11. Tag: Le Baux - Ardèche

Ein wenig lustlos packen wir unser Zeug zusammen. Wir müssen heute weiterreisen. Um nicht in die Mittagshitze zu kommen, lassen wir das Frühstücksbufett aus, wir finden sicher unterwegs etwas Gutes! Nachdem wir die aussagekräftige Rechnung beglichen haben, verlassen wir den wunderschönen Ort. Wir versuchen, den strahlend weißen Kies am Parkplatz nicht zu ruinieren, als wir um 9:30 Uhr vom Platz fegen.

Es hat schon 23°C und das kommt heute sicher noch dicker. Während wir auf der D27 an den "Carrieres" vorbei wieder durch das Zauberwäldchen voller Elfen und Trolle im Val d´Enfer tuckern, beschleicht uns das ungute Gefühl, dass die vergangenen Tage mit der heutigen Strecke kaum zu toppen sein werden. Wir sind gespannt, als wir auf der D99 gen Westen lenken. Wir sind im Großraum Avignon und hier herrscht Freitag vormittags heftiger Verkehr. Wir fädeln uns in eine Reihe LKWs ein.

Es stinkt! Um Himmels Willen, was "fäult" da so? Wir überqueren die Rhône in Beaucaire über eine hübsche Schrägseilbrücke, begleitet vom Gestank einer gewaltigen Kläranlage. Eine Fabrik reiht sich an die nächste, wir fahren durchs Industriegebiet der Kleinstadt. War es eine dumme Idee, diesen Ort südlich zu umfahren? Frühstück finden wir hier keines und irgendwie ist gerade alles blöd.

Landschaftlich nicht erwähnenswerte Kilometer später rollen wir über die Brücke von Remoulin. Hier waren wir schon mal! Über diese Brücke sind wir bei unserer Reise 2023 gelatscht, auf der Suche nach Pastis! Wir suchen jetzt genau dieses kleine Café. Ob wir dort Frühstück bekommen? Doch das Lokal hat für immer geschlossen. Die Fenster sind offenbar schon länger zugenagelt. Schau da gegenüber!

Wir wuchten die Transalps gegen alle Verkehrsvorschriften über die Straße und halb auf den Gehsteig vor einem kleinen Lokal. "La Crêpe Rit" klingt nach etwas Essbarem! Stimmt grundsätzlich auch, ist aber zu früh. "Crêpes erst zur Mittagszeit" wird uns höflich erklärt. Ach herrjeh! Aber von gestern ist noch etwas "Fougasse" da, ob wir etwas davon wollen?

Kurz später sitzen wir auf wackeligen Plastiksesselchen vor dem Lokal und mampfen das süße, weiche Brot zum Kaffee, das wir aus Italien als Focaccia kennen. Nur in dieser Gegend wird es mit Zucker gebacken und das passt uns jetzt ganz gut. Als die Sonne unseren Tisch erreicht brechen wir auf. Am späten Vormittag hat es bereits 35°C!

Haben wir auf der Tourplanung wirklich den hässlicheren Teil von Okzitanien erwischt? Wir kurven gelangtweilt durch ungepflegte Orte und linealgerade angelegte Weingärten nordwärts. Wir freuen uns über die ein oder andere schattige Allee, die nicht nur Abkühlung sondern auch Abwechslung bringt.

In Bagnols-sur-Ceze, wo schlechte Grafitti die herabgekommenen Häuser "schmücken" und ein wirklich unattraktives Hochhaus die Sichtachse dominiert, besteht Angelika auf einen Einkauf für abends. Wer weiß, ob wir später noch einen Supermarkt finden? Didi bleibt am Parkplatz bei den Motorrädern, was in dieser Gegend vermutlich eine gute Idee ist, während Angelika verdächtig lange durch die Gänge des Carrefour wandert. Es ist so wunderbar klimatisiert da drinnen! Sie rafft einige Kleinigkeiten in den Korb, die ihr für das Hüttenleben am Abend sinnvoll erscheinen. Jetzt noch schnell eine kalte Limo für gleich und schon gehts weiter!

