Die Nacht war kalt, aber wir sind gut damit zurecht gekommen. Wir sitzen im Zelt beim Frühstück und freuen uns! Es hat an diesem 5. Juni schon 17°C und die Sonne kommt langsam heraus. Die Schlechtwetterfront ist (vorerst?) weitergezogen. Klasse! Unsere Laune könnte nicht besser sein, denn wir haben einen Plan, für den wir unbedingt Schönwetter brauchen!
Beim Einchecken gestern hat Didi den besten Fußweg nach La Roque-Gageac erfragt. Wir wollen heute dort ein Eis essen und uns die historischen Höhlenwohnungen ansehen! Das pittoreske Nachbardörfchen liegt nur fünf Straßenkilometer entfernt, aber wir wollen nicht die stark befahrene Straße entlang latschen sondern einen Weg am Dordogne-Ufer finden. Das stellen wir uns so toll vor! Es gibt tatsächlich einen schmalen Pfad...

Um 12:40 Uhr gehen wir los. Nur ein kurzes Stück von etwa einem Kilometer und schon schlagen wir uns rechts in die Büsche. Ein sandiger Weg führt zum Ufer des sagenträchtigen Flusses. Wir rasten auf einer wackeligen Holzbank. Es ist bereits jetzt unerträglich schwül und vor uns liegt ein Dickicht in allen Nuancen von Grün.
Wir gehen los. Gebückt, um nicht an dornigen Ästen hängen zu bleiben und aufmerksam, um nicht an Brennesseln zu streifen. Rechts fließt die Dordogne träge dahin, während wir uns über den manchmal nur hüftbreiten Pfad kämpfen. Wenigstens ist der Urwald hier so dicht, dass die Sonne nicht direkt durchscheint.

Unsere Beine sind von Mücken großflächig zerstochen. Wir haben nach einigen Kilometern keine Energie mehr, alle zu vertreiben.
Nach 5 Kilometern dämmert uns, dass "am Ufer entlang" möglicherweise eine unserer schlechteren Ideen war. Es ist zwar schon auch schön, aber wir haben die weiträumige Schlinge vergessen, die die Dordogne hier macht. Keine Ahnung, wie weit unser Ziel noch entfernt ist! Wir planen, für den Rückweg ein Kanu zu mieten und übers Wasser nach Hause zu schippern. Oder ein Taxi!

Nach einer gefühlten Ewigkeit im Dickicht verlassen wir das Gestrüpp und stoßen auf eine schmale Landstraße. Ah! Hier steht das Château de Castelnaud! Wir finden unsere Orientierung wieder. Wir haben gerade mal die Hälfte des Weges geschafft?! Zumindest kommen wir auf der Straße jetzt besser voran. La Roque-Gageac liegt da drüben und scheint nicht näher zu kommen.
Pause! Mitten auf der Ebene ein großer betonierter Parkplatz: "La Truffe Sarladaise" bietet allerlei feinste Spezialitäten aus der Region, touristengerecht in hübsch dekorierten Gebinden. Und kalte Getränke! Wir nutzen die Gelegenheit, Trüffelcreme für unsere Lieben daheim in den Rucksack zu stopfen und machen eine längere Pause draußen am Straßenrand. Wir sind verschwitzt und ziemlich erledigt, während wir bewundernd auf die uralte Burg von Castelnaud hinauf gucken.

Jetzt aber Luftlinie, der direkte Weg! Wir latschen mit neuer Energie querfeldein, vorbei an Nussbäumen und durch hohes Gras, das uns fast über die Köpfe reicht. Der Schotterweg ist mühsam zu gehen, aber es ist die kürzeste Route. Jetzt brennt die Sonne heiß vom Himmel, ab und zu summt ein lautes Insekt vorbei. Unser Thermometer zeigt 31°C und wir spannen unsere kleinen Reise-Regenschirme auf, um uns vor der Sonne zu schützen. Die Wetterprognose war gar nicht so gut!
Durchgeschwitzt erreichen wir nach 2 Kilometern einen kleinen Campingplatz an der D703. Jetzt latschen wir am Straßenrand entlang, wir sind gleich da! Nur eine kleine Hürde müssen wir noch meistern. Die westliche Ortseinfahrt nach La Roque-Gageac ist für Fußgänger gesperrt. Wir müssen hoch hinauf, einen kleinen Fußweg über die Felswand und das malerische Château de La Malartrie.

1500 Burgen gibt es im Périgord und auf unserem Fußmarsch haben wir 5 oder 6 davon gesehen! Auf dem Fußgängerpfad gibt es einen Aussichtspunkt. Zugegeben, wir halten uns länger auf, als es ein paar Fotos rechtfertigen würden. Wir brauchen eine kleine Pause und schauen hinunter auf die legendäre Felsenstadt und die Dordogne, die breit und monoton die Promenade entlang fließt.

