Wien - Geiranger

1. Tag: Wien - Autoreisezug nach Hamburg

Nun ist er da, Samstag der 10. Juni, Tag der Abreise! Da der Autoreisezug (ARZ) der ÖBB erst um 20:30 abfährt, haben wir viel Zeit. Nach einem ausgedehnten Frühstück in unserem geliebten "Allee-Stüberl" gehts ans Kofferpacken. Wir haben unser Gepäck stark reduziert und die drei Koffer pro Person sind nicht ganz voll! Viel zu früh sind wir reisefertig...

Es ist mit 29°C ein ziemlich heißer Tag und wir trödeln absichtlich etwas herum. Um 17:30 halten wir es nicht mehr aus und starten los. Bis zur Verladestelle in 1100 Wien sind es 7,5 Kilometer und im dichten Abendverkehr brauchen wir dafür eine halbe Stunde. Unser Ticket haben wir schon lange vorher gekauft und so fahren wir direkt zur Wartespur 4 und pflanzen uns hinter ein paar mit Gatsch eingesauten Groß-Enduros aus dem deutschen Landkreis Emsland auf.

Mit den deutschen Kollegen, die beginnen, sich umzuziehen und ihre vom Offroad-Urlaub verschwitzten Motorradklamotten in die Koffer stopfen, kommen wir leider nicht ins Gespräch. Aber ein nettes Paar aus Salzburg, das nach Schweden will, vertreibt sich mit uns die Zeit mit Reiseanekdoten. Und ein gewisser "Herbert" sorgt für allgemeine Belustigung, als er im Reisefieber - vor dem zweirädrigen Publikum geflissentlich seine nach ihm rufende Frau überhörend - sich selbst fast nach Hamburg verlädt statt nach Verona. Um 19:00 beginnt die Verladung, es sind ca. 40 Motorräder und 7 Autos gekommen. Plötzlich wird es hektisch und wir kurven durch den Terminal bis zu unserem Waggon. Herbert ist schon auf dem Weg nach Italien...

Das ist unsere 1. Fahrt mit dem ARZ! Natürlich haben wir uns das schon Monate zuvor angesehen und sind auch schon mal in so einen Waggon hineingeklettert, um ein Gefühl für die Höhe zu bekommen. Höhe? Letztendlich paddeln wir liegend (Angelika hat ihren Tankrucksack auf den Rücken geschnallt!) in den Verladewaggon und rumpeln im 1. Gang langsam über die Eisenplatten. Es ist mit 1,58 m unfassbar niedrig und man sieht liegend kaum aus dem Helm auf die stählernen Querstreben aber letztendlich haben wir unsere Plätze erreicht. Wir rutschen vorsichtig aus den Sätteln, denn aufrecht stehen kann man hier nicht. Manche der deutschen Biker schieben ihre hohen Enduros ohne aufzusteigen neben sich her ...

Die Arbeiter der ÖBB fangen sofort mit dem Verzurren an und wir fitzeln die mit Spanngurten festgeschnallten Gepäcksteile herunter und klettern seitlich auf den Bahnsteig. Nur Zurrgurte sind erlaubt und sowas haben wir nicht. Na gut, egal. Unser "Double de Luxe" - Abteil ist sicher groß genug für uns + Gepäck! Dietmar beaufsichtigt die Arbeiter beim Verzurren und das ist gut so. "Die mochn des zum erschtn Moi", sagt der Verladeleiter und offensichtlich wissen manche nicht so recht, wo man die Gurte für die erwartete Geschwindigkeit gefahrlos anbringen kann. Mit einiger Hilfe ist das bald geschafft und wir spazieren 5 Waggons nach vorne zu unserem Wagen 260. Angelika spendiert am Bahnsteig ein kühles Bier, denn es ist immer noch sehr warm.

Wir finden schnell unser Abteil 8 und sind belustigt wegen der "Größe". Puhh! Die ÖBB verkauft ihre m² offensichtlich zu Apothekerpreisen, denn unser winziges "Double de Luxe" hat immerhin 318.- € gekostet. Aber wir haben ein Mini-Badezimmer mit WC, ein Geschenkspaket (Handtuch, Hauspatschen, Ohrstöpsel, Knabberfischli, Mineralwasser und ein Stifterl Sekt) und morgen auch Frühstück! Wir kreuzen unsere Frühstückswünsche auf der Liste an, die wir dem Zugbetreuer überreichen und um pünktlich 20:39 gehts los! Ui, wir sind aufgeregt! Wir bestellen 2 belegte Baguettes (á 3,60 €) und köpfen den Sekt und nehmen eine kühle Dusche im Abteil. Die Klimaanlage bläst angenehm kalte Luft herein und bis Passau beobachten wir die Welt, die draussen vorbeigezogen wird. In Unterwäsche, denn unsere verschwitzten Klamotten baumeln platzsparend über unseren Köpfen. Bei der Staatsgrenze ist kurzer Aufenthalt und einige Polizisten gehen durch den Zug. Wir nützen diese Pause in Passau für eine Zu-Bett-Geh-Zigarette am Bahnsteig.

