Es hat schon sonnige 22°C, während es in unserem Felsenzimmer noch angenehm kühl ist. Unser erster motorradfreier Tag! Heute machen wir Urlaub vom Reisen. An diesem besonderen Ort Le-Baux-de-Provence bleiben wir heute. Dennoch - und das ist durchaus ungewöhnlich - stehen wir schon um 7:15 Uhr auf. Früher als sonst auf dieser Reise! Noch ungewöhnlicher, es fällt uns ganz leicht! Wir brauchen Zeit, um das Hotel und das Frühstück zu genießen!

Das Buffet ist im höhlenartigen Restaurant aufgebaut und zielstrebig tragen wir alles ins Freie. Wir frühstücken am Rande der Terrasse, unter schwer duftenden Orchideen und pompösen Palmen mampfen wir verschiedene Köstlichkeiten, mit Blick hinunter in die Provence. Oder liegt am Horizont bereits die Camargue? Wer weiß das schon.
Um 9:30 Uhr machen wir uns auf den Weg zum Steinbruch. Wir haben bereits im Winter zwei Tickets für die "Carrières des Lumières" erstanden und um 10:00 Uhr beginnt die Vorstellung! Heute spielen sie "Monet und Rousseau"! In unseren kleinen faltbaren Reiserucksack haben wir tatsächlich zwei dünne Pullover gestopft. Es soll da drinnen nicht besonders warm sein?

Wir schlendern eine Viertelstunde die schmale Straße durchs Val d´Enfer entlang, die wir gestern hergefahren sind. Wir sind nicht alleine, aber der Zustrom von Touristen hält sich noch in Grenzen. Das freut uns, denn genau deshalb haben wir die erste Vorstellung des Tages gewählt!

Schon stehen wir vor dem monumentalen Eingang in den Steinbruch. Meterhohe wuchtige Steinblöcke lassen uns ganz winzig erscheinen. Der alles beherrschende Stein ist schneeweißer Kalk, er leuchtet so hell, dass er in den Augen blendet!
Infobox: Der "Steinbruch der Lichter"
Der Stein von Le-Baux ein nahezu reiner Kalkstein, der bereits für den Bau der Burg von Le-Baux und das mittelalterliche Dorf verwendet wurde. Es gab rund um Le-Baux eine Vielzahl kleiner und großer Steinbrüche, die Nachfrage nach dem schneeweißen Baumaterial war gewaltig! Einer dieser Steinbrüche war "Les Grands Fonds", heute bekannt als "Les Carrières de Lumières".
Hier herrschte jahrhundertelang blühende Industrie und Wohlstand. Jedoch nach dem 1. Weltkrieg begann der wirtschaftliche Niedergang. Stahl und Beton wurden das neueste "Must Have" und 1935 wurde der Steinbruch endgültig geschlossen. Man überlegte eine Weiternutzung der Hallen und wurde kreativ!
1959 beschloss Jean Cocteau, „Das Testament des Orpheus“ an diesem Ort zu drehen. Er war fasziniert von der Schönheit des Ortes und der Umgebung. Etwas später hatte der tschechische Bühnenbildner Joseph Svoboda eine kuriose Idee: Die gewaltigen Felswände des Steinbruchs sollten die Kulisse für eine Ton- und Lichtshow bilden!
Im März 2012 wurde der "Steinbruch der Lichter" mit der Ausstellung „Gauguin, Van Gogh: Maler in Farbe“ eröffnet!
Wir stellen uns in die kleine Warteschlange und erhalten von einem netten Mädchen ein paar Anweisungen: Nicht rennen, nicht lärmen, keinen Müll hinterlassen, keine Fotoblitze. Das Übliche. Schon dürfen wir eintreten und wir fühlen eine gewisse Spannung. Was mag hinter der monumentalen Türe und dem dicken Vorhang vorgehen?
Wir treten in das schwache Licht der beeindruckend hohen Hallen. 14 Meter hoch sind die Steinbrüche, glatte und verschachtelte Felswände, wie in einer absurden Kathedrale. Es ist ruhig. Wir schlendern langsam ins Zentrum, die Augen müssen sich erst an die Finsternis gewöhnen.
Plötzlich ein Paukenschlag! Die Wände beginnen zu leben! Wunderschöne Musik ebbt auf und ab, während Monets Meisterwerke in gigantischer Vergrößerung die Wände, die Decke und sogar den Böden der enormen Höhle bedecken. Es dreht, schlingert im Kreis, wellt, flackert auf und ab und bebt und wir stehen wie vom Donner gerührt dazwischen. An unseren Körpern scheinen rote Mohnblumen herab zu rinnen.


