Slowenien - Grado/ITA (Nov 2017)

1. Tag: Wien - Slivnica/Maribor

Wir sind Motorradfahrer, bei denen die Saison nicht endet und so freuten wir uns auf ein paar Motorradtage in der "Sächsischen Schweiz". Kollegen aus der entsprechenden Facebook-Gruppe hatten uns mit tollen Fotos den Mund wässrig gemacht. Ein unbekanntes Gebiet für uns, gar nicht weit weg und am Weg liegt die berühmte "Bikerhöhle" in Tschechien! Und dann kam der Wintereinbruch mit dem Sturmtief "Herwart" und es schien keine gute Idee mehr, in den Norden oder Westen zu fahren. Freunde in Westösterreich erzählten uns sogar von gesperrten Pässen! Also war am Vorabend der Abreise klar: Ab in den Süden! Große Vorbereitungen tätigten wir nicht, seit der Nordkapp-Tour sind wir Meister im minimalistischen Packen!

Samstag in der Früh ist es düster und es nieselt nebelig bei nur 13°C, als wir mit unseren Transalps aus der Tiefgarage ins Freie hopsen. Mutig verzichten wir aufs Regengewand und los gehts! Wir nehmen die A2-Südautobahn, um möglichst schnell weg von Wien zu kommen. Aber haben wir schon das Sturmtief erwähnt? Es ist richtig ungut, so in Schräglage geradeaus! Unglaubliche Windböen aus allen Richtungen zerren an uns und wir flüchten bereits nach 40 km unter das schützende Dach einer Raststätte. Es ist saukalt! Bei einem heißen Kakao schauen wir uns fassungslos an. Ist es eine gute Idee, weiterzufahren? Aber hallo! Wir haben Hammerfest-Honningsvag geschafft, also weiter! Aber wir ziehen uns die tollen Heizhandschuhe an. Wild entschlossen nehmen wir die nächsten 80 km unter die Räder und siehe da, der Wettergott ist gnädig und der Sturm lässt bald nach! Die Temperatur sinkt zwar auf 11°C aber das macht uns nichts. Sogar die Sonne kommt zeitweise heraus. Nach einer Frühstückspause mit Toast und Kakao an der A2-Südautobahn gehts nur mehr gemütliche 40 km bis zur Abfahrt "Ilz-Fürstenfeld" und endlich sind wir von dem öden Asphaltband runter.

Auf der B66 cruisen wir bis Markt Hartmannsdorf, einem kleinen aber besonders schönen Flecken im "Vulkanland". Kluge Architekten haben hier ganze Arbeit geleistet, das hübsche Ortsbild zu erhalten und das sieht man auch! Nach einer kleinen Orientierungspause kurven wir unbenannte winzige Wege, oft auf Berggraten mit grandiosen Ausblicken in alle Richtungen, quer über die Weinberge bis – ja bis plötzlich rechter Hand die *RIEGERSBURG* auftaucht. Was für ein Anblick! Die "stärkste Feste der Christenheit" hat schon Svenja aus Kiel begeistert und auch uns gefällt der Anblick dieser Anlage immer wieder! Wir überlegen kurz eine Besichtigung, aber da ist heute richtig viel los. Das heben wir uns für ein anderes Mal auf. Nur ein paar wunderbare Kurven weiter verleitet die Schokoladenmanufaktur "ZOTTER" zu einer Besichtigung. Aber auf dem Parkplatz ist die Hölle los! Gibt’s da etwas gratis?! (Ja, gibt es. Die Besichtigung ist inkl. unbegrenzter Verkostung aller (!) Zotterprodukte und wer das jemals erlebte, hat sehr lange von Schokolade genug. :-) Wir nehmen es sportlich und fahren die B66 einfach weiter bis Bad Gleichenberg. Hier könnte man den "STYRASSIC PARK" besuchen, doch uns ist heute nicht nach lebensgroßen Sauriern, auf die man in diesem Wald stoßen kann. Ist aber eine Empfehlung für Familien mit Kindern!

