6. Tag: Nyord/Møn

Es ist ziemlich trüb und bewölkt, als wir am Vormittag in Claus´ geschmackvoller Wohnküche ein kleines Frühstück jausnen. Der Himmel spielt alle Nuancen von Grau und es hat auf 20°C abgekühlt. Sehr erholsam! Wir sitzen noch lange danach im blumengeschmückten Innenhof mit einer Tasse Kaffee und überlegen, was wir unternehmen könnten.

Was für ein ungewohntes Gefühl auf Reisen! Wir sind es gewohnt, jeden Tag weiter zu fahren und fixe Pläne und "To Dos" zu haben. Aber diese kleine Dänemarkreise ist anders. Wir bleiben länger an einem Ort und machen auch einfach nur Urlaub. Wir wälzen jetzt die kleine Karte von Møn.

Gestern wurde in der Bar in Klintholm Havn die Insel Nyord erwähnt! Der Name klingt für uns nach dramatischen Wikingerzeiten und irgendwie nicht von dieser Welt. Sind wir neugierig geworden? Für Angelika steht nur ein Punkt auf der heutigen "bucket list": Sternschnuppen zum Essen! Sie hat viel über dieses dänische Fastfood gehört, dessen Hauptzutat Backfisch ist und ... ja, das muss heute sein und sie weiß auch schon, wo!

Es ist schon nach Mittag, als wir auf die Transalps klettern und über die winzige Zufahrt unser Zimmer verlassen. Langsam und aufmerksam umrunden wir das große Brackwasser Stege Nor, das uns von der Hauptstadt Møns trennt. Der See scheint ein wahres Anglerparadies zu sein, denn wir sehen zahlreiche kleine Boote mit ehrgeizigen Fischern und einige stehen in hohen Wathosen am Rand des Schilfgürtels.

Vor einem kleinen Bauernhof halten wir und schauen uns das genauer an, was uns schon die letzten Tage aufgefallen ist: Fast alle Wohnhäuser haben vor der Einfahrt kleine Verkaufsstände aufgebaut. Manchmal recht aufwändig errichtet und dekoriert und manchmal nur ein einfacher Holztisch vor dem Haus. Das selbstgemalte Schild "LOPPE"  bedeutet (Google Translate seit Dank!) Flohmarkt und genau das ist es auch.

Hier werden Flohmarktwaren privat verkauft! Es gibt alles Erdenkliche von selbstgemachter Kunst über altes Spielzeug, ausrangierte Küchengeräte und vieles mehr. Was für eine nette Tradition! Wir lesen, dass die Dänen ganz verrückt sind nach ihren Flohmärkten, Secondhand-Läden und Antiquariaten. Es entspricht der dänischen Mentalität, eine einfache Blechbüchse hinzustellen, in die man ehrliche Münzen und Scheine einfach einwirft.

Als wir Stege durchqueren, wirft Angelika schon einen sehnsuchtsvollen Blick Richtung Backfisch-Kiosk aber zuerst fahren wir nach Nyord! Die schmale Straße bleibt nahe an der Stegebucht, schlängelt sich an einem nobel wirkenden Ferienort am Ostseestrand entlang und verschwindet bei Ulvshale in einen verwunschenen Wald.

Erst später werden wir lesen, dass dies der Ort ist, an dem Nobelpreisträger Günter Grass stets seine Sommerferien verbrachte. Er liebte Dänemark und die Dänen und erholte sich in seinem kleinen Bauernhaus von dem Trubel, den er allzuoft selbst hervorgerufen hatte. In seinem Roman "Die Box" erzählt er Anekdoten aus Møn.

Wir fahren nun sehr langsam, denn links und rechts von der Straße sind winzige Ferienhäuser im Dickicht versteckt. Dauercamper teilen sich hier das Unterholz mit kleinen Hütten und zahlreiche bunte Menschen verbringen hier gemeinsam ihre Freizeit. Wir finden das interessant, denn die Behausungen scheinen ohne näheren Plan im dichten Wald verteilt. Was für ein seltsamer Anblick.

Als wir aus dem Wald heraustuckern, stehen wir an einer Ampel. Ah, hier geht es hinüber auf die Insel Nyord! Die Straße über den Damm ist einspurig und wir schauen uns interessiert um, während wir auf "Grün" warten.