Um 23:30 bitten wir den Zugebegleiter, die Betten herunterzulassen (das darf man nicht alleine versuchen!) und es dauert nicht lang, da fallen wir in einen unruhigen und von vielen Unterbrechungen gestörten Schlaf. Ungewohnt, so eine Nacht im ARZ...

2. Tag: Hamburg - Kiel

Wir gucken verschlafen aus dem Fenster. Es ist 7:00 morgens und draussen ist Hannover, als wir uns die Motorradsachen anziehen und nach einer Katzenwäsche auf das Frühstück warten. Um pünktlich 7:30 kommt der Zugbegleiter, klappt die Betten hinauf und den Tisch herunter. Die Brötchen sind frisch und der heiße Kaffee gar nicht schlecht als wir die verschiedenen "Hamburg-Stationen" durchfahren. Draussen hat sich die Landschaft sehr verändert und wir merken, weit weg von zuhause zu sein! Flach ist es, und sehr grün! Und Hafenflair!

Um 9:30 sind wir da und holen unsere Motorräder vom Waggon. Ein bisschen herrscht Verwirrung, denn der Zug und seine Waggonanordnung haben sich über Nacht verändert! Letztendlich rollen wir vorsichtig durch das Einkaufszentrum von Hamburg-Altona und bemühte Bahnhofsarbeiter sperren uns einen Korridor zwischen den einkaufenden Menschen ab. Viele bleiben stehen und beobachten das Spektakel. Gleich nach der Ausfahrt lenken wir links ein und stellen die Motorräder vor den Eingang des "Hotel Intercity". Der große Backsteinbau spendet Schatten, es ist wolkenlos bei 26°C! Um uns zu ordnen und für eine kleine Pause bestellen wir an der Ecke bei "Köz Urfa" in der Präsident-Krahn-Straße jeder einen halben Liter "Ayran". Oh, dieses kalte Getränk weckt die Lebensgeister nach dieser schlecht durchschlafenen Nacht! Wir sehen uns um: Altona scheint nicht das allerbeste Viertel Hamburgs zu sein ... Nach einem kurzen Höflichkeitsgespräch mit einer jungen Bettlerin, die ihren Platz im Bahnhof einnimmt und uns von ihrem vergangenen Leben erzählt, gehts um ca. 10:00 los.

Auf gut Glück (unser Navi-App lässt uns im Stich und mit Hilfe einer netten Taxifahrerin, die uns hinter sich herfahren lässt) finden wir durch zahlreiche Baustellen auf die A7 Richtung Norden. Viel Verkehr und es ist heiß hier! Wir könnten die Fähre Kiel-Oslo vielleicht heute noch erreichen, jedoch sind wir im Urlaub und nicht auf der Flucht! Heute gehts nur nach Kiel, die Fähre nehmen wir morgen. Diese Entscheidung war gut, denn bis zum Autobahnkreuz "Bordesholm" ist eigentlich nur Baustelle und wir kommen nur langsam voran. Das Land ist flach, die Straße staubig und diese Fahrt, unterbrochen durch eine Trinkpause bei der Raststation "Brokenlande", macht nicht viel Spass. Wir wechseln dann auf die A215 Richtung Kiel und hier wird es netter! Wir fahren 23 km durch Wälder und ab und zu sieht man eine bunte Kuhherde auf saftigen Weiden, viele schöne Pferde stehen vor vielen dreieckigen Häusern. Wir lassen die Transalps auf den A202 und A502 rund um Kiel fliegen ("Schau, da steht Norwegenkai, da müss ma morgen hin!") und um 12:30 erreichen wir durch eine wunderhübsche Dünenlandschaft Laboe, ein Ostseebad 20 km nordöstlich von Kiel, am Ostufer der Kieler Förde.