12:00 Uhr, es ist heiß geworden. Wir schwitzen in den schattenlosen Ebenen, die wir nun durchqueren. Links und rechts sehen wir Weinplantagen, so weit das Auge reicht. Der Ausblick hinunter in das Tal der Rhône ist beeindruckend. Aber schon tuckern wir konzentriert durch das Städtchen Pont-Saint-Esprit, das auf den ersten Blick wenig vom namenstragenden Charakter zu haben scheint. Viel Industrie und viel Verkehr, die Häuser quadratisch, praktisch, einfach.

Infobox: Vergiftetes Baguette?

1951 wurden hier etwa 300 Menschen vergiftet, etwa 15% aller Einwohner. Sie alle hatten ihr Baguette beim besten Bäcker des Ortes geholt und waren danach von Psychosen befallen. Sie sahen Monster, hielten sich für brennende Fackeln, glaubten, fliegen zu können und eine 11-jährige wollte Oma erwürgen. Ein gutes Dutzend Menschen starb an der Vergiftung.

Die anfängliche Vermutung von verunreinigtem Mehl erwies sich als falsch und bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, die CIA hätte in einem Massentest mitten im Kalten Krieg die Dorfbewohner mit LSD vergiftet. Jedenfalls wurde die Ursache dieser Katastrophe bis heute nicht geklärt.

Mitten im Ort finden wir das erste Schild: "Gorges de l´Ardèche". Dort wollen wir hin! Die Schlucht wurde uns vielfach als Motorrad-El Dorado empfohlen und da fahren wir jetzt mal durch. Doch zuerst müssen wir tanken und - zum Glück! - finden wir in Saint-Just-d´Ardèche eine schmale Zapfsäule. Die hat schon bessere Zeiten gesehen, funktioniert aber noch.

Um die Ecke beginnt die D290, die berühmte Panoramastraße durch die Schlucht. Gespannt rollen wir die ersten Kilometer über eine weinrebenbedeckte Ebene und fragen uns, wo denn hier im Flachland eine Schlucht sein soll?! In Saint-Martin ist die Hölle los: Busse, Wohnmobile, Motorräder und Fahrräder streiten sich um den schnellsten Weg in die Ardéche-Schlucht. Ein blitzblaues Schild am Straßenrand erklärt die Regeln: 90 km/h, es sei denn, es regnet. Dann nur 80.

Langsam wird es kurviger und die Straße steigt gemächlich an. Wir sind in einem Naturschutzgebiet, um uns erstrecken sich undurchdringliche und unbewohnte Wälder. Wir cruisen gemütlich dahin und die Gegend fühlt sich wie zuhause an. Solche Strecken kennen wir! Plötzlich erkennen wir aus den Augenwinkeln links einen Aussichtspunkt. 11 solcher "Bélvéderes" soll es an der Strecke geben!

Mangels Parkplatz lassen wir die Transalps quasi mitten auf der Straße stehen und stiefeln zur Absperrung. Zwei Herren stehen schon da und schauen in die Gegend. Hui, da gehts ´runter! Schnell, hol die Drohne! Es ist ein fantastischer Anblick, wie sich der Fluss durch die dichten Wälder schlängelt. Als wir unsere hübsche DJI Neo starten, räumen die zwei Männer genervt den Platz. Tut uns leid, aber das muss sein!

Wir hoffen, dass die Fotos schön geworden sind, als wir unser Zeug zusammenpacken und weiterfahren. Es ist 12:00 Uhr und die Sonne knallt ungebremst vom Himmel. Uns ist heiß und wir halten es ohne Schatten nicht gut aus. Als wir durch den Wald weiterfahren, beginnen wir uns langsam zu langweilen. Kurven im Wald. Kommt da noch was?

Bei irgendeinem weiteren Aussichtspunkt halten wir wieder an. Er liegt wenige Meter abseits und wir winden uns aus den Motorradsachen. Wir falten das verschwitzte Zeug sorgsam an den Straßenrand. Hier ist niemand, außerdem tragen wir unter dem Goretex eine dünne Schicht Merino und sind nicht nackig! Die Marscherleichterung tut gut. Und ganz plötzlich sehen wir, was diese Schlucht so besonders macht!