Diese Zeit ist lange vorbei und wir wollen weiter. Nach nur 7 km erhebt sich rechts der Ort "Straden" und uns gefällt der Anblick des Dorfs auf der Anhöhe immer wieder – er erinnert uns an die Dörfer in der Toskana oder in Umbrien: eine kleine Kirche in der Mitte und rundherum scharen sich winzige Häuser und alles auf einem Hügel! Dort biegen wir rechts ab und cruisen gemütlich auf der L233 bis Wieden. Wir brauchen dringend Kaffee! Es ist mit düsteren 16°C immer noch nicht besonders warm. In einem kleinen Einkaufszentrum finden wir ein Café und machen Pause. Wir checken auf unserer Karte auch den Weg, wie wir weiterfahren sollen. 25 unspektakuläre Kilometer später haben wir über unbenannte Straßen und die B69 die Mur entlang den Grenzübergang Spielfeld erreicht. Der Wind und die Kälte haben uns müde gemacht, als wir uns jeder eine "7-Tages-Vignette" für slowenische Autobahnen kaufen (7,50 €) und sorgsam auf unsere Transalps kleben. Uns fällt die organisierte Hässlichkeit dieses Grenzübergangs auf, der im Herbst 2015 für so viele Schlagzeilen gut war. Die damals eingerichteten Notquartiere für zahlreiche Flüchtlinge stehen zur Zeit leer und unbenutzt da… 

Diesen ambivalenten Erinnerungen nachhängend spulen wir bei mittlerweile ziemlich finsteren 13°C die letzten 25 km dieses Tages ab. Nur nach Gefühl finden wir die schnellste Route über die E57/H2 und über die Straße Nr. 430 durch Maribor und zum südlichen Vorort Slivnica, wo uns unser Quartier "Gostisce Penzion Lesjak" auch gleich ins Auge fällt. Ein großer und stattlicher alter Gasthof, so wie wir es mögen! Wir wuchten die Transalps in den gepflegten Hinterhof und checken schnell ein. Es ist 19:00, als wir unsere Zimmer beziehen. Unglaublich, wie gut die heiße Dusche tut! Die Zimmer sind einfach, aber sehr hübsch, der Balkon geht hinaus ins Grüne und die alte Gaststube ist voll mit lärmenden bestgelaunten Gästen und traditioneller "Oberkrainer-Musik". Heute finden hier zwei Feste gleichzeitig statt und deshalb ist die Speisekarte begrenzt. Aber es gibt eine unfassbar gute Steinpilz-Suppe, die eigentlich eine gehaltvolle Schwammerlsauce ist und Schnitzel mit Kroketten. Es könnte nicht besser sein! Interessiert lesen wir die alten Ansichtskarten an der Wand: "Gruß aus Schleinitz aus dem Gasthof Wregg, 1908" Ja, das war hier mal Österreich und das seit damals von der gleichen Familie geführte Wirtshaus war bei Reisenden von Wien nach Triest sehr beliebt. Es ist schön hier, wir verstehen das!
Nach dem Essen wollen wir noch einen kleinen Verdauungsspaziergang wagen, jedoch treiben uns die windigen 8°C schnell ins geheizte Zimmer. Heute gehen wir früh schlafen…

Tageskilometer: 260 km

2. Tag: Slivnica/Maribor - Grado (ITA)

Wir haben wunderbar geschlafen! Wir packen unsere Habseligkeiten zusammen und setzen uns zum Frühstückstisch. Es gibt reichhaltige Auswahl, vor allem die verschiedenen Möglichkeiten, seine Frühstückseier zubereiten zu lassen und die vielen Brotsorten, gefallen uns. Der Kaffee ist leider nur Löskaffee aber die vielfältige Tee-Auswahl macht das wieder wett. Als wir unsere Motorräder beladen, hat es sonnige 12°C. Da biegt ein kleiner Lieferwagen um die Ecke, der das Wirtshaus mit frischem Obst beliefert. Als der Arbeiter uns entdeckt, schenkt er uns mit breitem Grinsen zwei saftige Mandarinen. Leider verstehen wir ihn nicht, aber wir drücken gestenreich unsere Dankbarkeit aus. Die werden uns unterwegs gut schmecken!

Es ist 10:00, als wir auf der Str. Nr. 430 weiterfahren. Es geht wunderbar hügelig bergauf und bergab, immer wieder durch winzige gepflegte Ortschaften und Weinberge. Das ist vielleicht eine schöne Gegend hier! Nach etwa 20 km machen wir in Preloge eine kleine Pause und wärmen uns mit dem morgens angerührten Heißgetränk aus der Thermoskanne, das uns schon so wunderbar zum Nordkap geholfen hat. Es ist doch ziemlich frisch heute und der Wind wird wieder stärker! Dann weiter und nach einer halben Stunde kurvenreicher Fahrt sind wir in Celje. Wir wollen auf die Autobahn E57 auffahren, um ein wenig Kilometer zu machen. Doch nach nur 5 km brechen wir ab – der Sturm ist einfach zu heftig für gemütliches Fahren und hier in der Ebene greifen die Böen ziemlich aggressiv an. Bei Medlog gehts also weiter auf der Str.- Nr. 447 Richtung Ljubljana. Hier ist es schöner zu fahren, gemächlich schlängelt sich die Straße durch schmucke Dörfer und durch einsame Wälder. Es ist 60 km reines Genussfahren, außerdem ist es nun mit 15°C auch etwas milder. Die Sonne scheint durch milchigen Hochnebel, als wir in Vir am rechten Straßenrand das neue Einkaufszentrum mit einladendem Café entdecken. Hier machen wir Pause, man kann sogar heraussen sitzen!