Hinunter ins Dorf beschleunigen wir unsere Schritte. Jetzt freuen wir uns noch mehr auf ein Bier und einen Eisbecher, als uns vor drei Stunden klar war! 9 Kilometer sind wir durch die Pampas gelatscht und wir hoffen jetzt, dass uns ein Lokal aufnimmt. Wir sind ziemlich durch.
Es ist unglaublich, was hier los ist! Das Dörfchen ist an einem Donnerstag Nachmittag der Nebensaison vollkommen überrannt! Was mag hier zur Hauptsaison los sein? Wir finden nach einiger Suche einen Platz im Gastgarten der "L´Auberge de Platanes" am östlichen Ortsende.

Wir schlürfen genußvoll Bier und grünen Minz-Saft und dass ein "großes Blondes" hier 9.- kostet, nehmen wir stoisch zur Kenntnis. Ist ok an so einem außergewöhnlichen Ort! Wir löffeln gewaltige Eisbecher als wir beschließen, von La Roque-Gageac genug gesehen zu haben. Wir steigen jetzt sicher nicht in die Felswand, um die alten Höhlenwohnungen zu besichtigen!

Uns beschäftigt der Rückweg nach Beynac! Wir schaffen es nicht, noch einmal 9 Kilometer durch das Dickicht zu trotten. Wir erbitten im Hotel eine Karte eines lokalen Taxi-Unternehmens. Unser Französisch reicht für sowas nicht aus, aber zwei freundliche Motorradmänner am Nebentisch rufen für uns dort an und versuchen, ein Taxi herbei zu lotsen. Aber vergeblich! Kein Taxi für müde Touristen! Nicht in der Nebensaison!

Angelika kontaktiert weitere sieben Taxifahrer, die allesamt absagen: Vom einfachen "No!" bis zur ausschweifenden Erklärung, dass für die kurze Strecke nach Beynac niemand kommt, hören wir alle Arten von Absagen. Wir sind ratlos. Was nun? Wir würden alles nehmen! Die schmutzige Ladefläche eines Pick-Up, ein Boot, einen Esel, alles! Nur nicht wieder zu Fuß!

Vorbei am Info-Stand für die große Katastrophe 1957, als der Fels auf den Ort stürzte, stiefeln wir hinüber zum Dordogne-Ufer. Doch wir bekommen nur Absagen: Die Touristen-Gabarres fahren nicht nach Beynac und ein Kanu gibts nicht für One-Way. Wir schauen uns an. Was für ein Mist! Müssen wir wirklich zu Fuß nach Hause?
Um 16:00 Uhr machen wir uns auf den Weg. Die Dordogne entlang durchs Dorf, rauf über den Fußweg an der Burg vorbei und dann die D703 entlang. Die stark befahrene Straße lässt ein gemütliches Dahinlatschen nicht zu, Franzosen sind mitunter rücksichtslose Autofahrer. Nicht nur einmal weichen wir ins hohe Gras aus und stechen uns an irgendwelchen Disteln.

Wir versuchen, unsere Laune mit Fotos der Gegend und Filmchen aufrecht zu erhalten, werden jedoch immer schweigsamer, je mehr wir uns Beynac nähern. Die spektakuläre Burg haben wir immer im Blickfeld. Tapfer haben wir 5 Kilometer hinter uns gebracht, bis wir an der Rezeption unseres Camps eintreffen. Boah, sind wir müde! Was machen wir mit Abendessen?
Unsere Laune hebt sich beim Anblick des kleinen Food-Truck, der heute am Campingplatz Aufstellung genommen hat. Heute kochen wir nicht! Donnerstag ist Fischtag! Wir bestellen zwei große Portionen Fish´n Chips, die wir umgehend zum Zelt tragen und auf der schönen Gartengarnitur vor unserem Zuhause aufbauen. Wir haben auch noch die Flasche Wein, die die Campingchefs uns gestern geschenkt haben!

Wir verbringen einen gemütlichen und ruhigen Abend. "Es war ein harter aber schöner Tag", kritzelt Didi in sein Tagebuch. Heute gehen wir früh schlafen. Zum Glück bleiben wir morgen auch noch hier!
Tageskilometer: 14 km zu Fuß

18. Tag: Beynac et Cazenac
Heute machen wir nichts. Nichts! Wir wollen nur am Fuße der spektakulären Burg faulenzen. Die 14 Kilometer lange Wanderung gestern hat unseren Aktionsradius erschöpft. Heute können wir erstmals draußen frühstücken! Die Nacht war mild mit 20°C und es wird schnell wärmer.
Wir kümmern uns um die Wäsche, nutzen die modernen Waschmaschinen im Gemeinschaftshaus und Didi umsorgt ausgiebig die beiden schönen Transalps, die erwartungsvoll vor der Hütte stehen. Heute wird gewaschen und geputzt (Transalps und wir), gefettet und geölt (nur die Transalps). Angelika gönnt sich neben der dringend notwendigen Haarwäsche eine kurze Gesichtsmaske. Sie hat am 18. Tag der Reise ein wenig Sanierungsstau!

