2. Tag: Heidenau - Alt Ruppin
Wir fühlen uns indifferent. Einerseits fehlt jede Motivation zum Motorradfahren, andererseits bringt uns jeder Tag näher an unser Ziel. Bei der Aussicht auf "einen Tag deutsche Autobahn" langweilt uns schon das Darübernachdenken! Die Motorräder sind bereits in den Schatten geschoben und tragen schon ihr Reisegepäck, als wir uns vom Frühstücksbuffet noch ein Häferl Kaffee schnorren.
Es ist zu früh für Frühstück und außerdem wollen wir keine Zeit verlieren! 20°C, Sonnenschein, Motorradwetter! Wir haben die Anreise an die Ostsee diesmal auf drei Fahrtage aufgeteilt, also sollte die Ödnis deutscher Hochgeschwindigkeitsstraßen doch zumindest von der Dauer her erträglich werden. Zumal unsere Transalps auch dafür erfunden wurden!

Um 9:45 Uhr starten wir los. Wir haben im schönen Blumengarten doch noch etwas Zeit vertrödelt. Mit Hilfe von Google finden wir den kürzesten Weg zur Auffahrt "Dresden-Prohlis" auf die Autobahn A17. Wir rollen jetzt zügig rund um die sächsische Hauptstadt.
Wie oft haben wir Dresden schon umrundet? Wohl -zigmal! Wir sollten es irgendwann einmal auch besichtigen, oder? Angelika hat sich 1991 am Weg nach Berlin in der nächtlichen Stadt mal ziemlich verfahren. Ihre Erinnerungen an Dresden sind eher trübsinnig aber es soll ja mittlerweile sehr hübsch geworden sein! Irgendwann werden wir uns das vielleicht tatsächlich einmal ansehen. Ganz freiwillig und bei Tageslicht.

Wir haben Glück, denn heute Samstags ist noch nicht viel Verkehr! Da ist schon rechts der Flughafen und wir brausen ohne viel links und rechts zu schauen auf die A10 gen Norden. Bekanntes Gebiet, bekannte Strecke. Schnurgerade bollern wir endlose Kilometer durch endlose Nadelwälder. Vorbei an bekannteren Namen wie Lausitz und Lauchhammer erreichen wir ohne nennenswerte Vorfälle die Raststation "Berstetal".
Wir haben 140 km hinter uns und müssen mal tanken und endlich frühstücken! Die Abstände der Tankstellen im deutschen Autobahnnetz verstören uns immer wieder. Gibt es in Österreich spätestens alle 30 km Nachschub, kann es hier schon mal doppelt so weit sein! Hungrig und voller Kaffeedurst kurven wir zu den Zapfsäulen von ARAL.

Was haben wir hier Anfang April noch gefroren! Heute zerren wir schwitzend den schweren Sonnenschirm näher zu unserem Tischchen, bevor wir unsere leckeren Schnitzelsemmerl mampfen. Die sind hier mit Mayo und Gurken und wirklich eine Empfehlung! Es ist 11:30 Uhr und wir dehnen die Pause ein wenig aus und holen noch völlig überteuerten Kaffee im Pappbecher. Die A13 ist immer anstrengend zu fahren! So viele Baustellen und dazwischen wird wie geisteskrank gerast, als gäbs kein Morgen. Die deutsche Variante von „freie Fahrt für freie Bürger“.
Wie immer treffen wir hier die Entscheidung: Rechts um Berlin herum oder mitten durch? Wir checken am Handy das Verkehrsaufkommen. Sind irgendwo Verzögerungen? Gar längere Staus? Und wie immer entscheiden wir: Lieber rechts herum! Wir trauen der Stadtdurchfahrt nicht! (Einmal fuhren wir mit dem Auto von Kiel nach Wien und um 3:00 Uhr gings eigentlich ganz gut. Aber das ist eine andere Geschichte. Außerdem ist um 3:00 Uhr morgens praktisch jede Stadt sympathisch.)

Unser kleines Thermometer am Lenker zeigt 32°C, als wir im nächsten Stau stehen. Noch 200 km liegen vor uns. Komm, geben wir ein wenig Gas! Doch nur 40 km später halten wir schon wieder an. Es ist unerträglich heiß geworden und wir parken im Schatten dichter Bäume an der Raststation "Kahlberg Ost".
Das mögen wir an deutschen Autobahnen! Es gibt immer Bäume und guten Schatten an Pausenplätzen! Nicht so wie in Österreich, wo die ASFINAG zuverlässig jedes Bäumchen wegrasiert und nicht einmal die Rastbänke mit Schatten überdacht. Warum sollte man beim Reisen auch im Schatten sitzen wollen?