Hier gibt es ein U-Boot, das man besichtigen kann und ein Ehrenmal am Strand! Wir parken auf einem schattigen Parkplatz und schaffen es, einem mysteriösen Automaten ein Parkticket um 1,50 € zu entlocken. Ob wir das wirklich zahlen müssen? Egal! Sicher ist sicher. Laboe erstaunt uns! Hier ist ein Flair wie an der oberen Adria! An diesem heißen Sommertag ist der Strand gut besucht. Zahlreiche Familien verbringen den Sonntag am Meer, Jugendliche braten in der Sonne und bei ihren Freundinnen, bunte Kiteboarder flitzen übers Wasser... Oh, es ist schön hier und wir haben uns das Meer hier im Norden ganz anders vorgestellt!

Da unten steht das *U-BOOT U 995* und um 4,50 €/pP kann man dieses Museumsschiff, das hier seit 1972 liegt, besichtigen. Also rein!  in unseren Motorradklamotten quetschen wir uns durch die engen Gänge und bestaunen die beklemmenden Verhältnisse, unter denen die Soldaten ab 1943 ihren Dienst versehen mussten. Unvorstellbar, in diesem stählernen Sarg unter Wasser leben zu müssen... Nach diesen morbiden Eindrücken klettern wir zurück in den Sonnenschein und lassen uns bei einem Strandimbiss nieder. Puuhh, es ist heiß hier! Wir bekommen um 2,50 €/Stk. beim "Fördegrill" leckere Backfischbrötchen und machen Pause im Schatten. Unsere Nordkap-Tour beginnt echt sommerlich!

Es ist 15:30, als wir in unserem Quartier in Kiel einchecken. Wir sind vollkommen verschwitzt, es hat 31°C! Wir machen uns frisch und starten zu einem Stadtrundgang. Wir sind begeistert von dieser kleinen Hafenstadt, so ruhig und romantisch! Es ist so schön hier, die vielen Backsteinbauten wie Justizministerium, Oper und Rathaus, die beiden Seen "Kleiner und großer Kiel" mit ihren unzähligen Wasservögeln mitten in der Stadt und über allem kreischen die Möwen, für uns der Sound des Fernwehs!  Nach einem wunderbaren Abendessen bei der "Burger Bank" am "Alten Markt" beäugen wir noch die historischen Schiffe am Ufer des "Schwedenkais" und verbringen dann die laue Nacht bei einigen Cocktails. Spätabends vertreibt uns ein heftiger Regenguss ins Hotel und kaum liegen wir in den Betten, sind wir auch schon tief und fest eingeschlafen!
Tageskilometer: 145 km

3. Tag: Kiel (Fähre nach Oslo)

Wir haben den Wecker auf 8:00 gestellt, denn wir sind etwas aufgeregt. Auf uns wartet mit 20 Stunden die längste Fährenüberfahrt, die wir je hatten! Während des tollen Frühstücksbuffets in unserem Quartier stellen wir fest, dass es auf angenehme 20°C abgekühlt hat. Das ist gut! Das Check-Out ist schnell erledigt und schon kurven wir rund um die Kieler Förde zum "Norwegenkai" auf der anderen Seite. Diese Stadt mögen wir! Sie ist für uns "leicht zu lesen", schon nach 1 Tag kennt man sich ein bissl aus...

Um 10:00 checken wir auf die "Color Line Fantasy" ein. Wir sind die Ersten hier und die Dame an dem kleinen Schalter ist völlig entspannt und sehr freundlich. Wir kleben die erhaltenen Zettel "KIEL-OSLO" auf unsere Windschilder und stellen uns an die Spitze der Wartespur. Jetzt haben wir noch zwei Stunden Zeit! Die vergeht aber schnell mit einem Kaffee im Terminal und einem interessanten Gespräch mit einem greisen Herrn, der heute ebenfalls (vielleicht das letzte Mal, wie er sagt) mit seiner Gattin nach Oslo reist. Er erzählt von den emotionellen Kriegsfolgen, die er als Bundeswehr-Offizier Anfang der 60er Jahre in Oslo miterlebt hat. Das entgegengebrachte Misstrauen, das er als Deutscher empfunden hat. Dass man auf ihn mit seinem deutschen Autokennzeichen Steine geworfen hat! Oh, es ist gut, dass diese Zeit vorbei ist und mögen alle Veranwortlichen danach trachten, dass dies auch Vergangenheit bleibt...