Der Kaffee ist nicht nur billig sondern schmeckt ausgezeichnet und wir nutzen die Zeit, uns auf den Karten neu zu orientieren. Vor allem prägen wir uns die Stadtumfahrung H3 ein, denn wir wollen nicht mitten durch Ljubljana fahren. Hoffentlich schaffen wir das und finden die kleine Str. Nr. 409, die wir Richtung Südwesten nehmen wollen! Nach dem Kaffee geht es daher konzentriert weiter.
Mit viel Bauchgefühl und noch mehr Glück finden wir den Weg rund um die gar nicht so kleine Stadt, vorbei an ungepflegten Vorstadtvierteln und über einige Abzweigungen und finden uns bei Dragomer auf der gewünschten Bundesstraße wieder. Nun geht es recht eintönig dahin, die Straße verläuft unmittelbar neben der Autobahn und es herrscht generelle 50 km/h-Beschränkung. Während wir langsam durch Vrhnika holpern, sehen wir abgewohnte Häuser, lieblos geschmückte Geschäfte und die allgegenwärtigen leuchtend-bunten Neonreklameschilder. Hm, hier ist es nicht schön. Hat was von einem "lost place". Aber dann wird es schnell ziemlich hübsch! 
Die Straße windet sich in kleinen Kurven in die Berge und rasch sind wir in einer verlassenen Gegend. Bei Planina kurven wir sogar ziemlich ambitionierte Serpentinen hinauf auf eine einsame Hochebene, mitten im Wald! Das ist aber eine tolle Strecke! Irgendwo im Nirgendwo machen wir kurze Trinkpause und jausnen auch die köstlichen Mandarinen, die man uns geschenkt hat. Das dürfte eine bekannte Motorradstrecke sein, denn unzählige Biker wetzen hier um die Kurven und verschwinden mit brüllenden Motoren im Wald! Wir sind nun etwas 1 Stunde seit Ljubljana unterwegs und langsam wird es kälter und die Sonne verschwindet. Wir entscheiden uns für ein Stück Autobahn und fahren bei Dilce
auf die E61 auf.

Gelangweilt bringen wir die nächsten 12 km hinter uns und schon fahren wir bei Senadole wieder ab. Die Gegend hier ist ziemlich hügelig und alles ist durch den Nebel in milchiges Weiß gehüllt, was den Bergen ein ziemlich mystisches Aussehen verleiht. Die Str. Nr. 445 wird uns direkt nach Italien bringen! Und tatsächlich! Nach nur 15 unspektakulären Kilometern erreichen wir bei Fernetti die Grenze! Jetzt aber schnell weiter, bevor es finster wird! Die Straße führt schnurgerade nach Triest und nach 3 km stehen wir beim berühmten "Obelisken" in Opicina und schauen hinunter auf die altehrwürdige Hafenstadt, die einmal Österreichs wichtigster Zugang zum Meer war. Zu Ostern 2017 standen wir das letzte Mal hier und damals war es eindeutig wärmer! Der Wind pfeift uns um die Ohren und nach ein paar Fotos fahren wir weiter. In weiten Kurven schlängelt sich die Straße hinunter nach Triest und zum Meer. Wir kennen uns hier gut aus und sind schnell auf der Küstenstraße Richtung Schloß *MIRAMARE*. Auch hier machen wir noch schnell ein Foto "Transalp am Meer", bevor die Dämmerung einsetzt.

Noch ca. 50 km bis ins Quartier! Das heißt, es wären 50 km, wenn da nicht eine Straßensperre der SS14 wäre und alle Autos aufgehalten werden. In der allgemeinen Ratlosigkeit entscheiden wir uns schnell. Wir brausen ein Stück zurück nach Triest und werfen bei einer kleinen Auffahrtsstraße auf der linken Seite den Anker. Die Küstenstraße verläuft direkt zwischen Meer und dem Monte Lanaro, also kurven wir langsam und vorsichtig eine unfassbar steile Straße hinauf auf die parallel zur Küste verlaufende "Strada del Friuli" (SP1). Hier heroben hat man eine grandiose Aussicht aufs Meer und an einigen Stellen fühlen wir uns an die "Amalfitana" erinnert! Die enge und kurvenreiche Straße verläuft zwischen reichen Villen und wunderbarer Vegetation doch leider wird es kälter und finsterer und wir sind schon ziemlich müde.

