Friluftsliv - ein norwegisches Phänomen

Hytte in Rondane

 

Als wir in einer kalten, sonnigen Juni-Nacht in unserem einsamen Quartier in Kjerkevika saßen, blätterten wir in einem eleganten Bildband, der dort vor dem Kamin lag. Wir blieben an einem Artikel hängen: 

"Friluftsliv – ein norwegisches Phänomen". Freiluftleben? Leben da, wo die Luft frei ist? Was bedeutet denn das?

Wir haben nun viel darüber gelesen und viel erfahren. Friluftsliv ist nicht "Outdoor" oder "Wellness", es ist keine Aktivität, es ist auch keine Marketingstrategie der Touristiker und kein Sport. Es ist eine Lebenseinstellung, eine Philosophie, Identifikation mit der Natur, ein Lehrinhalt an Kindergärten, Schulen und Universitäten zur Lebensverbesserung. Es ist elterlicher Erziehungsstil und –maxime, biologische Notwendigkeit und ein Ur-Bedürfnis der Menschen. Es ist Inhalt zahlreicher psychologisch-theoretischer Abhandlungen und Sinnfindung in der Natur. Und vielleicht ist eine Ahnung von Friluftsliv der Grund, warum die Reise zum Nordkap bei uns etwas verändert hat, warum es rückblickend die "Reise unseres Lebens" war.

Friluftsliv kann man (wie „Hygge“, die skandinavische Gemütlichkeit) nicht übersetzen. Es steht für den Aufenthalt in freier Natur und die Verbundenheit mit den Elementen. Die Natur soll nicht erobert sondern aufgenommen werden. Die ursprünglichen Verhaltensweisen des Menschen stehen im Mittelpunkt, die Einfachheit, seine biologischen Bedürfnisse. Friluftsliv erfährt man in der Verbundenheit und Harmonie mit anderen Menschen in der Natur. Es geht um Zugehörigkeit zur "more-than-human world". Der Lyriker und Dramatiker Henrik Ibsen verwendete Mitte des 19. Jhdt. erstmals diesen Begriff und er wurde zum Synonym für norwegische Lebensart. Der Entdecker und Nationalheld Fridtjof Nansen wurde später zum Inbegriff von Friluftsliv und mit ihm wurde es Teil der norwegischen Identität.

Während dem Begriff "Outdoor" immer etwas Anstrengendes, Sportliches und Leistungsbezogenes anhaftet, ist Friluftsliv das Gegenteil davon. Es ist Einfachheit. Es ist Spaß am Draussensein, Erleben von unberührter Natur, gutes Essen im Freien, Zusammensein mit Freunden, das bewusste Wahrnehmen von Licht, Dunkelheit, Kälte, Wärme, Fauna und Flora. Und der Einsamkeit und Stille. Im Friluftsliv fürchtet man sich nicht vor polarer Kälte, Sturm oder strömenden Regen, man lebt damit! Man genießt die Möglichkeiten und erlebt die Natur und ihre Szenarien in allen ihren Facetten. Friluftsliv ist keine Mode, denn die Natur entzieht sich allen Trends.

Für Norweger ist Friluftsliv essentiell für ein "gelungenes Leben". Man sagt, es gibt in Norwegen mehr Wohnmobile als Menschen und Oslo soll an Wochenende quasi leergefegt sein, da die Menschen in ihre winzigen Hütten und Bygde ziehen, um ein paar Tage oder zumindest Stunden unter einfachen Umständen in und mit der Natur zu leben. In Norwegen muss man von keinem Wohnort weit fahren, um in absolut unberührter, karger und wilder Natur zu sein …

Aber was hat dieses spezifische norwegische Phänomen mit uns zu tun? Mit uns zwei Mitteleuropäern, die zum ersten Mal mit zwei betagteren Motorrädern das Land querten, auf dem Weg zum Nordkap und zurück?

