15. Tag: Sainte-Enimie - Lotschlucht - Conques-en-Rouergue

Während Didi die Motorräder reisefertig macht, kehrt Angelika die Hütte. Wir sind gedämpfter Stimmung. Es tut uns weh, heute diesen Ort verlassen zu müssen. Wir haben so schöne Erinnerungen an diesen Campingplatz! Hoffentlich kommen wir wieder einmal hierher? Für ein Frühstück haben wir uns keine Zeit mehr genommen. Ein Häferl Kaffee reichte, denn wir haben einen Plan!

Milchiger Sonnenschein begleitet uns, als wir - nach einer ausgiebigen Rundfahrt um den Platz - Yelloh Camping um 9:30 Uhr verlassen. Immerhin hat es 22°C und nichts deutet auf Schlechtwetter hin. Haben wir das gestern ausgesessen? Hoffentlich! 

Fröhlich schwingen wir nun durch den spektakuläreren Teil der Tarnschlucht. Rohe Felswände und zahlreiche Tunnels und Felsdurchbrüche kennzeichnen diese Strecke. Für uns einer der schönsten Uferfahrten, die wir kennen!

Nur 20 km später halten wir an. Hier in Les Vignes haben wir vor zwei Jahren beim netten Wirt vom "Chez Alex" nicht nur richtig guten Kaffee gekauft sondern auch eine Schüssel voll Kirschen als Geschenk bekommen! Hier wollen wir frühstücken! Doch um diese Uhrzeit ist das Restaurant der 80-Seelen-Gemeinde noch nicht in Betrieb und auch der Wirt noch nicht ausgeschlafen. Mürrisch schiebt er zwei Kaffee und kleine Croissants über das Resopal seiner Theke.

Uns stört seine begrenzte Laune nicht. Wir sitzen glücklich am Ufer des Tarn und knabbern am frischen Gebäck. Schau, über die Steinbrücke gehts zur "Aven Armand"! Die atemberaubende Tropfsteinhöhle fiel dem gestrigen Schlechtwetter zum Opfer. Ein Grund, wieder hierher zu kommen! Und wir gucken den schmalen und beeindruckend steilen Weg hinauf. Über die D995 verlassen wir die Tarnschlucht, hinauf über die Berge!

Beim Blick in die Karte wurde Angelika gestern mulmig. Wie ein Nähmuster in engem Zickzack schaut die Route aus! Hoffentlich ist die Straße nicht zu ausgesetzt am Abgrund?!

Es geht in knackigen Kehren immer weiter bergauf doch letztendlich sind wir enttäuscht. Die Straße ist nicht nur nicht ausgesetzt sondern sogar so weit weg von der Schlucht, dass wir kein einziges Foto in den Abgrund machen können! Wer hätte das gedacht?

Oben angekommen eine trotz allem überraschende Erkenntnis: Was von unten wie "hohe Berge" wirkt, ist letztendlich nur der Rand einer Schlucht, eines tiefen Einschnitts in der Landschaft. Hier heroben cruisen wir nun über erstaunlich flaches Land. Weite landwirtschaftliche Flächen und ab und zu ein kleines Wäldchen. Wir sind froh über jeden Schatten, es hat mittlerweile 30°C!

Massegros-Causes-Gorges, Laissac. Von diesen kleinen Dörfern, keines hat über 1000 Einwohner, bleibt uns nichts im Gedächtnis. Ein paar alte Steinhäuser, viele moderne Ferienvillen und ein paar kleinere Firmengelände. In Sévérac hängt das Ortsschild verkehrt herum. Der bekannte Protest der Einwohner gegen irgendetwas, was "Paris" wieder ausgeheckt hat! 

An späten Vormittag eines Dienstags ist hier nicht viel los. Deshalb stört es uns auch nicht, auf die Schnellstraße N88 zu wechseln. Mit den in Frankreich häufig gültigen 80 km/h Höchstgeschwindigkeit kommt auch hier kein Stress auf!

Infobox: Wie schnell darf man in Frankreich?

2018 Jahren geschah in Frankreich das Undenkbare! Der Alptraum jedes deutschen und österreichischen KfZ-Lenkers wurde wahr: Man beschloss 80 km/h Höchstgeschwindigkeit auf allen Landstraßen!

