9. Tag: Pirttikoski - Oulu - Simo

Es gibt - so ehrlich kann man sein! - auf jeder Motorradtour Tage, an denen man gar keine Lust zu fahren hat. Das Wetter ist schlechter als erhofft, man ist erledigter als erwartet und eigentlich will man in der Früh gar nicht aufstehen. Als der Handywecker losgeplärrt hat, stellen wir fest, heute ist dieser Tag.

Wir haben aber prächtig geschlafen, als wir nach dem Packen in den großen Frühstücksraum schlendern. Dieses Haus ist für hunderte Jugendliche gebaut und wir kommen uns ein wenig verlassen vor. Aber es riecht hier hervorragend nach heißem Fett und Kaffee! Der bleiche, hagere Mann erwartet uns schon und mit schmalen Lippen deutet er stumm auf das kleine Buffet, das er vorbereitet hat. Klasse! Das ist großzügiger als erwartet! Schweigsam schlurft er in die Küche und serviert uns Rührei, auf das seine russische Frau noch eine Ladung gerösteten Speck gehäuft hat. Danke schön!

Der seltsame Sonderling beobachtet uns mit einem dürren Lächeln, als wir uns bei 15°C und Niesel seufzend ins Regenzeug winden. Wird das der nächste trübgraue Regentag? Wir verlassen das Haus des russisch-estnischen Paares. Es ist 10:45, als wir die glitschige Piste durch den Wald zurückrudern. Weißt du was? Wir bleiben auf der E8. Wie gesagt: Heute ist dieser Tag...

Wir brausen jetzt durch Finnlands Wälder, die Straße führt nahezu schnurgerade in den Norden. Eigentlich langweilig, aber wir hängen unseren Gedanken nach und lassen die Motorräder einfach geradeaus laufen. Heute ist uns nicht nach Abenteuer! Nach 90 km schwenken wir rechts von der Fahrbahn und halten bei einer kleinen Tankstelle in Liminka.

Didi holt zwei Becher heißen Kaffee und wir schauen uns um. Was für eine öde Gegend, der trübgraue Himmel und die tiefhängenden schweren Wolken verstärken den Eindruck noch. Lacht nur, aber wir sind gerne hier! Irgendwie fasziniert uns der Kontrast zu unserem eigenen, bunten, blumengeschmückten "Land der Berge"! Manchmal ist es einfach "das Andere", das man sucht.

Es dauert nicht lang, da gesellt sich ein freundlicher Finne zu uns. Kaffeeschlürfend befragt er uns über unsere Heimat, unsere Pläne und interessiert sich für unsere Motorräder. Auch das ist Finnland! So viele nette Kontakte wie hier hatten wir bei insgesamt drei Norwegentouren nicht! Hier treffen wir so viele interessierte und zugewandte Menschen!

40 nieselige Kilometer und eine rabiate Attacke eines betrunkenen Autofahrers später, haben wir Oulu hinter uns gelassen und tuckern den breiten Rv22 entlang. In der Zeit, als Teer noch wie Gold gehandelt wurde, war das hier der wichtigste Transportweg. In dieser Gegend hat Angelika in ihrem detaillierten Finnland-Atlas ein cooles Freilichtmuseum entdeckt! Sie hat in akribischer Kleinarbeit dieses finnische Standardwerk übersetzt und einige Sehenswürdigkeiten daraus destilliert. Da vorne, der Wegweiser! Wir biegen schwungvoll nach links ab und landen vorwarnungslos auf einem wackeligen Schotterweg.

Wir kurven ein wenig herum, werden vom Flussufer gestoppt und tuckern durch den Wald dorthin, wo wir das Museum vermuten. Aber wo ist die Zufahrt?! Die kleine Piste wird immer schmäler und weniger vertrauenerweckend. Sind wir hier überhaupt richtig? Die Gegend ist einsam und nichts lässt auf die Touristenattraktion "Turkansaari" schließen. Auf welcher Seite des Flusses Oulujoki soll die nochmal sein?

In einem undurchdringlichen Wäldchen voller Pfützen halten wir an. Pause. Doch kaum haben wir uns in die große Landkarte vertieft, sind sie da! Eine Horde gieriger Riesenmücken hat uns gerochen und Alarm geschlagen: "Essenszeit!" Wir schaffen es gerade noch, den Helm aufzusetzen, Handschuhe anzuziehen und mit einer schnellen Bewegung das Visier herunterzuklappen. Meine Güte, was ist das denn?!

Wir sind in Sekunden dicht übersät mit aggressiven Gelsen, viel größer und vor allem zahlreicher, als wir sie in Österreich kennen. Wir beobachten, wie sie wütend versuchen, durchs Goretex-Cordura zu stechen und brüllen uns durch die geschlossenen Visiere an. Vergiss das unauffindbare Museum! Weg da!

Etwa eine Stunde später sind wir in Ii [sprich: i] und nehmen schwungvoll die Ausfahrt im Kreisverkehr. Wir brauchen mal Kaffee! Außerdem wollen wir das Regenzeug loswerden, denn es regnet schon seit einiger Zeit nicht mehr! Im milchig-weißen Sonnenschein lassen wir uns bei einem kleinen "Grilli-Kioski" nieder und beobachten das Treiben.

Hier liegen drei enorme Supermärkte und einige Tankstellen und Barber-Shops nebeneinander und der Parkplatz ist gesteckt voll von Menschen in bunten Trainingsanzügen (Er) und knallfarbigen Leggings (Sie), die ihren Wochenendeinkauf erledigen. Das Handelszentrum in Ii funktioniert seit über 600 Jahren!