Schon beim Erstellen unserer Packliste bemühten wir uns um Einfachheit. Kein überflüssiger Ballast, nur das Notwendigste. "Gewürzbord und Ballkleider" blieben daheim, wie Svenja es ausdrückt. Für 25 Tage reichen 5 T-Shirts? Wir nahmen 3 mit.
Bei allen anderen "Großen Touren" übernachteten wir gerne in B&Bs und kleinen Frühstückspensionen. In Norwegen lebten wir erstmals auf Campingplätzen, für uns eine neue Erfahrung! Wir kauften unser Essen im Supermarkt und kochten uns selbst einfache Speisen, die wir im Freien vor der Hütte genossen. Wir lebten mehr "Draussen", als in jedem anderen Urlaub zuvor. In einer Hütte hatten wir eine offene Feuerstelle zum Heizen, kaum Küchenausstattung und zum Duschen mussten wir manchmal durch ein kleines Kiefernwäldchen zum einfachen Waschhaus wandern. Oder wir verzichteten darauf und saßen lieber in der Mitternachtssonne.

Alles war einfacher, simpler, vielleicht daher etwas komplizierter und aufwändiger als bei früheren Touren. Wir waren mehr auf uns selbst gestellt als sonst. Die Natur war rauher, unleidlicher und manchmal widriger. Die Einsamkeit raubte uns mitunter den Atem – manchmal waren wir stundenlang "die einzigen Menschen in unserer Welt". Aber wir fühlten uns unglaublich frei und unabhängig! Wir glauben, dass es genau diese Eindrücke waren, die uns bis jetzt nicht loslassen, die uns die Akklimatisation in unserer gewohnten Welt nach der Tour schwieriger machten, als sonst.

Wir können die Tour 2018 kaum erwarten: Süd- und Mittelnorwegen! Wieder in kleinen Hütten mit einfacher Selbstversorgung und in grenzenloser Einsamkeit und Freiheit in diesem Land, das seine Faszination mitunter nicht leicht erreichbar macht. Wir können nicht anders!

 

Für Interessierte zum Weiterlesen:

Gelter, Hans: Friluftsliv: The Scandinavian Philosophy ofOutdoor Life, Hans Gelter, Lulea University of Technology, Sweden.  https://cjee.lakeheadu.ca/article/view/302/803

Melzer, Martin: Friluftsliv in Norwegen - Theoretische Grundlagen - Ausgewählte Modelle und Konzepte - Kritische Anmerkungen. Lüneburg 2005.

Hoffmann Annette et al: Friluftsliv – ein norwegisches Phänomen. Eine Lebensphilosophie in Theorie und Praxis, Waxmann Verlag, Münser/New York 2015.

 

Sucht ihr Friluftsliv im Urlaub oder legt ihr auf ganz andere Erlebnisse wert?

Friluftsliv - klasse erklärt

Ein toller Artikel ist das, den ihr da geschrieben habt. Ich finde es prima, dass ihr Einzelheiten der Nordkapreise aufgreift und genauer beleuchtet. Sonst geht viel zu viel unter bei einer so langen und eindrucksvollen Reise.
Meine Güte, wenn ich über eure Camps lese, wo ihr durchs Kiefernwäldchen zum Waschhaus gegangen seid, dann weckt das sogleich die Reiselust in mir mir. Mein Zimmer ist voll mit Landkarten, Reiseführern und allerlei sonstigem Ausrüstungs und Motorrad Gedönsrat ...

Antw.:Friluftsliv - klasse erklärt

Ja wir haben noch sooo viel zu erzählen über diese Reise! Es wird uns nicht fad ...
Du bist ja schon voll im Planungsmodus, hm? Noch (!) ist unsere kleine Wohnung bewohnbar, denn wir haben mit der Planung 2018 noch nicht begonnen. Aber bald! Weil: NORWEGEN und DÄNEMARK! Und Kiel. ;-)

Ganz liebe Umarmung
Geli

Antw.:Friluftsliv - klasse erklärt

Jep, endlich gibt es für mein Lebensgefühl einen Namen ...

Antw.:Antw.:Friluftsliv - klasse erklärt

Ja, gell! Genauso hat ein Freund von uns reagiert! Er fährt seit Jahren mit seinem Landrover + Dachzelt durch verschiedene Wüsten und Einsamkeiten oder mit dem Moped durch Vietnam und Kambodscha.
Friluftsliv halt! :-)

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zuletzt aktualisiert am 15.11.2017