20. Tag: Floirac - Issoire

Heute ist Pfingstsonntag und ein wahres Sonntagsfrühstück ist es, das uns in der großen, alten Küche des Bauernhofs empfängt, als wir die ausgetretenen Holzstufen hinunter steigen. Sylvie hat sich selbst übertroffen, der schwere Holztisch biegt sich vor lauter selbstgemachten Köstlichkeiten! Wer soll das alles bloß ausreichend würdigen?

Doch wir sind nicht alleine auf dem Anwesen. So einsam der Hof gestern abend wirkte, so belebt ist er jetzt. Ein französisches und ein italienisches Pärchen sitzen mit uns am Frühstückstisch und auch Sylvie und Olivier haben heute sonntags frei. Die Kommunikation erschöpft sich in deutschen, französischen, italienischen und englischen Gesprächsfetzen. Uns stört das heute nicht, obwohl wir üblicherweise lieber unsere Ruhe haben.

Aber hier ist es stimmig. Hier sitzt eine lustige Gesellschaft mit den Bauern am Tisch, so wie es immer war und wie es immer sein wird. Es wird nur ruhiger, als Sylvie erzählt, warum sie hier so eine gastfreundliche Unterkunft geschaffen hat: Es gilt, den Traum der viel, sehr viel zu früh gegangenen Tochter zu erfüllen. Liebe Sylvie, das hast du geschafft!

Es ist bewölkt bei 16°C also nicht zu warm, als wir noch eine Flasche selbstgemachtes Walnuss-Öl ins Topcase packen und um 10:15 Uhr starten. Die Güterwege führen verschlungen hinunter ins Tal der Dordogne und wir müssen uns konzentrieren. Wegweiser gibt es hier keine. Wer hier wohnt, tut es schon lange und kennt seine Gegend.

Nun durchqueren wir Floirac, ein winziges Dörfchen mit kaum 300 Einwohnern. Der Verputz der steinernen Häuschen ist schon lange abgefallen oder war nie drauf, die Häuser sehen grandios verwittert aus, sehr fotogen! Wir tuckern auf der sehr schmalen D43 die Dordogne entlang. Hier verläuft wieder die "Route de la noix", die Nuss-Route! Die hatten wir auf dieser Reise schon ein paar Mal. Walnüsse sind im Périgord eine große Nummer und durchaus touristisch vermarktet.

Ebenfalls eine große Nummer war ein gewisser Francois Fénelon, der ab 1689 als geistlicher und überaus fortschrittlicher Erzieher der Enkel des Sonnenkönigs Louis XIV. hier wohnte. Er erfand den Slogan "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", der für seine Arbeitgeber 100 Jahre später eine äußerst ungesunde Nebenwirkung entfalten sollte. Seine Büste blickt mit belustigtem Blick auf uns herunter, als wir an der Schlossmauer vorbeirollen. 

Das Unterholz an der D43 wächst dicht und zum Glück gibt es keinen Gegenverkehr, der uns gefährlich werden könnte. Doch halt! Da führt links eine außergewöhnlich schmale Brücke über den Fluss! Die schaut aber spektakulär schön aus! Sollen wir mal ´rüberfahren? Doch kaum haben wir den Lenker eingeschlagen, schneidet uns ein deutscher Wohnmobilfahrer mit seiner Fuhre den Weg ab. Aber hallo! Was soll das?!

Er will auch über die Hängebrücke und hat uns brutal die Vorfahrt genommen. Kann sich jemand die Genugtuung vorstellen, als nach einigen Versuchen feststeht - Oh Mann, kannst du nicht lesen? 2 Meter steht da!- das wird nichts? Dass er nicht ´rüber kann? Wir beobachten ihn unverhohlen grinsend, als er sein überbreites Vehikel sinnlos herumschiebt und dann den Motor abwürgt.

Das ist unsere Chance! Mit offenen Visieren, lässig grüßend, rollen wir rumpelnd über die Holzschwellen im Schritttempo an ihm vorbei über die 100 Jahre alte "Pont Miret". Und dann drehen wir um, tuckern wieder herüber, zeigen dem Wohnmobil-Anarcho noch einen freundlichen Daumen hoch und verschwinden lässig hinter der nächsten Kurve. Das sind so Momente...

