Es ist 5:00, als der Wecker läutet. Wir sind schlagartig hellwach! Los jetzt, wir müssen weg von hier, bevor alle Strassen gesperrt sind! Wir raffen unser Zeug zusammen, aber weil es gottlos früh ist, brauchen wir eine Stunde, bis wir durch den Innenhof in den Frühstücksraum stiefeln. Es ist noch finster und saukalt.
Didi schaufelt einen Berg Grillwürstchen und Rührei auf seinen Teller, während Angelika das Kuchenbuffet abräumt und sämtliche Becher Apfelmus einsteckt. Das geht immer, auch wenn es für Hunger noch zu früh ist. Kaffee gibt es unbegrenzt und das hilft ein wenig. Es ist einfach nicht unsere Uhrzeit, so knapp nach Mitternacht!

Nur wenige Augenblicke vor 7:00 Uhr verlassen wir den Hotelparkplatz. Issoire steht bereits im Zeichen des heutigen Radrennens, überall Plakate, Zuschauerränge, kleine Bühnen.
Wir haben den Weg aus der Stadt auswendig gelernt: Ampel, Kreisverkehr, McDonalds, Kreisverkehr, Brücke und schon haben wir es geschafft. Wir nehmen die D14 aus der Stadt und kurven gemächlich über einen bewaldeten Hügel.

Nach nur fünf Kilometern halten wir abrupt am Straßenrand. Es hat nur 5°C und wir frieren entsetzlich! Schnell ziehen wir noch einen Pullover über und Angelika zupft ihre Windbreaker-Unterhandschuhe aus dem Topcase. Wir fühlen uns sofort wohler, als wir konzentriert weiterfahren. Auf uns wartet der Endgegner auf Motorradreisen: Eine Großstadt zu umfahren, die wir nicht besuchen wollen! Verkehrschaos, eine ungenaue Karte, zuviele Straßen - alles daran ist unangenehm.
Clermont-Ferrand werden wir rechts umkreisen. Angelika heftet während der Fahrt ein Auge auf die Karte, als wir die D229 entlang cruisen. Über eine schöne Hochebene und einige Wäldchen erreichen wir nach 50 km "Pont-du-Chateau". Wir haben ein äußerst menschliches, dringendes Problem und brauchen ein Café, eine Bar-Tabac, irgendetwas!
Wir cruisen jetzt zügig über flaches Land. Die Berge der Auvergne liegen hinter uns. Weitläufige Weiden und kleine Bauernhöfe prägen diese Region, die für uns unspektakulär und ja, ein wenig langweilig ist. Dass wir ab und zu an einem Lavendelfeld vorbeikommen, wundert uns! Sollten die nicht weit südlicher wachsen?
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Doch die Dörfchen, durch die wir kommen, sind wie ausgestorben. Alle Lokale geschlossen, alle Geschäfte versperrt, keine Menschenseele auf der Straße. Wäre es heißer, würde Tumbleweed über die Straßen rollen und eine Mundharmonika würde Ennio Morricone fiepen! Ist die Bombe gefallen und wir haben es nicht mitbekommen?
Das selbe Bild bietet sich in Lussat, Chappes, Ennezat und anderen Dörfern. Was ist denn heute los? Wir brauchen dringend ein ... nun ja Lokal und außerdem müssen wir noch Abendessen kaufen! Wir beraten uns kurz und plötzlich fällt uns siedend heiß ein: Heute ist Pfingstmontag! Auch in Frankreich hat am Feiertag alles geschlossen! Was für ein Mist! Was nun?
Als wir aufmerksam durch Thuret rollen, erkennen wir staubiges Licht in den Fenstern einer Bar-Tabac. Die Tür hängt schief in den Angeln, steht aber halboffen. Das erste Lokal auf 80 km! Schnell die Transalps parken und schon betreten wir eilig den abgewrackten Laden. Ein ziemlich verpeilter Typ empfängt uns. Ist er selbst sein bester Gast oder will er auch an einem Feiertag den Übriggebliebenen in seinem Ort ein wenig Gastfreundschaft bieten?
Kurz später hocken wir im "Gastgarten", einer Mauernische voller Gerümpel und Taubendreck und nippen zwei alibihalber bestellte Espresso. Wir haben noch ein paar Kekse dazu gekauft, mehr gibt es hier nicht. Trotzdem entspannen wir ein wenig. Es ist warm geworden. Bei schwülen 23°C schwitzen wir ziemlich, als wir uns wieder in die Motorradjacken winden.
Obwohl die D12/D2009 schnurgerade über die Ebene zieht, macht uns das Fahren jetzt Spaß! Was haben wir für tolle Motorräder gekauft! So zuverlässig bollern sie dahin, so vertrauenseinflössend und trotzdem lauert so viel Kraft im starken Motor da unten. Jeder Kilometer ist die reine Freude!

