Was ist das nur? Uns bewegen 1000 Gedanken und die meisten davon sind seltsam. Heute kehren wir ins Camp Hautoreille, zu Ben und Caroline nach Hause zurück. Nach Hause? Dort, wo die Reise gefühlt begonnen hat. Dort, wo wir wieder unsere Freundin Svenja treffen, die heute nur 10 km entfernt in ihrem Lieblingscamp gefroren hat. Alle Frankreichreisen beginnen und enden für uns Drei im Camp Hautoreille. Auch wenn es für uns alle 1.000 km entfernt ist...

Wir haben tief und fest geschlafen und nicht bemerkt, dass der zusammengeflickte Schuppen hinterm Haus - mit in praller Sonne brütenden Gasflasche - die Backstube ist und seit 2:00 früh unter Volldampf steht. Als wir unsere kleine Wohnung verlassen, grüßt uns der Bäcker freundlich, während er sich das Mehl von der Schürze klopft. Wir haben bei seiner Frau für später noch eine Tüte Croissants gekauft. Die sind sogar noch warm!
Didi macht die Transalps reisefertig und Angelika läuft neugierig in die alte Dorfkirche nebenan. Die Bauweise, die Dunkelheit, die spartanische Ausstattung mit groben Steinmetzarbeiten, dieses Gebäude muss uralt und dementsprechend faszinierend sein! Architekturgeschichte ist ihr Spezialgebiet nicht, aber diese Kirche hier ist eindeutig Mittelalter, romanisch! 1000 Jahre alt!

Eine ziemlich verwitterte Madonna mit Kind guckt auf Angelika herab, während sie die innere Düsternis betritt und zahlreiche Fotos knipst. Das frappierende Ambiente? Stockflecken an den Wänden und schmucklos. Römisch-katholische Kirchen waren damals Stätten der GottesFURCHT und nicht der Freude und des liebevollen Trostes. (Ganz anders als zB die gleichalten dänischen Kirchen mit ihren hellen und bunten Farben...)

Es ist 10:15 Uhr, als wir aufbrechen. Die Menschen beginnen gemächlich ihr Tagwerk. Der Nachbar gießt Zigarre rauchend und liebevoll seine Gartenblumen. Marktfrauen bauen am Hauptplatz gerade ihre Standln auf. Heute Dienstag ist Wochenmarkt! Schade, aber so lange wollen wir nicht warten. Wir müssen ins Postamt! Ja unglaublich, in diesem Dorf gibt es eine Post, um unsere Ansichtskarten nach vier Tagen endlich aufzugeben!

Noch hat es 16°C, aber es wird schnell spürbar wärmer. Angelika eilt ins Postamt, das im Erdgeschoß der altehrwürdig-abgewrackten Bürgermeisterei wohnt und will ihre Karten aufgeben. Die Zeremonie verdient einen eigenen Abschnitt!
Angelika betritt das Büro des Bürgermeisters, das die letzte Renovierung in den 60er-Jahren erfuhr und wird von einer gestreng aber teilnahmslos dreinblickenden Angestellten empfangen. Professor Umbridge?! Das Aussehen gleicht der furchteinflössenden Lehrerin aus dem Harry-Potter-Universum. Der strenge Dutt, die rosa Bluse mit Schleife, eine kleine Beamtin mit der Wucht der Amtsgewalt, die hier auf Opfer wartet.
Demut vor dem Amt! Hier wird es wortwörtlich genommen und Angelika hat einen geradezu amtsmissbräuchlich unverzeihlichen Fehler begangen, als sie die gekauften Briefmarken selbst aufkleben wollte. "That my job!" Die Postfrau entreisst ihr die Karten und baut einen linealgenauen Stapel. Es ist ner-ven-zer-fetz-end, wie langsam und sorgfältig sie nun jede einzelne Briefmarke abreisst, mit dem Schwämmchen befeuchtet und an die exakt richtige Stelle klebt. Und nach jeder Marke über ihre randlose Brille einen strafenden Blick auf Angelika richtet.
Die Worte "Liberté, Egalité, Fraternité", die das Amtshaus zieren, bleiben hier Theorie. Angelika hat den vagen Verdacht, wenn sie nun Dampf macht, dann landen die Karten später in der Rundablage [Anm.: Beamtendeutsch für Mistkübel] und erreichen nie ihr vorbestimmtes Ziel. Also guckt sie unterwürfig zu Boden und harrt gehorsam aus, bis sie vom Dutt mit knappen Worten zum Bezahlen aufgefordert wird und danach mit einem Kopfnicken entlassen ist.
Zu unserem Erstaunen haben die Karten 6-8 Wochen später ihre Ziele tatsächlich erreicht!
Als die Amtshandlung überstanden und die Postkarten (hoffentlich!) auf dem Weg sind, geht es endlich los. Wir tuckern langsam durch die 700-Seelen-Gemeinde. Wir werden Mesvres, das Dorf am Rande der Geschichte, aus vielerlei Gründen nicht vergessen!
Es geht am Südrand des "Park Morvan" sanfte Hügel bergauf und bergab und durch winzige Bauernweiler mit viel zu großen Namen wie Saint-Symphorién-de-Marmagne. Wir fahren nach unserer Karte, auf der wir den Weg mit Leuchtstift eingezeichnet haben. Die Stadt Autun wollen wir großräumig auf kleinen Wegen umkreisen.

