25. Tag: Lörrach - Bodensee - Waal

Wir verlassen unser schönes Quartier um 9:30 Uhr. Es kommt auf unsere Liste der guten Unterkünfte, die wir öfter anfahren werden! Die Sonne scheint und hat schon 23°C. Das wird wohl wieder ein heißer Tag! Wir denken kurz an unsere Freundin Svenja, die - wenn alles geklappt hat - die Reise vielleicht schon in ihrer Tiefgarage in Kiel beendet hat.

Wir hingegen haben uns entschieden, die letzten 1000 km in zwei Tagen selbst zu fahren und spontan die Tickets storniert. Zu viel Ärger in den letzten Jahren hat uns die Autozüge endgültig verleidet. Dafür haben wir gestern eine schöne Route in die Karte gezeichnet. Das wird nun eine ungeplante Rückreise, wir fahren den direkten Weg und nur nach Karte!

Das Wiesental, das uns aus Lörrach bringt, ist uns schon gut bekannt. Wir schwingen die schmalen Kurven der B137 durch den Wald und durch winzige, aber aufgeräumte Dörfer. Wir erinnern uns an die kleine Anekdote, dass das Wiesental vor etwa 200 Jahren zu Österreich gehörte und noch heute ist der nördliche Teil habsburgisch-katholisch! Also natürlich nur mehr katholisch.

Wir durchqueren mehr oder minder ehrfürchtig den 1200 Jahre alten Ort Schopfheim und biegen scharf rechts ab ins Gebüsch. Die L146 steigt sofort steil an und wird immer schmäler. Höchst erstaunt über diese Entwicklung bollern wir durch eine älplerische Landschaft lange bergauf. Ist das der Schwarzwald, von dem immer alle so begeistert berichten? Wir sehen Almhütten, pompöse Holzhäuser und kleine Wanderwege, die im Unterholz verschwinden.

Das auffallend touristische Todtmoos lassen wir schnell hinter uns und wir kommen auf der schönen Landesstraße L150 gut voran. Noch immer kurven wir durch dichten Wald, es gibt nur wenige Ausblicke auf die umliegende Landschaft! Aber was für eine großartige Motorradstrecke das ist! Jede Kurvenleitplanke ist mit einem massiven Unterfahrschutz versehen und leuchtende Schilder warnen vor allzu ambitionierter Kurvenlage.

Wir erreichen St. Blasien/Hochschwarzwald und das erste, was wir sehen, ist die wuchtige Kuppel einer Kirche. Dass wir das berühmte Kloster hätten besichtigen sollen, wird uns erst zuhause klar, als wir darüber lesen. Nur soviel: Massiver aber morbider Österreichbezug! Wir lassen die Sehenswürdigkeit links liegen und düsen zügig auf der B500 weiter Richtung Schluchsee.

Infobox: Die toten Österreicher im Schwarzwald

Das Kloster St. Blasien wurde 948 n.Chr. in der "Schwarzwaldeinsamkeit" gegründet und erlangte schnell Ruhm unter den Gläubigen. Man hatte die Gebeine des Hl. Blasius, eines Märtyrers aus der Christenverfolgung 300 n.Chr., hierher transportiert. Zumindest Teile davon, denn Kopf, Bein und Arme liegen heute in Dubrovnik.

Die Völkerwanderung hatte zwar neulich geendet, aber dennoch brandschatzten sich die nomadisch lebenden Ungarn durch den Schwarzwald. Die nächsten Jahrhunderte waren eine unruhige Zeit, das international gut vernetzte Kloster erlebte viele Äbte, Päpste und Adelsgeschlechter. Bis es 1250 zu Österreich kam!

Das Kloster wurde mächtiger und mächtiger, zahllose Nebenklöster wurden gegründet, so dass die Blasiener Mönche von hier bis Rom in eigenen Klöstern übernachten konnten. Weitere Verwüstungen und immer neue Herrschaften kamen und .. glaubt uns, das will man in "Geschichte" nicht geprüft werden.

Dann kam Joseph II, der Sohn Maria-Theresias, der alle Klöster auflöste, die außer Gebet nichts für die Gesellschaft leisteten. St. Blasien drohte die Schließung und so ließ der Abt 1770 in einem gewaltigen barocken Trauerzug die feierliche "Übersetzung der kaiserlich-königlichen-auch-herzoglich-österreichischen höchsten Leichen" veranstalten. Man holte 14 tote Habsburger oder Teile davon zur Neubestattung. Nun könne Joseph das Kloster doch nicht auflösen, wenn seine Familie hier begraben ist!

Der Trick funktionierte nicht und das Kloster wurde 1805 in eine Maschinenbaufabrik umgewandelt. Und die Toten? Die kamen über viele Umwege und Neubestattungen nach Österreich zurück und liegen als kleine Überreste seit 1936 im Stift St. Paul/Lavanttal. Die Zeit des berühmten Klosters war endgültig vorbei. Heute beherbergt das Gebäude ein katholisches Internat.