Was in ganz Skandinavien kein Problem darstellt, entfachte hier den berüchtigten französischen Volkszorn. Man packte Fackeln und Mistgabeln aus, zerstörte Radarkameras und Verbotsschilder. 2019 war außerdem das Jahr der "Gelbwesten"! Wissend, was die Wut des Volkes in diesem Land mitunter schon bewerkstelligt hat, knickte das Parlament ein und überließ die Entscheidung lieber den 90 Départements. Sollen die sich doch ´rumärgern!

Seit 2020 gilt nun in 45 Bezirken wieder 90 km/h. Die anderen blieben standhaft. Nun heißt es aufpassen! Überquert man eine Bezirksgrenze, können automatisch andere Geschwindigkeitsbeschränkungen gelten...

Uns ist das egal. Uns reichen in Skandinavien, Frankreich aber auch Österreich 80 km/h, um gemütlich von der Landschaft viel mitzubekommen. Für kleine Landstraßen haben wir unsere PS-starken Transalps schließlich nicht gekauft.

Irgendwann wird die Straße wieder kurviger und schmäler. In Gabriac sehen wir zum ersten Mal das Schild "Vallée du Lot". Klasse, wir sind richtig! Die Lotschlucht ist unser Ziel! Jetzt begrenzen kleine felsige Mäuerchen die Straße, die durch eine grün wuchernde Landschaft führt. Hier kennen wir uns aus, hier waren wir schon mal!

Fröhlich kurven wir die sanften Hänge eines Vulkans hinauf und lassen die Gedanken schweifen. Da ist schon unser Parkplatz! Nur 65 km nach dem Frühstück (unsere Irrfahrt durch einen Bauernhof nicht mitgerechnet) haben wir unser erstes Ziel erreicht: Die "Clapas de Thubiès". Das verrostete Info-Schild ist seit 2023 abmontiert aber wir wissen noch, was da draufstand!

Infobox: Von Schimpansen und Vulkanen

Wir befinden uns im Tertiär, vor 7 Millionen Jahren. In Afrika wird gerade der Regenwald zur Savanne und man beobachtet erstaunt die ersten Schimpansen aufrecht auf zwei Beinen, als hier ein Vulkan explodiert. Ein dicker Lavastrom wälzt sich den Berg hinunter, fast bis zum Ort Saint-Come d´Olt, den es damals zum Glück noch nicht gab.

Die Lava ist mit der Zeit erodiert und nun bedeckt eine Steinlawine dramatisch den gesamten Hügel. Die Bäumchen hat er nicht niedergewalzt, die kamen erst viel später. In der Karte steht nun "Chaos rocheux", felsiges Chaos.

Zum zweiten Mal stehen wir in der Mitte dieser vollkommen endzeitlich wirkenden Gegend des Lavastroms. Wir packen umgehend die Drohne aus und fliegen ein wenig über die scharfkantigen Felsblöcke. Für solche Gelegenheiten haben wir die DJI Neo gekauft! Vom Boden aus ist das Ausmaß der urzeitlichen Zerstörung kaum abschätzbar.

Als wir genug haben, fahren wir vorsichtig weiter. Das Unwetter von vorgestern hat jede Menge Müll auf die Straße gekippt! Abgebrochene Äste aussagekräftiger Größe, Schlamm und Schotter verschmutzen den Asphalt, der auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Langsam kurven wir hinunter nach Saint-Come-d´Olt, wo unsere Freundin Svenja während des Hagelsturms vorgestern mit ihrem Zelt abgesoffen ist. Es muss wirklich wild zugegangen sein, wenn man heute noch so deutliche Spuren sieht!

Infobox: Lot oder Olt ?

In dieser Gegend haben alle Dörfer den Zusatz "d´Olt", also "am Lot". Hier sprechen viele noch die uralte Minderheitensprache "Okzitanisch", die zweite Sprache neben Französisch, die sich hier in Süd-Gallien aus dem Lateinischen entwickelt hat.

Obwohl diese Sprache in Teilen Spaniens Amtssprache ist und im 12. Jhdt sogar die führende Sprache der europäischen Liebesliteratur war, kämpfen Initiativen in Frankreich bisher erfolglos um die Anerkennung als Schul- und Amtssprache. Wir haben leider noch nie "Okzitanisch" gehört.

Abril issi’ e mays intrava
e yeu m’estava cossiros,
e per amor un pauc embroncx.

