19. Tag: Beynac - Roque-Saint-Christophe - Floirac

Schweigsam packen wir unser Zeug, räumen das Zelt auf und zurren die Rollen auf die Transalps. Heute am 7. Juni müssen wir abreisen! Hier in Beynac war zwar unser westlichster Campingplatz aber noch nicht der westlichste Punkt der Reise! Warum uns das wichtig ist? Weil ab dann geht es Richtung heimwärts. Auch wenn die Rückfahrt noch einige Tage dauert, es ist die Rückfahrt.

Unser Trick, um die Laune auf dem Heimweg nicht abkacken zu lassen? Jeden Tag ein Highlight, etwas Besonderes, eine Sehenswürdigkeit, die ihresgleichen sucht. Ihr werdet staunen, was wir heute geplant haben!

Die nette irische Nachbarsfamilie mit den wohlerzogenen Töchtern ist schon längst abgereist, als wir um 10:15 Uhr vom Platz rollen. Tschüss, schönes Zelt! Tschüss, beeindruckende Burg! Wir kommen sicher eines Tages wieder! Noch ein letzter Blick auf den Campingplatz und schon sind wir weg.

Der Sommer in Frankreich hat eine ziemliche Delle. In der Nacht hat es stark geregnet und die tiefen Wolken hängen dunkel über Beynac aber es hat milde 16°C. Wir haben uns mutig entschieden, das Regenzeug nicht anzuziehen! Es fährt sich einfach so viel angenehmer ohne und außerdem schaut man dann bedeutend cooler aus als im warnwestengelben Plastiksackl!

Wie meistens an Abreisetagen haben wir nicht mehr gefrühstückt. Vor dem Wegfahren fehlt uns immer die Ruhe dafür! Deshalb suchen wir jetzt Kaffee und etwas Essbares und halten die Augen offen. Die "Gorge de la Dordogne" hat sich erheblich geweitet und die D703 zieht mitunter schnurgerade dahin. Diese Gegend ist vollkommen untouristisch, wie wir erstaunt feststellen!

In Saint-Cyprien - ein Name wie aus einem Chanson - fällt der Putz von den Häusern. Gewiss, sie sind aus hübschem gelben "Périgord-Stein", jedoch hängen hölzerne Fensterläden lose in den Angeln und ehemalige Schriftzüge längst aufgelassener Betriebe sind schon lange verblasst. Wo mag hier ein Café sein? Ein Bäcker? Irgendetwas? Das kleine Städtchen erscheint für Samstag Vormittag erstaunlich ausgestorben!

In einer sehr schmalen Straße erblicken wir zwei Tischchen im Freien. Die sind für uns! Da ist ein winziges Café, das sogar offen hat! Doch gerade als wir unsere Transalps platzsparend an den Rand quetschen, geschieht das Unglaubliche: Die einzigen Touristen in diesem Ort haben das gleiche Ziel und sie sind sowas von in der Mehrheit: 20 kichernde und durcheinander lärmende US-Collegestudenten drängen in das winzige Lokal und besetzen alle Plätze. Auch jene, die es gar nicht gibt.

Der junge Mann mit Dutt, der sein "Oriwa Café " mit selbst zusammengezimmerten Paletten-Möbeln als kleines Start-Up führt ist erschüttert über seinen Geschäftserfolg und nun dauert es. Wir geben nicht auf und warten geduldig, bis 20 Matcha-Chai-Latte mit Hafermilch und Pumpkin-Topping persönlich gebastelt und bezahlt sind! First come, first serve!

Geraume Zeit, zwei Kaffees und zwei Croissants später, nehmen wir Fahrt auf. Wir wechseln auf die D48 und der fast einspurige Weg führt kurvenreich in den Norden. Wir passieren weite Felder, Weiden, landwirtschaftliches Gebiet und das ein oder andere Gestüt. Eine ruhige, unaufgeregte aber schöne Gegend. Als wir Les Eyzies, die unaussprechliche Stadt, durchqueren, wissen wir nicht, dass wir soeben die "Hauptstadt der Urzeit" hinter uns gelassen haben. Die "Höhle von Lascaux" liegt nur einen Katzensprung entfernt und die hat uns 2023 so begeistert!