 Konzentriert kurven wir so dahin und nach 30 km und einigen Staus (wegen der Straßensperre "unten") haben wir bei ziemlicher Dunkelheit Monfalcone erreicht. Nun, das ist definitiv keine Stadt für einen Urlaub. Wir finden die SP19 nach Grado zwischen abgewrackten Lokalen und Industriegebiet und ziemlich zwielichtige Gestalten lungern auf der Straße herum. Uns kann das die Laune nicht trüben, weil auch das ist (halt manchmal) Italien! Also weiter! Nach ca. 10 km überqueren wir den Isonzo. Wir fuhren 2016 auf dem Weg nach Neapel das Soca-Tal entlang und das ist dieser historisch berüchtigte Fluss - auf italienischer Seite. Wir bleiben stehen und genießen bei einem letzten Becher Heißgetränkt die nebelige Finsternis, in der man nur die bleichen Lichter einzelner Häuser in der Ferne erahnen kann. Rund um uns ist kaum etwas erkennbar. Wir müssten in dem flachen Marschland sein, das die obere Adria kennzeichnet. Alles wirkt ein wenig unheimlich. Eine Zeit lang lauschen wir in die geisterhafte Stille aber dann wird uns kalt und wir wollen ins Warme. Es hat abgekühlt auf 11°C!

Die letzten 10 Kilometer fahren wir vorsichtig, die Sicht ist wegen Dunkelheit und Nebel wirklich schlecht. Unglaublich, aber es ist erst 17:30, als wir in Grado ankommen und die Motorräder in die Hoteleinfahrt stellen! Der entzückende Hotelchef gibt uns ein schönes Zimmer mit Balkon und wir hüpfen erstmals unter die heiße Dusche. Dann meldet sich der Hunger. Haben wir heute außer zwei Mandarinen schon etwas gegessen? Nein! Jetzt aber schnell. Wir ziehen uns etwas Warmes über und begeben uns auf den ersten kurzen Rundgang durch diese hübsche Stadt auf der Suche nach einem Lokal. Während wir suchen, profitiert der nette pizzaiolo am Eck von unserem Hunger und wir mampfen die heißen Stücke im Stehen in uns hinein.

Für die Schönheiten Grados haben wir morgen mehr Zeit. Heute sind wir zufrieden, als wir rasch dieses kleine Restaurant "Bella Grado" am alten Segelhafen finden und uns im Gastgarten (ja, die haben überall diese Wärmelampen im Freien!) an sensationellen Gnocchi laben. Wir freuen uns auch, dass wir mit dem Pärchen am Nebentisch ein bisschen Italienisch plaudern können. (Der Lernerfolg seit 2015 zeigt sich langsam!) Beim Rückweg schauen wir noch kurz am Strand vorbei, denn "das Meer zu sehen" ist für uns immer etwas Besonderes. Aber es ist finster und nur das laute Rauschen lässt vermuten, dass wir in der Nähe des Wassers stehen. Wir gehen wieder ziemlich früh schlafen, wir sind rechtschaffen müde geworden. "Morgen ist auch noch ein Tag!" (aus: Vom Winde verweht, 1936).

Tageskilometer: 287 km

3. Tag: Grado (ITA)

Der erste Blick nach dem Aufwachen gilt dem Balkonfenster. Wie ist das Wetter heute? Wir sind begeistert, als wir auf blitzblauen Himmel und Palmen schauen, und dahinter das Meer, das in der Sonne glitzert! Heute machen wir Motorradpause und schauen uns in Grado um! Das Hotel hat einen hübschen Frühstücksraum mit Panoramafenster auf die genannten Palmen und das Angebot ist italien-untypisch sehr vielfältig. Wir sind begeistert! Um 10:00 machen wir uns auf den Weg, nicht ohne uns warm anzuziehen, denn es hat trotz Sonne nur 14°C.