[Anm.: Nach der Reise werden wir lesen wir, dass unsere Freundin Svenja vor genau 10 Tagen ebenfalls "nur zum Spaß" diese Brücke überquerte. Manche Ideen sind so gut, dass sie für Drei reichen!]

Einige wunderbar kurvige Kilometer später erreichen wir Carennac. Wieder eines der "schönsten Dörfer Frankreichs" und das zu Recht! Trutzige Burg- und Stadtmauern umfassen einen mittelalterlichen Stadtkern. Uns ist ganz profan nach einer schönen Kaffeepause und wir rollen aufmerksam durch die engen Gassen. Doch heute ist der 8. Juni, Pfingstsonntag und im ganzen Ort gibt es keinen freien Sitzplatz! Ein wenig enttäuscht fahren wir einfach weiter.

Wir haben heute keinen besonderen Plan! Aber wir haben Karten, in die unsere Route mit Leuchtstift eingezeichnet ist und wir haben unser Ziel "Issoire". Wir wollen kleine und kleinste Straßen fahren, Luftlinie auf einspurig, quasi! Mal sehen, ob das funktioniert? So rollen wir achtsam die kurvige Uferstraße an der Dordogne entlang. Ein Kaffee wäre jetzt fein!

Wir erreichen Beaulieu-sur-Dordogne und bollern mitten auf den Hauptplatz. Ein pittoreskes Städtchen, wenn auch etwas vernachlässigt und düster. Wir finden eine Bar-Tabac, wo einige von gestern Übergebliebene am Tresen lehnen. Die dumpfe Luft ist geschwängert vom Alkohol. Angelika holt schnell zwei Häferl Kaffee, während Didi draußen die letzten zwei Plastiksessel besetzt.

Nach einem kleinen Einkauf von Proviant geht es weiter. Die D116 ist fast schon ein Feldweg, eng am Ufer der Dordogne. Perfekt für eine Flussreise! Wir kommen langsam voran, die Fahrt ist anstrengend. Langsam zeigt sich die Sonne, es wird freundlicher. Ein schöner Kontrast zu den Dörfern mit ihren grauen Steinhäusern, die ein wenig abweisend und unfreundlich wirken.

Die D65 ist nur unwesentlich breiter und die Dordogne ist nun weit entfernt. Wir durchqueren das schmucke Auriac. Das Dorf wurde vor 1000 Jahren gegründet und ist wunderbar anzusehen! Ob die Berge am Horizont schon zur Auvergne gehören? Wir kommen heute nicht recht weiter. Auf der D75 dürfte man 90 km/h fahren, doch das ist auf diesem kurvigen Single-Track völlig absurd! Dass es plötzlich schroff bergab geht, erstaunt uns. Sind wir jemals bergauf gefahren?

Schau, die Dordogne! Unvermittelt fahren wir wieder am Ufer entlang. Das Tal wird eng, ab Spontour erstrecken sich dichte Wälder auf den hohen Bergen rings um uns. Der Weg führt jetzt in engen Kurven bergauf und wird offiziell zur Bergstraße. Wir fahren Felswände entlang und ... was ist denn das da vorne?

Ein Staudamm! Der gewaltige "Barrage d´Aigles" durchschneidet hier das Tal der Dordogne. Seit 1945 ein Monster aus Beton, das überhaupt nicht in diese einsame Gegend passt! Wir könnten über die Staumauer des "Adlerdamms" ´rüberfahren, aber wir halten an und parken die Transalps an den Straßenrand. Man kann das Bauwerk besichtigen, es gibt Erinnungstafeln an die Bauarbeiter, den hier geleisteten Widerstand gegen die Nazis und es gibt vor allem einen sensationellen Blick in die Tiefe!

Wir machen eine kleine Pause, essen und trinken etwas von den Vorräten im Topcase und freuen uns über die schöne Abwechslung von der ermüdenden Fahrt. Es ist angenehm warm geworden, 23°C und trüber Sonnenschein. Schau! Da steht das Schild der Bezirksgrenze: Wir sind zurück in der Auvergne!