Wir cruisen jetzt aufmerksam durch Wälder bergauf, die Straße durch das Tal der Vézère ist schmal und kurvig. Wenn man mit offenen Augen fährt, erkennt mal leicht die Besonderheit dieses Tals! Das Hotel Cro-Magnon, da drüben ein Museum über Prähistorisches, da vorne gehts zum "Village Troglodytique", dem Höhlendorf La Madeleine! Der "Prehisto Parc" hat heute geschlossen, aber ... STOP!

Was ist das denn? Angelika grinst verstohlen in ihren Helm, als Didi staunend in die Felswand am rechten Straßenrand schaut. Da klebt eine Kaserne hoch oben am Felsen?! Oder gar im Felsen? Es schaut wahrlich unglaublich aus! Angelika hat Didi diesmal ausnahmsweise nichts von der Sehenswürdigkeit erzählt, die wir ansteuern! Es soll eine Überraschung werden!

Infobox: Die Felsenburg, in der es spukt

Die Klippenhöhle, die später zur Burg ausgebaut wurde, war bereits vor 20.000 Jahren bewohnt."Forte de Reignac" ist das letzte erhaltenes Zeugnis einer turbulenten Epoche in Frankreich. Bis ins 20. Jhdt war diese Burg bewohnt! Das Gebäude gilt als historisches Denkmal und bietet original eingerichtete Räume aus dem 14. Jhdt. und eine international renommierte Ausstellung über Folter und Todesstrafe, vor der in Reiseführern sogar ausdrücklich gewarnt wird. (Man kann sie bei einer Führung auch problemlos umgehen.)

Das erklärt auch die Spukgeister, die dort ihr Unwesen treiben sollen!

Einen Hornissenangriff während voller Fahrt später [Pro-Tipp: Niemals mit offener Jacke oder Visier fahren!] tauchen am Straßenrand die ersten auffälligen Felsen auf. Grob behauene Steinblöcke mit Fensteröffnungen und verwitterten Stiegenaufgängen. Wir verlangsamen das Tempo. Da ist es! Rechts erstreckt sich einen Kilometer lang eine gewaltige Kalksteinklippe am Ufer der Vézère, sichtbar durchlöchert und bearbeitet von Menschenhand. Und ganz oben eine langgestreckte Terrasse, ein Felsspalt enormen Ausmaßes: Roque Saint-Christophe

Es ist genau 12:00 Uhr. Die Transalps sind schnell am kleinen Parkplatz neben dem Imbiss geparkt. "Da können wir rauf?" fragt Didi ungläubig und Angelika nickt begeistert. Los, komm! Wir steigen bedächtig durch den Wald steil bergauf, kaufen um 25,80 Euro zwei Tickets und es geht noch höher. Ställe, Werkstätten, Wohnhöhlen verteilen sich am Aufstieg an der Felswand. Und die "Große Treppe", deren aus einem Block gehauene 32 Stufen auf die Verteidigungsterrasse führen!

Und ganz kurz, bevor Angelika wegen der Höhe mulmig wird, treten wir aus dem Wald ins Freie. Wir stehen im Felsspalt, hoch über dem Fluss. Eine vollkommen ebene, komfortable Höhlenstadt, vor 55.000 Jahren erstmals besiedelt, ständig ausgebaut, 1588 n. Chr. aufgegeben. Weltkulturerbe sowieso! Wir sind sprachlos.

Schon Neandertaler und später Cro-Magnon Menschen (die Künstler aus Lascaux), lebten als Höhlenmenschen hier und genossen die gleiche Aussicht wie Menschen aus allen Jahrtausenden und wir jetzt. Was für eine Behausung auf 60 Metern Länge!

Sicher, uneinnehmbar, wettergeschützt. Der Mensch wandelte sich und die Bedürfnisse der Felsbewohner. Im Mittelalter baute man Häuserfronten vor die Kante, das ganze wurde zu einer Felsenstadt. Die Verteidigung war leicht. Wo soll man hier einen Angriff starten?