Noch ein paar wunderbare Kurven durch den Wald bis zum Schluchsee! Wir wollen eine Pause machen! Der See ist uns aus zahlreichen Motorradforen als "Must see" bekannt. Doch manchmal funktioniert etwas nicht, wir finden keinen schönen Platz. Hier ist heute Freitag mittags die Hölle los! Alle Motorradfahrer der Region stehen heute am Schluchsee. Das übliche Sehen und Gesehen werden. Uns ist hier zuviel los, das ist nicht unsere Welt!

Die D170 ist eine gut ausgebaute kleine Bundesstraße mitten durch den dichten Forst. Nach einer kleinen Trinkpause - es hat mittlerweile 33°C - geht die flotte Fahrt weiter. Bonndorf durchqueren wir schnell und über einen kurvigen Weg erreichen wir den nächsten Bikertreff, die "Wutach-Mühle". Vielleicht hier eine schöne Pause? Der attraktive Imbiss steht mitten im schattigen Wald aber eine lange Schlange steht vor dem Tresen und die Reihe bunter Motorräder lässt auf Wartezeit schließen. Komm, wir fahren weiter!

Die Landschaft weitet sich langsam, als wir auf der Schnellstraße ein Dörfchen namens Leipferdingen erreichen. Jetzt heißt es aufpassen! Wir haben ein Ziel vor Augen, eines, das uns viel bedeutet! Im Dörfchen Stetten suchen wir nach dem richtigen Weg. Da müssen wir lang! Also müssten wir, doch die Straße ist gesperrt! Verdammt, was nun?!

Eine kleine Vespa röhrt mit ihrem Einzylinder an uns vorbei. Einer spontanen Eingebung folgend wendet Angelika ihre Transalp und folgt dem Einheimischen. Didi bleibt nichts über, als den beiden nachzufahren. Der hat sicher dasselbe Ziel, oder? Das Moped raucht lauthals den steilen Berg hinauf. Und just als Angelika düstere Zweifel überkommen und die Gewissheit, auf diesem engen und steilen Pfad nie mehr wenden zu können ... sind wir da: Am Bikertreff Hegaublick! Die erste Pause nach 140 km!

Warum ist dieser Bikertreff für uns so wichtig? Nicht, weil wir schon drei- oder viermal bei Regen hier waren und heute die Sonne vom Himmel brütet. Dieses Lokal war das Lieblingsziel unseres Motorradkumpels Jörg Biermann, der an seinem 61. Geburtstag am 21.8.2023 am Weg nach Norwegen verunglückte. Fast jedes Wochenende war er hier und wir haben es gemeinsam nie geschafft. Wir mampfen Leberkässemmerl und prosten uns mit den Kaffeebechern zu: Jörg, auf dich!

Es ist 12:30 Uhr als wir in sengender Hitze über Engen die Autobahn A81 erreichen. Wir geben ein wenig Gas, denn heute ist eine längere Route angesagt. Die Nordspitze des Bodensees lassen wir schnell hinter uns. Den hätten wir längs fahren müssen, wenn wir nach Feldkirch zum Autozug gefahren wären. Fahren wir aber nicht!

Wir nehmen der Einfachheit halber die gleiche Route wie bei der Anreise! Die schöne Bundesstraße schwingt übers Land, sanfte Hügel, viel Landwirtschaft und Freitag Nachmittag wenig Verkehr. Wir kommen durch Orte wie Pfullendorf, Altshausen und Bad Waldsee und haben keine besonderen Vorkommnisse zu verzeichnen.

Nur in Altshausen haben wir Spaß mit einem Schweizer Wohnmobilisten, der uns nicht nur brutal die Vorfahrt wegschneidet sondern uns noch weiter abdrängt. Während er dann brav die Ortsumfahrung nimmt, tuckern wir mitten durch und als er am Ortsende bei der roten Ampel warten und uns vorbeilassen muss, grüßen wir fröhlich mit dem Mittelfinger. Was stimmt mit solchen Typen nicht!

Bei Bad Wurzach ist die lustige Fahrt vorbei. Wir müssen nach Memmingen und das ist eigentlich gleich nebenan doch unzählige Straßensperren lassen uns nicht weiter. Wieso stellt ihr Wahnsinnigen keine Umleitungsschilder auf? Keine Hinweise auf Ausweichmöglichkeiten? Keinerlei Ortsangaben? Kommen bei euch nie Ausländer vorbei, nur Einheimische?!

Es dauert, bis wir einen kleinen Pfad über "Rot an der Rot" finden und wir sind mittlerweile ziemlich nervös. Wir müssen dringend tanken und dort soll eine Tankstelle sein! Was, wenn nicht? Nachdem uns ein Gestörter in seinem getunten Audi fast in den Graben gerammt hat, erreichen wir über einen Single-Track den Bauernweiler. Die Tankstelle entpuppt sich als eine einzige rostige Zapfstelle am Rande einer aufgelassenen KfZ-Werkstatt. Was fürn Glück!

