Ganz ehrlich? Es tut uns richtig gut, nach fast 14 Tagen Reise heute mal echt auszuschlafen und die Motorräder stehen zu lassen! Heute lassen wir uns ganz bewusst Zeit. Wir bauen gemütlich ein schönes Sonntagsfrühstück auf unserer Hüttenterrasse auf. Wir haben gestern gut eingekauft! Heute am 1.6. wird ein heißer Tag, denn schon am späteren Vormittag hat es fast 30°C. Der Himmel ist wolkenlos, perfektes Urlaubswetter!

Heute wollen wir Sainte-Enimie besichtigen! Das haben wir vor zwei Jahren nicht geschafft. Dass unser Campingplatz etwas mehr als einen "kleinen Fußmarsch" entfernt ist, ist ein Schönheitsfehler. Wir haben uns da ein bissl verschätzt. Wir müssen zu Fuß gehen, denn die kleinen Shuttlebusse in der Tarnschlucht gibt es nur im Juli/August. Um 12:00 Uhr brechen wir auf.

Es ist mühsam! Die Sonne brennt vom Himmel und es ist vor allem unangenehm schwül. Binnen kurzer Zeit sind wir vollkommen verschwitzt. Da hilft es auch nicht, die kleinen Regenschirme als Sonnenschutz aufzuspannen. Was für ein unangenehmes Klima heute herrscht! Wir stiefeln Kurve um Kurve die Schlucht entlang. Gehweg gibt es keinen, wir halten uns ganz knapp am Straßenrand.
Da vorne ist ein deutscher Tourist mit seinem Mietwagen liegengeblieben! Wir bieten unsere Hilfe an, aber das französische Biker-Pärchen kann ihm besser helfen. Die wissen, was in dieser Gegend zu tun ist. Wir latschen 3,5 km schweigend nebeneinander her Richtung Sainte-Enimie und brauchen dafür 50 Minuten. Die Luft ist drückend und vollkommen windstill.

Binnen Minuten verfinstert sich der Himmel. Das ging aber schnell! Wir beschleunigen unsere Schritte und eilen in den Ort. Da kommt sicher gleich ein Gewitter? Die letzten Meter laufen wir! Wir haben den gut besuchten Gastgarten des ersten Lokals im Ort gerade noch erreicht, als mit einem Donnerschlag der Himmel entzwei bricht und Wassermassen herabstürzen. Wir suchen sofort Schutz im Inneren der kleinen "Bar de la Digue, während andere versuchen, draußen unter Sonnenschirmen durchzuhalten.

Zum Glück waren wir schnell und haben einen hübschen Tisch erwischt! Denn irgendwann schwimmt draußen alles davon und das Lokal füllt sich. Engagierte Kellner zerren kleine Tischchen aus dem Lager und bauen notdürftig alles auf, während sie eifrig Pastis und Wein servieren. Wenn schon Weltuntergang, dann sollte man ihn in einer kleinen französischen Bar bei einigen Pastis abwarten!
Um 14:00 Uhr ist der Spuk schlagartig vorbei und die Sonne lugt vorsichtig wieder hervor. Das Gewitter hat sich ausgetobt und auch der brüllende Lärm der Donner, der von den Felswänden hin- und hergeworfen wurde, ist verstummt. Wir bezahlen eine größere Menge Pastis und machen uns auf den Weg: Sainte-Enimie, eines der "schönsten Dörfer Frankreichs" wartet auf uns!


Das Dorf klebt an steilen Felsen und wir steigen hinauf. Durch enge, pittoreske Gässchen aus uraltem Kopfsteinpflaster, das man aus Flusssteinen des Tarn gebaut hat, vorbei an pittoresken Häuschen aus rohen Steinen und wucherndem Blumenschmuck erkunden wir den mittelalterlichen Ort. Wunderhübsche, etwas windschiefe Fachwerkshäuser, die Werkstätten der Handwerker, alles ist noch da!


Oben angekommen haben wir einen tollen Ausblick auf die Schlucht und die 400 Jahre alte Steinbrücke über den Tarn. Schau mal da ´rauf! In der Felswand über dem Dorf erkennen wir eine winzige Kapelle. Einige Touristen stehen dort oben. Was mag das sein? Jetzt entdecken wir die Infotafel an der Klostermauer. Da oben lebte und wirkte die Heilige Enimia! Wir lesen die eindrückliche Geschichte der schönen Prinzessin.
Infobox: Zu schön, um glücklich zu sein?
Wir schreiben ungefähr das Jahr 600. Die Merowingerprinzessin Enimia war von unwiderstehlicher Schönheit. Ihr Vater König Chlothar II. wollte sie dringend in Paris verheiraten. Zu seinem Leidwesen war Enimia jedoch auch sehr fromm und nannte sich bereits Braut Gottes. Ein Leben als Ehefrau war keine Option für sie!
Tja, Feminismus war noch nicht erfunden und so sah sie nur einen Ausweg: Sie flehte Gott an, ihr ihre Schönheit zu nehmen! Gott wurde kreativ und schickte ihr am Vorabend der Hochzeit eine fürchterliche Lepra, die sie umgehend und vollends entstellte.
Enimia entging so der Ehe und die Jahre zogen ins Land. Irgendwann war sie zu alt für eine Hochzeit und flehte Gott an, sie nun von der Lepra zu heilen. Er schickte sie in ein gewisses Dorf in die Tarnschlucht, wo sie in einer Heilquelle badete. Pardautz, die Lepra war verschwunden!
Doch Gott verlangte einen Preis: Enimia konnte diesen Ort nicht mehr verlassen! Die Krankheit kam immer zurück, wenn sie wieder nach Hause wollte. Sie sah das ein und gründete das heute noch bestehende Kloster zum Dank für ihre Rettung. Immer mehr Menschen kamen, um sich dort von ihr heilen zu lassen. So entstand der Ort Sainte-Enimie.
Sie selbst lebte abgeschieden in der Höhle oben im Felsen, wo sie nach vielen Jahren in greisem Alter verstarb. Als ihr Bruder Dagobert, König von Frankreich, ihre Gebeine nach Paris holen wollte, erwischte er die sterblichen Überreste des Patenkinds, das - und das war kein Zufall sondern Planung! - ebenfalls den Namen Enimia trug. So blieb die verstorbene Heilige bis über den Tod hinaus an diesem Ort, wie sie es Gott versprochen hatte. Die Kapelle kann man heute besichtigen.