Wir sitzen in einem Zug in Saint-Lazare. Durch die Fenster gleiten die Landschaft und die Küste der Normandie vorbei. Von Le Havre über die Themse und die Kanäle Venedigs ... jetzt werden die Bilder lebendig! Blumen erblühen, Wasser rinnt, Vöglein fliegen, Mädchenhaar weht im Wind! Dazu die überall gegenwärtige hypnotische Musik. Wir stehen stumm und sprachlos in dem Farbentaumel, als die Bilder des Impressionisten lebendig durch die Hallen wabern und ineinander fließen.

Als Shirley Bassey "Where do i begin? To tell the story of how great a love can be?" anstimmt, bekommt Angelika nasse Augen. Die Dichte der Vorführung, die sonoren Stimmen, das Farbengewirr, in dem man die Orientierung verliert, Emotionen. Das geht tief rein. Langsam verebben die 14 m hohen Gemälde und wir stehen schweigend im blassen Licht des Steinbruchs, dessen trutzige Wände erst jetzt wieder erkennbar sind.

Wir sitzen noch eine Zeit lang im kleinen Café beim Eingang und erholen uns. Der Anblick der blendend weißen Kalksteinwände rund um uns erinnert an die ägyptischen Pyramiden oder die Felsenstadt Petra. Irgendso ein Weltwunder halt. Beeindruckend auf jeden Fall!
Es hat fast 30°C, als wir die kleine Straße ´rüber ins Dorf Le-Baux wandern. Es ist nicht weit und nach 10 Minuten haben wir den mittelalterlichen Ortseingang erreicht. Schon nach wenigen Metern fällt uns eine winzige Bar ins Auge, an der Stadtmauer mit einem sensationellen Ausblick ins Tal. Und windgeschützt! Das ist wichtig, denn der gefürchtete Mistral hat mittlerweile in den 2. Gang geschaltet. Sturm können die hier und wir sind auf dem Gipfel eines Berges!

Uns kann der aufziehende "Herrscher der Winde" nichts. Wir sitzen neben dem kleinen Krippenfiguren-Museum (sehr traditionell!) unter einem hübschen Olivenbaum an der jahrhundertealten Mauer und nippen am Pastis, der hier noch ein "Euzerl" besser schmeckt, als sonst wo. Als wir außer noch mehr Pastis keine Ausrede mehr haben, länger zu bleiben, brechen wir auf. Der erste Weg ist klar:
Wir suchen eine Sonnenbrille! Angelika hat ihre zu Hause vergessen und die Häuser, Straßen und auch die Burg sind aus blendend weißem Kalkstein erbaut. Die Sonne gleißt vom blitzblauen Himmel und Angelika kann ihre Augen kaum öffnen! Ob die Geschichte stimmt, dass hellblaue Augen sonnenempfindlicher sind? Nachdem das Problem gelöst ist und Angelika stolz ihre neue Saint-Tropez-Cote-Azur-Sonnenbrille trägt, steigen wir durch die engen Gassen hinauf zur berühmten Burg Le Baux.