Wir sind müde geworden und uns ist unerträglich heiß. 34°C sind eigentlich schon zu warm zum Motorradfahren, stellen wir fest, als wir beim letzten Unterwegs-Kaffee in Memmingen bei einer Großtankstelle sitzen. Wir sind schon neugierig auf unsere Unterkunft! Das Quartier von der Anreise wollten wir nicht mehr, wir haben etwas Neues gefunden!

Deshalb lassen wir die A96-Ausfahrt "Bad Wörishofen" hinter uns und nehmen die nächste Abfahrt. Nur noch ein kurzes Stück und wir rollen durch das ausgestorbene Dörfchen "Waal". Da vorne ist schon der schöne Landgasthof! Wie oft hatten wir schon ein Zimmer in einem "Deutschen Haus"? Wieviele Gasthöfe heißen in diesem Land so? Und wieso heißt bei uns kein einziger Wirt "Österreichisches Haus"? Fragen über Fragen...

Nach einer kurzen Anpassungsstörung mit dem schwäbischen Dialekt des Ostallgäu haben wir ein fantastisch großes Zimmer und hocken in der schattigen "Gartenschänke" vor einem großartig deftigen Essen. Didis Schnitzl kommt zweifach und hängt über den Tellerrand. Ja, hier gefällt es uns sehr! Später am Abend machen wir noch einen Spaziergang und schauen uns um. Markt Waal ist schön aufgeräumt und picobello sauber.

Weil die Kneippstadt Bad Wörishofen nur wenige Minuten entfernt ist, soll es hier eine Kneipp-Anlage geben! Staunend stehen wir am Ufer des armbreiten Rinnsals, das durch den Ortskern fließt. Das nennen die hier "Wassertretanlage"? Das große Schild lässt keine Zweifel aufkommen: Hier meint man es ernst! Wo sonst gibt es sechs Benutzungsbestimmungen, um drei glitschige Stufen ins Wasser zu steigen?!

Als wir vom kulturellen Höhepunkt lesen, dass ein Ortsteil im Bundeswettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" 1989 bei der Landeswahl eine Gold- und bei der Bundeswahl die Silbermedaille bekam, geben wir auf.
Gehen wir schlafen, morgen ist der letzte lange Fahrtag!

Tageskilometer: 325 km

Hier gehts nach Österreich: >> klick

Tote Habsburger, Schluchsee und die Schwaben

Benutzungsanordnung JETZT!

Diese Frankreichreisen sind bisher alle so, so sehr wunderbar gewesen, trotz ab und zu kalt, ab und zu gesperrt, ab und zu abgesoffen. Man kann sich da einfach wohlfühlen. Im Grunde ist da sehr viel sehr ähnlich zu Dänemark, dieses Hygge, nur mit mehr Wärme und weniger Krabben.

Der Autozug, das unendliche Thema. Wenn eine Firma es schaffen würde, einen gut funktionierenden Autozug mit geschlossenen Waggons und modernen Wagen anzubieten, eine Art Fähre-auf-der-Schiene, dann hätte ich eine Jahreskarte im Abonnement. Preis fast egal.

Diese merkwürdig flache Hochebene hinter Hautoreille auf dem Weg nach Lörrach erkenne ich auf euren Fotos sofort wieder. Ich mag die aber auch, selbst wenn sie langweilig erscheint. Vielleicht deshalb, weil es immer noch in Frankreich ist?

Lörrach! So ein kleines Pups-Dorf, aber man kann sich dort geradezu königlich verfahren. Verwinkelter als dort - auch durch die Bahnstrecke - hab ich selten eine Stadt erlebt. Ich glaub, ich bin da noch nie zweimal dieselbe Strecke durchs Dorf gefahren.

Auf dem Foto "Pause auf freier Strecke" ist so schön zu sehen, wie haargenau im Schatten parkt. So schön zu sehen, wer kennt das nicht?

Didis Blick auf die beiden panierte Schnitzel ist zu schön. Der Inbegriff von Zufriedenheit und Vorfreude. Dein Salat dagegen ... sieht ja auch sehr lecker aus. Also, auf eine Art...

"Unser Dorf soll schöner werden"
Dagegen können sich die "Schönsten Dörfer Frankreichs" gehackt legen. Die haben vielleicht mehr Blumen als wir, aber dafür ist bei uns alles geregelt und es gibt eine vernünftige Benutzungsanordnung. Die Franzosen dagegen, pah!

Und nun weiter nach Österreich ...

Danke

Kaum bin ich ein paar Tage nicht da, gibt es neuen Lesestoff!

Spannender Tag, wie ich finde. Aber ihr entdeckt immer etwas Unerwarteres. Tote Habsburger am Schluchsee. :-)))
Ich lese jetzt gleich die Reise fertig.
DlzG
Der rider

Leichenzug

Hallo ihr beiden!
Ich habe die Geschichte um die mehrfache Umbettung der toten Habsburger gerne gelesen! Sehr interessant, wie man früher in Klöstern mit Begräbnissen umgegangen ist.
Danke für diesen Einblick,
LG Gerd

Danke

Danke fürs berichten! Ihr habt aus einem Tag, der auch langweilig sein könnte, eine Menge herausgeholt, finde ich.
LG Micha

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zuletzt aktualisiert am 31.3.2026