Infobox: Village Troglodytique

Wir haben in Frankreich schon viele dieser Höhlenstädte besucht und waren immer fasziniert! Aus vielen Gründen haben Menschen sich in Höhlen oder den Untergrund zurückgezogen. Diese Anlage hier ist jedoch wirklich etwas Besonderes!

Die Felswand ist einen Kilometer lang und 80 Meter hoch. Seit der Jungsteinzeit bis ins 16. Jhdt. waren die Höhlen durchgehend bewohnt! Über 100 Abris (natürlich Felsvorsprünge, Halbhöhlen) gibt es in der Wand und sie alle wurden kreativ genutzt.

1500 Bewohner wohnten hier und schützten sich ab 845 n.Chr. vor den Angriffen der Wikinger und 500 Jahre später vor den Wirren des Hundertjährigen Kriegs. Im Bürgerkrieg zwischen Protestanten und Katholiken nur zweihundert Jahre später wurde die uralte Höhlenstadt zerstört.

Wir lassen unsere Phantasie Purzelbäume schlagen, während wir die Klippe entlang wandern und das eingeritzte Altarkreuz, die Speisesaal-Höhle und die in den Boden gemeisselten Gräber betrachten. 

Wir steigen über Kanäle, Pfostenlöcher, Wasserbehälter, Feuerstellen, Treppen und Gänge. Manche Höhlen sind möbliert und an der Felskante stehen mittelalterliche Baumaschinen. Was für ein außergewöhnlicher Ort!

Wir krönen unseren Besuch mit einem fetten "Croque Monsieur" beim Imbissstand am Parkplatz. Samstag Nachmittag herrscht hier Hochbetrieb! Mittlerweile scheint die Sonne, ein wenig trübe aber immerhin, und es hat angenehme 23°C. Es fällt uns schwer, hier wegzufahren, zumal es nun endgültig der westlichste Punkt unserer Reise ist und es ab nun unweigerlich Richtung Heimat geht. Na komm, lass uns fahren!

Über die schön kurvige D47 erreichen wir Sarlat-la-Caneda und freuen uns, schon hier gewesen zu sein! Heute bleiben wir nicht mehr stehen sondern steuern das Dordogne-Ufer an. Wie vor wenigen Tagen nehmen wir die D703, die wunderschöne Uferstraße und bei Rouffilac hat sich der Kreis irgendwie geschlossen. Aber unsere Rückfahrt soll noch einige Highlights bieten!

Als wir Souillac erreichen fällt uns ein, wir brauchen Abendessen! Wir sind heute Selbstversorger auf einem kleinen Bauernhof und was könnte besser passen, als der Bauernmarkt da vorne? Wir schaffen es angesichts der offenen Scheune "Marché des Halles" gerade noch, rechtzeitig abzubremsen. Schnell einen Parkplatz sichern und schon stiefeln wir hinein. Ein buntes Wirrwarr von Kisten, Schachteln, Regalen und Körben empfängt uns. Lautes Stimmengewirr und geschäftiges Treiben.

Hausfrauen in Schürzen und Arbeitsgewand diskutieren eifrig über die Qualität der angebotenen Waren. Wenn jemals ein Klischee eines Marktes wahr wird, dann genau hier und jetzt! Wir stöbern durch Obst, Gemüse, Bekanntes und Unbekanntes, alles selbstgemacht und liebevoll präsentiert. Konserven, Eingelegtes, Wein, Liköre, Käse in allen Farben und Formen, Wurst und Fleisch, Kuchen, Kekse und Torten, natürlich auch Nüsse, Marmelade und noch mehr!

32 Euro später tragen wir einen schweren Sack zu unseren Transalps und stopfen ihn in Angelikas Topcase. Es ist genau 16:00 Uhr. Ein Blick auf die Karte sagt uns, wir sollten jetzt Googlemaps aktivieren. Unser Notfall-Navi hat uns noch überall an den richtigen Ort geholfen und "Lieu-dit Soult" ist nicht einmal ein Ort, eher eine Gegend in der Pampas mit wenigen Bauernhöfen.