Oh wie schön ist es, auf der kleinen Terrasse zu sitzen und sich die Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen! Wir haben noch ein wenig Pastis vom Camp Sainte-Enimie und den leeren wir jetzt. Heute müssen wir nicht mehr fahren!
Um 15:00 Uhr brechen wir ins Dorf auf, es sind nur 600 Meter. Beynac - ein weiteres "schönstes Dorf Frankreichs", das den Titel verdient - ist einfach atemberaubend!

Steil kleben die Häuser an der Felswand, die nur einen schmalen Streifen zum Dordogne-Ufer freilässt. Und obenauf krönt das überwältigende Château de Beynac das architektonisch pittoreske Ensemble.

Infobox: Was wir spannend finden?
Die Burg gehörte vor 830 Jahren einem gewissen Richard Löwenherz, der als englischer König kein Wort Englisch sprach, sondern als unbeliebter "Richard Cœur de Lion" Karriere machte! Der Kreuzfahrer war gerade ein Jahr zuvor aus der Haft auf der österreichischen Burg Dürnstein freigekauft worden.
(Das enorme Lösegeld wurde zur Gründung österreichischer Münzprägung verwendet und diese gibt es als "Münze Österreich AG" noch heute!)
Beynac gehörte nie zum heutigen England! Aber das angevinisch-englische Reich von Richards Königsfamilie umfasste auch das Périgord bis zur Dordogne. Der Fluss war quasi die Grenze zwischen England und Frankreich! Die Burgen am gegenüberliegenden Ufer, nur in Rufweite, waren schon Feindesland.

Vor zwei Jahren haben wir die Burg besichtigt, den steilen Aufstieg machen wir heute nicht mehr. Wir gucken ein wenig in die kleinen Geschäfte, kaufen nach alter Tradition Postkarten für die Lieben daheim und sitzen kurz später im Gastgarten des Hotel du Château, genau am selben Tisch wie vor zwei Jahren.
Bier, Eisbecher und Pastis schmecken an keinem Ort besser als hier! Wir sitzen bei 28°C im Sonnenschein, gucken hoch zur Burg, ´rüber zu den sandfarbenen Steinhäuschen und hinunter auf die Dordogne. Wir überlegen wegen Abendessen...

Später latschen wir über die Straße zur Apotheke, wir brauchen einen Anti-Juck-Stift gegen Mücken! Die haben super wirksames Zeug hier. Gleich daneben ist eine kleine Sandwicherie "Le terroir de Beynac". Die nette Dame empfiehlt uns verschiedene dick belegte Brötchen und die haben sogar die leckeren Mini-Quiches! Noch ein wenig traditioneller Süßkram und unsere Jause ist gesichert!
Um 18:00 Uhr sitzen wir wieder vor unserem Zelt. Über unsere Köpfe fährt fauchend eine bunte Herde von Montgolfieren. Ob wir sowas mal machen wollen? Aber zuerst gibts zum Abendessen Camping-TV!
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Die erste Folge ist eine Action-Komödie, sie spielt wenige Meter von uns entfernt. Zwei auffallend muskulöse Mädchen versuchen, einen absurden Wall um ihr Wohnmobil aufzubauen. Während die eine meterlange dunkelgrüne Plane entrollt, hämmert Lara Croft armdicke Pfosten ins Erdreich. Irgendwann erbarmt sich der Campingchef und hilft mit schwerem Gerät. Es bohrt, hämmert und dröhnt, aber später am Abend hat Beynac einen 2. Hadrianswall.
(Der belgische Camper, der zeitgleich eine mannshohe betongraue Fertigmauer um seine Parzelle aufstellte, war jedenfalls schneller mit seinem Bauwerk.)
Die zweite Folge, eine Tragödie, handelt von einem betagten Engländer, der nach einer Stunde sein Wohnmobil, Wohnfläche vermutlich größer als unsere Wohnung, endlich einparken konnte. Seine Frau hat da schon längst entnervt das Weite gesucht. Oder ihn verlassen.

Bis weit nach Einbruch der Dunkelheit wird er einsam versuchen, seine SAT-Anlage empfangsbereit auszurichten. Auf, vor, neben, hinter seiner Karre. Auf, neben, hinter und vor die Hecke und ´rüber zum Fußballfeld, schleppt er die Schüssel auf dem Dreibeinständer. Als er das Ding jedoch zufrieden nickend mittig auf den Zufahrtsweg stellt, wird er vom Campingchef verscheucht und beginnt seufzend seine Versuchsreihe von neuem...
Belustigt über das Campingleben der anderen gehen wir spät schlafen. Wir wollen den letzten Abend in Beynac voll auskosten!
Tageskilometer: 3 km zu Fuß
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