Vor uns breitet sich unendliches Marschland aus. Sumpfiges Land, das von unzähligen Wasserläufen durchbrochen ist. Ein Vogelschutzgebiet, aber davon verstehen wir nichts. Noch vor 50 Jahren war die Insel nur per Boot erreichbar! Wir queren die flachen Salzwiesen der fünf Quadratkilometer "großen" Insel Nyord und tuckern auf den kleinen Schotterplatz am Ortseingang. Nyord ist nur für Fußgänger! In diesem historischen Dorf herrscht Ruhe vor allem Verkehr. Wir lassen die Transalps stehen und marschieren los.

Kleine, niedrige Häuser ducken sich eng aneinander, die meisten tragen ein dickes Dach aus Schilfrohr und überbordenden Blumenschmuck. Die kleinen Gassen sind schmal und winden sich durch die Siedlung Richtung Hafen. Wohnen hier Menschen? Ja! Etwa 35 Leute haben hier ihren Wohnsitz und wir kommen aus dem Staunen nicht heraus. Ein bisschen fühlen wir uns an die Île de Sein erinnert, die weit im Atlantik liegende Insel in der Bretagne! Ganz anderes Ambiente, aber diese Einsamkeit, diese Kleinheit, diese Abgeschiedenheit und frühere Isolation ist hier - trotz Damm - ebenso fühlbar.

Nyord wirkt wie aus der Zeit gefallen. Ein Dorf am Rande der Geschichte, stellen wir fest, als wir über das verlassene Hafengelände gehen. Heute ist Dienstag und außer ein paar Einwohnern ist niemand da. Doch! In dem kleinen Café bei der achteckigen Kirche war Betrieb! Doch die wenigen Plätze waren besetzt, darum sind wir nicht eingekehrt. Leider hat sich unser Wunsch nach einem kleinen Hafenkiosk dann nicht erfüllt und so suchen wir bald wieder das Weite.

Es sind nur 13 km bis zum Backfisch, wie Angelika eilig verlautbart und schon rollen wir mit den Hondas zurück auf die Insel Møn. Wir haben ein Ziel und hier kennen wir uns schon aus! Schon auf der Tour vor drei Jahren haben wir im "SPISESTEDET" im alten Hafen lecker gefrühstückt und heute haben wir es weniger eilig als damals! Alles ist so, wie wir es kennen, als wir zum zweiten Mal die Transalps an die Hafenkante stellen und in den Imbiss eilen.

Dass die sensationellen Smørrebrød vergriffen sind, macht nichts. Angelika bestellt munter drauf los, während Didi draussen einen schönen Platz besetzt. Sternschnuppe und Hotdog als Vorspeise und dann als richtige Mahlzeit Backfisch und Pommes. Zweimal. Was hat sie sich nur dabei gedacht! Stjerneskud ist eine Hauptspeise, das Hotdog auch und - um Himmels Willen! - wer soll das alles essen?

Niemand kann Backfisch besser als die Ostseebewohner! Die ganzen Sachen schmecken unfassbar lecker, wir mampfen schweigend die enormen Portionen und lassen nur ein paar Pommes über, auf die die zahlreichen Lachmöwen, die über unseren Köpfen kreisen, bereits ein scharfes Auge geworfen haben. Boah, war das gut!

Während wir die letzten Krümel mit der guten dänischen Mayonnaise auftunken, fährt eine hübsche Kutsche mehrmals an uns vorbei. Die schweren Zugpferde lassen sich vom Gejuchze der Kinder nicht beirren, während sie ihren Weg durch Stege stapfen. Was ist denn da los? Wir schauen mal um die Ecke.

Dienstag ist Markttag! Heute ist Stege eine Fußgängerzone und hier spielt sichs gewaltig ab. Menschenmassen wälzen sich durch die historischen Gassen, alle Geschäfte haben Marktstände aufgebaut, es gibt Kunst, Kino und Karussell. Ein richtiges Volksfest und ganz Stege ist auf den Beinen! Wir überlegen, noch etwas Süßes zum Kaffee zu nehmen aber wir kapitulieren angesichts der Riesenportionen von eben vorhin.