Wir nehmen die D680 Richtung Beaune. Die berühmte Weinstraße durchs Burgund trägt den Namen "Route de Grands Crus" und wir genießen das gemächliche Fahren durch endlose Weinberge, vorbei an zahllosen feudalen "Domaines", wo man den besten, den allerbesten, den prämierten Burgunderwein kaufen kann. Pommard, Volay dürfte Kennern teurer Tropfen wohlbekannt sein. Die Côte-d’Or ist eine noble Gegend, wie uns scheint!
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Die Gegend ist auf jeden Fall zu nobel für eine kleine Bar-Tabac! Wir suchen seit einigen Kilometern ein Lokal für eine Pause. Nur einmal halten wir auf dem rumpeligen Parkplatz eines Weinhändlers, aber die Preise für ein Degustationsmenü sind exorbitant und soviel Zeit wollen wir uns nicht nehmen. Außerdem gibt es nur Wein und keinen Kaffee - das geht jetzt nicht!
Ein wenig fühlen wir uns an Österreichs berühmtes Weinbaugebiet, die Wachau - UNESCO Weltkulturerbe! - erinnert. Auch wenn die viel kleiner und auch bergiger ist. Das Ambiente gleicht jenem hier, wenn man kilometerlang an alten Trockensteinmauern entlang fährt. Krems ist unsere Weinhauptstadt und wir werden zuhause lesen, dass es eine Städtepartnerschaft mit Beaune, der Weinhauptstadt des Burgund gibt.

Schnell erreichen wir Beaune. Von den Schönheiten sehen wir nichts, erstens ist der Verkehr höllisch und zweitens müssen wir tanken. Es hat mittlerweile 32°C und wir sind vollkommen verschwitzt. Gibts das, dass sich bisher keine schöne Pause geboten hat? Wir halten bei der ESSO-Tankstelle am Ortseingang. Jetzt mampfen wir unsere Croissants vom Bäcker aus Mesvres und spülen sie mit dem kalten Zaubersaft aus der Thermoskanne hinunter.
Wir haben noch 150 km vor uns und es ist fürchterlich heiß geworden. Bei 34°C nehmen wir den direkten Weg! Wir müssen nur Dijon umfahren. Die D996 ist eine gut ausgebaute und oft schnurgerade Landstraße und wir geben Gas. Uns gefällt die kleinteilige Landschaft des Périgord besser als diese weitläufigen landwirtschaftlich genutzten Ebenen, aber wir lassen die Transalps dahinlaufen und hängen unseren Gedanken an vergangene Abenteuer nach.

Viele Orte tragen die Bezeichnung "Le Plaine" in ihrem Namen und ja, das beschreibt es sehr gut. Es ist flach, eben und kurvenarm! Nur wir hatten immer noch keine schöne Kaffeepause! In einem Kreisverkehr in Longecourt-en-Plaine (sic!) entdecken wir Plastiksessel vor einem Laden und halten abrupt an. Jetzt aber Pause!
Dass dies hier kein Café sondern ein Tabakladen ist, stört uns nicht. Der junge Vollbart ist nett und wir dürfen uns aus der Kaffeemaschine zwei Pappbecher heißes Koffein zapfen. Er verkauft uns dazu eine Packung Kekse. Schon hocken wir vor dem Geschäft und entspannen uns. Puuuh, wir sind ganz schön verschwitzt!