Unser Weg führt uns sogleich zum Meer, zur "Spaggia Principale Grado", denn auch deswegen sind wir hier. Es ist so fantastisch, die elegante Strandpromenade "Viale Regina Elena" entlang zu spazieren und weil heute Montag ist, sind auch nicht viele Leute da. Grado unterscheidet sich von den ehemaligen "Hausmeisterstränden der 70er-Jahre" der Adria auch durch seine Strandarchitektur. Während letztere mit ihren abartig hässlichen Hotelhochhäusern an der Küste alles traditionelle Ambiente ruiniert haben (und nun zu retten versuchen, was zu retten ist), hat sich Grado hier das Flair der alt-österreichischen k.u.k. Kurstadt erhalten. Wunderschöne Jugendstil-Villen in Schönbrunner-Gelb stehen hier an der Küste, da ist ein Park mit Rosengarten und am Strand gibt es noch diese bunten Umkleidehäuschen aus Holz, wie annodazumal. Viele Schilder zeigen alte Schwarzweißaufnahmen aus dem 19. Jhdt. und eigentlich hat sich hier kaum etwas verändert. Uns gefällt das! Besonders das Hotel "Villa Bianchi", das im Jahr 1900 erbaut wurde, begeistert uns. Ob wir hier einmal übernachten werden?

Das Meer glitzert aus Leibeskräften in der Sonne und weil es mittlerweile warme 23°C hat, machen wir lange Pause und sitzen auf den muschelbewachsenen Steinen der Badestege, ganz nah am Wasser und schauen in die Gegend. Schau! Da drüben links sieht man das Schloß Miramare bei Triest! Und da am Horizont rechts erkennt man die Skyline von Lignano! Was für eine Fernsicht! Am Aussichtspunkt "Diga e Lungomare Nazario Sauro" machen wir ebenfalls lange Rast. Dann wird es uns zu warm und wir biegen nach rechts ein Richtung Altstadt. Wir stoßen auf die uralte *BASILIKA di Santa Eufemia“, aber vor der Besichtigung brauchen wir noch einen Kaffee! An der Ecke Campo S. Rocco/Piazza Duca D´Aosta lassen wir uns im Gastgarten eines einfachen Straßenkaffees nieder. Es ist 12:00 und der Wirt möchte Mittagessen gehen, aber bevor er zusperrt, bringt er uns noch Kaffee, etwas Süßes, Aperol Spritz und Knabbernüsse. Was für ein netter Mann! Wir sitzen gemütlich im Sonnenschein in der "Bar Taxi", schauen auf die Basilika gegenüber und Hunden beim Spielen zu und lesen über Grado und seine Geschichte: Ja, dieser ehemalige Seehafen von Aquileia, dem heute 12 km entfernten antiken Bischofsitz ist etwa 2200 Jahre alt. Nach den Römern kamen für fast 800 Jahre die Venezianer, bis Grado für genau 99 Jahre habsburgisch-österreichisch wurde und Görz hieß. Der 1. Weltkrieg brachte die kleine Stadt dann endgültig zu Italien.

Als uns langweilig wird und die Getränke geleert sind, besuchen wir die Basilika. Himmel, ist das eine tolle frühchristliche Kirche! 579 Jhdt. n. Chr. wurde sie erbaut und sie ist auch innen wunderbar erhalten. Wir sehen Goldschmiedekunst, mittelalterliche Fresken und die maurische Kanzel sowie die grandiosen Bodenmosaike, die wir schon von der urchristlichen Kirche in Aquileia kennen. Was aber hat es mit den 14 völlig verschiedenartigen Säulen auf sich, die die Arkadenbögen stützen? Das erfahren wir, als wir in der noch älteren und im syrischen Stil gleich daneben erbauten *BASILIKA Santa Maria delle Grazie* sitzen und der Fremdenführerin lauschen, die mit ihren Kunden auf einen kurzen Sprung hereinschaut: Den Kirchenerbauern ging das Geld aus und sie fragten bei den in der Nähe wohnenden Römern, ob sie nicht vielleicht vom letzten Hausumbau noch die ein oder andere Säule über hätten. Ja, die reichen Nachbarn hatten noch einiges an Teilen in den Vorgärten herumliegen und so wurden die zusammengeschnorrten Säulen in der Kirche eingebaut. Was für eine Geschichte! Dann haben wir von Sakralem genug und besuchen noch das *LAPIDARIUM* im Hinterhof der Basilika. Hier werden unzählige Skulpturen, Steinfragmente und –särge sowie Inschriften aufgehoben, die im antiken Grado gefunden wurden. 