300 Meter hoche Felswände fallen senkrecht zur grün schillernden Ardèche hinunter, die weithin sichtbar durch das dichte Gehölz mäandert. Dutzende, viele Dutzende bunte Kanus schippern den Fluss entlang. Da herrscht viel Verkehr auf dem Wasser! Wir sind begeistert! Was für ein toller Anblick! Wir holen noch die Trinkflasche aus dem Topcase. Hier bleiben wir ein wenig!

Wir genießen die Ruhe, die nur ab und zu durch den tiefen Bass einer brummenden Hornisse unterbrochen wird. Angelika treibt es jedes Mal den kalten Schweiß auf die Stirn. "Die will nur spielen", diese Beruhigung wirkt nicht jedesmal! Frankreich ist Hornissenland und das ist - zumindest für Angelika - ein großer Minuspunkt an diesem Reiseland.

Als wir uns sattgesehen haben, brechen wir wieder auf. Außerdem halten jetzt zwei Wohnmobile auf unserem Platz und mit der Ruhe wird es gleich vorbei sein. Die Panoramastraße durch die Schlucht - eigentlich auf der Höhenstraße die Schlucht entlang - ist etwa 30 km lang. Nach einer weiteren kurzen Pause auf einem völlig überfüllten Aussichtspunkt geht es langsam bergab.

Die Straße wird gefühlt schmäler und der Straßenrand felsiger. Da sind auch schon die ersten Felsdurchbrüche! Doch wo kommt plötzlich der absurde Verkehr her? Autos, Wohnmobile und Busse quetschen sich in Millimeterarbeit aneinander vorbei, manche schrammen gefährlich nahe an den Felsen. Wir müssen mehrmals anhalten.

Doch wir wollen noch ein bestimmtes Foto machen. Ihr ahnt schon, was wir suchen? Den Pont d´Arc! Diese natürliche Steinbogenbrücke, die die Ardèche in einer halben Million Jahre durch den Fels gefräst hat, ist berühmt. Wie schon so manchmal in den vergangenen Jahren, war es ein Foto von unserer Freundin Svenja, das unsere Reiseplanung beeinflusst hat. Sie war vor genau 10 Jahren schon hier und ihre Bilder haben uns letztendlich hier hergeführt.

Doch noch mehr als diese Sehenswürdigkeit interessiert uns etwas Essbares. Seit dem picksüßen Fougasse in Remoulin haben wir nichts mehr gefunden und wir haben richtig Hunger. Ob sich zwischen den ganzen Kanuverleihen und Bootsvermietern irgendwo ein Imbiss versteckt? Einer, wo wir einen freien Platz finden? Hier am westlichen Ende der Ardèche ist nämlich die Hölle los!

Darum zögern wir keine Sekunde, als wir am "Bistrot Ardèchois" vorbeirollen. Wir quetschen die Transalps an den schmalen Straßenrand, steigen direkt über den Holzzaun in den Gastgarten und entern einen der letzten freien Tische. Pause! Unter den zahlreichen verschwitzt-staubigen Mountain-Bikern fallen wir nicht auf. Der Kellner ist lieb aber völlig überfordert und wir rufen ihm quer durch den Garten unsere Bestellung zu: "Deux crêpes aux marrons, s'il vous plaît!" Süße Maroni-Palatschinken, denn alles andere auf der Karte können wir nicht übersetzen.

Die lieblos servierten Palatschinken sind saftig, Angelikas geliebter grüner Minz-Saft ist eisgekühlt und wir plaudern angeregt mit einem österreichischen Pärchen, das hier eine Woche Kanu-Radfahr-Urlaub macht. Sie kommen gerade von einer Tour durch die Berge und wir nicken anerkennend angesichts der fürchterlichen Hitze. Währenddessen strömen immer mehr Motorradfahrer in den Gastgarten.

Wir müssen weiter! Unser Foto vom Pont d´Arc! Doch manchmal geht ein Plan nicht auf und die Dinge funktionieren nicht. Der Verkehr ist dicht und wir stauen langsam am Fotopunkt vorbei. Für eine Sekunde erwägen wir, einfach auf der Straße abzustellen. Oder auf den schmalen Gehsteig zu hüpfen. Doch Verkehr zu viel, Gehsteigkante zu hoch. So tuckern wir am Pont d´Arc vorbei und können die beeindruckende Felsformation gerade noch aus den Augenwinkeln erkennen.