Richtung Gannat wird die Landschaft abwechslungsreicher. Wir durchqueren lange Alleen. Etwas, das in Österreich längst einer eingebildeten Verkehrssicherheit zum Opfer gefallen ist. Der geneigte Raser soll sich nicht um einen Baum wickeln können! Wir fahren gerne durch Alleen und genießen den Schatten. Außerdem zeigen sich die ersten sanften Hügel. Als wir die Sioule überqueren, wird das Tal eng und der Weg schmal.
Wir cruisen so dahin und lassen unsere Gedanken schweifen, als ... STOOOP! Abrupt steigen wir in die Eisen und lassen die Transalps am Straßenrand ausrollen. Ein gewaltiges Viadukt schwebt hoch über unseren Köpfen, wuchtig und filigran zugleich. Ein verstörender und faszinierender Anblick! Sofort denken wir an den Eiffelturm, der auch aus solchen Stahlstreben besteht.

Wir paddeln zum Infokasten "Viaduc de Rouzat" und müssen lachen! Tatsächlich hat ein gewisser Gustave Eiffel hier sein erstes eigenes Viadukt errichtet. Es mehrte seinen Ruhm als Bauingenieur und 20 Jahre später durfte er das Wahrzeichen von Paris bauen, das ihn unsterblich machte. Wir sind begeistert! Was für eine Überraschung auf unserer Route nach Charroux!

Als wir den kleinen Hügel zum Dorf hinauf tuckern, steigt die Vorfreude! Was hat es mit diesem Charroux auf sich, fragt ihr euch? Nun, Charroux ist eines der "schönsten Dörfer Frankreichs", aber es ist kein Krawallmacher wie Rocamadour oder La Roque-Gageac, die Orchideen unter den ausgezeichneten Orten. Es ist eher das Gänseblümchen, klein, unauffällig aber sehr hübsch bei näherer Betrachtung! Wir mögen das sehr!

Nur Augenblicke später stehen die Transalps am kostenfreien Parkplatz (Autos müssen zahlen!) und wir stiefeln zielsicher zum winzigen Hauptplatz. Im Café "Le Médiéval" wollen wir schon seit zwei Jahren Kaffee trinken! Was für ein Glück, dass heute am Feiertag zwei Plätze in der Sonne frei sind! Nathalie bringt uns Tiramisu, Kaffee und Mineralwasser - es ist der perfekte Moment! Wir löffeln die Köstlichkeit, während wir auf das mittelalterliche Stadttor und die engen Gassen gucken.

Später stiefeln wir noch schwitzend eine Runde durch den Ort. 24°C kommen uns ziemlich heiß vor! Angelika hat in diesem schiefen Häuschen eine allerliebste Kerzenmanufaktur entdeckt und alsbald wandern einige handgeschöpfte Duftkerzen (sollen gegen Hornissen wirken!) ins Topcase. Zuhause wird sie online noch eine Menge Nachschub ordern.

Das war schön! Wir rollen jetzt den Hügel bergab in die Ebene. Charroux liegt auf 400 Höhenmetern, also quasi auf einem Berg, den schon die Römer als Aussichtspunkt für ihre Festung nutzten!
Das war unser Höhepunkt des Tages, jetzt wollen wir zur Unterkunft fahren. Wir nehmen den direkten Weg, also Luftlinie auf kleinen Straßen. Unser Plan funktioniert und wir fahren jetzt nach unserer Karte von Ort zu Ort. Warum wir uns aber in dem winzigen Dörfchen Jaligny-sur-Besbre so komplett verfahren, dass wir nur über landwirtschaftliche Wege und durch Bauernhöfe wieder auf unsere Straße finden können, bleibt bis heute ungeklärt.