Beeindruckt von so viel Geschichte schlendern wir durch die mittelalterliche Altstadt und – nach einer ausgedehnten Kaffeepause im Sonnenschein in der "Bar Manzoni" im Segelhafen - bestaunen wir die vielen uralten Steinhäuser, in denen sich heute Modeboutiquen, Kunsthandwerk und Lokale befinden. Angelika beweint ihr Schicksal als Motorradreisende, der es nicht möglich ist, Einkäufe im großen Stil nach Hause zu schaffen, als ihr einfällt, dass sie neben dem Top-Case auch erstmals eine Packrolle auf ihrer Transalp hat (eigentlich für den schnellen Zugriff aufs Regengewand)! Sie stürmt eine Boutique und ersteht eine großartige Winterjacke mit Pelz (natürlich Fake Fur)! Die kann man in die Packrolle quetschen! Um diesen Kauf gebührend zu feiern, und weil es schon langsam zu dämmern beginnt und die Temperaturen fallen, verfügen wir uns in das Arkaden-Café der "Galleria Excelsior", dessen Tortenvitrine uns bereits gestern positiv aufgefallen ist. Und weil wir uns wegen der sensationellen Optik der dolci nicht entscheiden können, nehmen wir mehrere. Eine angemessene Vorspeise vor dem Abendessen, wie wir finden!

Die Suche nach einem Lokal führt uns dann über eine der blumengeschmückten Brücken hinüber auf die "Isola della Schiusa". Jedoch ist das reine Wohngegend und außer ein paar sensationellen Fotos von den in der Abendsonne leuchtenden Dolomiten in der Ferne finden wir nichts Brauchbares. Also wieder zurück zur Basilika, denn dort in der Einkaufsstraße ist die Lokalmeile Grados. Letztendlich finden wir einen tollen Platz in der "L´Osteria" im Gastgarten unter den Heizstrahlern. Fein! Die großartige Pasta als Vorspeise wird nur mehr von der gegrillten Seebrasse übertroffen und der Weißwein dazu schmeckt fantastisch. So muss Urlaub sein! Nach dem Essen überfällt uns die Müdigkeit und außerdem kühlt es empfindlich ab. Zu Fuß marschieren wir durch das finstere und nachtschlafende Städtchen zurück zum Hotel, wo wir um 23:00 ohne Umstände sofort schlafen gehen.

4. Tag: Grado (ITA) - Haimburg

Als wir frühstücken und dann zusammenpacken, ist es wolkenlos bei 20°C. Wir freuen uns auf einen tollen Motorradtag! Bevor wir die Transalps aus dem Hotelhof wuchten, plaudern wir noch mit einem lustigen aber erschöpften österreichischen Biker, der spätnachts angekommen ist. Er will mit seinen Kumpels sein neues Bike aus München holen und ist nun von Österreich losgefahren und in Grado gelandet. ??? Wir haben viel Spass mit ihm…

Um 10:30 verlassen wir das blumengeschmückte Grado Richtung Norden auf der SR352. Uns gefällt die Fahrt über den Lagunendamm und wir freuen uns auch über die römischen Ausgrabungen in Aquileia, die wir heute aber nur aus den Augenwinkeln wahrnehmen. Nach 30 km legen wir bei Sevegliano einen kurzen Tankstopp ein und kaufen kalte Getränke, denn wir haben das Winterfutter in die Motorradklamotten gezippt und das fühlt sich jetzt ziemlich warm an! Während wir unsere Pullover ausziehen haben wir eine nette Plauderei mit zwei Carabinieri, die ebenfalls hier Pause machen.

Die Planstadt Palmanova umfahren wir auf der Autobahn E70 und wir bleiben dann gleich auf der A23, um nicht durch Udine stauen zu müssen. Heute ist viel Verkehr, denn die Bräuche von Halloween haben auch Italien erreicht und rund um "Tutti i Santi" haben die Italiener Feiertage. Nach ca. 30 km verlassen wir bei Udine-Nord die Autobahn, zahlen 2,50€/pro Motorrad Maut und wechseln auf die SS13. Wir haben Zeit und können die Strecke bis Österreich genießen! Gemächlich geht es durch hübsche Dörfer und kleine Weiler dahin, die herannahenden Berge der Karnischen Alpen immer im Blickfeld. Nach 40 km stehen wir am Eingang ins Val Canale und machen Pause. Die Temperatur ist auf 12°C gesunken und wir ziehen eine wärmende Schicht mehr an. Die Felsen rund um uns schimmern in einem goldenen Herbstlicht. Wir frösteln ein wenig…

Die nächsten 50 km spulen wir routiniert ab. Wir kennen die Strecke sehr gut, auch wenn wir sie selten auf der SS13 fahren. Wir sind froh, als wir etwa bei Chiusaforte auf die Sonnenseite des Tals wechseln, denn im Schatten ist es doch ziemlich frisch. Bald sind wir in Tarvisio, das viele Österreicher vom berühmten Markt für Lederkleidung kennen. Wir wollen nichts einkaufen, aber wir machen auf der Sonnenterrasse der "Bar Commercio Di Urbica" gegenüber der Kirche Kaffeepause. Der Toast schmeckt wirklich gut hier! Ausserdem wollen wir den nächsten Routenabschnitt festlegen, wir sind gleich an der österreichischen Grenze. Uns ist heute nach unbekannten Gefilden und so nehmen wir die B83 und dann die B85 durchs Rosental im südlichen Kärnten. Was für eine schöne Strecke!