Nach einem kurzen Blick auf die fast 800 Jahre alte wuchtige Kirche verlassen wir Stege und tuckern langsam heimwärts. Nicht ohne beim enorm weitläufigen "Superbrugsen" noch ein paar Kleinigkeiten für morgen zu kaufen. Über kleine Feldwege und schmale Gässchen finden wir wieder unsere Unterkunft. Es ist 17:00 und es fängt zu regnen an, pünktlich, nachdem wir von den Transalps geklettert sind.

Angelika hadert noch ein wenig mit sich selbst, nun kein Nacktbad in der Ostsee nehmen zu können. Gestern hat sie verschlafen und heute regnet es. Diese Chance ist verpasst! Den Rest des Abends verbringen wir gemütlich auf unserer schönen Terrasse und beobachten die geisterhaften Bodennebel, die rund um uns aufsteigen. Wir gehen ungewöhnlich früh schlafen. Morgen verlassen wir die Insel Møn!

Tageskilometer: 42 km

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Ein kleiner Urlaubstag...

Gemüse vor dem Haus

erinnert mich an unsere kleinen Hofläden, die seit einiger Zeit überall aus dem Boden schiessen.
Ich finde das gut und richtig! Die Dänen haben vielleicht schon kapiert, in welche Richtung wir gehen sollen?

LG Tom

nyord

ich war schon so oft auf møn und kenne dieses dorf immer noch nicht! danke für die erzählung, beim nächsten mal muss ich das suchen!
dlzg rider

Unglaubliches

< Wir sind es gewohnt, jeden Tag weiter zu fahren
< und fixe Pläne und "To Dos" zu haben. ...
< Wir bleiben länger an einem Ort und machen auch
< einfach nur Urlaub.

Da verändert sich gerade was, oder? Das hat eine ganz besondere Qualität, wenn man morgens nicht weitermuss, sondern einen Tag frei hat im Urlaub. Ich lieb das mehr und mehr. Für Norwegen, Island, oder Finnland könnte ich mir das kaum vorstellen, aber in den Erholungsländern, wie Frankreich, Dänemark und Österreich (sic!) gehören die Jokertage dazu. Über das Thema müssen wir unbedingt noch mal persönlich sprechen. Das treibt mich gerade um, Abenteuer gegen Ferienreise.

Die dänische Sprache ist so herzallerliebst. "SPISESTEDET" Speisestätte les ich daraus. Welch ein treffender Name, und so süß.


< als wir zum zweiten Mal die Transalps an die
< Hafenkante stellen und in den Imbiss eilen.

Das ist auch so eine Sache: Zum wiederholten Mal an dieselbe Stelle zu fahren. Hätte ich mir vor kurzem noch nicht vorstellen können, aber inzwischen entdecke ich da was. Eine ganz schöne Wiedersehensfreude an bekannten und geliebten Plätzen. Zuletzt ging mir das in Skiveren Camping so und auf Mandø. Und wohl immer wieder in Frankreich.
Auch was, worüber wir abends am Lagerfeuer mal gemeinsam philosophieren müssen.

Diesen Reisebericht habt ihr schön geschrieben, ein wenig Reportage, ein wenig Lyrik, ich mag das sehr. Danke fürs Mitnehmen auf diese schöne Reise. Ich lese euch zu gerne und freu mich auf jeden neuen Reisetag.

< um Himmels Willen! - wer soll das alles essen?
Mein erster Gedanke bei dem Foto: Ja, seid ihr deppert?! :-)

Drück euch
Svenja

Antw.:Unglaubliches

Aahahahahahaaa, du lernst Österreichisch? Insidertipp: Da musst du besonderen Wert auf die Betonung legen. Das is so wie im Chinesischen. Betont man falsch, geht die richtige Bedeutung flöten.
"Jabisdudeppert!" Betonung auf BIS. So gehts. Sonst ist es eine astreine Beleidigung. :-))))

Zum veränderten Reisen? Ich weiß noch nicht, ob sich etwas verändert und ob ich mich damit wohlfühle. Zumal Didi und ich beim Thema "viele Jokertage vs. Weiterreisen" nicht derselben Meinung sind und immer Kompromisse suchen. ;-)
Nur diesmal in Dänemark, da war das schon aus gesundheitlichen Gründen sehr ok (oder sogar die einzige Möglichkeit).
Aber das besprechen wir bei unserem nächsten Pow-Wow. ;-)

Drück dich
Geli

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zuletzt aktualisiert am 12.10.2021