Der Geschäftsführer ist offenbar gut zu Vögeln, er hat eine ganze Reihe Schwalbennester an seinen Laden geschraubt. Es herrscht hektisches Kommen und Gehen und das Zwitschern dröhnt über den Vorplatz, während wir den Kaffee aus dem Becher nippen, der Tote zum Leben erweckt.
Als der zweite monströse Truck mit Tonnen von Zwiebeln vorbeidonnert, googeln wir. Oh, hier im Burgund gibt es 10% der Zwiebelanbaus von ganz Frankreich? Wir fahren also seit langem an Zwiebelfeldern vorbei! Lacht nicht, aber sowas finden wir interessant. Es ist doch spannend zu wissen, wovon die Menschen in einer Region leben, oder nicht?

Die nächsten 50 km verlaufen ereignislos. Immer dieselben Ebenen, winzige Dörfer, kleine Kirchen. Wir halten die Transalps auf Kurs und freuen uns einfach über diese tollen Motorräder! Wir haben es nicht abgesprochen, aber wie selbstverständlich kurven wir etwas später auf den abschüssigen Schotterparkplatz vor dem Château de Rosières. Zum Glück ist der Bus voller Schulkinder soeben weitergefahren!

Vor fast drei Wochen sind wir ebenfalls hier gestanden und haben unsere ersten Drohnenfotos der Reise gemacht! Was haben wir in der Zwischenzeit alles erlebt! Wir freuen uns, die kleine Burg nochmals zu sehen und haben das Gefühl, dass sich hier der Kreis geschlossen hat. Wir leeren nun unsere Getränkevorräte, bevor wir die letzte Etappe für heute angehen.
Die Landschaft ändert sich nicht mehr und wir fahren zügig Richtung Ziel. Nur eine halbe Stunde später halten wir in Champlitte, vor dem Eingang zum großen Carrefour-Supermarkt. Die letzte Einkaufsmöglichkeit für heute! Wir stiefeln eilig durch die Gänge und packen nach Lust und Laune und viel zu viel ein. Morgen ist ein motorradfreier Tag! Unser Zeltkühlschrank will gefüllt werden!
Es ist mühsam, die Beute auf zwei Topcase aufzuteilen aber irgendwie findet alles seinen Platz. Svenja meldet sich. Sie wartet schon auf uns und hat Hunger, lesen wir auf unserem Handy. Der Notfall ist eingetreten! Jetzt aber schnell! Noch 44 km bis zum Campingplatz.

Die Strecke ist uns so gut bekannt, dass wir kaum links und rechts schauen. Wir erreichen die vermutlich letzte Region dieser Reise: das Département Haute-Saône. Schon fahren wir durch das alte Kasernentor von Saints-Geosmes und vorbei an den alten Soldatenunterkünften. Als wir an der Stadtmauer von Langres vorbei bollern - und wie immer einen Blick hinein in die mittelalterliche Altstadt werfen - nehmen wir uns vor: Das ist etwas für morgen!

Um 17:00 Uhr holpern wir den schmalen Güterweg zum Campingplatz entlang. Den Code für den Schranken haben wir uns gemerkt und der immer gut gelaunte Benjamin begrüßt uns charmant: "You already know your stuff!"

[image credits: Svenja Svendura]
Wir stehen vor der blumengeschmückten Rezeption, als Svenja freudestrahlend herbei eilt! Während wir in unseren vollkommen verschwitzten Motorradsachen von den Transalps klettern, tanzt sie begeistert in ihrem dünnen Sommerkleidchen um uns herum. Was haben wir am Anfang der Reise gefroren und jetzt ist plötzlich Hochsommer!

Das Einchecken in unser geliebtes Safari-Zelt ist schnell erledigt. Nachdem wir uns notdürftig frisch gemacht haben, hocken wir überglücklich im hübschen Gastgarten des Camp Hautoreille und feiern unser Wiedersehen mit leckerem Essen und einer angemessenen Menge Wein. Die Kellnerin ist gewohnt mieselsüchtig aber Monsieur Ben verwöhnt uns mit Charme und Gastfreundschaft und wir wissen wieder, warum dies hier einer unserer Lieblingscampingplätze ist.

Solche Treffen sind immer ein Höhepunkt unserer Reisen! Es wird ein langer Abend voller Freundschaft. Als der Gastgarten sperrt, wechseln wir mit einer Flasche Pastis in unser Zelt. Wir haben einander eine ganze Reise zu erzählen!
Tageskilometer: 242 km
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