Um 12:15 gehts endlich los! Mit unzähligen anderen Bikern fahren wir in den Bauch der Fähre und innen gleich in den 1. Stock. Wow, ist dieses Schiff groß! (Die für uns gewohnten Fähren sind gut 100 m kürzer.) Sofort beginnt das hektische Herumgewurschtel mit den Zurrgurten und uns Landratten fehlt die Übung. Wir erwischen doch tatsächlich defekte Gurte und nichts geht mehr. Was für ein Ärger! Es dauert ewig, bis unsere Motorräder halbwegs ansehnlich verschnürt sind, auch weil wir überhaupt keinen Platz hier haben! Noch schnell die Helme draufgebunden und fertig. Heiss ist es hier und endlich gehts in die Kabine, die wir schon Monate zuvor gebucht haben. Deck 10, Kabine 571 ist mit dem Panorama-Innenlift schnell gefunden obwohl wir beeindruckt von der Größe dieses Schiffes sind! Wir haben so etwas noch nie gesehen! Wir erfahren, dass die Color Line Fantasy mit 75.000 BRZ eines der größten Schiffe dieser Art ist.

Wir werden schnell unsere Motorradsachen los und in Bequemkleidung hasten wir um 14:00 auf Deck 13, denn es geht los! Unendlich langsam schiebt sich der 224 m lange Riesen-Pott durch die Kieler Förde und wir sehen alles nochmal von weit oben, was uns gestern gefallen hat - Altstadt, historische Schiffe, Laboe, das U-Boot...

Es herrscht starker Wind und leichter Nieselregen aber das kann unsere Begeisterung nicht trüben! Wir fahren auch bei "Gosch" vorbei, auch wenn wir das erst in 3 Wochen wissen werden. Hunger meldet sich und wir finden in der "Sports & Burgerbar" auf Deck 13 leckere Hot Dogs á 25 NOK (2,60 €). Dann entspannen wir und hängen auf dem Schiff herum. Etwas Abwechslung bringt das Unterqueren der fast 3 km langen "Storebaelt Brücke" die beide Teile Dänemarks verbindet. Ein grandioser Anblick!

Im sauteuren "Duty Free Supermarkt" auf Deck 6 kaufen wir etwas Schokolade und Getränke für die Kabine und im Pub "The Donkey" heben wir ein paar Biere á 98 NOK (10,30 €). Au weia, das sind Preise! Aber im Pub darf man ab 17:00 sogar rauchen! Dieses Schiff ist unglaublich. Es besteht aus 8 Restaurants, Schwimmbad, einer zentralen Shopping-Mall auf Deck 7, unzähligen Geschäften und einer Licht-Animation, die einen vergessen lässt, dass man auf einem Schiff ist. Die Illusion ist perfekt und wir denken an Svenja Svendura, die das bei ihrer Reise ebenso empfunden hat. Gut für Angelika, denn Schifffahrten sind nicht das Ihre. Hier gibts auch ein Spa, ein Casino, einen Nachtclub (Mindestalter 20!) und Las Vegas-Shows und das Promenaden-Cafe hat bis 5:00 Uhr offen!

Um 20:30 wandern wir ins "Grand Buffet", denn wir haben hier eine Buchung für das "Skandinavische Schlemmerbuffet all-u-can-eat" und nun werden alle Rahmen gesprengt. Unfassbar, welche Mengen an Leckereien hier bereitstehen und wie elegant das ist. Im Speisesaal klimpert eine Dame hübsche klassische Musik und wir schaufeln unglaublich viele Portionen in uns hinein. Nach diesem Übermaß an Luxus sind wir völlig fertig. Noch ein "Nightcap" im Pub und um 23:00 reicht es uns. Ab in die Kabine und in die Federn kuscheln. Es ist ruhig, es ist warm, es ist gemütlich und immer noch merkt man nicht, dass man auf einem Schiff ist. Was für ein Tag! Wir stellen den Wecker auf 7:00 und schlafen sofort tief und fest.

4. Tag: Oslo - Hønefoss - Gol - Borgund

Noch vor dem Weckerläuten sind wir wach! Wir sehen im Kabinen-TV die "Bow Camera" und draussen ist Sonnenschein und der Oslofjord! In Windeseile schlüpfen wir in die Motorradsachen, packen unser Zeug zusammen und fahren mit dem Panorama-Innenlift auf Deck 13. Wow, das ist schön! Wir kaufen zwei wirklich grausliche Kaffees á 24 NOK (2,50 €) und setzen uns auf einen windgeschützen Platz, denn es geht starker Wind. Draussen zieht auf beiden Seiten des Schiffs die märchenhafteste Landschaft vorbei. Über 100 km lang schiebt sich die Color Line Richtung Stadt und wir sehen unendliche grüne Hügel, dichte Wälder, bunte Häuser und zahllose Segelhäfen. Da ist auch ein kleines Holzhaus, das ganz alleine auf einer Schäre liegt! Wir sind beeindruckt, das ist nun Norwegen! Wir knipsen uns die Finger wund und eine heftige Böe fegt Angelikas vollen Kaffeebecher übers Deck. Naja, war nicht schad drum. Plötzlich wird es hektisch, wir sind gleich da! Schnell auf Deck 5/B1. Während wir die Motorräder von den Zurrgurten befreien, ruckelt die Fähre in Parkposition und pünktlich um 10:00 fahren wir ins Freie.

