieren wir, ob nach Streckensperren, Zugverspätungen, Schäden am Motorrad durch allzu oftunfähige Verladearbeiter und brüllend lauten Proleten im Nachbarabteil die Ära der Autozugreisen für uns nach 6 Jahren langsam dem Ende zugeht. Es ist lange her, dass wir diese Art des Reisens gemocht haben...

Tageskilometer: 132 km

Hier gehts weiter nach Hause: >> klick

Lübeck ist eine Reise wert!

Es wurden keine Beiträge gefunden.

Neuer Beitrag

Seit 25.5.2018 gilt die EU-DSGVO iVm DSG 2018. Gemäß Art.2(2)2c der EU-DSGVO findet diese Verordnung keine Anwendung auf die Verarbeitung personsbezogener Daten durch natürliche Personen zur Ausübung persönlicher oder familiärer Tätigkeiten. Diese Website ist eine rein persönliche und nicht-kommerzielle Seite und wird von keiner juristischen Person betrieben.
 Wir bieten keine Mitgliedschaften, keinen Mitgliederbereich und verschicken keine Newsletter.
Es gibt keinen Online-Shop, wir haben keine Kunden und nichts zu verkaufen. Die Website ist werbefrei.
Dennoch ist uns der Schutz ihrer Daten ein Anliegen. Bitte lesen sie unsere ausführliche Datenschutzerklärung!

Cookie-Hinweis

Diese Webseite nutzt Cookies, um die Funktionalität der Webseite sicherzustellen und das Surfen zu verbessern. Das war zwar schon immer so, aber jetzt müssen wir darauf aufmerksam machen.
Durch die Nutzung unserer Webseite stimmen Sie unserer Datenschutzerklärung zu.
zuletzt aktualisiert am 30.1.2023