Es geht an der Burg Finkenstein, die für Sommerveranstaltungen berühmt ist, vorbei und die Dörfer werden immer kleiner und die Straße wird immer schmaler und scheint auch noch leicht anzusteigen! Bei Feistritz/Rosental müssen wir uns nach 60 km wirklich aufwärmen, denn es hat nur mehr 7°C. Wir entern ein verrauchtes Tankstellen-Café und bestellen erstmal heiße Schokolade. Puuuhh, kalt! Wir können uns nicht so richtig aufraffen, aber haben noch ein Stück vor uns... Bevor wir weiterfahren, ziehen wir die Heizhandschuhe an und stellen die Temperatur auf Stufe 1, das müsste reichen. Letztendlich war das eine ziemlich gute Idee, denn bei St. Margareten/Rosental führt die B85 kurvenreich in die Berge und auf 607m hat es nur mehr 4°C! Wir beeilen uns ins Tal und wechseln auf die B82 Richtung Norden. Langsam wird es finster, als wir im zweisprachigen Kärnten durch Eberndorf Völkermarkt erreichen. Für die Besonderheiten der Landschaft haben wir kein Auge mehr, ausserdem ist es mittlerweile finster geworden. Die vielen beleuchteten Kürbisse in den Gärten und Hausfenstern erinnern uns, dass heute Halloween ist und eigentlich schauen diese Lichtdekorationen ziemlich hübsch aus, auch wenn uns dieser Brauch ehrlicherweise komplett "am Ar*** vorbeigeht" …

In Völkermarkt haben wir Glück und wir finden im starken Abendverkehr die Zufahrt zur "Diexer Landesstraße", die uns nach nur 6 km durch eine einsame Gegend zum kleinen Weiler Haimburg bringt, wo wir unser Quartier im "Gasthof Kilian" schnell finden, gegenüber einer Zweirad-Werkstatt. Kein Wunder, sind ja nur 4-5 Häuser! Die resche Wirtin hat uns schon erwartet und lotst uns in die Scheune. Über eine steile Zufahrt hopsen wir mit den Transalps in das finstere Gebäude im hinteren Trakt der Wirtschaft. Hier können sie geschützt stehen! Warum legte die Wirtin so Wert auf die Sicherheit der Motorräder? Werden wilde Halloween-Umzüge erwartet? Egal, wir freuen uns über diese gute Parkmöglichkeit, auch wenn wir in der unbeleuchteten Finsternis ziemlich herumwurschteln.

Wir beeilen uns, unser Zeug ins Zimmer zu tragen und drehen dort die Heizung auf Volllast. Jetzt noch eine heiße Dusche und die Welt schaut wieder freundlich aus! Wir erholen uns rasch bei ein paar Stück Schokolade und dem restlichen Heissgetränk, das wir auf Grund der morgendlichen Wärme in Italien leider als Kaltgetränk angerührt haben… Dass es heute abends im Wirtshaus nur ein Menü gibt, stört uns nicht, zumal es eine wunderbare Nudelsuppe und Spaghetti Bolognese beinhält! Es ist ein uriges und altes Wirtshaus, wo die Einheimischen ihr "2. Wohnzimmer" eingerichtet haben und sich zum Kartenspielen unter allerlei Jagdtrophäen niederlassen. Wir werden neugierig beäugt aber in Ruhe gelassen. Als sich die Gaststube mit lärmenden Jugendlichen füllt und die Music-Box versucht, deren Lärm zu übertönen, wird es für uns Zeit, liegen zu gehen. Auf den üblichen Abendspaziergang haben wir bei nur mehr 2°C dann lieber verzichtet.