Vor dem Eingang erstrecken sich ein gewaltiges Felsenplateau und Reste des weitläufigen Burgkomplexes. Wir wollen da ´rüber an den Abgrund und hinunterschauen! Boah, das haben wir uns leichter vorgestellt! Der Mistral gibt erneut Gas und wir können - tief gebückt - kaum einen Schritt vor den anderen setzen. Es dröhnt und braust, dass wir einander nur mehr anschreien können und die Fotoapparate halten wir fest umklammert.
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Infobox: Der Mistral in der Provence erspart die Todesstrafe!
Der "Herrscher aller Winde" tobt im Frühjahr bis zum Sommer in der Provence und ist im gesamten Mittelmeer gefürchtet und ersehnt gleichermaßen. Er kündigt sich bereits Tage zuvor mit strahlend blauem Himmel, rosa Sonnenuntergängen und einem ungewöhnlich klaren Sternenhimmel an, bevor die Katastrophe losbricht.
Wetterfühlig darf man in den Tagen vor dem Mistral nicht sein. Der "vent du fada", der verrückt machende Wind ersparte dem Täter unter Napoleon die Todesstrafe, wenn drei Tage vor einem Mord der Mistral aufgetreten war...
Menschen in Küstenregionen vertäuen alles, was nicht niet- und nagelfest ist, die Häuser baut man längst windschlüpfrig. Er kann Waldbrände anfachen, Campingplätze verwüsten und für Wohnmobile und LKWs gefährlich werden. Segelflieger schaffen in seinen Böen bis 9.000 Meter Höhe und müssen die Flugrouten von Boeing und Airbus beachten! Der Golf um Marseille wird in der Sturmzeit zu einem der gefährlichsten Meere der Welt.
Aber der Mistral kann auch nasse Weinernten retten und durch seine heißen Böen die Weinberge trocknen. Die Luft in Industriegebieten wird gereinigt und - im Falle er kühle Luftmassen bringt - sorgt er für ersehnte Abkühlung der trockenen Gegend.

Es gelingt uns kaum, ein paar Fotos zu machen, so zerrt der Sturm an uns. Schnell wieder weg hier! Vornüber gebeugt und vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, manchmal schwankend und manchmal einander festhaltend, erreichen wir den Schutz der Burgmauern. Sowas haben wir noch nie erlebt!
Wir haben schon früher im Jahr Kombitickets für die "Carrieres" und die Burg gekauft. War doch klar, dass wir das am selben Tag besichtigen! So haben wir erstens ein wenig gespart und außerdem haben wir nun eine extra Wartespur. Es sind aber nur wenige Touristen da, was uns wirklich wundert! Oder sitzen die mit ihren Busgesellschaften gerade beim organisierten Mittagessen?

Für die Besichtigung der phantasieanregenden Burg nehmen wir uns Zeit. Wir klettern über jede Mauer und schauen in jeden düsteren Keller. Hier gab es bis ins 19. Jhdt. zahlreiche Höhlenwohnungen!
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"Le Baux" wäre fast eine normale Ruine, wie man sie schon oft gesehen hat, aber hier ist die Aussicht entscheidend! Wir sind am Gipfel des Burgbergs und in alle Richtungen sieht man unendlich weit bis zum Horizont, wo man das Mittelmeer erahnen kann. Und überall geht es steil hinunter. Schau, da unten ist unser Hotel!

Nur die höchsten Zinnen und Burgfriede lassen wir aus. Es ist verstörend zu sehen, wie Touristen unter Lebensgefahr im wüsten Sturm sich hoch oben festklammern und gegen die Naturgewalt ankämpfen! Das müssen wir nicht riskieren. Wir halten uns lieber in den windgeschützten Winkeln auf.

Wir haben Hunger bekommen und uns ist heiß. Wir schlendern bald die engen und verschachtelten Gässchen wieder hinunter durchs Dorf. Hier reiht sich eine Kunstgalerie, ein Spezialitätengeschäft, ein Eisladen, ein Restaurant neben das andere. Alles ein wenig Disneyland, aber natürlich gewinnt die Schönheit des Ortes. Wo versorgen sich eigentlich die 260 Einwohner mit ihren alltäglichen Dingen? Vermutlich müssen die ins Nachbardorf fahren?