Plötzlich geht uns alles auf die Nerven. Der Verkehr, die Hitze, die Menschenmassen in Vallon Pont d´Arc, die sich um die Bootsvermieter scharen. Zuviele Busse, zuviele Wohnmobile. Es sind nur noch 25 km bis zum Campingplatz und während wir an Grospierres vorbeidüsen, freuen wir uns auf das schöne Campingrestaurant und das Schwimmbad. Vielleicht besuchen wir die kleine Cocktailbar am Pool? Wir brauchen nach dem Süßkram heute mal etwas Vernünftiges zwischen den Zähnen!

Um 15:45 Uhr betreten wir die schmucklose Rezeption unseres Camps im Nirgendwo. Der Typ ist freundlich aber er hat nur enttäuschende Nachrichten für uns: Wir bekommen unsere Hütte, aber das Campingrestaurant hat nur Juli/August geöffnet, ebenso wie das Schwimmbad, das Café, der Minimarkt, der Brötchenservice und die Poolbar. Auch der Foodtruck kommt nur in diesen Monaten. Wir können unsere Enttäuschung kaum verbergen.

Es war ein durchwachsener Tag. Wir basteln uns eine Jause auf der Terrasse. Zum Glück waren wir unterwegs einkaufen! Wir machen jetzt das Beste aus der Situation und verbringen einen ruhigen Abend auf der Terrasse unserer kleinen Hütte, die wir uns mit zwei Hornissen und einer fetten Spinne teilen. Schade, hier gefällt es uns nicht. Aber wir trösten uns, morgen sind wir auf einem unserer Lieblingscampingplätze!

Tageskilometer: 152 km

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Ein durchwachsener Tag

Hitze

Es ist ein wenig verrückt, bei den derzeitigen Außentemperaturen von großer Hitze zu lesen. Aber auf den Fotos kann man das gut nachfühlen!

Von der Ardeche hätte ich mir nach Erzählungen auch mehr erwartet. Aber es war doch eine schöne Strecke, nicht wahr?

Danke für den Bericht!
LG Micha

Antw.:Hitze

Ja es war durchaus schön zu fahren! Wir haben nur mehr erwartet. "Ardeche" wird von Motorradfahrern immer mit dieser gewissen Atemlosigkeit erwähnt und so atemberaubend fanden wir es nicht. ^^
Danke fürs Mitlesen!
Geli

Südfr

Ihr habt das Frühstücksbuffet ausgelassen? Das BEZAHLTE Frühstücksbuffet?! Nun gut, 8,90 € sind zu verschmerzen, aber dennoch...

Diese Platanenallee schnurgeradeaus durch flache, langweilige Gegend ist es, dir mir aus der Provence auch in Erinnerung geblieben ist. Das Fahren im Schatten ist dabei noch das Beste.

Vergiftetes Baguette? Klingt nach Mehltau, oder?!

Eure Fotos von der Ardeche sind ... "Meine Güte!" So klasse. Die begeistern mich wirklich, auch wenn der Trubel rund um den Vallon Pont d´Arc in den letzten 10 Jahren nicht weniger geworden ist. Noch mehr Wohnmobile!

Südfrankreich ist noch immer ein Sehnsuchtsort für Reisen mit dem Motorrad. Gäbe es doch bloß noch den Autozug Hamburg-Narbonne, dann wäre man im Nu dort, aber so ist es schon verdammt weit von Kiel. Und von Wien...

Antw.:Südfr

Seltsam, oder? Die Provence, so ein klingender Name. Und es bleibt doch eine langweilige flache Gegend mit uninspirierenden Straßen. :-)

Das mit Mehltau war auch meine erste Vermutung, aber war es nicht. Das Ding ist wirklich ungeklärt. Arge Story, wie ich finde!

Zu unserer Ehrenrettung muss ich anfügen, dass wir "ohne Frühstück" gebucht hatten und das Buffet etwa 40.-/pP gekostet hat. :-))) Aber wir wollten uns an dem Tag nicht die Zeit dafür nehmen. Wir waren schon zu sehr gedanklich wieder unterwegs.

DANKE für dein Foto-Lob! Das wiegt schwer, wenn es von dir kommt.
Geli

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zuletzt aktualisiert am 9.2.2026