Etwas später düsen wir über eine Hochebene Richtung Mauriac. Zumindest fühlt es sich wie eine Hochebene an, wir haben schöne Ausblicke auf die erloschenen Vulkanberge der Auvergne. Die Dordogne liegt für diese Reise hinter uns. Die D922 lässt zügiges Fahren zu und wir geben ein wenig Gas. In vier weit geschwungenen Kehren sind wir wieder im Tal.

Die Städtchen Ydes und Bort-les-Orgues durchqueren wir schnurgerade, ohne von den Besonderheiten Notiz zu nehmen, auf die die romanischen Kirchlein durchaus hinweisen. Die "Orgeln von Bort", nach denen der Ort benannt ist, sehen wir auch von der Straße aus: Auffällige Felssäulen in luftiger Höhe, erstarrte Lava aus Urzeiten, als die Vulkane der Auvergne vor 15 Mio Jahren noch aktiv waren.

Wir fahren heute ohne Routenplanung und nur nach Karte und so bietet sich an, in La-Pradelle eine Abkürzung zu nehmen. Wir haben vom Motorradfahren für heute schon genug! Wir biegen scharf rechts ab und kurven die kleine D47 bergauf. Kurvenreich schlängelt sich die kleine Straße über den bewaldeten Hügel. Die Sonne scheint und ganz plötzlich macht das Fahren wieder Spaß, was uns selbst überrascht!

Wir müssen mal eine kleine Pause machen und der kleine Parkplatz da vorne bietet sich an. Als wir die Transalps schön aufgestellt haben, entdecken wir eine Gedenkstätte. Seltsam, irgendwas Militärisches, wir erkennen das Bild einer "Mirage 2000 Nucléaire" und eines Lynx-Kampfhubschraubers. GoogleTranslate klärt die Sache: Im April 1991 stieß hier der Hubschrauber auf einem Übungsflug mit dem Kampfflugzeug zusammen. Keiner der Männer hat überlebt. Hier steht ihr Memorial.

Was für ein Gegensatz! Die friedliche Einsamkeit hier im Département Puy-de-Dôme, wo das lauteste Geräusch von friedlich brummenden Hornissen stammt und diese brutale Katastrophe, bei der 10 "Todesfälle im Flugdienst" zu verzeichnen waren, wie am Gedenkstein steht.

Es sind noch 60 km bis zu unserem Ziel und wieder entscheiden wir uns für "Luftlinie". Hügelauf und hügelab kurven wir nun auf einem kleinen Weg ambitioniert durchs Gelände. Wir tuckern durch Bergdörfchen namens Saint-Floret und Picherande. Mal über Almen, mal durch ein Wäldchen und überall leuchtet es gelb vom Ginster. Eine greise Frau winkt uns freundlich lachend zu. Sie sitzt auf ihren Gehstock gestützt auf einem Bankerl im Sonnenschein vor ihrem Bauernhof. Wir winken energisch zurück. Was für eine liebe Omi!

Plötzlich ändert sich die Landschaft. Es geht nun zügig übers flache Land, das von sanften Hügelketten eingerahmt wird. Immer mehr Ski-Zentren und Bus-Parkplätze rücken ins Blickfeld und am linken Horizont eröffnet sich ein Mega-Skizentrum, vermutlich "Super-Besse". Hässlich wie oft in Frankreich, völlig hypertroph die massiven Hotelbauten am Berghand. Warum müssen solche Sportregionen immer so grauenhaft aussehen? Wem gefällt sowas?

Wir geben jetzt Gas. Die Landschaft wird wieder kleinteiliger und die Felshänge rücken näher. Kurz vor Issoire kurven wir durch ein enges Tal. Das gefällt uns gut! Wir sind müde geworden, als wir um 17:30 endlich unser Ziel erreichen. Auf den ersten Blick gefällt uns Issoire nicht. Also gar nicht! Die Häuser sehen verwahrlost aus und blau-weiß-rote Fähnchengirlanden, die über Fassaden spannen, machen den grauen Eindruck nicht wett.

Unsere Unterkunft ist schnell gefunden und wir paddeln unsere Transalp auf den weitläufigen Parkplatz genau davor. Wir sehen uns um. Ziemlich miese Gegend, stellen wir fest. Plötzlich eilen zwei Polizisten herbei. Freundlich aber bestimmt erklären sie uns, dass heute überall Parkverbot besteht. Nicht nur hier sondern im gesamten Bezirk! Ein Radrennen kommt morgen vorbei und Bühnen und Tribünen müssen aufgebaut werden!