Da ist eine kleine Snack-Bar mit Aussicht! Doch als wir an der Brüstung vom "Maison du Prieur" Platz nehmen wollen, reisst der Mistral alle Tische um. Wir geben klein bei und setzen uns in den Windschatten an die Straße. Auch schön, der Blick zur uralten Kirche! Der perfekte Pausenplatz. Die Wirtin ist nett, das Bier (Leffe Blonde) kalt, der grüne "Sirop Menthe" süß und der fettige Croque Monsieur lässt jeden Schinken-Käsetoast alt aussehen!

Später schlendern wir noch durchs Dorf. Uns fasziniert Le-Baux wirklich! Häuser, Felsen und die alles überragende Burg verschmelzen zu einem einzigen wundersamen Bauwerk.

Da alles aus dem gleichen Stein errichtet wurde, kann man oft nicht unterscheiden: Ist das noch Fels oder schon eine Hausmauer? Das ganze Ensemble wirkt seltsam organisch, wie von Natur aus gewachsen! Wir können uns lange nicht trennen.


Am Rückweg ins Hotel entscheiden wir, heute abend auf unserer Privatterrasse zu jausnen. Das feudale Menü hatten wir gestern, heute wollen wir es rustikal. Wir brauchen einen Laden mit Brot, Käse und Wurst! Am Weg durch die engen Gassen entdecken wir einen massiven roten Felsblock, der neben der Touristen-Info aufgestellt ist. Bauxit aus Le-Baux!
Infobox: Bauxit
In den Steinbrüchen um die Ecke wurde 1821 in Le-Baux ein besonderes rotes Mineral entdeckt und nach dem Fundort Bauxit genannt. Man wusste anfangs nicht viel damit anzufangen, bis der Österreicher Carl Josef Bayer 1890 ein chemisches Verfahren entwickelte. Nun wurde Bauxit zur Aluminiumherstellung verwendet. Das Bayer-Verfahren wird in seinen Grundlagen bis heute industriell genutzt.
Le-Baux gelangte schnell zu Reichtum, die Unternehmer Pechiney traten auf den Plan. Eine Kooperation mit der - als Erzeuger des in KZs verwendeten Giftgases Zyklon B bekannten - Firma IG Farben während des Nazi-Regimes scheiterte am massiven Widerstand der Résistance. Später entwickelte sich Pechiney zu einem bis heute erfolgreichen Konzern in der Aluminiumindustrie..
Carl Josef Bayer wird auf einer Tafel über dem Bauxit-Block im Zentrum von Le-Baux ehrend erwähnt.
Nur ein paar Meter später stehen wir vor einem schmucken Holztor, der Eingang ins Geschäft ist weit geöffnet: "Les Plaisirs Gourmands de Marion" - Marions Gourmet-Genuß. Hier sind wir richtig!

Wir treten ein und sind sofort begeistert. Meterweise Würste verschiedener Kräutergeschmacksrichtungen hängen von den Wänden, rechts eine aussagekräftige Käsetheke und jede Ecke vollgestellt mit den feinsten eingelegten Spezialitäten und Wein. Marion säbelt gerade mit kräftigen Armen ein schönes Stück Käse von einem gewaltigen Laib.
Wir wählen sorgfältig ein paar Dinge, die von der freundlichen Frau umsichtig eingepackt werden. Jetzt gehts zurück ins Hotel!

Abends sind wir völlig erledigt. Die Hitze, der trockene Sturm und die vielen Eindrücke haben uns geschafft. Wir erholen uns im Schatten auf unserer Privatterrasse, bevor wir unser kleines Abendessen auspacken. Wir haben eine Wurst, fett und gespickt mit Walnüssen, in Knoblauchöl eingelegte Haselnüsse, für Didi einen scharfen Käse und für Angelika noch etwas Süßes.

Wir genießen, hier zu sein! Viel später gönnen wir uns noch ein teures Glas Pastis auf der orchideenumrankten Cocktail-Terrasse des Hotels. Der Mistral färbt den Himmel rosa. Was für ein herausragender und außerordentlicher Tag das war! Morgen geht es weiter, zu neuen Abenteuern...

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