Tageskilometer: 258 km

5. Tag: Haimburg - Wien

Wie in solchen Häusern zu erwarten, ist für uns ein Berg von Frühstück aufgetischt, als wir um 9:00 gutgelaunt die Gaststube betreten. Draussen scheint die Sonne, es hat 8°C und wir wollen die Heimfahrt nach Wien möglichst schön anlegen. An der Theke sitzen noch (oder schon wieder?) die gleichen Männer wie gestern abend und starren in ihr Bier. Ab und zu kommt jemand im dunklen Anzug herein, um sich angemessen auf die Allerheiligenmesse vorzubereiten. Einzelne bestellen auch Kaffee. Wir haben schnell gepackt und als wir um 10:30 die Transalps aus der Tenne holen, läuten die Kirchenglocken und das Gasthaus leert sich schnell. Nun sind auch die Frauen und Kinder eingetroffen und während wir starten, schreiten die Familien gemeinsam zur Andacht und zum traditionellen Gräberbesuch.

Wir haben entschieden, ein paar Kilometer auf der A2-Südautobahn zu fahren, so dass wir zum Abschluß noch etwas Zeit für eine schöne Strecke haben. So tuckern wir langsam (um die Transalps aufzuwärmen) nach Griffen, nicht ohne die sensationelle Burganlage zu fotografieren! Die ersten 85 Autobahnkilometer führen über den Packsattel (1.040m) und dort oben ist es mit 9°C ziemlich frisch. Wir brausen schnell hinunter ins Tal und wedeln uns mit den Händen, bei der nächsten Raststation eine Aufwärmpause zu machen. Kurz vor Graz ist es soweit und der heiße Kakao schmeckt ziemlich gut! Die nächsten 30 km bis Gleisdorf sind schnell abgesessen und wir verlassen endlich die Autobahn.

Hier beginnt die B54 "Wechsel Straße" und die Gegend ist wirklich wundervoll! Wir kurven durch kleine Ortschaften, dunkle Wälder und weite Hügel mit ihren für die Steiermark typischen Apfelbäumen, die (das Schutznetz ist bereits entfernt) wohl schon abgeerntet sind. In jedem Dorf sehen wir dunkel gekleidete Menschen beim gemeinsamen Kirchgang und bei der Gräbersegnung am Friedhof. Diese Tradition am 1.11.  ist in Österreich noch sehr lebendig! Nach ca. 60 km stehen wir in Pinggau auf unserem Lieblingsparkplatz. Wir trinken ein paar Becher Heißgetränk aus der Thermoskanne und überlegen: Über den "Wechsel" (980m) oder lieber auf die A2-Südautobahn fahren? Die Sonne ist längst verschwunden und die dunklen Wolken lassen uns vorsichtig werden. Es hat nur 10°C und da ist Regen minderlustig... 

Ach was! Wir ziehen die Heizhandschuhe an, stellen sie auf Stufe 1 und es geht los, über den Wechsel. Die Straße zieht sich in weit geschwungenen Kurven hinauf und wieder hinunter, teilweise mit grandioser Fernsicht Richtung Wien. Dennoch bleiben wir vorsichtig, der Asphalt wirkt feucht und sicher ist er auch ziemlich kalt. Wir wollen die Reifenhaftung nicht herausfordern! Die Temperatur ist mit den Heizhandschuhen ziemlich angenehm und nach 45 km stehen wir in der Ebene bei Seebenstein und schauen auf die künstliche Ruine "Türkensturz" hinauf, die noch mit dem Halbmond geschmückt ist. Woher kommt dieser seltsame Name? Im Jahr 1532 waren die Türken auf dem Eroberungskrieg unterwegs nach Wien. Eine Version der Legende erzählt von einem ortskundigen Mädchen, das zu Fuß vor türkischen Reitersoldaten auf den Berg flüchtete. Oben sprang sie kurz vor dem felsigen Abgrund zur Seite und Pferde und Reiter stürzten 600m in die Tiefe und blieben zerschmettert liegen.

Diese Zeiten sind hoffentlich endgültig Geschichte und wir wollen weiter. Wie vereinbart fahren wir nun wieder auf die A2-Südautobahn auf und brausen ein Stück Richtung Wien. Doch nach 15 km bleiben wir nochmals stehen und trinken den Rest vom Heißgetränk. Wir verplaudern uns ein wenig bei einem netten Benzingespräch mit einem anderen Biker, der von seiner Kroatientour erzählt aber dann müssen wir wirklich weiter. Die letzten 75 km sind schnell abgespult und wir erreichen Wien noch vor Einbruch der Dämmerung um 16:30. Wir freuen uns über die gesunde Rückkehr und auch darüber, dass wir das ständig griffbereite Regengewand kein einziges Mal ausgepackt haben!

Tageskilometer: 280 km

Diese Website verwendet Cookies. Durch das Nutzen dieser Seite sind sie mit dieser Verwendung einverstanden.

zuletzt aktualisiert am 15.11.2017