Der April ging und der Mai kam
und ich war voll Gedanken,
und durch die Liebe ein wenig bedrückt.

Wir schwitzen bei 35°C in unser Motorradzeug, als wir um 13:00 Uhr durch Saint-Come-d´Olt tuckern. Vielleicht zahlt sich irgendwann eine kleine Ortsbesichtigung aus, aber heute wollen wir weiter. Während wir in Espalion tanken, gucken wir auf ein Wetter-App. Es ist unangenehm dunstig und schwül geworden. Auweia! In drei Stunden ist an unserem Zielort Gewitter angesagt! Wir beeilen uns jetzt, weiterzukommen. Gewitter in dieser Gegend können schlimm enden!

Nun schwingen wir zügig den Lot entlang. Die Wälder sind dicht und die Straße kurvig und ab und zu blitzt der breite und träge dahinfließende Fluss durch die tiefgrünen Bäume. Die D920 ist eine gut ausgebaute Landstraße und wir kommen gut voran.

Schon kurven wir durch das spektakuläre Estaing mit seiner atemberaubenden Burg, die über dem Ort thront. Wäre die Wettervorhersage nicht so zweifelhaft, hätten wir hier gerne Pause gemacht! Die Burg des Staatspräsidenten (mit dem "Monopol der Herzen") und großen Europäers Valérie Giscard d´Estaing verdient mehr als ein Foto im Vorbeifahren! Na vielleicht beim nächsten Mal!

Schon sind wir in Entraygues-sur-Truyère. Das graue Dörfchen mit seinen 1000 Einwohnern ist vor allem wegen seiner Flussmündung der Truyère in den Lot bekannt. Uns erscheint es ein wenig düster, wie beim letzten Mal. Aber jetzt wird es spannend. Den vor uns liegenden Teil der Lotschlucht kennen wir noch nicht!

Noch ein letzter Blick auf das Dorf und schon verschwindet die Straße im Dickicht. Es wird sofort eng, schmal und extrem kurvig. Kein Vergleich zum östlichen Abschnitt des Tals! Hier gilt Höchstgeschwindigkeit 70 km/h und wir halten das für den typisch ironischen französischen Humor: "Probiert es und habt Spaß!" Wir zirkeln die Transalps gerade mal halb so schnell um jede uneinsehbare Kurve auf dieser fast einspurigen Straße.

In einer breiteren Kurve machen wir kurz Pause. Die Luft ist stickig und drückt wie im Regenwald. Wir sind vollkommen verschwitzt, obwohl die Sonne mittlerweile trüben Wolken gewichen ist. Naht wirklich ein Gewitter? Komm, lass uns lieber weiterfahren.

Die D901 am Lot-Ufer ist eine malerische Strecke! Rechts die schroffen Felswände und links unter uns, hinter dem dichten Gebüsch der Lot. Nur der Asphalt könnte eine Auffrischung vertragen. So holpern wir in gemessenem Tempo das Tal entlang, bis wir vor einer T-Kreuzung stehen. Wir müssen links, über die Brücke! Wir überqueren langsam den Lot und haben eine wunderschöne Aussicht auf das ruhige, fast stehende Gewässer. Wir sind im Département Aveyron angekommen!

Es sind nur mehr zwei Kilometer zu unserem Hüttenplatz und dennoch fahren wir daran vorbei. Warum auch immer, wir konnten die Zufahrt nicht als solche identifizieren! Um 15:30 Uhr rollen wir vor der Rezeption aus und steigen ab. Geschafft! Gewitter oder gar Regen ist nicht in Sicht. Die Sonne heizt ungebremst vom Himmel, als wir unseren Schlüssel zur Ferienwohnung aus dem angepinnten Kuvert pflücken.

Die Unterkunft überfordert uns. Alles ist zu groß, zu geräumig und trotzdem finster. Aber das Wichtigste zuerst: Eine kalte Dusche! Danach hocken wir auf dem kleinen Vorplatz und vermissen unser Badezeug. Wir hätten hier ganz alleine den Pool nutzen können! Aber wer nimmt schon Badezeug auf eine Motorradtour mit?
[Anm.: In Le-Baux-de-Provence haben wir die Badehosen allerdings auch vermisst, also lohnt es sich vielleicht darüber mal nachzudenken...]