Wir fürchten lange Zollformalitäten, denn dies hier ist kein EU-Land, jedoch werden wir ohne anzuhalten einfach weitergewunken. Super! Wir stoppen noch einmal kurz und stopfen unser Zeug in die Motorradkoffer, aber dann geht es los! Endlich kann unsere Motorradreise beginnen, es ist Dienstag, der 13.6., Sonnenschein bei 21°C! Alles ist wunderbar beschriftet und wir finden auf der E18 schnell aus der Stadt. Nur wenige Kilometer und wir sind in Sandvika und wechseln auf die E16. Eine wunderbare Kurvenstrecke führt an unzähligen Wassern vorbei und das Land wird schnell einsam. Bald sind wir in Hønefoss und nun geht es auf der Rv7 weiter. Das Soknedal im Fylke Sør-Trøndelag (Norwegen hat 19 Provinzen) begeistert uns! Es erinnert uns an Bergtäler zuhause und ist doch auf eine vorsichtige Art ziemlich fremd. Soviele Wasserfälle, wir fotografieren und filmen um unser Leben! Nach ca. 100 km bekommen wir Hunger. Wir haben auf das Frühstück vergessen! In Gulsvik entdecken wir am Straßenrand eine hübsche Raststation aus schwarzbraunem Holz mit dichtem Gras auf dem Dach. Wow, das ist wirklich entzückend! Wir genehmigen uns einen Kaffee und unsere erste norwegische Waffel und frühstücken am Ufer des "Krødelen", eines langgestreckten Sees. Es ist sehr ruhig hier und wir genießen die tolle Aussicht! Waffeln sind hier flauschig und weich und es gibt sie meist mit "Brunost", süßem braunen Käse oder mit Sauerrahm und Marmelade. Wir probieren mit Brunost aber das schmeckt nicht so besonders ... macht nix!

Wir cruisen weiter und schnell sind wir in Gol. Wir suchen eine Statoil-Tankstelle, weil wir den "Jahresbecher 2017" kaufen wollen, mit dem wir dann überall gratis Kaffee/Kakao/Tee bekommen aber wundersamerweise fanden wir seit Oslo bislang keine. Nun, das wird sich später aufklären! Nun sind wir auf der E52 und fahren durchs Hemsedal. Die Gegend wird dramatischer, hohe Berge mit Schneeresten säumen unseren Weg, der nun langsam ansteigt! Das Helmsedal-Fjellet ist wunderschön aber hier sinkt die Temperatur auf frische aber sonnige 9°C. Wir lassen die Transalps die Flüsse entlangfliegen und über eine winzige Nebenstraße erreichen wir um 16:15 unser Quartier in Borgund!  Der Campingplatz liegt direkt neben der wenig befahrenen Straße, von hohen Bergen eingeklemmt, sehr romantisch!

Wir haben noch nie auf einem Campingplatz übernachtet aber das System ist schnell durchschaut. In dem einen Holzhäuschen (mit dem Gras bewachsenen Dach!) ist die Rezeption und ein älterer Herr checkt uns schnell ein. Das ist sooo nett hier! Wir bekommen eine winzige gelbe Holzhütte gleich gegenüber des Schotterwegs, auf dem unsere Motorräder parken. Schnell mal hineinschauen! Alles da! Zwei Zimmer, Sitzecke und 2 Kochplatten, funktionierende Duschanlage gleich nebenan. Wir entscheiden, zuerst noch die *STABKIRCHE* zu besichtigen und dann Abendessen. Aber zuerst einmal heizen wir hier ein. Ausser uns ist nur noch eine deutsche Kleinfamilie mit Campingbus da, es ist sehr ruhig.

Wir hüpfen nochmal auf die Motorräder und tuckern die 2 km über die kleine Brücke ins Laerdal. Da ist sie und sie ist größer als gedacht! Die besterhaltenste Kirche ihrer Art, eines der ältesten Holzgebäude Norwegens. Dunkel und finster steht sie da. Die Holzschindeln wirken wie geschuppte Drachenhaut und das ganze schaut etwas unheimlich aus. Wir zahlen im Besucherzentrum 160 NOK (18€) und eilen in das fremdartige Gebäude. Hier sind nur vereinzelt Leute und wir sind tief beeindruckt! Finster ist es herinnen und die Geschichte dieser Kirche ist so interessant! Die Kirche, die überlebte...