Wir sind wie vor den Kopf gestossen. Was nun? Wir können die Transalps doch nicht mit aufs Zimmer nehmen?! Der Polizist lacht und meint, könnt ihr versuchen, aber um 7:00 Uhr früh wird ganz Issoire gesperrt. "Dann müsst ihr sowieso weg sein!"

Wir schauen uns ratlos an. Der Vermieter hat verschwiegen, dass das Einchecken wegen eines Radrennens unmöglich ist! So ein Mist! Jetzt schnell improvisieren. Sollen wir weiterfahren? Raus aufs Land, auf gut Glück etwas suchen? Es wird immer kälter und finsterer. Warte, ist das da vorne vielleicht ein kleines Hotel? Angelika eilt die Straße entlang.

An der Rezeption des winzigen "Le Pariou" fleht sie um ein Zimmer. Egal wie es aussieht, egal was es kostet und egal wie klein es ist! Das nette Mädchen verneint zuerst, tippt aber hektisch in seinen Laptop. Tatsächlich! Wir bekommen das allerletzte Zimmer, alles ist wegen des blöden Rennens ausgebucht! Was für ein Glück! Kurz später stehen die Transalps gesichert auf dem schönen Parkplatz hinter dem Haus. Dass wir trotzdem um 7:00 Uhr aus der Stadt ´raus sein müssen, ist ein Problem für morgen!

Es ist kalt in der Lobby und das mit einem Lieferdienst zugestellte lieblose Abendmenü macht die Situation nicht gemütlicher. Unsere Laune war schon mal besser. Das war irgendwie ein durchwachsener Tag, der Flow hat sich nicht eingestellt. Wir kippen noch einen Pastis zum Abschluss und gehen früh schlafen. Das wird morgen ein verdammt knapper Start!

Tageskilometer: 245 km

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Quer durch die Landschaft

floirac

hallo!
ich lese eine tragische geschichte aus euerem bericht über die familie in floirac heraus. ihr habt die stimmung dort gut eingefangen!

der ganz tag ist ein wenig zerfranst und ihr scheint auch nicht so begeistert wie sonst? die frechheit mit dem nicht beziehbaren zimmer ist nur die krönung! habt ihr danach etwas diesbezüglich unternommen?

ich lese weiter mit!
dlzg
der rider

frankreich

Hallo ihr beiden!
Ich habe soeben diesen Frankreichbericht entdeckt und in einem ausgelesen. Wir wollen heuer mit dem WOMO dorthin und ich sehe viele Tipps, die wir von euch abkupfern können.

Danke für diese schöne und lebendige Erzählung! Nur eine Frage noch für unsere Planung: Wann fand diese Reise statt?

LG Tom und Anhang

radrennen

hallo!
das ist ja wohl eine ausgemachte frechheit, ein zimmer zu vermieten, dass man dann nicht beziehen kann.
gab es konsequenzen?

ansonsten ein recht gemütlicher tag, wie ich finde. schön zu lesen!

lg gerda

Alles verkehr herum

Meine Güte, da erlebe ich den Fahrtag an der Dordogne ja noch einmal rückwärts, alles verkehrt herum.
Obwohl es doch im Grunde ein schöner Reisetag war, hübsche Landschaft, gutes Wetter, verlassene Straßen – stellt sich eine gewisse Reisesättigung ein, oder? So, wie man selbst am allerbesten, reich gedeckten Abendbuffet auf der Colorline irgendwann satt ist.
Das Erlebnis mit dem Wohnmobilisten fand ich zu schön. Es ist nicht das Wohnmobil, es ist die Dreistigkeit, mit der manche Menschen die Welt für sich beanspruchen: "Platz da! Jetzt komm ich!" Die benehmen sich wie Pieps auf'm Spielplatz.
Ich hab mich sehr gefreut, so viele bekannte Plätze noch einmal durch eure Augen zu sehen. Danke für den schönen Tag.
Wir sehen uns...

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zuletzt aktualisiert am 31.3.2026