Über dekorativ gelegte Pflastersteine - wieviel Arbeit für die Handwerker damals! - durchqueren wir das Dorf hinunter zum Tarnufer. Was für eine Geschichte, was für ein magischer Ort! Das Wetter ist angenehm geworden und wir gönnen uns noch ein großes Eis und Bier in der kleinen Brasserie chez Léon mit Aussicht. Angelika muss ihren Einkauf an Souvenirs gebührend feiern!
Um 15:30 Uhr machen wir uns auf den Rückweg. Nun verdecken Wolken die brütende Sonne und in weniger als einer 3/4 Stunde schaffen wir die 3,5 Kilometer bis ins Camp. Wir trinken einen schnellen Kaffee bei der Rezeption und plaudern mit einem netten Wiener Camper-Pärchen, die auf großer Reise sind.

Den Abend verbringen wir auf unserer Terrasse, wir braten Fleischlaibchen und dazu haben wir noch ein wenig Coleslaw. Es hat deutlich abgekühlt und die Heizung läuft! Später am Abend kommt das Gewitter zurück und es beginnt ein feiner, durchdringender Schnürlregen. Aber das ist uns jetzt egal, in einer Hütte ist sowas sogar gemütlich!

Es ist etwa 18:00 Uhr, als uns von unserer Freundin Svenja wahre Hiobsbotschaften erreichen. Nur 75 km Luftlinie von hier hat der Hagelsturm den Campingplatz verwüstet und sie ist im Zelt komplett abgesoffen! Aber das lest ihr lieber bei Svenja Svendura selbst...
Tageskilometer: 7 km zu Fuß
14. Tag: Sainte-Enimie, Camping
Wir hörten die ganze Nacht Regen aufs Hüttendach trommeln und es regnet immer noch. Es hat gewaltig abgekühlt und nur mehr 20°C, als wir unsere Frühstückssachen auf die Terrasse tragen. Mit einen Pullover geht das schon! Es ist grau und trüb und über der Tarnschlucht heben sich langsam die Nebelschleier.

Unsere Pläne fallen wohl ins Wasser! Wir hätten heute einiges vorgehabt, zB einen Ausflug zur Aven Armand, einer sensationellen Tropfsteinhöhle, unweit von hier. Wir sind nicht traurig, so bleibt ein guter Grund, wieder mal hier her zu kommen. Um 14:00 lässt der Regen nach. Platzrunde! Wir spazieren ausgiebig über den Campingplatz, der größer ist, als erwartet. Zwischen den Bäumen verstecken sich mehr Hütten, als man auf den ersten Blick sieht!
Wir bewundern das alte, wuchtige Steinhaus, in dem heute die Gemeinschaftsduschen untergebracht sind. An der Türe ist die Jahreszahl 1836 in den grauen Granit eingraviert. Früher war das mal ein sehr reiches Bauernhaus! Man erkennt noch die Gewölbe und die ehemaligen Stallungen im Erdgeschoss.

Wir wandern ein Stück die Straße entlang und fotografieren die Gegend. Hier muss man nicht weit gehen, um die schönsten Motive zu finden! Jetzt wollen wir Pastis trinken. Als wir zur Rezeption zurückkehren, ist zugesperrt. Was nun? Als wir etwas ratlos vor der Türe stehen, kurvt der Gärtner mit seinem E-Quad herbei. Ob er uns helfen kann?
Wir hätten nur Pastis gewollt, aber wir kommen später wieder! Er erkennt sofort unsere Notlage. Ach, gar kein Problem, lacht er und sperrt uns auf. Er deutet uns, ihm zu folgen. Wir bekommen zwei Gläser für gleich und noch eine kleine Flasche extra. Geschickt bedient er die Kassa, bevor er hinter uns wieder zusperrt. Zufrieden sitzen wir jetzt auf den rosa Sesselchen an der Straße und genießen den leckeren Anislikör. Danke, das war aber nett!

Später hocken wir wieder auf der Terrasse, als ein bayrisches Pärchen bei uns vorbei schaut. Wir hatten sie schon beobachtet, wie sie ungeschickt mit ihrem überlangen Wohnmobil am Platz herumgestochert hat. Ob wir für morgen eine Route ostwärts kennen, die sie sich zutrauen könnte? Er will nicht fahren und sie hätte nicht viel Übung. Wir gucken in die Karte und raten von der ein oder anderen allzu kurvenreichen Strecke ab. Viel Glück, ihr Lieben!

Der Abend verläuft unspektakulär. Wir spielen ein wenig mit unserer kleinen Drohne und machen es uns gemütlich. Wir haben noch Travellunch im Gepäck und ein paar gute Kleinigkeiten dazu. Lass uns früh schlafen gehen, morgen geht es weiter zu neuen Abenteuern! Hoffentlich dreht das Wetter ein wenig auf schön!
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