Die Stabkirche ist eine von 28 erhaltenen in Norwegen. Zwischen 1130 und 1350 wurden etwa 1000 solcher Kirchen erbaut, bis die Pest die Bautätigkeit beendete. Das Holz für diese hier wurde im Winter 1180 geschlagen und fahrende Handwerker erbauten das komplizierte Gebäude. Die Wikinger waren Geschichte, seit die Normannen aus der Normandie unter "Wilhelm I., The Conqueror" 1066 n.Chr. England erobert hatten. Aber während der neue Herrscher den "Tower" in London erbauen ließ, um sein Reich vor Wikingern zu schützen, waren die Norweger immer noch "fahrendes Volk"...

Die Kirche wurde bis 1868 genutzt und nur 9 Jahre später vom "Verein für Denkmalschutz" gekauft.  Schon 30 Jahre später war sie eine Touristenattraktion! Heute stehen wir nicht mehr auf dem Originalboden, unter dem bis 1805 die Toten beerdigt wurden. Man stoppte dann diese Tradition, wegen des üblen Geruchs, denn die Stabkirche hat nur winzige Fensteröffnungen! (Nur kleine Kästchen mit Fehlgeburten wurden auch in jüngerer Zeit noch unter die Dielen geschoben.)

Man sieht geschnitzte Kunstwerke an den Säulen, einen mittelalterlichen Altar und Taufbecken, ein Kreuz an der Wand und die Zeichen der Handwerker an den Türen.

Nach diesen Eindrücken und einem guten Kaffee im Museum á 35 NOK (3,70€) fahren wir zum Hyttesenter zurück. Kalt ist es geworden, aber nicht finster! Um 19:00 bekommen wir ein leckeres Abendessen, Lamm-Kebap mit Pommes und Salat und dazu ein Bier "Aass Classic", alles zusammen um 360 NOK (38 €). Wir schaufeln das Essen in uns hinein und dann rasten wir ein wenig im wunderschönen Aufenthaltsraum hier  und speichern Fotos und Filme auf externe Festplatten. Alles ist aus Holz, es riecht toll hier und es ist wunderhübsch dekoriert. Leider können wir den Ofen nicht zum Laufen bringen und uns wird ziemlich kalt.

Didi  nimmt noch eine Dusche in der Gemeinschaftshütte, die mit einer 10-NOK-Münze eingeschaltet wird und dann schlüpfen wir in unsere mitgebrachten Hüttenschlafsäcke, so brauchen wir keine Bettwäsche mieten, und kuscheln uns ins untere Stockwerk des Stockbettes. Wir sind so müde und es dauert nicht lang, da schlafen wir tief und fest. Draussen ist es noch nicht richtig finster...
Tageskilometer: 275 km

5. Tag: Borgund - Ørnes - Fortun - Sognefjell - Lom - Dalsnibba - Geiranger

Früh stehen wir heute auf, aber auf uns warten einige Höhepunkte! Angelika genießt noch einen Kaffee auf unserer winzigen Terrasse und es bewährt sich, dass wir ein paar Packerl davon eingepackt haben. Das bringt ein bisschen Unabhängigkeit. Apropos Heißgetränke! Wir bereiten uns ab heute täglich jeder 1 Liter von einem guten Elixier zu, das wir in unseren neuen Thermosflaschen mitnehmen. Ab und und zu ein Schluck Heißgetränk tut sehr gut in kälteren Gefilden und wir haben auch auf einsamen Plätzen etwas Warmes zu trinken mit.

Als wir um 9:15 aufbrechen hat es morgenfrische 12°C und die Sonne kommt heraus. Wir fahren durch das enge und kurvenreiche Laerdal und die auf der E16 erlaubten 80 km/h kommen uns hier ziemlich schnell vor. Ah, guck! Da links ist der Eingang zum längsten Straßentunnel der Welt, dem 24,5 km langen LaerdalstunnelenDen fahren wir heute nicht, also schnell ein Foto und weiter. Nach 22 km aber tauchen wir dann doch unter Tage, denn wir müssen durch den Fodnestunnelen, der aber nur 6 km lang ist. An norwegische Tunnels muss man sich gewöhnen: es sind viele, sie sind lang, finster und innen meist unverkleidet!