Während wir ausgiebig kalten Zaubertrank schlürfen, quatscht uns eine nette Berliner Lehrerin an. Sie bewundert unsere Transalps und unseren Reiseplan. Sie ist auf dem Weg zu ihrem Freund, der zur Zeit ebenfalls auf Motorradtour irgendwo im Norden ist. Sie will ihn für ein paar Tage besuchen und hat ihr Auto - quasi das Versorgungsfahrzeug - voll mit Campingzeug. Wir wünschen einander eine gute Fahrt!

Die nächsten 100 km verlaufen ereignislos. Wir geben Gas und umrunden Berlin auf der A10. Wir haben den Plan gefasst, die öde Autobahn so bald als möglich zu verlassen, also so bald es für unser heutiges Tagesziel irgendwie Sinn hat. Die letzten Kilometer wollen wir erstens eine schönere Strecke wählen und zweitens leuchtet der Autobahnabschnitt bei Fehrbellin auf Googlemaps tiefrot. Schon wieder ist hier ein Unfall passiert! Schon so oft haben wir das hier erlebt! Man könnte fast meinen, die A14 hat hier eine persönliche Feindschaft mit uns!

Bei "Ausfahrt 30 Oberkrämer" verlassen wir die ungeliebte A14. Die letzten 40 km fahren wir nach Karte! Während Angelika konzentriert die Landkarte im Auge behält, führt unser Weg über Kremmen und Herzberg und wir betrachten während der Fahrt aufmerksam die winzigen Dörfer. Es gibt zahlreiche Umleitungen, aber meist führt der einzig richtige Weg über die "Straße der Einheit"...

Die Häuschen sind alt und von vollkommen abgewohnt oder kaputt bis hin zu säuberlich renoviert mit Blumenschmuck. Manches wirkt wie ein Freiluftmuseum, nur dass Leute drin wohnen. Am flachen Land "Oberhavel" durchqueren wir typische Straßendörfer, ohne für uns erkennbaren Mittelpunkt oder Ortskern. Die Kirchen haben für uns ein fremdes Aussehen: sie erinnern in ihrer Bauweise an dänische Kirchen, die man irgendwann vergessen hat, weiß anzustreichen.

Gemütlich cruisen wir jetzt lange Alleen entlang und durch namenlose Wälder. Uns fallen die schnurgeraden Landstraßen auf, die es so bei uns nicht gibt! Man fährt und fährt und hat den Eindruck, jemand hätte beim Straßenbau einfach das Lineal angesetzt und gesagt: "Passt schon." Als wir bei einem Kreisverkehr in Alt-Ruppin mit großen Lettern "HERZLICH WILLKOMMEN" geheißen werden, haben wir unser Ziel fast erreicht.

Wir holpern durch das historische Städtchen auf grobem Kopfsteinpflaster und finden unser Ziel recht schnell. Ein wahrlich schmuckes "Schlösschen", die ehemalige Seniorenresidenz! Um 16:30 Uhr steigen wir ab. Wir sind nun knapp unter sieben Stunden unterwegs und der Tagesdurchschnitt beträgt genau 50 km/h. Gar nicht schlecht!

Wir werden von der fröhlichen Hausherrin so herzlich empfangen, wie wir es selten erlebt haben! Lest selbst über diese tolle Unterkunft! >> Schlösschen am Rhinufer
Es hat immer noch 30°C, als wir uns zu Fuß "Zum Seebad" begeben. Obwohl wir zu Ostern schon in diesem Ort waren, waren wir doch erstaunt über die Schönheit und Größe des "Ruppiner Sees", der hier als Freizeitparadies mitten im Ort liegt und den wir trotzdem vor wenigen Wochen nicht entdeckt haben. Wie kann man an einem See vorbeigehen ohne ihn zu sehen? Vermutlich eine weitere unserer Inselbegabungen.
Wir lassen uns im schattigen Gastgarten am Seeufer nieder. Hier ist es wunderschön!

Ein deftiges Essen zu überaus günstigen Preisen später hocken wir im Vorgarten unseres Schlösschens. Endlich kühlt es ein wenig ab. Wir freuen uns, den größten Teil der Anreise geschafft zu haben. Morgen sind wir hoffentlich schon in Kiel!
Tageskilometer: 320 km
Hier gehts an die Ostsee: >> klick
Auf der deutschen Autobahn
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