Über unspektakuläre Ebenen und weitläufige landwirtschaftliche Flächen erreichen wir Bourbon-Lancy. Diese Kleinstadt - die wir mit sturer Boshaftigkeit immer englisch aussprechen - ist uns vor allem wegen eines unangenehmen Campingplatzes bekannt. Wir wedeln uns das Zeichen für "Hunger!" und halten die Augen offen. Pfingstmontag, was für ein Mist! Auch hier gilt Feiertagsruhe! Nicht einmal der Kebab-Typ im großen Kreisverkehr will heute arbeiten.
Nur eine klein wenig abgewrackte Bar "Le Bourbon" gleich daneben hat offen! Die Transalps parken unter einem schattigen Baum, als wir uns in die wackeligen Stahlrohrsessel quetschen und "Croque Monsieur" - das Sonderangebot des Tages - bestellen.
Es ist heiß und alles ist verschwitzt und ungemütlich, der Wirt ist unfreundlich und der Toast traurig. Zuhause werden wir feststellen, dass uns die Angelegenheit nicht mal ein Foto wert war. Doch die Plauderei mit den weitgereisten deutschen Wohnmobilisten am Nebentisch hellt unsere Stimmung ein wenig auf. Das sind nette Leute!
Wir haben noch 50 km bis zur Unterkunft und wir sind voller Vorfreude. Wir haben ein Zimmer über der Bäckerei gemietet! Wer wollte nicht schon mal direkt über einer Boulangerie wohnen und frühmorgens vom Duft ... na egal! Mit Vollgas brausen wir nun Richtung Lucy und halten uns stur nordöstlich.

Die Region Bourgogne-Franche-Comté fanden wir immer schon wenig sympathisch. Die Landschaft ist flach, sicher hübsch aber für uns zu langweilig. Irgendwie wenig "französisch". Solche Straßen durch landschaftlich intensiv genutzte Flächen haben wir in unserer Heimat auch, es fasziniert uns zu wenig, um sich an der Fahrt zu erfreuen.
Einen Höhepunkt gibt es jedoch noch! Vor der Kleinstadt Lucy haben kürzlich fertiggestellte Asphaltarbeiten Tonnen von richtig miesem Rollsplitt hinterlassen. Den ganz feinen, wo Motorradreifen keinen Grip finden und Grip bedeutet für Angelika alles! Acht Kilometer tuckern wir viel zu langsam dahin, hinter jeder hängenden Kurve ein weiteres Schild, das vor "GRAVILLONS" warnt. Was für eine mühsame und schwitzige Fahrt!

Um 17:30 Uhr haben wir es geschafft und stehen am Hauptplatz in Mesvres. Die letzte Chance für einen Einkauf von Lebensmitteln wäre in Étang-sur-Arroux gewesen, einem kleinen Weiler am Rande des "Nationalparks Morvan". Doch auch hier gilt strenge Feiertagsruhe. Nicht einmal das Postamt hat offen, um unsere Postkarten aus Beynac einzuwerfen, die wir seit vier Tagen im Topcase mitführen.

Obwohl wir direkt vor der Bäckerei stehen, hat diese Unterkunft noch ganz spezielle Herausforderungen. "Bäckerei" ist vielleicht auch zuviel gesagt, für die 750 Einwohner reicht ein winziger Gemischtwarenladen, der mit zwei Kunden schon an die Kapazitätsgrenze stösst. Nun, die Detais könnt ihr >>hier nachlesen. Nur unter uns: Ohne tatkräftige Hilfe der Nachbarin hätten wir unsere Wohnung nie gefunden. So routiniert, wie sie uns einweist, haben wir den Verdacht, dass der Bäcker sie regelmäßig von Neuankömmlingen informiert.

Die Transalps stehen nun an der Eselweide hinter dem Haus, gleich neben dem Verschlag, der sich viel später als Backstube entpuppen wird. Die Mega-Gasflasche brütet in der Sonne, während wir einen Abendspaziergang machen.

Mesvres, also. Ein graues, verlassenes Dörfchen ohne Dekoration oder etwas Liebliches. Die Häuser haben schon bessere Zeiten gesehen, in den struppigen Vorgärten liegt Gerümpel. Sogar die üblicherweise geschmückte "Mairie" [Anm.: Gemeindeamt] ist hier vernachlässigt. Doch wir lasen von einer Sehenswürdigkeit, die sich hier irgendwo versteckt!

Wir stochern ein wenig herum und unvermutet stehen wir davor: Die Klosterruine! Die "Prieuré" wurde vermutlich vor 1.300 Jahren erbaut, seit 815 n.Chr. ist das Kloster - das im Zug der Französischen Revolution zerstört wurde - nachweisbar! Unglaublich! Außer so manchem Haus in Rom ist dies hier vielleicht das älteste Gebäude, das wir je besichtigten! Und es ist erstaunlich gut erhalten, ein Verein kümmert sich aufopfernd.


Wir schlendern ein wenig herum, bis uns zu kalt wird. Durchs nachtschlafende Mesvres stiefeln wir in unsere kleine Wohnung, wo wir nach einem Teller "Travellunch" noch Filme und Fotos unserer Reise gucken. Wir freuen uns schon auf morgen, morgen wartet ein weiterer Höhepunkt der Reise!
Tageskilometer: 275 km
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