Kaum sind wir wieder am Sonnenlicht, erwartet uns unsere erste Fjordfähre bei Fodnes. Das breite Schiff steht schon da, Abfahrt in 3 Minuten. Schnell lenken wir die Transalps an Deck und warten ab, wie das nun funktioniert. Nun ja, ganz einfach! Kaum sind wir abgestiegen, kommt ein junger Mann auf uns zu und kassiert 102 NOK (12 €) für zwei Motorräder und zwei Personen. Das ist nicht teuer und wir zahlen sogar mit Kredikarte! Wir wissen, dass wir 15 Minuten fahren werden, also eilt Angelika in den oberen Stock und holt zwei Hotdogs á 25 NOK (2,60 €). Gemeinsam mit unserem Heißgetränk ist das ein vollwertiges Frühstück! Auf der anderen Seite des Wassers gehts auf der Rv5 weiter und sofort wieder in einem Tunnel, den 3 km langen Amlatunnelen. Ein paar sensationelle Ausblicke und Kurven später überqueren wir den Sogndalsfjord auf der hübschen 210 m langen Brücke "Loftesnesbrua". Wir sind nun in der Provinz Sogn og Fjordane auf dem 61. nördlichen Breitengrad und wenden uns auf dem Rv55 gen Norden. Es ist so schön hier! Dichte Wälder wechseln mit saftigen Wiesen und immer sieht man schneebedeckte Gipfel und immer wieder fährt man tiefdunkelblaue Wasser entlang. Uns fällt die enorme Campingplatz-Dichte auf, wahrscheinlich hätten wir gar nicht alle Quartiere vorausbuchen müssen? Alle paar hundert Meter ein Platz! Aber wir sind keine Zeltcamper und so haben wir die Sicherheit von festen Unterkünften auch in einsameren Gebieten...

In Solvorn lesen wir den Wegweiser zur Stabkirche in Ørnes. Wir überlegen kurz, aber entscheiden uns dann gegen einen Besuch. Stabkirche war gestern, heute wollen wir nach Geiranger! Wir genießen also die lange Fahrt am Lusterfjord entlang. Die Straße ist schmal, es herrscht kein Verkehr und rechts neben uns das in der Sonne glitzernde Wasser ... schöner kann Motorradfahren nicht sein, oder? Wir sind heute schon 110 km gefahren, als wir uns in Fortun spontan einbremsen! Was ist das für ein toller Wasserfall genau neben der Straße! Das Tal ist eng und am Fuße der donnernden Wasserkaskaden grasen ein paar knuffige Highland-Rinder. Die kleine Jausenstation aus Holz kommt uns da gerade recht. An diesem paradiesischen Fleck machen wir Kaffeepause! Ausser uns ist niemand da und wir betreten das Holzhäuschen. Hier lernen wir erstmals die norwegische Art des Kaffeebestellens kennen und wir sind etwas verwirrt. Man zahlt an der Kasse zwei Kaffee und dann geht die Wirtin wortlos weg. Ahhh, da hinten ist die Kaffee-Ecke! Man geht also einfach hin und bedient sich selbst, egal wieviel man will. Das gefällt uns, das ist praktisch!

Wir genießen Kaffee mit Aussicht auf den Kaskadenwasserfall und gucken in die Karte! Der nächste Streckenabschnitt ist das berühmte Sognefjell und da liegt vielleicht Schnee. Bevor wir aufbrechen, ziehen wir uns eine Schicht Thermogewand an. Noch bevor die Passagiere dieser zwei Reisebusse aussteigen, die nun den Parkplatz belegen, sind wir weg. Bei Turtagrø geht die Straße vorwarnungslos in knackige Serpentinen über und der Fjord liegt schnell weit unter uns. Wir freuen uns tierisch, hier ist bekanntes Terrain für uns Alpenländler! Die Straße ist schmal und windet sich in unzähligen Kurven bergauf, während links und rechts der Schnee immer höher wird. Uns erinnert das auf Grund der weichen abgerundeten Gipfel hier an die Nockalmstraße zuhause! Es ist stark bewölkt und ab und zu blitzt die Sonne durch, die Temperatur sinkt auf 8°C. Die Berge rundherum erreichen zwischen 1.500 m und 2.200 m und uns gefällt das Schwarzweiße der schneeverzierten Berge (vielleicht Basaltgestein?) , das wir von zuhause nicht kennen. So kurven wir an meterhohen Schneewächten vorbei und sehen viele zugefrorene Seen. Es ist toll hier und sehr einsam! Kaum Verkehr und wir ziehen alleine unsere Spuren... (>>> Clip)