Das ist doch die Gelegenheit! Nach dem letzten Schluck Kaffee stiefeln wir eilig zum Mega-S-Market hinüber und holen uns ein paar Kleinigkeiten für den Abend. Gegen den Hunger haben wir ja Travellunch, aber kleinere Leckereien sind gut für die Seele! Auch ein Outdoor-Mückenspray wandert in den Einkaufskorb. Der Totenkopf am Logo wirkt vertrauenserweckend!

In Ii lernen wir auch ein wichtiges Detail! Nur in Supermärkten mit dem hübschen, roten und unmissverständlichen "Alko" - Logo bekommt man richtiges Bier und Wein. Meist in einem Extrashop im Geschäft und den Ausweis muss man auch herzeigen.

Finnland hat strenge Alkoholgesetze! (Norwegen und Schweden auch, jeder Tourist kennt dort die "Vinmonopolet-" und "Systembolaget-Geschäfte".) Ein großer Profiteur ist der Nachbar in Estland, wohin es den finnischen homo alcoholicus mehrmals im Jahr zieht. Dass diese Gesetze nicht besonders wirkungsvoll sind, erkennen wir am Publikum, das den weitläufigen Parkplatz zu seinem zweiten Wohnzimmer erkoren hat. Hier verbringen Männer mit ihren Kumpeln den Feierabend, die schon längst nichts mehr zum Feiern haben dürften...

Die letzte halbe Stunde auf der E8 bringen wir schnell hinter uns. Das Motorradfahren hat uns heute nicht besonders gefreut aber jetzt können wir die Unterkunft kaum erwarten! Bei Simoniemi geht es ein paar verwirrende Kilometer durch lichten Birkenwald Richtung Ostseeufer. An der Grenze zu Lappland - dort wo das Schild "Rentierzuchtgebiet" stand - war plötzlich und unerwartet die Sonne heraus gekommen und nun rollen wir in strahlendem Sonnenschein zur Uferlinie. Linker Hand sehen wir die akkurate Reihe identer Häuschen der Hüttenanlage "Zum alten Pfarrhaus". Eines davon ist für uns!

Es hat unglaubliche 28°C, als wir nach einem kurzen Telefonat mit dem Vermieter das Schlüsselversteck kennen, die Transalps vor die Hütte Nr. 7 wuchten und eintreten. Es ist genau 16:00. Wir schauen uns an: Was für ein Luxus! Diese geräumige und wunderschöne Hütte! Diese Ruhe! Und der Blick über das Meer und später der Sonnenuntergang! Wir sind die einzigen Gäste, die anderen Häuschen sind unbesetzt.

Wir waren nun 9. Tage unterwegs und die Motorräder brauchen ein wenig Zuwendung. So sind wir gerade beim Waschen, Ölen und Kettenpflegen, als um die Ecke ein rotbärtiger Typ schmunzelnd aus seinem Pick-Up steigt und eine phänomenal bestückte Frühstücksplatte sorgsam in unserem Kühlschrank verstaut. Er ist der Betreuer dieses Hüttenhotels und das Frühstück ist inklusive!

Wir sitzen dann lange mit ihm auf unserer Terrasse und verwickeln einander in interessante und auch sehr persönliche Gespräche. Seine Begeisterung für diese Region, seine Leidenschaft für seinen Beruf (und das Eisfischen und -schwimmen in der Ostsee) sind ansteckend und nach kurzer Zeit haben wir das Gefühl, ihn schon ewig zu kennen. Fast tut uns der Abschied leid, aber er hat Stress! Die Hochsaison kommt erst und da muss alles blitzen und glänzen.

Es ist ein Abend, wie er schöner nicht sein könnte! Wir pflegen unsere Motorräder und später auch uns, wir sortieren unser Gepäck, essen leckeres Travellunch und wir haben ausreichend Kaffee und Kekse. Wir faulenzen mit Blick aufs Meer und wir genießen einfach, hier zu sein! Wir schaffen sogar noch einen kleinen Spaziergang zur Wasserkante und gucken in das "Alte Pfarrhaus" nebenan, das nun ein stillgelegtes Restaurant ist. Um 23:00 fängt es wieder leicht zu regnen an. Aber das ist uns heute egal.

Tageskilometer: 230 km

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Der Höhepunkt folgte erst abends...

"nichts mehr zu feiern haben dürften"

Oiih, da spricht eine Beamtenseele, die den Kontakt außerhalb ihrer kleinen Welt schon lange verloren haben muß. Da hilft ein regelmäßiger Besuch in einem Pflegeheim.
Auf dem Parkplatz trifft man Leute, mit denen man reden kann, die freiwillig gekommen sind und die die gleichen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe haben.
Da bietet sich auch der Rentnerschock als Vergleich an. Von heute auf morgen fallen die vielen Kontakte des Arbeitstages weg. Die anderen Kontakte haben kein Interesse den Vollzeitarbeitstag des frischen Rentners auszufüllen. Da kann man die Wohnung polieren und den Fernseher in Dauerbetrieb versetzen. Das ersetzt aber nicht eine reale Kommunikation und sei es nur: "bist du auch 'mal wieder da".
Ich habe Rentner kennengelernt, die das reden verlernt hatten, deren Themenkreis im Gespräch sehr eng gezogen war und demzufolge das Sprechen nur einer einseitigen Lautäußerung diente.
Im Seniorenheim kommt die Bevormundung richtig zum Tragen: Sie müssen ihre Medikamente nehmen, jetzt ist Essenszeit. Dann sitzt man mit den anderen Insassen am Tisch, wo es immer das gleiche zu hören gibt: "meine Tochter hat ...", "wie wir mit dem Wohnmobil die Grande des Alps gemacht haben ...".
Da mir das nicht erstrebenswert erscheint, würde ich lieber die Leute auf dem Parkplatz vorziehen und den Rest, den ich noch habe, feiern.

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zuletzt aktualisiert am 26.9.2023