Über unbenannte Wege finden wir Richtung Floirac und dann gehts den Berghang hinauf. Da oben soll unsere Unterkunft sein? Wir stochern ein wenig herum, bis wir an einem äußerst schmalen Güterweg - wir dachten, wir hätten uns komplett verfahren - vor einem uralten Anwesen halten. Rohe Steinmauern, von üppigem Grün bewachsen, mehrere Häuschen, eng aneinander gebaut: "Le Pigeonnier", der Taubenschlag. Es ist genau 17:30 Uhr.

Wir werden von Sylvie und Olivier so herzlich empfangen, dass wir uns sofort wie zu Hause fühlen! Zur Begrüßung stellt die freundliche Frau Bier, Limonaden und Mineralwasser auf den klobigen Holztisch vor dem Haus. Wir sind ziemlich müde, als wir eine Hausführung bekommen.

Das Bauernhaus atmet jahrhundertelange Geschichte, Generationen von Familien haben hier ihren Lebensunterhalt bestritten. Es ist nicht weniger als beeindruckend!

Unser Zimmer liegt im oberen Stock, wahlweise über eine längst schiefgetretene Holztreppe oder verwitterte Steinstufen erreichbar. Wir sind vollends begeistert, als wir unser Abendessen auf dem Holztisch im Freien ausbreiten.

Wir haben einen knüppelharten Ziegenkäse und eine in Asche gehüllte Wurst, die mit "grob" nur unzureichend beschrieben ist. Dazu das frische, knusprige Bauernbrot aus Souillac. Es könnte nicht besser sein, der perfekte Moment!

Es ist ruhig, wir sind heute alleine hier. Als die Dämmerung über den Berg hereinbricht, folgen wir dem Rat der Bäuerin, ein paar Minuten an die Bergkante zu spazieren. Dort ist ein berühmter Absprungplatz für Gleitschirmflüge! Wir folgen den Schildern "Parapente à Floirac". Zwei der drei freundlichen Hofhunde, der hektisch-schielende und der phlegmatisch-flauschige, begleiten uns und warten brav, bis wir von der sagenhaften Aussicht über das Dordognetal genug haben.

Es ist kalt geworden. Das war ein fantastischer Tag! Wir werden in dem luxuriösen Bett großartig schlafen, freuen wir uns, als wir später in unser Zimmer hinaufsteigen, das vor langer Zeit einmal ein Taubenschlag war.

Tageskilometer: 125 km

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Ein Tag voller Höhepunkte!

toll

Danke für diesen schönen Bericht über einen Hotspot, der zumindest mir völlig unbekannt war. Tolle Bilder!
LG Gerd

Antw.:toll

Hallo Gerd!
Schön, dass du wieder mitliest und DANKE für das Kompliment!
Bei so einer Sehenswürdigkeit fallen gute Fotos ganz leicht. ;-)
LG Geli

Wow!

Da habt ihr echt was Tolles ausgegraben! Danke für die Fotos und die Schilderung.
DlzG
Der rider

Antw.:Wow!

Hi!
Schon, oder? Der Roque mit der Höhlenstadt war ein echter Zufallsfund beim Recherchieren. Wir hatten davor noch nie davon gehört. :-)
LG Geli und Didi

Meine Güte!

Welch ein Premiumtag, diesmal nicht durch Landschaft und Wetter, sondern durch die Höhlenanlage im Berg. Die Fotos und besonders eure Erzählung haben mich tief beeindruckt.
Es ist einmal mehr beschämend zu sehen, woran ich alles ahnungslos vorbeigefahren bin, doch dafür haben wir ja euch: Die Motorrad-Kulturreisenden!
Das habt ihr wirklich sagenhaft herausgearbeitet. Welch ein schöner Tag mit dem zweiten Highlight, der Unterkunft. Und dem dritten: Dieser sagenhaften Wurst!
Herzlich
Svenja

Antw.:Meine Güte!

Danke dir für das fette Lob!
Die Felsenstadt war so etwas Besonderes, das war wirklich ganz und gar einzigartig!
Und so auch der Bauernhof abends. Was waren das für liebe Leute und das Haus war so klasse! Dort könnte man schon einige Tage bleiben...

Herzlichst
Geli + Didi

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zuletzt aktualisiert am 20.3.2026