Und dann gehts durch den romantischen Jotunheimen-Nationalpark wieder hinunter. Schnell wechselt die Landschaft ins Grüne und wird wieder lieblich! Irgendwo kurven wir ins Unterholz und machen eine Trinkpause unter niedrigen Birken, während wir auf einen tosenden Gebirgsbach schauen. Grundsätzlich fließt Wasser in Norwegen nicht ruhig dahin sondern tost, donnert oder schäumt brüllend ins Tal...
Svenja fragte sich mal, wie sich Österreicher hier fühlen. Ja, sie hatte Recht! Wie die letzten Menschen auf diesen Planeten, so einsam und alleine sind wir hier! Es ist großartig! Als wir weiterfahren, stehen wir plötzlich in Lom. Hier haben wir uns auf knusprige Grillhühnchen gefreut, wie sie Svenja hier gegessen hat, aber "times they are a changing" und den Supermarkt gibts nicht mehr. Nunja, dann halt eine fett mit Käse gefüllte Pizzaschnitte und Waffeln mit Sauerrahm und Erdbeermarmelade! Wir jausnen bei einer Tankstelle, während uns ein österreichisches Pärchen mit Anekdoten unterhält, während ihr Wohnmobil aufgetankt wird.

Ab jetzt nehmen wir den Rv15 und es geht gemächlich dahin, Kurven, dunkle Seen und verkrüppelte Birken. Man kann sich kaum sattsehen, hier im Billingsdal! Doch plötzlich und vorwarnungslos befinden wir uns wieder auf einem Fjell, dem Strynefjell und wir trauen unseren Augen nicht! Es ist noch verfrorener und kälter und auch winterlicher als das Sognefjell vorhin und wir haben unser Thermogewand schon wieder eingepackt. Egal, da müssen wir jetzt durch! Was für eine einsame Gegend und die Seen sind mit Packeis bedeckt. Wie jedes Fjell ist auch dieses hier eine Hochebene und durch die niedrigen Vegetationszonen wirkt diese Einöde für uns hochalpin. Und plötzlich stehen wir im Schneeregen vor einer Kreuzung am zugefrorenen Langevatnet und rechts geht es auf dem Rv63 nach Geiranger. Der Schneeregen wird immer schneeiger, als wir 7 km später bei der Abzweigung zum Dalsnibba stehen. Es ist wirklich kalt hier und wollen uns in der "Djubvasshytta" aufwärmen. Wir bestellen zwei Kakao und das nette Mädchen schenkt uns die Getränke, weil wir so nass und verfroren dreinschauen! Aber trotz heißem Kakao und einer trockenen Pause können wir uns nicht überwinden, den Dalsnibba im Schneeregen hinauf zu fahren, um dann oben keine Aussicht zu haben.

Wir entscheiden uns, dies für das nächste Mal aufzuheben und kurven die knackigen Serpentinen 4 km nach Geiranger hinunter. Das Wetter wird immer angenehmer und beim berühmten Aussichtspunkt "Flydalsjuvet" auf den Fjord ist es fast trocken. Wir können diesen Anblick kaum fassen! Wir kennen die Dolomiten wie unsere Westentasche, waren schon in den Hautes Alpes und in vielen andere fantastischen Gegenden. Aber dieser Anblick lässt einen klein und demütig werden! Wir stehen hier ziemlich lange und schauen und machen Fotos! Dann noch ein paar Kurven, immer einen gewaltigen Wasserfall neben uns, und um 18:30 sind wir unten. Das Einchecken im Quartier geschieht mit der freundlichen Professionalität großer Hotels und wir dürfen die Transalps genau vor den Hoteleingang stellen. Unser Zimmer ist großartig, mit Blick auf den sonnigen Fjord! Erstmals einen Kaffee am Balkon und genießen!

Wir machen uns frisch und weil sich der Hunger meldet, bleiben wir einfach im Hotelrestaurant. Man kann am Fjord heraussen sitzen und es wird ein traumhafter Sommerabend, während wir leckere Rentier-Pizza verspeisen (á 167 NOK, 18 €). Weil es so ein paradiesischer Abend ist, gönnen wir uns jeder noch ein Bier á 70 NOK (7,50 €), bevor wir uns zu einem Rundgang aufmachen. Wir sehen das historische Geiranger mit seinen uralten Bootshäusern und den Campingplatz, der von einem reissenden Bach geteilt wird. Der Storfossen, der tosend diesen Bach speist, beeindruckt uns sehr und wir steigen einige der 327 Stufen daneben hinauf, bis wir von der Gischt durchnässt sind.

Als die Sonne hinter dem Nokkenibba verschwindet, wird es schnell kalt und wir spazieren nachhause. Wir sitzen noch lange am Balkon und betrachten den Fjord in der halbhellen Nacht und freuen uns sehr, es bis hierher geschafft zu haben!
Tageskilometer: 303 km

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zuletzt aktualisiert am 5.10.2017