Wir hatten heute wegen dem angesagten Gewitter so einen Stress, dass wir gar nicht einkaufen waren! Und das überwältigende Conques-en-Rouergue ist fünf Kilometer entfernt. Wir sind zu bequem und haben keine Lust auf eine Besichtigung! Angelika beschließt spontan, die 1,5 km in den Ort Grand Vabre zu laufen, schauen, ob es einen kleinen Supermarkt gibt.

Kurz darauf latscht sie eilig die Landstraße entlang. Und bereut es nach wenigen Metern. In der Hitze fühlt sich der Weg unendlich lange an! Sie tröstet sich mit Fotos von uralten Steinhäuschen, dem Winken des freundlichen Zimmermanns aus seiner Werkstatt und letztendlich dem vergnügten Grinsen des galanten jungen Mannes in der Bar-Tabac, der ihr kalte Getränke, Knabberzeug und etwas Süßes verkauft. Ein Lebensmittelgeschäft haben die 300 Einwohner hier nicht.

Den Abend verbringen wir auf der Gartenterrasse des hübschen Restaurants. Die sympathische Chefin ist einfach klasse! Während Nathalie die Gäste versorgt, steht Stéphane in der Küche und zaubert. Es gibt delikate Kalbslendchen, gegrilltes Karree mit Pilzsauce und geschmorten Kartoffeln, leckeres Eis, Crème brûlée und Käse. Getoppt wird das alles von einem sensationellen Rotwein, von dem allerdings ein Glas auch gereicht hätte, wie wir am Boden der Flasche verdächtig gut gelaunt feststellen.

Es war dann in jeder Hinsicht anstrengend, vor dem Schlafgehen zu packen und unsere Ortieb-Rollen wieder aufs Motorrad zu zurren. Das Gewitter ist um 19:30 Uhr eingetroffen und morgen soll es richtig stark schütten! Besser noch heute packen, dann müssen wir nicht morgen im Regen das Zeug festbinden ...

Tageskilometer: 148 km

Es geht weiter ins Périgord: >> klick

Tarnschlucht, Lotschlucht und ein Lavastrom

70 km/h

"den typisch ironischen französischen Humor: "Probiert es und habt Spaß!""
:-)))))))

Danke für diesen schönen Reisebericht! Schöne Fotos, pointiert geschrieben, ansprechende Route. Für mich eine der besten Reisewebsites, die ich so kenne.

Danke für die Mühe, die ihr euch macht!
LG TinA

Antw.:70 km/h

Wow, wir sind erstmals platt über dein Kompliment! Schön, dass dir unsere Erzählungen so gefallen!
LG Geli + Didi

Tarn und Lot

Da kann ich dem Rider nur Recht geben: Eure Fotos aus der Tarnschlucht sind erstklassig. Neid!
Meine Güte, ihr seid in Saint-Come d´Olt über die Brücke gefahren, unter der mein Campingplatz liegt. Da haben wir uns nur um knapp zwei Tage verpasst. Wie schade.
Und endlich hab ich kapiert, wieso es "d'Olt" heißt. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte in der Schule besser aufgepasst. Hmpff...
Jedesmal denke ich, "Wieso ist mir das nicht aufgefallen?", als ich dort langgefahren bin.
Wie auch immer: Ein schöner Reisetag mit wunderbaren Fotos.
Ich komm wieder, keine Frage!

Antw.:Tarn und Lot

Danke fürs Mitlesen!
Man sah in der Gegend um Saint-Come noch so viele Spuren vom Unwetter, das dich fast davongeschwemmt hätte!

Vielen Dank fürs Kompliment für die Fotos! Ist das nicht eine sehr besondere Gegend dort? Fast schon meine Lieblingsgegend in Frankreich!
LG Geli

tarnschlucht

die fotos aus der tarnschlucht sind der hammer! was für eine tolle strecke!
lavafeld? wer hätte das mitten in frankreich vermutet? ihr habt wieder einmal sehr interessante und unerwartete einblicke in dieses land gegeben.
danke!
dlzg
der rider

Antw.:tarnschlucht

Danke an dich treuen Leser, dass du so gerne bei uns mitliest! Ja das Lavafeld kannten wir schon seit 2023 und es ist immer noch beeindruckend!
Geli

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zuletzt aktualisiert am 26.2.2026